RüstungsforschungStell Dir vor, es ist Krieg und die Uni macht mit

Freiheit oder Frieden: Unter Wissenschaftlern ist ein Kampf ausgebrochen, ob Hochschulen fürs Militär forschen dürfen. Es geht um Ethik – und Millionen. Von A.-K. Nezik von Ann-Kathrin Nezik

Ralf Burgschweiger sitzt vor seinem Computerbildschirm, 24 Zoll in der Diagonale, und verteidigt die Sicherheit Deutschlands. Er blickt auf ein Ei in Regenbogenfarben, es klemmt in einem Koordinatensystem. Die rechte Hälfte des Eis leuchtet rot, die linke schimmert türkis. Burgschweiger ist Ingenieur an der Berliner Beuth Hochschule für Technik. Er untersucht, wie viele Schallwellen Objekte unter Wasser zurückwerfen, wenn man Geräusche auf sie schießt. Dazu nimmt er Algorithmen und schreibt aus ihnen Computerprogramme, die schneller rechnen können als alle, die es schon gibt. Am Ende spucken seine Programme bunte, dreidimensionale Bilder aus – zum Beispiel von eiförmigen Körpern, Ellipsoide genannt. An den Farben kann Burgschweiger erkennen, wo sie besonders viel Schall abstrahlen. Ist Burgschweiger deshalb schon Rüstungsforscher?

Wenn alles nach Plan läuft, sind die Körper, die er mit Geräuschen beschießt, bald keine Eier mehr, sondern Modelle von Seeminen. Die Bundeswehr hofft, mithilfe von Burgschweiger irgendwann aus großer Entfernung Minen aufspüren zu können, die im Meeresboden eingesunken sind. Seine Berechnungen könnten einmal für neue, schnellere Sonarsysteme nützlich sein. Deshalb finanziert das Verteidigungsministerium seine Stelle mit mehreren zehntausend Euro im Jahr.

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Schon jetzt setzt die Bundeswehr Minenjagdboote ein, um in Nord- und Ostsee nach verrosteten Minen aus den Weltkriegen zu suchen. Vorstellbar ist, dass sie die Boote bei einer Nato-Mission auch woanders hinschickt – womöglich als Aufräumdienst vor einem Kampfeinsatz. Beteiligt sich Ralf Burgschweiger deshalb am Krieg?

Wo militärische Forschung beginnt

Das hängt davon ab, wie man die Frage beantwortet, wo militärische Forschung beginnt. Fest steht: In einer Zeit, in der deutsche Soldaten nach Afghanistan in den Krieg ziehen, ist an deutschen Hochschulen ein Kampf darüber ausgebrochen, was Wissenschaft darf. Auf der einen Seite stehen Wissenschaftler, die jede Beschränkung ihrer Arbeit ablehnen. Die sagen, man könne nur schwer ausschließen, dass Forschung auf Umwegen militärisch genutzt wird – und man deshalb nicht gleich die ganze Wissenschaft verbieten könne. Auf der anderen Seite stehen Aktivisten, die eine Zusammenarbeit zwischen Militär und Unis ablehnen und Hochschulen zur friedlichen Forschung verpflichten wollen. Und damit eine neue Bewegung losgetreten haben.

918 Millionen Euro plant das Verteidigungsministerium 2012 für Forschung und Entwicklung auszugeben. Der größte Teil fließt an die Forschungsinstitute der Bundeswehr, öffentliche Einrichtungen wie das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und die Rüstungsindustrie. Aber auch an Universitäten geht Geld, wenn auch nicht viel: 26 deutsche Hochschulen bekommen in diesem Jahr insgesamt 5,5 Millionen Euro vom Verteidigungsministerium, Fachhochschulen nicht eingerechnet. Manche erhalten nach einer Aufstellung des Ministeriums einige zehntausend Euro, andere über eine Million. Allein der Universität Kiel bezahlt das Verteidigungsministerium 15 wehrtechnische Projekte – also Forschung, die Ausrüstung und Waffen der Bundeswehr verbessern soll.

Leserkommentare
    • Acaloth
    • 14. November 2012 17:34 Uhr
    17. .......

    Wenn die Wissenschaftler nicht für den Krieg forschen wollen sollen sie eben die Uni verlassen.

  1. daß Rüstung nicht gleich Krieg bedeutet. Das Gleichgewicht der Kräfte im atlantischen Bündnis und des Warschauer Paktes hat einen Krieg verhindert.
    Im übrigen kann man als Bürger dieses Landes sehr wohl Loyalität von Beamten einfordern und das durchaus auch unbedingt. Es bleibt jedem Beamten immer frei gestellt, seine Berufung zurück zu geben. Kündigung des Arbeitsvertrages ist ein ganz normaler Vorgang.

