WissenschaftPlagiatssoftware im Praxistest

Viele Unis setzen auf Computerprogramme, um Abschreiber zu entlarven. Doch gegen die Tricks der Studenten können sie oft wenig ausrichten. von Sarah Schaschek

Die beste Methode, einen wissenschaftlichen Täuscher zu überführen, ist, ihn seine Ergebnisse noch einmal mit eigenen Worten erklären zu lassen. In einer mündlichen Prüfung zum Beispiel oder während einer "Korrektur in Anwesenheit".

Für alle anderen – vor allem die schriftlichen – Fälle gibt es Debora Weber-Wulff . Die Medieninformatikerin forscht seit rund zehn Jahren an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) zum Thema Plagiate. Sie arbeitet bei Vroniplag mit, dem Internetforum, das Dissertationen untersucht, bei denen ein Verdacht besteht, dass Übernahmen von fremden Gedanken nicht ausreichend gekennzeichnet sind. In der Szene ist Weber-Wulff als "WiseWoman" bekannt, doch als eine der wenigen Plagiatsjäger arbeitet sie nicht anonym.

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Außerdem prüft sie, was Plagiatssoftware in der Praxis taugt. Gerade hat sie ihre neuesten Ergebnisse vorgestellt und bescheinigt den Systemen sehr unterschiedlichen Erfolg. Ein Jahr lang testete sie 16 von 33 verfügbaren Plagiatssuchprogrammen darauf, wie gut sie Texte miteinander vergleichen können. Speziell ging es um das Erkennen sogenannter Zitierkartelle. Für Weber-Wulff kommt es zu solchen Kartellbildungen, wenn sich Studierende beispielsweise im Rahmen überfüllter Seminare zusammentun. Anstatt individuelle Arbeiten abzugeben, sprechen sich die Studierenden untereinander ab und reichen nur eine einzige Arbeit ein – in jeweils leicht abgewandelter Fassung. Die Plagiatssoftware muss in diesem Fall die eingereichten Arbeiten auf Gemeinsamkeiten überprüfen.

Die Tricks der Plagiatoren

Wie Texte dabei variiert werden können, ist hinreichend besprochen worden. Da werden erste Absätze neu getippt, in der Erwartung, dass ein Dozent ohnehin nur flüchtig über die Arbeit schaut. Da werden "Homoglyphe" eingesetzt. Das sind Buchstaben, die sich auf dem Bildschirm zum Verwechseln ähneln, wie das russische und das lateinische "S". Weil die Buchstaben aber unterschiedlich programmiert sind, ist der Text nicht mehr als Plagiat zu erkennen. Dazu kommen "Synonymizer", kostenlose Programme, die einige Begriffe automatisch durch andere mit ähnlicher Bedeutung ersetzen. Aus "plagiieren" wird "schummeln", und schon fällt es der Software schwer, die Ähnlichkeit der Texte festzustellen.

Auch Natur- und Technikwissenschaftler schreiben voneinander ab. Weber-Wulff hat Software untersucht, die die Sprache der Informatiker auf Verschleierungstaktiken überprüft. In ihren Programmcodes ersetzen Informatikstudierende am liebsten die Variablen. Wo vorher ein "x" stand, platzieren sie ein "i". Das ändert nichts am Befehl, einen Dozenten können sie jedoch irritieren. Studierende fügen auch gern Kommentare hinzu, die für das Ergebnis auf dem Bildschirm irrelevant sind, aber den Programmiercode nach Eigenschöpfung aussehen lassen.

Am besten abgeschnitten – zumindest bei den Textplagiaten – hat in Weber-Wulffs Versuchen die Firma Turnitin , die 1996 an der Uni Berkeley gegründet wurde und im asiatischen und angelsächsischen Raum an 80 Prozent der Unis eingesetzt wird. Auch die Freie Universität, die Humboldt-Universität und die HTW setzen Turnitin ein, dazu weitere 80 deutsche Unis und Forschungseinrichtungen. Andere Hochschulen nutzen kostenlose Angebote wie Jplag . Wieder andere begnügen sich mit einfacher Googlesuche, sagt Weber-Wulff.

