An alle ErstsemesterWerdet Weltbürger statt Bologna-Sklaven!

Das neue Semester beginnt. Und damit der Run auf Credit-Points, der angeblichen Währung für Erfolg. Studenten sollten sich davon freimachen, findet Ruben Karschnick. von 

Liebe Studenten,

die Jagd auf Credit-Points ist wieder eröffnet. Macht so schnell ihr könnt, lernt, arbeitet! Oder wollt ihr etwa nicht in Regelstudienzeit studieren? Denkt immer daran: Es geht um eure Zukunft!

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Kennt ihr diesen fiesen, kleinen Bologna-Teufel im Kopf? Das permanente schlechte Gewissen, nicht genug für später zu tun. Diese Stimme, die dauernd rezitiert, was die europäischen Bildungsminister 1999 beschlossen haben: Das Studium soll die "arbeitsmarktrelevanten Qualifikationen" der europäischen Bürger fördern.

Dann seid ihr in guter Gesellschaft. Studien zufolge ist den meisten Studenten ihre employability wichtiger als alles andere . Hauptsache fit für den Arbeitsmarkt.

Doch ein Studium muss mehr bleiben als eine reine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Selbst dann, wenn die Ängste vor Arbeitslosigkeit, dem Verlust des Bafögs oder der Last des Unikredits allgegenwärtig sind.

Ruben Karschnick
Ruben Karschnick

ist Redakteur im Ressort Studium bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Wilhelm von Humboldt sagte, ein Studium solle autonome Individuen und Weltbürger hervorbringen. So nannte der Gründer der Universität Berlin Menschen, die sich mit dem Geschehen auf der Welt auseinandersetzen. Mit Krieg und Frieden, Kulturen und der Natur. Dadurch seien sie in der Lage, selbstbestimmt, mündig und vernünftig zu handeln.

Die Realität an den Unis lässt einen das schnell vergessen. Im Mittelpunkt des heutigen Studiums steht der Credit-Point, eine Einheit, in der sich Bildung angeblich messen lasse. In Studienordnungen findet sich der Hinweis, dass man pro Credit-Point durchschnittlich 25 bis 30 Stunden arbeiten müsse. Die traurige Devise lautet: Arbeit pro Stunde statt Erkenntnisse pro Vorlesung. Einem wird erklärt, wie man im Super-Mario-Stil durch verschiedene Level namens Module zu hüpfen hat und pling-pling einen Punkt nach dem anderen einsammeln soll.

Leserkommentare
    • wawerka
    • 14. Oktober 2012 18:09 Uhr

    ...die habe ich ja gar nicht so getätigt, nicht wahr? Was Ihnen sicher auch aufgefallen wäre, wenn Sie meinen Kommentar "aufmerksam und mit Verstand" gelesen hätten.

    Aber, um dieses Missverständnis kurz zu klären: Halten Sie sich denn nicht für einen Leistungsträger?

    Im Übrigen: Dass Besserverdienende hierzulande "an den Pranger" gestellt werden, wie Sie insinuieren kann ich so gar nicht recht nachvollziehen. Wo genau geschieht denn dies?

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    Ich würde mich schon auch als Leistungsträger sehen, da ich dem Staat gesamthaft mehr nütze als ich ihm Missnuten verursache (bspw. durch Sozialleistungen). Das kann aber auf die erwähnte Altenpflegerin genauso zutreffen.

    Zu den Reichen-bashing noch einmal ganz kurz: Dass Reiche in Deutschland an den Pranger gestellt werden zeigt sich lustigerweise genau in dem Begriff "selbsternannter Leistungsträger", den Sie ja vorhin aufgebracht haben. Er impliziert nämlich, dass Sie entweder keine wirklichen Leistungsträger sind, oder aber dass "Leistungsträger" etwas negatives ist. Und genau so ist der Begriff auch in Deutschland konnotiert. Das kommt nicht von Ungefähr.

  1. " "Von Leuten wie Ihnen muss man sich für die dafür nötige Disziplin noch Hohn und Spott anhören, kurz bevor wieder der Ruf nach höheren Steuern für Gutverdiener kommt."

    Aber nicht doch. Es scheint ein merkwürdiger Komplex der selbsterklärten Leistungsträger zu sein, dass alle Welt ihr ihren Erfolg (und besonders ihr Geld) neide. Und dass das ganze Land schon noch sehen werde, wo es bliebe, wenn sie, die wahrhaft Tüchtigen, erst mal alle auswandern, dahin, wo ihre Arbeit noch wirklich gewürdigt wird."

    Nun ja, zuerst zitieren Sie mich mit einem Satz in dem es um "Gutverdiener" geht und danach bewerten Sie den von mir geschriebenen Kommentar als "Komplex der selbsterklärten Leistungsträger", was mich in Ihren Augen im logischen Umkehrschluss zu einem macht.

