Promotionen Stoppt die Doktortitel-Inflation
Der Doktor ist in Deutschland mit zu viel Prestige aufgeladen, kritisiert der Wirtschaftsforscher Stefan Bach in einem Gastbeitrag. Er fordert: Schluss mit dem Titelwahn.
Der Doktortitel erfreut sich in Deutschland anhaltender Beliebtheit in allen Schichten und Ständen. In den öffentlichen Verwaltungen wird seit jeher betitelt was das Zeug hält. Bei den gehobenen Managementeliten der Wirtschaft, wo es schon zu viele Doktoren gibt, macht sich der Professor breit. Zumeist in Form einer Honorarprofessur oder auch in Österreich oder anderen Ländern verliehen, was dann in einer Fußnote oder Klammer vermerkt wird.
Da wo der Doktortitel herkommt, in Wissenschaft und Forschung, wird er dagegen kaum als Namensbestandteil verwendet. Naturgemäß ist die Promotion Voraussetzung für die wissenschaftliche Karriere. Ergo haben alle promoviert oder vergleichbare internationale Abschlüsse wie den Ph.D. Die Hierarchien und Hackordnungen orientieren sich primär an wissenschaftlichen Leistungen und Rankings.
Die medial aufsehenerregenden Fälle, die ihren Doktorhut abgeben und teilweise auch ihren politischen Hut nehmen mussten, finden sich in den Fächern Jura, Wirtschafts-, Politik-, Sozial- und Geisteswissenschaften. Dort gibt es viele "extern" Promovierte, die in ihrer Freizeit zumeist keine großen wissenschaftlichen Leistungen hervorbringen. Nachdem mit Bildungsministerin Schavan nun auch ein offenkundig minder schwerer Fall ins Visier geraten ist, müssen Tausende Dünnbrettbohrer um Titel, Karrieren und gesellschaftliches Ansehen fürchten. Und das wegen Sünden, die Jahre oder Jahrzehnte zurückliegen.
Große Nachfrage nach Doktortiteln
Hohe Promotionsquoten gibt es traditionell in der Medizin. Der alte Grundsatz "inskribiert und nicht krepiert ist promoviert" gilt dort zwar nicht mehr uneingeschränkt. Aber immer noch ist die Promotion faktisch Voraussetzung für die meisten Berufskarrieren. Seit Langem wird in der Medizin die Einrichtung einer echten Forschungspromotion diskutiert. Zugleich könnte wie in den USA oder in Österreich ein medizinischer Doktor im Rahmen der Approbation verliehen werden. Die Patienten können sich dann weiterhin von Herr oder Frau "Doktor" behandeln lassen, manchen soll das ja helfen. Ähnliche "Berufsdoktorate" oder "Titulardoktorate" könnte man sich für Jura oder Politik-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften vorstellen, wo es ebenfalls eine große Nachfrage nach den Doktortiteln gibt.
Das große Sozialprestige des Doktors in Deutschland ist im internationalen Vergleich ungewöhnlich. Vor allem in der angelsächsischen Welt werden wir dafür belächelt. Kulturhistoriker mögen hier Nachwirkungen der unzureichenden Emanzipation des deutschen Bürgertums im 19. Jahrhundert erkennen. Mangels Durchsetzungsfähigkeit gegenüber den alten Adelseliten in Politik, Militär und Verwaltung übernahm man deren Attitüden. Es entstand ein bürgerlicher Adel, gleichsam ein akademischer Leutnant der Reserve.

Stefan Bach, Wirtschaftsforscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), ist Dr. rer. pol. ("rerum politicarum") und Privatdozent an der Universität Potsdam. Zum Professor hat es bei ihm mangels Engagement in der akademischen Welt bisher nicht gereicht.
Distinktion und Elite sind schön und gut, nur sollten sie sich an sinnvollen sozialen Funktionen orientieren. Daher sollten wir die Titelhuberei in Deutschland beenden. Mentalitäten kann man natürlich nicht von heute auf morgen ändern. Ein Wandel setzt aber schon mit dem Vordringen internationalisierter angelsächsischer Kommunikations- und Umgangsformen ein. Ein wichtiger Schritt wäre es, wenn akademische Grade wie der Doktor oder Amtsbezeichnungen wie der Professor nicht mehr in staatliche Register und Ausweise eingetragen werden. Das Bundesinnenministerium, einzelne Bundesländer und zuletzt die Grüne Bundestagsfraktion haben Initiativen in diese Richtung unternommen. In Behörden, halbstaatlichen Einrichtungen oder im Standesrecht der freien Berufe sollte das Führen von akademischen Graden vor dem Namen verboten werden.
