Hochschulen : Extra-Punkte nur fürs Frausein

Darf man Männer diskriminieren, um Frauen zu fördern? Eine Wiener Uni verfährt so in ihrem Zulassungstest. Jetzt klagt ein Mann vor dem Verfassungsgericht.

Martina hätte den Studienplatz an der Medizinischen Universität Wien bekommen. Martin* wurde abgelehnt. Denn er ist ein Mann.

Dass die Absage etwas mit seinem Geschlecht zu tun hatte, bekam der 20-Jährige nur zufällig mit. Er ärgerte sich, dass es mit dem Aufnahmetest nicht geklappt hatte. Woran lag's? Im Internet suchte er nach Antworten. In einem Forum schrieb eine Bewerberin, sie sei mit 134 Punkten zugelassen worden – Martin hatte 135 erreicht. Das machte ihn stutzig. Er recherchierte weiter. Und fand heraus: Die Hochschule hatte die Ergebnisse von Frauen automatisch höher bewertet als die von Männern, um der Ungerechtigkeit zu begegnen, dass sich in der Vergangenheit stets mehr Frauen beworben hatten, aber mehr Männer studierten.

Wie in der ganzen Gesellschaft ist Frauenförderung auch an Universitäten zum großen Thema geworden. So sehr, dass schon die Bezeichnung "Studenten" als zu männlich gilt. Die Besucher einer Hochschule heißen nun "Studierende". Doch das Zulassungsverfahren der MedUni Wien geht weit über sprachliche Details hinaus. Es wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie weit darf Frauenförderung gehen? Darf sie Männer benachteiligen? Muss sie das vielleicht sogar?

Gerne würde man diese Fragen der MedUni Wien stellen. Zumal Vizerektorin Karin Gutiérrez-Lobos, Beauftragte für Lehre, Gender und Diversity, wohl Antworten parat hätte. Auf unsere Fragen schickt die Uni allerdings ihren Sprecher vor – und der antwortet nur mit einer E-Mail. Darin steht: Das alte Zulassungsverfahren sei kritisiert worden, weil Frauen regelmäßig schlechter abschnitten als Männer. Da die Universität zur Frauenförderung verpflichtet sei, gäbe es nun einen Test mit "getrennten Mittelwerten". Oder anders gesagt: Deshalb bekommen Frauen im Test einen Vorteil.

Quotenärztin – ja oder nein?

In dem Brief, den der abgelehnte Bewerber Martin bekommt, geht die Uni noch weiter: Der neue Test diene dazu, "tatsächlich in der sozialen Wirklichkeit bestehende faktische Ungleichheiten" zwischen Männern und Frauen zu beseitigen. Dass Frauen im Test schlechter abgeschnitten hatten, läge an Einstellungen, Verhaltensmustern und Strukturen in der Gesellschaft.

Wenn Raoul Wagner das hört, wird er sauer. Wagner ist ein Freund von Martins Familie und Rechtsanwalt. Er will nicht tatenlos zusehen, wie Martins Studienplatz einer schlechter qualifizierten Frau zugute kommt. "Mich regt die Sache wahnsinnig auf. In einer offenen und humanistischen Gesellschaft darf das nicht vorkommen", sagt er. Wagner hat keinen Zweifel: "Ich darf aufgrund des Geschlechts niemanden diskriminieren." Bei gleicher Leistung sei es nachvollziehbar, wenn Frauen bevorzugt würden. Aber bei schlechterer Leistung? Da müsse sich ja jede Frau die Frage gefallen lassen: Quotenärztin – ja oder nein?

Wagner schlägt vor, Beschwerde beim österreichischen Verfassungsgerichtshof einzureichen. Martin stimmt zu. Das war vor einigen Wochen, Montagabend haben sie die Beschwerde nun eingebracht.

