Freiheit im Studium : Meine Uni lässt mich machen

Eigene Forschungsprojekte, zahlreiche Wahlveranstaltungen – Leser Oskar Brabanski genießt an seiner Uni große Freiheiten. Das hat ihn anfangs überfordert.

In seinem Leserartikel "Es geht nur darum, Klausuren zu bestehen" schreibt Leser Sebastian G., dass er sein Studium abgebrochen hat, weil seine Universität Leistungen außerhalb des Lehrplans nicht bewertet. Ich habe diese Erfahrung nie geteilt und genieße in meinem Studium große Freiheiten. 

Ich studiere seit 2009 den Bachelor "Philosophie und Kulturreflexion" an der Privatuniversität in Witten/Herdecke. Dort werden Eigenständigkeit und persönliche Interessen gefördert. Ich kann zum Beispiel mit Unterstützung eines Dozenten mein eigenes Forschungsprojekt durchführen und bekomme dafür ECTS-Punkte. Wenn ich eine Tagung besuche, schreibe ich zu der Thematik eine Hausarbeit. Generell schreibe ich nur Hausarbeiten oder habe mündliche Prüfungen, in denen ich eigene Gedanken entwickle. Denn auch das ist Freiheit: Neues Wissen schaffen, statt altes zu reproduzieren.

Und: Richtig gelesen, ich studiere seit 2009. Das heißt ich bin im 7. Semester. Manch einer mag aufschreien, ich habe die Regelstudienzeit überschritten. Es juckt mich nicht, denn Freiheit braucht Zeit.

Doch ist zu viel Freiheit wirklich gut?

Als ich anfing zu studieren, war ich verwirrt. Ich hörte von der Bolognareform, von Modulen, Pflicht-, Wahl- und Wahlpflichtveranstaltungen. Was ich erlebte, war aber das Gegenteil. In meinem Studium gibt es keine Pflichtkurse, nur eine grobe Vorgabe, wie viel Credits ich im philosophischen, im geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Bereich belegen muss. Hinzu kommt ein riesiger Wahlbereich. Ob ich mich mit Michelangelos Kunst oder Puschkin und russischer Literatur, mit Fragen der Wirtschaftsethik oder Erkenntnistheorie beschäftige, bleibt mir überlassen.

Wie viele andere Kommilitonen fiel ich im dritten Semester in ein Loch. Da ich für die Organisation meines Studium selbst verantwortlich war, probierte ich von Wissensdurst getrieben alles Mögliche aus. Dabei verlor ich vor lauter Angebot den Überblick, weil ich keinem Studienverlaufsplan folgte. Ich fühlte mich wie ein Nichtschwimmer, der ins Olympiabecken geworfen wurde. Doch ich lernte schwimmen.

Ich fand durch diese Umwege heraus, was mich wirklich interessiert: in meinem Fall die politische Theorie. Daraufhin richtete ich mein Studium dann aus. Jetzt habe ich die Gewissheit, dass ich genau das studiere, was ich möchte, und mich auf ausgewählte Felder spezialisiere. Diese Gewissheit ist mir ein Zusatzsemester wert – und wäre mir auch mehr wert. Ich bin frei und glücklich, das zu machen, wofür ich brenne.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Die Ordnung des Wissens

Teilweise befand ich mich in einer eigenen Situation. In meinem Studium der Soziologie haben Dozenten Lehrforschungsprojekte angeboten, die entweder sehr streng dem Themen (und Willen) des Dozenten folgten, während andere relativ frei waren. Ich war bei letzterem - teilweise etwas überfordert, aber auch, weil ich mir zu viel vorgenommen hatte. Manchmal wünscht man sich Beratung, manchmal Freiheit.

Im Prinzip haben Studenten mit der sich immer größer werdenden Zahl des Wissens zu tun. Wie Michel Foucault mal schrieb, kommt's vor allem darauf an dieses Wissen zu ordnen - ein Thema, das ja auch für die Schüler, verkürztes Abitur und zu volle Lehrpläne eine Thematik ist. Man muss darüber nachdenken und beraten was wegfallen kann und was nicht.
Ich kann es eben für mich gut an meiner Disziplin erörtern: Es gibt in manchen Grundrichtungen eben Gebiete wo ich mich noch ungenügend auskenne (z.B. Systemtheorie). Das ärgert mich. Aber es gibt einfach so unglaublich viel, was noch lesenswert wäre und was nicht. Gerade in der Soziologie, sie sich ja per Definition des Faches mit so gut wie allem beschäftigt, ist es schwierig Prioritäten zu setzen. Hinzu kommt, dass sich gute Soziologen auch aus anderen Disziplinen bedienen. Autoren der Philosophie werden ja sehr oft herangezogen. Oder auch die politischen Theoretiker. Und so weiter und so fort...
Na, mal schauen wie ich nach diesem Semester so klarkomme.