Besser als jede Plagiatssoftware hilft ein simpler Trick

Mit einem Großteil der Plagiatssuchprogramme ist Weber-Wulff durchaus zufrieden, obwohl keines von ihnen Programmcodes und Texte prüfen kann. Kritisch sieht sie den Umgang der Softwarefirmen mit dem Urheberrecht. Die Systeme basieren auf riesigen Datenbanken, die auch unveröffentlichte Arbeiten von Studierenden speichern. Die Autoren müssen der Speicherung zwar zustimmen, und ihre Arbeiten werden verschlüsselt. Doch Weber-Wulff beharrt darauf, dass selbst Texte, die nur für Vergleichszwecke gespeichert werden, nicht ausreichend urheberrechtlich geschützt sind.

Weber-Wulff warnt, sich bei der Suche nur auf die Technik zu verlassen. Was die Maschine als Plagiat anzeige, müsse man nachprüfen. Ohne Aufklärung werde sich das Problem kaum ändern. Sie verrät einen einfachen Trick: Kurse verkleinern. "Wenn Studierende wissen, dass jemand ihre Arbeit liest, geben sie sich mehr Mühe."

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • urban-a
    • 13. November 2012 16:23 Uhr

    Wir leben in einer Gesellschaft die immer mehr Menschen studieren lässt.
    Aber unser Bedarf an konkreten wissenschaftlichen Arbeiten steigt nicht.

    Studium verkommt zur reinen Ausbildung und für alles gibt es akademische Titel. OK, aber tun wir gleichzeitig nicht so, also ob wir die 450. Arbeit zur "Bedeutung von Social Media in der Unternehmenskommunikation deutscher Unternehmen" oder die 100. Betrachtung der Zahnärzterechtsnovelle usw.

    Es bräuchte ein neues Verständnis: Jedes Studium hat seine Prüfungen, Übungen und Abschlussexamen ABER nicht jeder darf einen wissen. Arbeit schreiben.
    Man muss sich bewerben, sein interesse am wahren WISSENSCHAFTLICHEN Arbeiten darlegen, die Ressouren die man einsetzt und das Thema.

    Die Plagiatshemmschwelle sinkt, weil die Arbeiten inhaltlich keinen Wert haben, weil Studierende wissen, dass eh niemand liest und interessiert usw.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    also wenn das studium zur reinen ausbildung verkommt, an niveau verfliert, dann gibt es bestimmt auch bald weniger wissenschaftliche arbeiten.

    ansonsten geht die freiheit in diesem land soweit, dass jeder, auch nichtstudenten, wissenschaftliche arbeiten schreiben können ... die frage ist nur warum und wozu und für wen.

    in der regel schreiben anwärter auf den doktor-titel eine wissenschaftliche arbeit ... das ist in der basis nichts schlechtes und gutzuheissen, denn manch einer kauft sich einen solchen titel ganz einfach!

    ;)

    es handelt sich bei den im Artikel beschriebenen Arbeiten vermutlich in erster Linie um Seminararbeiten, nicht um Abschlußarbeiten. Daher trifft Ihre Kritik auch nur bedingt zu. Seminararbeiten haben den Zweck, den Inhalt eines absolvierten Seminars abzufragen - in den Geisteswissenschaften, die wesentlich auf Textproduktion und -rezeption basieren, konsequenterweise in Form von Hausarbeiten und nicht durch bspw. Multiple Choice Prüfungen. Abschlußarbeiten dagegen sollen die Befähigung, eine eigeneständige wissenschaftliche Leistung zu erbringen, unter Beweis stellen - dementsprechend sind die Anforderungen höher und in der Regel können (fachabhängig) Studierende das Thema selbst wählen, Ihren Interessen entsprechend.

    Was der Artikel aber vor allem unter Beweis stellt - und das sage ich selbst als Dozent: Zeit im Unialltag ist wertvoll und extrem begrenzt, aber wer sich nicht genügend von ihr nimmt, um sie seinen Studierenden und ihren Arbeiten zu widmen, muß sich über die Konsequenzen nicht wundern. Es liegt (auch) an uns Dozenten, für Qualität zu sorgen. Ich habe bereits Plagiate beim Korrekturlesen erkannt - und die Betonung liegt hierbei auf lesen

  1. also wenn das studium zur reinen ausbildung verkommt, an niveau verfliert, dann gibt es bestimmt auch bald weniger wissenschaftliche arbeiten.

    ansonsten geht die freiheit in diesem land soweit, dass jeder, auch nichtstudenten, wissenschaftliche arbeiten schreiben können ... die frage ist nur warum und wozu und für wen.

    in der regel schreiben anwärter auf den doktor-titel eine wissenschaftliche arbeit ... das ist in der basis nichts schlechtes und gutzuheissen, denn manch einer kauft sich einen solchen titel ganz einfach!