    • Varech
    • 14. November 2012 21:15 Uhr

    ... und Unwissenheit schützt nicht vor Krieg.

    Oder ist etwa die Bundeswehr zu einer kriminellen Vereinigung erklärt worden?

  2. "Du, Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins: sag nein!"

    Miliitärische Forschung an Hochschulen ist rausgeschmissenes Geld.
    Sie bringt nichts, angesichts der wissenschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts!
    Wie wollen Sie gegen AIDS vorgehen? Im Schützenpanzer? Wie wollen Sie die Ozeane retten? Im Atom-U-Boot? Wie wollen Sie die technischen Probleme der Energiewende lösen? Durch Tornado-Staffeln? Krebs? Grippewellen? Antibiotikaresistenzen? Neue, sichere Medikamente?
    Durch Militärforschung?
    Blödsinn!

    So lange der Wehretat 3x so hoch ist, wie der für Forschung & Bildung, läuft hier was im Land gewaltig schief. Ich dachte, wir hätten Schulden bis zum Hals?
    So lange aber der Staat die BW zu illegalen und milliardenteuren Kriegsspielen um die Welt schickt, will ich auch nichts mehr von denen hören, die ständig fragen, warum die Forschung den nur kleine Fortschritte macht!
    Oder wollen Sie dem nächsten totgeweihten Krebskranken mit GPS und Teflon trösten, weil die Gelder leider leider nicht mehr für die biomedizinische Forschung gereicht haben....?

    Antwort auf "Scheren im Kopf?"
  3. Das ist ein beliebter immer wiederkehrender Schluss, der mir noch nirgends wirklich anhand von konkreten Zahlen und Fakten belegt werden konnte und wahrscheinlich dadurch zustande kommt, dass man mit dem Wort Mensch zwangsläufig Krieg in Verbindung mit meist fast zeitgleichen oder darauf folgenden offenbar rasanten Entwicklungen bringt. Es gibt in der Geschichte ebenso unzählige Beispiele, die gesamtheitlich gesehen genau das Gegenteil aussagen, wo vielleicht in manchen Bereichen besonders geforscht wurde, in vielen anderen aber überhaupt nicht, der Fokus ändert sich mit Frieden oder Krieg, nicht die wissenschaftliche Qualität, behaupte ich.Genauso wurden in Kriegs-und Konfliktsituationen nicht selten wissenschaftl. Arbeiten doppelt und dreifach fast identisch vollbracht, welche in Kooperationen schneller zu bewältigen gewesen wären. Und gerade im kalten Krieg konnte niemand Nutznießer dieser manchmal nützlichen Konkurrenz sein.
    Die Wissenschaft muss sich heute die wichtige Frage der Motivation stellen, neben der Moral.Es ist nicht immer leicht, genau trennen zu können, wo militätrische Forschung beginnt und wo noch zivile ist. Das war auch Einstein klar, der das Dilemma zwar auch nicht umgehen konnte, sich aber enorm für eine Wissenschaftsethik einsetzte und Forscher ermutigte, nicht nur die Ergebnisse zu liefern, sondern aktiv mitzugestalten, wofür diese eingesetzt werden. Also die Etablierung einer Wissenschaftsmoral über dir individuellen Forschungsbereichsgrenzen hinaus.

    Antwort auf "ob es unsere..."
    • mijan
    • 15. November 2012 10:25 Uhr

    Dieses sinngemäß formulierte Zitat aus Friedrich Dürrenmatts "Die Physiker" verdeutlicht, dass "Zivilklauseln" an der Problematik vorbeigehen:
    Es kommt nicht darauf an, woran man forscht. Es kommt darauf an, wie man mit den Ergebnissen umgeht.
    Wir können nicht verhindern, dass andere genau das denken, was wir nicht denken wollen.
    Militärische Forschung, versetzt uns in die Lage, uns wirksam zu verteidigen.
    Wer militärische Forschung ablehnt, lehnt Verteidigung ab.

    Der Diskussion bedarf es ausschließlich darüber, wie wir die Macht nutzen wollen, die uns das Wissen gibt, das wir durch Forschung erlangen. (Und das gilt im Übrigen längst nicht nur für militärische Forschung!)
    Insofern sind z.B. Bundeswehreinsätze durchaus zu hinterfragen.
    Bisher hatte ich jedoch keinen Anlass, an der Legitimation eines Einsatzes zu zweifeln. Die Instrumente unserer Verfassung haben regelmäßig zu einer Abwägung aller Umstände und zu einer Entscheidung geführt. Ich wünsche mir allerdings, dass diese Entscheidungen mehr Akzeptanz finden.

    Den Artikel fand ich sehr ausgewogen dargestellt. Kompliment!