Damit würde die Attraktivität von Schmalspur-Promotionen deutlich sinken. Der akademische Doktorgrad kann sich auf echte Forschungspromotionen beschränken, bei denen im Rahmen strukturierter Graduiertenprogramme Wissenschaftler ausgebildet werden. Dies ist in der angelsächsischen Welt mit dem Ph.D. seit Langem üblich.
- Datum 25.01.2013 - 13:11 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 97
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:










Etwas unausgegoren. Auf der einen Seite sollen Berufs- oder Titulardoktorate eingeführt werden, damit sich ja auch jeder Doktor nennen darf, auf der anderen Seite das Führen eines Doktorgrades im Öffentlichen Dienst gar verboten werden. Das passt nicht zusammen. Entweder entwertet man durch massenhafte Vergabe und Gebrauch oder man wertet auf durch Restriktionen und Verbote. Klar ist das mit der Titelhuberei alles etwas unsinnig, aber auch wir könnten ja das machen, was die Angelsachsen bezüglich der deutschen Titelangeberei machen: leise lächeln. Es gibt Schlimmeres.
Die sogenannte "Titelhuberei" ist immerhin ein Zeichen dafür, dass noch etwas anderes zählt als Geld.
Dass im angelsächischen Raum - wo nur Bares Wahres ist - darüber gelächelt wird, ist klar... denen wäre es am liebsten, man würde sich nur noch über den Kontostand definieren.
Somit ist diese "Titelhuberei" in Wahrheit ein bisschen Widerstand gegen den allgegenwärtigen Materialismus.
Dass ein Wirtschaftsprofessor so redet wundert mich nicht (wes Geld ich nehm...)
Natürlich hat er aber recht, wo tatsächlich Leute (Mediziner...) ihren Doktor für Dinge bekommen, die andere auf dem Weg zum Klo erledigen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.
Na ja, das ist aber auch etwas idealistisch gedacht. Natürlich wirkt sich ein Doktortitel, wenn möglicherweise auch nur indirekt, auf das Einkommen aus.
Somit ist die Motivation zu promovieren in vielen Fällen nicht nur "Ruhm und Ehre" sondern auch "dem Baren" geschuldet. Auch bei uns. Titelhuberei als Widerstand gegen Materialismus find ich etwas weit hergeholt.
Na ja, das ist aber auch etwas idealistisch gedacht. Natürlich wirkt sich ein Doktortitel, wenn möglicherweise auch nur indirekt, auf das Einkommen aus.
Somit ist die Motivation zu promovieren in vielen Fällen nicht nur "Ruhm und Ehre" sondern auch "dem Baren" geschuldet. Auch bei uns. Titelhuberei als Widerstand gegen Materialismus find ich etwas weit hergeholt.
In Zeiten in denen ein hoher Akademikergrad eingemahnt wird, um ja keine Konkurenzfähigkeit einzubüßen und die Ausbildung zur Krankenschwester oder zur Volksschullehrerin auf akademisches Niveau zu heben ist das Beklagen eines Titelwahns etwas widersprüchlich.
In den letzten Jahrzehnten fand und findet ein regelrechtes Bildungswettrüsten gegen den gesamten Rest der Welt statt. Nicht umsonst beklagt die Wirtschaft keine ausreichend intelligenten Lehrlinge mehr finden zu können. Alle die zwei und zwei addieren können machen Abi und studieren dann Sozialwirtschaft oder etwas ähnlich niederschwelliges.
Nach dem Auffliegen des Dr.Strg.C. Guttenberg, musste sich mein Diplombetreuer - ein Dr.-Ing. - im Spaß von seinem Vater sagen lassen, "Jaja, die Doktoren".
Ich kann die Vorbehalte der Wissenschaft gut verstehen, aber Jahrzehnte lang wurde gepredigt, dass nur ein Studium dem Nachwuchs in der Zukunft ein Auskommen sichern kann. So ist es kein Wunder, wenn Eltern alle Anstrengungen unternehmen um Heiner und Hanni durch Schule und Uni zu bekommen.
Der Titelwahnsinn geht auf die Kappe der Politik, die einzelnen handeln entsprechend der Spielregeln. In einer Zeit wo Arbeit immer mehr besteuert wird und Managern von Boni bis Bordell alles auf Firmenkosten bezahlt wird, bekomme ich starke Bauchschmerzen wenn mein Sohnemann statt BWLer lieber Spengler werden will.