    Aber jetzt mal fernab der Eitelkeiten: Nach der wie bereits als plump bezeichneten Definition Gutverdiener :=: Leistungsträger wäre ich wohl (mehr) Leistungsträger als etwa die Putzfrau, die mein Büro sauber hält oder die Altenpflegerin, die alten Menschen den Hintern abwischt.
    Für mich geht es aber darum, was die tägliche Arbeit des einzelnen der Gesellschaft als Ganzes nützt. Das kann man nicht nur monetär, also bspw. über Steuern oder ähnliches definieren. Gerade im Bereich der Pflege besteht der Mehrwert in der nicht bezahlten bzw. unterbezahlten Leistung.

  2. Ich würde mich schon auch als Leistungsträger sehen, da ich dem Staat gesamthaft mehr nütze als ich ihm Missnuten verursache (bspw. durch Sozialleistungen). Das kann aber auf die erwähnte Altenpflegerin genauso zutreffen.

    Zu den Reichen-bashing noch einmal ganz kurz: Dass Reiche in Deutschland an den Pranger gestellt werden zeigt sich lustigerweise genau in dem Begriff "selbsternannter Leistungsträger", den Sie ja vorhin aufgebracht haben. Er impliziert nämlich, dass Sie entweder keine wirklichen Leistungsträger sind, oder aber dass "Leistungsträger" etwas negatives ist. Und genau so ist der Begriff auch in Deutschland konnotiert. Das kommt nicht von Ungefähr.

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    • wawerka
    • 14. Oktober 2012 18:58 Uhr

    ....wobei ich hier gerne konzedieren will, dass ich mich missverständlich ausgedrückt habe.

    Also, was ich sagen wollte, war, dass ich vermutete, dass Sie sich für einen Leistungsträger halten, in Ihrem Falle aber nicht unterstellt haben wollte, dass Sie dies aus Ihrem Gehalt/Vermögen ableiten.

    Um eines klarzustellen (und vielleicht auch wieder ein wenig zum eigentlichen Thema des Artikels zurückzukehren)

    Ich verspüre absolut keine Abneigung gegen Menschen, die diszipliniert, strukturiert und engagiert ihren Lebensweg gehen. Und, dies wird sie vielleicht erstaunen, auch nichts dagegen, dass dieses Engagement finanziell dementsprechend belohnt wird. Ich beneide diese auch keineswegs. Ich wünsche mir nur mehr Respekt für andere Lebensentwürfe. Und ich weigere mich schlichtweg ein Gesellschaftsystem zu akzeptieren, welches ein menschliches Leben nur auf seine wirtschaftliche Verwertbarkeit untersucht und diesbezuglich einordnet. Dagegen werde ich mich immer auflehnen und deswegen war es mir auch so wichtig Ihnen dahingehend zu widersprechen, dass "der Markt" alles regelt (Ja, Sie haben überzeugend dargestellt, dass Sie dies nicht ausschließlich, sondern nur als im Augenblick geltend verstanden wissen wollen).

    Wenn Sie "Leistungsträger" also dahingehend auslegen, dass es sich um ein Menschen handelt, der eine sinnvolle Leistung für die Gesellschaft erbringt und disee eben nicht nur pekuniär bewertet wird, bin ich da ganz bei Ihnen.

    • wawerka
    • 14. Oktober 2012 18:58 Uhr

    ....wobei ich hier gerne konzedieren will, dass ich mich missverständlich ausgedrückt habe.

    Also, was ich sagen wollte, war, dass ich vermutete, dass Sie sich für einen Leistungsträger halten, in Ihrem Falle aber nicht unterstellt haben wollte, dass Sie dies aus Ihrem Gehalt/Vermögen ableiten.

    Um eines klarzustellen (und vielleicht auch wieder ein wenig zum eigentlichen Thema des Artikels zurückzukehren)

    Ich verspüre absolut keine Abneigung gegen Menschen, die diszipliniert, strukturiert und engagiert ihren Lebensweg gehen. Und, dies wird sie vielleicht erstaunen, auch nichts dagegen, dass dieses Engagement finanziell dementsprechend belohnt wird. Ich beneide diese auch keineswegs. Ich wünsche mir nur mehr Respekt für andere Lebensentwürfe. Und ich weigere mich schlichtweg ein Gesellschaftsystem zu akzeptieren, welches ein menschliches Leben nur auf seine wirtschaftliche Verwertbarkeit untersucht und diesbezuglich einordnet. Dagegen werde ich mich immer auflehnen und deswegen war es mir auch so wichtig Ihnen dahingehend zu widersprechen, dass "der Markt" alles regelt (Ja, Sie haben überzeugend dargestellt, dass Sie dies nicht ausschließlich, sondern nur als im Augenblick geltend verstanden wissen wollen).