Plötzlich gibt es Nachrückerplätze in Wien

Wird Martins Beschwerde das Zulassungsverfahren der MedUni Wien tatsächlich als verfassungswidrig entlarven? Ja, sagt der österreichische Verfassungsrechtler Heinz Mayer . Am Telefon wirkt er, als frage er sich, warum man darüber überhaupt diskutieren müsse. "Ein Bewerbungsverfahren muss objektiv und sachlich sein. Ich muss prüfen, ob ein Bewerber die Voraussetzungen erfüllt, nicht, ob er Mann oder Frau ist."

In den Medien machen Martins Pläne schnell die Runde. "Studenten wollen Universität verklagen" , schreibt der österreichische Kurier . Deutsche Zeitungen ziehen nach. Und dann gibt es plötzlich 60 Nachrückerplätze – zur Verfügung gestellt durch den Vorsitzenden des Universitätsrates. Schnell ist von "Zugeständnissen" und einem "Einknicken der Uni" die Rede. Offiziell will man davon nichts wissen, aber auch nichts über die Hintergründe verraten. 60 Studenten, männliche wie weibliche, werden zugelassen. Martin ist nicht dabei.

Doch vermutlich hat er trotzdem gute Chancen, einen Studienplatz zu bekommen. Dafür sorgt in Österreich die Ergreiferprämie. Die bedeutet: Wer vor Gericht Recht bekommt, hat eine Sonderstellung. In Martins Fall hieße das, er würde zum Studium zugelassen werden.

Neues Zulassungsverfahren in Arbeit

Bleibt die Frage: Wenn ein unabhängiger Verfassungsrechtler die Beschwerde gegen den Test für vielversprechend hält, wer hat den Test dann genehmigt? Die Universität teilt schwammig mit, sie habe sich mit Rechtsexperten aus Österreich und von der Europäischen Union beraten. Ob es ein Gutachten gibt und was drin steht – dazu schweigt sie.

Ruben Karschnick

ist Redakteur im Ressort Studium bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Es gibt viele Indizien dafür, dass an der Wiener MedUni dieses Jahr einiges schief gelaufen ist. Das wissen wohl auch die Verantwortlichen. Sie arbeiten derzeit an einem neuen Zulassungsverfahren, das ab 2013 in Wien, Graz und Innsbruck zum Einsatz kommen soll.

Um sich noch mehr Ärger zu ersparen, könnte die Uni einen einundsechzigsten Nachrückerplatz zur Verfügung zu stellen. Denn die verfassungsrechtliche Debatte ist für Martin zweitrangig. Er möchte einfach nur studieren. Wenn die Uni ihn lässt, will er die Beschwerde zurückziehen.

*Name von der Redaktion geändert

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Kommentare

254 Kommentare Seite 1 von 25 Kommentieren

Diskriminierung

Die Frage ist doch wie sieht der Test aus?
Es ist bekannt, dass Frauen andere Lösungsstrategien verfolgen als Männer. Wenn der Test nun aber bestimmte Lösungsstrategien abfragt, die tendenziell Männer näher stehen als Frauen, dann ergibt sich die Frage wie fair der Test ist.
Eine Lösungsstrategie/ Denkweise sagt ja nichts über den Erfolg anderer Herangehensweisen aus.
Aus Erfahrung weiss ich, dass eine Klausur nie gerecht ist, selbst wenn sich alle systemkonform verhalten, keiner schummelt, alles wird ganz gleich korregiert (schon das trifft in der Regel nicht zu!), aber schon die Auswahl der Fragen/Aufgaben ist nicht fair, da jeder letzlich etwas anderes weiss und die Fragenauswahl selbstverständlich die bevorzugt, die genau diese Fragen gut beantworten können.
Letzlich ist auch das nur ein Anhaltspunkt wie "gut" jemand ist.
Deshalb grieft die Frage Quote ja oder nein zu kurz.

Beliebigkeit

"Die Hochschule hatte die Ergebnisse von Frauen automatisch höher bewertet als die von Männern, um der Ungerechtigkeit zu begegnen, dass sich in der Vergangenheit stets mehr Frauen beworben hatten, aber mehr Männer studierten."