    ;)

  2. es handelt sich bei den im Artikel beschriebenen Arbeiten vermutlich in erster Linie um Seminararbeiten, nicht um Abschlußarbeiten. Daher trifft Ihre Kritik auch nur bedingt zu. Seminararbeiten haben den Zweck, den Inhalt eines absolvierten Seminars abzufragen - in den Geisteswissenschaften, die wesentlich auf Textproduktion und -rezeption basieren, konsequenterweise in Form von Hausarbeiten und nicht durch bspw. Multiple Choice Prüfungen. Abschlußarbeiten dagegen sollen die Befähigung, eine eigeneständige wissenschaftliche Leistung zu erbringen, unter Beweis stellen - dementsprechend sind die Anforderungen höher und in der Regel können (fachabhängig) Studierende das Thema selbst wählen, Ihren Interessen entsprechend.

    Was der Artikel aber vor allem unter Beweis stellt - und das sage ich selbst als Dozent: Zeit im Unialltag ist wertvoll und extrem begrenzt, aber wer sich nicht genügend von ihr nimmt, um sie seinen Studierenden und ihren Arbeiten zu widmen, muß sich über die Konsequenzen nicht wundern. Es liegt (auch) an uns Dozenten, für Qualität zu sorgen. Ich habe bereits Plagiate beim Korrekturlesen erkannt - und die Betonung liegt hierbei auf lesen

    2 Leserempfehlungen
  3. Die bisherige Plagiatssoftware sowie die gewöhnlichen Bestrebungen, Plagiate aufzudecken, zielen in der Regel darauf ab, weitgehend identische Textstellen aufzudecken.

    Die bisherigen prominenten Plagiate, die seit der Causa zu Guttenberg hochgegangen sind, hatten alle - soweit erkennbar - einen beachtlichen Anteil an 1:1-Übernahmen ohne entsprechende Quellenangabe und/oder ohne (in)direkte Zitation. Bisher scheint noch niemand "aufgeflogen" zu sein, der sich die Mühe gemacht hat, den Text vollständig umzuformulieren.

    Ein wesentlicher Kern wissenschaftlichen Arbeitens sind jedoch - je nach Fachgebiet! - oftmals neue Ideen, Gedankengänge, Argumentationen etc. Wenn jetzt jemand die Idee eines anderen übernimmt, möglicherweise sogar noch aus einer anderssprachigen Quelle, erkennt dies die Plagiatssoftware wohl eher nicht.

    Bisher sind vermutlich nur die "dümmsten" Plagiatoren aufgeflogen, die direkt abgeschrieben haben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass da draußen ganz viele Möchtegern-Doktoren herumlaufen, die wesentliche Inhalte aus anderen Quellen in ihrer eigene Dissertation umformuliert(!) verarbeitet haben, ohne dies zu kennzeichnen. Im Zweifel wird sich diese Art von Plagiatoren sehr oft damit herausreden können, dass sie selbst auf die Geadanken etc. gekommen sind und die anderen Quellen nicht kannten.

    Fazit: Die Plagiatssoftware taugt höchstens für die größten und faulsten Hochstapler.

  4. Ein "Zitierkartell" ist, und da ist Wikipedie mit mir einer Meinung, eine von den Beteiligten mehr oder weniger fest abgesprochene Förderung des scheinbaren Impacts durch "Zitieren auf Gegenseitigkeit": zitierst Du in Deiner Publikation mich, zitiere ich Deine Arbeit in meinem paper.
    Das mag zwar nicht ganz fair sein ist aber grundsätzlich nicht verboten, und wenn es jemand mal zu frech treibt, wird hoffentlich der peer reviewer oder der editor einschreiten. Die wirklich wichtigen paper haben solche Hilfe ohnehin nicht nötig.

    Was die hier dargestellten Mogeleien mit einem "Zitierkartell" zu tun haben sollen, ist mir schleierhaft. Der Begriff paßt hier, wo es doch gar nicht um Zitate, sondern um unbemerktes Abschreiben geht, doch überhaupt nicht.

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  • Schlagworte Wissenschaft | Arbeit | Humboldt-Universität | Plagiat | Absatz | Dissertation
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