Naturwissenschaften

Das stimmt so nicht ganz. Ich rede mal über eigene Erfahrungen im Studiengang Physik an der TU München:
Sicherlich braucht man erstmal die Grundlagen-Vorlesungen der ersten 4 Semester (Auch hier kann man teilweise zwischen Mathe- und Physikvorlesungen wählen), um auch nur irgendwas sinnvolles zum Wissenschaftsbetrieb beitragen zu können.
Danach kann man jedoch im Lehrplan vorgesehene Seminare durch Forschungsprojekten an einem beliebigen Lehrstuhl ersetzen.
Desweiteren sind insgesamt 380 Stunden als Werkstudent in einem Unternehmen, Institut oder an einem Lehrstuhl im Laufe des Studiums zu absolvieren.
Als nichtphysikalisches Wahlfach kann man beliebige Mastervorlesungen anderer Fachrichtungen wählen, sich sogar mehr Vorlesungen als nötig anrechnen lassen. Nur die Gewichtung in der Gesamtnote bleibt gleich, darum muss man es nicht tun, man kann aber.
Im 7./8. Semester kann man aus einem Kanon von ca. 60-70 Physik-Vorlesungen wählen.
Bei der Abschlussarbeit gibt es die Möglichkeit, auch an anderen Fakultäten zu arbeiten.
Die Klassiker sind dabei in der Regel Mathematik, E-Technik, Maschinenbau, Chemie, Informatik.
Ich war mit meinen Wahlmöglichkeiten eigentlich ganz zufrieden und kann mir auch kaum vorstellen, dass da mehr an privaten Universitäten oder in geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen möglich gewesen wäre.

Reflexartig feindseeliger Tonfall

Ich frag mich immer, was dieses reflexartige Niedermachen der Geisteswissenschaften und umgekehrt auch der Naturwissenschaften soll. Man sollte vielleicht einfach mal anerkennen, dass es sich um vollkommen unterschiedliche Dinge handelt, die unterschiedlich gehandhabt werden. Beide sind Teil unserer Kultur und demnach schützenswert.

Und nebenbei bedeutet Freiheit nicht "Wischiwaschi" und "Geschwafel", wie sie es zumindest andeuten, sondern lediglich die Mündigkeit, selbst zu entscheiden, wo man die Schwerpunkte setzt. Das hat der Autor meines Erachtens klar gemacht. Überdies kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es in den Naturwissenschaften nicht auch viele Dinge zu lernen gibt, die nicht auf dem Lehrplan stehen. Freiheit bedeutet, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die nicht Bestandteil der Kurse sind oder auf dem Lehrplan stehen.

vlhvl

"In seinem Leserartikel "Es geht nur darum, Klausuren zu bestehen" schreibt Leser Sebastian G., dass er sein Studium abgebrochen hat, weil seine Universität Leistungen außerhalb des Lehrplans nicht bewertet. "
+
"Ich kann zum Beispiel mit Unterstützung eines Dozenten mein eigenes Forschungsprojekt durchführen und bekomme dafür ECTS-Punkte."

der unterschied liegt in der absprache. dein studienkollege hat einfach irgendwas gemacht und sich dann gewundert, dass es so wenig dafür gibt.
ich kann mir vorstellen, dass sich bei einem konkreten vergleich eurer studiensituation kein nennenswerter unterschied zeigt.

Bologna funktioniert eben doch!

Von der Uni Witten/Herdecke sollten sich die staatlichen Unis mal ein Scheibchen abschneiden. Dort zeigt man, dass Bologna keine Sekundarstufe 3 sein muss.
Die Idee von Bologna ist und bleibt den Menschen akademisch zu bilden, ihn also in die Lage zu versetzen, sich selbständig im Dschungel der Wissenschaften zurecht zu finden und selbständig neues Wissen zu generieren. Das setzt natürlich entsprechende Lehrmethoden an den Unis voraus.

Fällt niemandem auf,

dass es absurd ist verschiedene Studiengänge auf Wahlfreiheiten zu vergleichen? Wenn man bei "Philosophie und Kulturreflexion" mehr Freiheiten hat, als bei "Medieninformatik" wundert mich das gar nicht. (Schon gar nicht, wenn an der Uni Witten/Herdecke 400 - 980€ im Monat fällig sind, da wär man ja schön blöd, sich nicht ein gewisses Maß an Freiheit einräumen zu lassen.)

Desweiteren ist die Bolognareform natürlich nicht (sic!) das Problem, sondern die die sie umsetzen, denn die Reform kann nur so gut sein wie die Verantwortlichen, die sie umsetzen. (Ähnlich wie bei Programmen, von denen man sagt, sie seien nur so schlau wie ihre Programmierer.) Das Problem sind Verantwortliche, die Sätze loslassen, wie "das Problem ist die Bolognareform, die wir gar nicht wollten".