Darin sehe ich aber nichts, was darauf hindeutet, dass solche Überlegungen eine Rolle spielen.

Und "weibliche Lösungsansätze?" was sind das? Und was ist wenn es so einen Unterschied gar nicht gibt, sondern die Behauptung nur dem gewünschten Ergebnis geschuldet ist?.

Z. B.: Die alte Auffassung, Frauen könnten nicht so gut logisch denken, sollte man doch nicht umkehren, in dem man vorsichtshalber auf Anforderungen von Logik verzichtet.

Zugespitzt: Das "Jeder kann lösen, wie er will, nützt im Ergebnis nur den Manipulanten, schlechten Politikern und Diktatoren. Den Preis will wohl keiner zahlen für die Förderung, übrigens egal welcher Gruppen.

Naivität

Sie sind sehr naiv und haben sich offensichtlich noch nie mit der Komplexität von Testverfahren befasst. Ein Test kann nicht einfach nur vorhandenes Wissen abfragen, das entweder vorhanden ist oder nicht. Menschen sind doch keine Computer, denen man das in ihnen gespeicherte eindeutig entlocken kann und wo dieser Vorgang gleich funktioniert.

Dass dies nicht der Fall ist, wurde schon vor Jahren gezeigt: https://de.wikipedia.org/...

Es gibt mehr Männer als Frauen

Dann sind Test sinnlos oder sollten eben geschlechtsspezifisch abgewandelt werden, damit auch jeder ein nettes Ergebnis vorweisen kann? Soll das dann die Logik dahinter sein?

Was diese Uni angeht suggeriert dieses Vorgehen ja: Frauen, gebt euch beim Abi nicht so viel Mühe, ihr werdet schon genommen.

Und noch was: Es gibt mehr Männer als Frauen auf diesem Planeten. Schon allein darum studieren evtl. mehr Männer als Frauen? Aber was soll man gerechtigkeitshalber tun?

[...] Gekürzt. Bitte bleiben Sie weiterhin sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

.....

erstens sind diese tests nicht allzu speziell auf das studienfach ausgerichtet (ansosnten müsste man gar nicht mehr studieren), andererseits ist die punktulle feststellung von wissen an einem bestimmten tag mehr als fragwürdig. der ehrlichere weg wäre ein nummerus clausus, aber dazu fehlt der österreichischen politik der mumm. ganz abgesehen von der tatsaceh dass diese tests i.a. nur noch von leuten positiv bestanden werden, die brav für vorbereitungskurse gezahlt haben - und das kann erst recht nicht der sinn dahinter sein.

Re: das problem ist...

> ....dass man in österreich nicht willens ist, den grund zu finden.

Eben. Es gibt nämlich reichlich vollkommen "unverdächtige" Gründe für das unerwünschte Ergebnis in Wien.

Einer der Einfachsten wäre (von mir frei fantasiert):
Österreichische Frauen studieren Medizin lieber in Salzburg bzw. Innsbruck, weil die dortige Frauenheilkunde bzw. Kinderheilkunde einen besseren Ruf hat als die entsprechende Ausbildung in Wien, wo man sich eher auf Chirugie spezialisiert hat.

Das würde absolut zwanglos erklären, warum sich in weniger weniger geeignete Frauen als Männer bewerben. Denn genau das besagt das Resultat des EMS in Wien.
Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

@absurdum

sie wissen schon, dass diese tests in den heillos überlaufenen fächern wie medizin und psychologie unter anderem deshalb eingeführt wurden, da deutsche studenten, die eigentlich bereits gut ausgebildet sind, durch den numerus clausus keinen studienplatz im heimatland bekommen?
der numerus clausus ist sinnlos in einem system, in dem schüler eh schon jahrelang ausgesiebt werden, das geld investiert um junge menschen auszubilden damit diese studieren zu können, und diese dann letztendlich in andere länder abschiebt.
dass ö keine studiengebühren verlangt, wirkt natürlich auch attraktiv, fällt aber denjenigen zur last, die nach dem studium auch tatsächlich im land bleiben und steuern zahlen.
es wäre schön, wenn deutschland den mumm hätte, den numerus clausus abzuschaffen und aufzuhören, anderen länder die verantwortung für seine studenten aufzuhalsen.

