Wenn ich mich früher in der Schule gelangweilt habe, dann nicht, weil ich mich nicht für den Stoff interessierte. Schuld daran war der Frontalunterricht: Vorne stand eine Lehrkraft, die über das "wahre Wissen" verfügte, Aufgabe der Klasse war es, dieses Wissen zu reproduzieren.

Diese Form der Wissensvermittlung ist anmaßend und dogmatisch. Im Studium wurde mir klar, dass vieles von dem, was ich in der Schule erfuhr, nur eine Forschungsmeinung unter vielen ist. An der Universität wird Wissen perspektiviert.

Trotzdem spukt auch an der Hochschule das Gespenst des "wahren Wissens" – vor allem in der Unterrichtsform Vorlesung. Das einzige Ziel für die Studenten ist, das nachzusagen, was man ihnen vorgelesen hat. Einige Dozenten speisen ihre Studenten sogar mit fragwürdigen Multiple-Choice-Klausuren ab. Sie machen sich nicht einmal mehr die Mühe, sich mit den Gedanken der Studierenden auseinanderzusetzen, sei es in Form von Hausarbeiten und Essays oder in Form des Dialogs.

Das Seminar ist die angemessenere Lernform, weil es Kontroversen ermöglicht, die in einer Vorlesung nur am Rande stattfinden können. In der Vorlesung will der Dozent nur durch seinen Vortrag kommen und muss Wortmeldungen abkanzeln. Wen wundert es da, dass viele Studierende, sofern sie überhaupt noch zur Veranstaltung kommen, lieber zeichnen oder Smartphone-Spielchen zocken, als sich Antworten auf Fragen anzuhören, die sie nicht gestellt haben?

Dabei haben wir Studenten Fragen, für deren Beantwortung wir uns ein bestimmtes Wissen aneignen wollen. Die Aufgabe der Dozenten sollte sein, uns dabei zu unterstützen, indem sie Denk- und Arbeitsweisen hinterfragen und verfeinern – und nicht indem sie vorgefertigtes Wissen mit mehr oder weniger rhetorischem Glanz präsentieren.

Es kann unglaublich viel Freude machen, sich eine Thematik selbständig oder im Team zu erarbeiten. Das ist die Voraussetzung für spannende Erkenntnisse. Studenten sollten auf diesen Spaß bestehen!