In seinem Leserartikel "Es geht nur darum, Klausuren zu bestehen" schreibt Leser Sebastian G., dass er sein Studium abgebrochen hat, weil seine Universität Leistungen außerhalb des Lehrplans nicht bewertet. Ich habe diese Erfahrung nie geteilt und genieße in meinem Studium große Freiheiten. 

Ich studiere seit 2009 den Bachelor "Philosophie und Kulturreflexion" an der Privatuniversität in Witten/Herdecke. Dort werden Eigenständigkeit und persönliche Interessen gefördert. Ich kann zum Beispiel mit Unterstützung eines Dozenten mein eigenes Forschungsprojekt durchführen und bekomme dafür ECTS-Punkte. Wenn ich eine Tagung besuche, schreibe ich zu der Thematik eine Hausarbeit. Generell schreibe ich nur Hausarbeiten oder habe mündliche Prüfungen, in denen ich eigene Gedanken entwickle. Denn auch das ist Freiheit: Neues Wissen schaffen, statt altes zu reproduzieren.

Und: Richtig gelesen, ich studiere seit 2009. Das heißt ich bin im 7. Semester. Manch einer mag aufschreien, ich habe die Regelstudienzeit überschritten. Es juckt mich nicht, denn Freiheit braucht Zeit.

Doch ist zu viel Freiheit wirklich gut?

Als ich anfing zu studieren, war ich verwirrt. Ich hörte von der Bolognareform, von Modulen, Pflicht-, Wahl- und Wahlpflichtveranstaltungen. Was ich erlebte, war aber das Gegenteil. In meinem Studium gibt es keine Pflichtkurse, nur eine grobe Vorgabe, wie viel Credits ich im philosophischen, im geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Bereich belegen muss. Hinzu kommt ein riesiger Wahlbereich. Ob ich mich mit Michelangelos Kunst oder Puschkin und russischer Literatur, mit Fragen der Wirtschaftsethik oder Erkenntnistheorie beschäftige, bleibt mir überlassen.

Wie viele andere Kommilitonen fiel ich im dritten Semester in ein Loch. Da ich für die Organisation meines Studium selbst verantwortlich war, probierte ich von Wissensdurst getrieben alles Mögliche aus. Dabei verlor ich vor lauter Angebot den Überblick, weil ich keinem Studienverlaufsplan folgte. Ich fühlte mich wie ein Nichtschwimmer, der ins Olympiabecken geworfen wurde. Doch ich lernte schwimmen.

Ich fand durch diese Umwege heraus, was mich wirklich interessiert: in meinem Fall die politische Theorie. Daraufhin richtete ich mein Studium dann aus. Jetzt habe ich die Gewissheit, dass ich genau das studiere, was ich möchte, und mich auf ausgewählte Felder spezialisiere. Diese Gewissheit ist mir ein Zusatzsemester wert – und wäre mir auch mehr wert. Ich bin frei und glücklich, das zu machen, wofür ich brenne.