"Bis 2006 war Österreich nach den Niederlanden und Großbritannien EU-weit auf Platz 3 der deutschen Bildungflucht gewesen (14,4 % der deutschen Auslandsstudenten waren in Österreich immatrikuliert),[5] 2007 schon auf Platz 2 (16,4 % /14.789 Personen),[9] 2008 dann aber schon Primärziel mit 19,5 % (20.019 Personen)."

Kein Argument

"Aus Erfahrung weiss ich, dass eine Klausur nie gerecht ist, selbst wenn sich alle systemkonform verhalten, keiner schummelt, alles wird ganz gleich korregiert (schon das trifft in der Regel nicht zu!), aber schon die Auswahl der Fragen/Aufgaben ist nicht fair, da jeder letzlich etwas anderes weiss und die Fragenauswahl selbstverständlich die bevorzugt, die genau diese Fragen gut beantworten können."

Wie kann es ungerecht oder unfair sein, in einem Test Fragen zu stellen, deren Antworten einige kennen und andere nicht?? Es geht doch genau darum festzustellen, ob bei den Getesteten ein zureichendes Wissen auf einem bestimmten Gebiet vorhanden ist, ganz gleich, was sie sonst noch alles wissen. Ein abenteuerliches Argument.

Nur recht und billig.

Wenn es tatsächlich verschiedene "Lösungsstrategien" geben sollte, dann sollte den Probanden diejenige abverlangt werden, die auch später im medizinischen Berufsalltag erforderlich ist. Ich habe keine Zweifel, dass die Aufgabensteller als erfahrene Praktiker genau dies zu tun pflegen. Ob die Lösungsstrategie der angeblichen Denkweise eines bestimmten Geschlechts näherliegt oder nicht, ist dabei völlig irrelevant.

Wenn Männer die im Test gestellten Fragen besser beantworten können, dann zeigt dies ja wohl nur, dass sie mehr (oder auch: das Richtige) gelernt haben. Warum lernen Frauen nicht einfach aus das, was verlangt wird? Ich denke, dass es bei den Medizinern - ähnlich wie bei uns Juristen - Vorbereitungskurse, Repetitorien, Übungsbücher etc. gibt, deren Autoren sich an den Anforderungsprofilen vergangener Tests orientieren. Man muss das Angebot halt zu nutzen wissen. Und wenn man dann das, was gefragt ist, beantworten kann, dann ist ja doch wohl nur recht und billig, dass man mehr Punkte bekommt als andere, die falsche Schwerpunkte gesetzt oder auf Lücke gelernt haben?

Nur dann

"Ich darf aufgrund des Geschlechts niemanden diskriminieren." Bei gleicher Leistung sei es nachvollziehbar, wenn Frauen bevorzugt würden."

Frauen mit schlechter Qualifikation zu bevorzugen kann doch wohl nicht sein. Was hat man davon, wenn überall qualitaiv nicht so gute Frauen beschäftigt sind?. Nichts.

Nur ist Österreich einen "ehrlichen" Weg gegangen. Ob nicht in anderen Ländern bereits Auswahlkriterien herrschen, die Männer ebenfalls unbahängig von der Qualität aussen vor lassen, ist mir nicht bekannt, könnte ich mir allerdings vorstellen.

Im Text klang es so...

...als wenn zweimal die gleiche Formel verwendet würde, die über die Ergebnisse aller Bewerber mittelt und die besten X% zulässt. Der Infokasten legt jetzt nahe, dass völlig unterschiedliche Formeln angewandt werden. Könnten Sie darauf genauer eingehen und klar schreiben, ob verschiedene Formeln angewendet werden oder zweimal die gleiche Formel - einmal für die Plätze der Männer, einmal für die der Frauen?