    • PanB
    • 15. November 2012 10:49 Uhr

    Die Frage, ob man an deutschen UNIs für die Rüstung forschen darf, halte ich für eine Verdrehung von Ursache und Wirkung. Zum Charakter der Rüstungsindustrie sagte Nitzsche mal:
    „Wer davon lebt, dass ein Feind bekämpft werden soll, hat ein vitales Interesse daran, dass der Feind auch überlebt!!!“
    Europa hat den Friedensnobelpreis nicht für gute Rüstungsprodukte bekommen; sondern für einen Dialog innerhalb Europas! Wehrpflicht seit dem überflüssig...
    Dual-Use
    …ich habe einen Spaten, weil ich einen Garten habe und diesen umgraben möchte…ich kaufe ihn mir jedoch nicht, um gegen den Nachbarn in „Stellung zu gehen“
    …ich habe viele Küchenmesser zum Essenzubereitung, nicht zur Tötung
    …ich habe einen Regenbottich, aber nicht zum foltern
    Das Argument des Dual-Use setzt eine Art gestörtes Verhältnis voraus, eine Art theoretischer Krieg.
    Deutschland ist Rüstungsexporteur und daher soll Spitzenforschung auch (verkaufsfähige) Spitzenprodukte, im Endeffekt auch Spitzengewinne generieren und Arbeitsplätze und Wertschöpfung für DE bringen.
    Man sollte sich genauer überlegen, ob Rüstungsproduktion wirklich den Wohlstand fördert und positiv dem BIP zugeordnet werden soll.
    Es hilft ungemein, wenn man sich gegenüber den Regierenden, dem Gesellschaftscharakter und der propagierten Werte immer eine grundlegende Skepsis bewahrt.
    Zum Schluss noch etwas zynisches…“der nächste Sonntag ist der Volkstrauertag, man kann auch sagen das „Ernte-Dank“ der Rüstungsindustrie" (Neues aus der Anstalt).

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    es ist nicht hilfreich Forschung und Rüstungsproduktion derart zu vermischen.

    Und es ist für jeden Naturwissenschaftler essentiell die eigene Arbeit stets unter dem "dual-use" Gesichtspunkt betrachten und diskutieren zu können!

    Solch glückliche Umstände wie sie noch Prof. Otto Hahn ausnutzen konnte, um die Nutzung von "Element 93" durch den Reichsforschungsrat zu verhindern, indem er Dr. Starke in einer Münchner Arbeitsgruppe kaltstellte, das gibts Heute als einfache Möglichkeit nicht mehr....

    So wie es #.22 anführt, gewissen Ideen und Konzepte kommen immer wieder auf!

    Also müssen sie, bei entsprechender Forschungsarbeit den "theoretischen Krieg" auf sich nehmen, oder Sie stochern blind (und ignorant) herum; zumindest was die Folgen angeht!

    Ob die technische Nutzung oder Rüstungsproduktion überhaupt ethisch vertretbar sind, ist eine ganz andere Frage!

    Dazu hilft aber Ihr Vorschlag:

    "Es hilft ungemein, wenn man sich gegenüber den Regierenden, dem Gesellschaftscharakter und der propagierten Werte immer eine grundlegende Skepsis bewahrt."

    schon sehr.

    MFG KM

  4. es ist nicht hilfreich Forschung und Rüstungsproduktion derart zu vermischen.

    Und es ist für jeden Naturwissenschaftler essentiell die eigene Arbeit stets unter dem "dual-use" Gesichtspunkt betrachten und diskutieren zu können!

    Solch glückliche Umstände wie sie noch Prof. Otto Hahn ausnutzen konnte, um die Nutzung von "Element 93" durch den Reichsforschungsrat zu verhindern, indem er Dr. Starke in einer Münchner Arbeitsgruppe kaltstellte, das gibts Heute als einfache Möglichkeit nicht mehr....

    So wie es #.22 anführt, gewissen Ideen und Konzepte kommen immer wieder auf!

    Also müssen sie, bei entsprechender Forschungsarbeit den "theoretischen Krieg" auf sich nehmen, oder Sie stochern blind (und ignorant) herum; zumindest was die Folgen angeht!

    Ob die technische Nutzung oder Rüstungsproduktion überhaupt ethisch vertretbar sind, ist eine ganz andere Frage!

    Dazu hilft aber Ihr Vorschlag:

    "Es hilft ungemein, wenn man sich gegenüber den Regierenden, dem Gesellschaftscharakter und der propagierten Werte immer eine grundlegende Skepsis bewahrt."

    schon sehr.

    MFG KM

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  • Schlagworte Verteidigungsministerium | EADS | Afghanistan | Bundeswehr | Drohne | Forschung
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