    Wenn Sie "Leistungsträger" also dahingehend auslegen, dass es sich um ein Menschen handelt, der eine sinnvolle Leistung für die Gesellschaft erbringt und disee eben nicht nur pekuniär bewertet wird, bin ich da ganz bei Ihnen.

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    Antwort auf "Nachtrag:"
  3. "Weltbürger werden durch ein Studium? Elitärer Quatsch für eitle Deutsche!
    Herr von Humboldt hat in einer Gesellschaft gelebt, die vom Fürsten zum faktisch Leibeigenen klar durch ziseliert war."

    Das bedeutet ja nicht, dass seine Werte und Visionen deswegen heute nichts gelten. Den Respekt vor Platon und Aristoteles hat man sich auch bewahrt obwohl diese in einer noch mehr hierarchischen Gesellschaft gelebt haben... ;-)

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    • Zitouni
    • 14. Oktober 2012 19:49 Uhr

    Das Ergebnis der Meinung, ein Studiengang sei ohne Verluste in eine an den momentanen Bedürfnissen der Wirtschaft orientierte höhere Ausbildung umwandelbar, kann man in Nordamerika betrachten. Nach dem Diplom habe ich in den USA promoviert, und als post-doc in Kanada in den Neurowissenschaften gearbeitet; hier ist ein stark verschultes System installiert.
    Diejenigen, die hier am besten abschneiden, sind in den meisten Fällen für die Grundlagenwissenschaft nicht brauchbar. Es ist leider nicht damit getan, Fakten auswendig zu lernen und mit diesem lexikalischen Wissen dann Prüfungen erstklassig zu bestehen. Leider ist der menschliche Geist meist nicht in der Lage, derartige Mengen komplexen Materials in kürzester Zeit wirklich zu begreifen -- das braucht einfach Zeit und Muße. Natürlich promovieren derart Gebildete auch und betätigen sich wissenschaftlich, denn sie eignen sich gut dafür, vor-gedachte Projekte durchzuführen. Jedoch werden die allerwenigsten selbständige Forscher, sondern bleiben glorifizierte technische Assistenten. In meinen Augen verleitet dieses System dazu, diese Leute auszunutzen; eine echte Zukunft im System haben die wenigsten.
    Es mag sein, dasz dies früher schon so war; dann wird es durch Bologna nicht besser, sondern etwas widerlicher.
    Ideen, die die Welt verändern, kommen meist denen, die grundlegend an einem Problem arbeiten durften und eher selten denen, die brav Fakten aufsagen können.
    Für manche Berufe ist das ausreichend, für manche nicht.

    2 Leserempfehlungen
  4. wenn die Zeit solche Artikel veröffentlicht. Das bestätigt mich immer wieder darin, das mein persönlicher Weg (zwei Studiengänge ausprobiert und dabei viel über mich, andere Studenten und das ganze Leben gelernt) so falsch nicht sein kann, auch wenn ich im Bekanntenkreis viele Leute kenne, die scheuklappenmäßig durchs Studium trampeln, die von Freundschaft und Verlässlichkeit nichts mehr verstehen und z.T. nicht mal wissen, in welchem Bundesland sie promovieren. Diese Information ist halt zum studieren auch nicht wichtig. Allgemeinbildung wird sich wohl nur noch angeeignet, wenn man diese in Geld umwandeln kann.

    Ich finde man darf und sollte beim Studium sein Herz und Verstand einschalten und nicht nur auf Autopilot stellen.

    2 Leserempfehlungen
  5. Ich bin mir nicht sicher, wieso sich die Bachelorstudiengänge so anders anfühlen als die Diplomstudiengänge, aber meine persönliche Vermutung ist, dass wir als Dozenten zu wenig verlangen. Dass wir die Ansprüche so stark heruntergeschraubt haben, dass wir selbst in den Grundvorlesungen ein eigenes, stark gekürztes Skript anbieten statt drei Lehrbücher zu empfehlen. Das führt dazu, dass der Stoff schön zwischen zwei Kartons gepresst ist und so ausschaut, als könnte man ihn sich leicht mit 8 anderen Fächern in 4 Wochen in den Kopf pauken.

    Mit der klaren Ansage: Dieses Buch bitte bis zum Ende des Semesters durchlesen (und das gegebenenfalls ein wenig zu takten, da die Studierenden hier aus der Übung gekommen zu sein scheinen), bin ich bisher besser gefahren und die Studierenden sind stolz auf ihre Leistung. Auch die VLU zeigte, dass nicht mehr Zeit aufgewendet wurde, diese aber sinnvoller genutzt wurde. Und durchgefallen ist auch kaum eine(r).

    Mein Rat: ist der Prof schlecht, Arbeitsgruppe bilden und auf eigene Faust während der Vorlesungszeit woanders zwei Lehrbücher ohne Blick ins "Skript" durchackern. Der Vergleich mit dem Skript am Ende wird ihre eigene Kompetenz im Lernen klar (und bestimmt positiv) zeigen.

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