Zukunftsangst ala zu geringe Akademikerquote = schlecht, gepaart mit "Junge, mach doch was solides = Titelwahnsinn.
habe sowieso nie verstanden, warum ein promovierter besser verwalten, mangagen, rechtsprechen, heilen etc. soll.
Das sind alles professionen. Deren Aufgabe ist es sich in der Praxis zu bewähren. Der Professionsausüber bewährt sich in der Praxis indem er mittels seiner Urteilskraft zwischen seiner Erfahrung und seines Wissens vermitteln kann.
Das Wissen in Promotionen ist eine weitere eingehende Spezialisierung... wird da immer was neues produziert? Neue Sichtweisen ergeben sich oft von selbst durch eine Verschiebung des sozio-kulturellen und zeitlichen Horizontes, aber das muss man doch beim besten Willen nicht immer alles aufschreiben und sich als Promotion abstempeln lassen. Häufig ist es doch viel nützlicher ein Buch zu schreiben, das für die Allgemeinheit zugänglich ist, falls man sich für ein bestimmtes Thema besonders interessieren sollte.
Natürlich können dann weniger Menschen promovieren, jedoch könnten dann diese ausreichend finanziell unterstützt werden!!!!!!!!!
auch nicht, er hat nur nachgewiesen das er eigenständig und mit Erkenntnisgewinn arbeiten kann, denn darum geht es. Dies ist mMn auch das Problem einer großen Anzahl von Promotionen in D, dort könnten die meisten nicht den Erkenntnisgewinn ihrer Arbeiten benennen, was auch nicht verwunderlich ist, da man in zwei-drei Jahre nicht soviel reißen kann. Ziel einer Promotion ist es zum mindestens hier in Nordamerika neues zu entwickeln, daher ist die Zahl der Promotion an guten Forschungseinrichtungen auch übersichtlicher (bei mir war es in 6 Jahren 12 Promotionen im FB in D sind es im selben Umfeld etwa 25 pro Jahr). Das man bei einigen Promotionen dann sagt, das hätte ich auch gekonnt, passiert, nur man muss auf einige Sachen erstmal kommen, auch wenn sie im Nachgang trivial erscheinen.
Ein Promotion ist auch keine Spezialiseriung, die kann ich auch als Master machen, es geht um Erkenntnisgewinn.
@Thema
Habe im Angloraum (selber dort PhD gemacht) noch nie Graduiertenkollege wie in D gesehen, wo der Prof. den Promovenden an die Hand nimmt, an den guten Unis kämpft jeder allein, um nachher auch für den Kampf im Professorenalltag gewappnet zu sein, das geht bei der Definition des Forschungsthemas los, über die Erschliessung von Geldquellen bis zur eigenständigen Forschungskooperation.
Oftmals sieht man dann auch, dass man das nicht will und verabschiedet sich nachher aus academia.
mit Spezialisierung zu tun.
Primär geht es dabei darum das der jeweilige Kandidat nachweist selbst auf grundlage wissenschaflicher Überlegungen Forschen zu können und sich dabei an die etablierten Gepflogenheiten seiner Fachrichtung hält!
Kurz: Ish kann theoretisch von einem Dr. erwarten das er "versteht" und nicht bloß "reproduziert".
Beste Grüße CM
auch nicht, er hat nur nachgewiesen das er eigenständig und mit Erkenntnisgewinn arbeiten kann, denn darum geht es. Dies ist mMn auch das Problem einer großen Anzahl von Promotionen in D, dort könnten die meisten nicht den Erkenntnisgewinn ihrer Arbeiten benennen, was auch nicht verwunderlich ist, da man in zwei-drei Jahre nicht soviel reißen kann. Ziel einer Promotion ist es zum mindestens hier in Nordamerika neues zu entwickeln, daher ist die Zahl der Promotion an guten Forschungseinrichtungen auch übersichtlicher (bei mir war es in 6 Jahren 12 Promotionen im FB in D sind es im selben Umfeld etwa 25 pro Jahr). Das man bei einigen Promotionen dann sagt, das hätte ich auch gekonnt, passiert, nur man muss auf einige Sachen erstmal kommen, auch wenn sie im Nachgang trivial erscheinen.
Ein Promotion ist auch keine Spezialiseriung, die kann ich auch als Master machen, es geht um Erkenntnisgewinn.
@Thema
Habe im Angloraum (selber dort PhD gemacht) noch nie Graduiertenkollege wie in D gesehen, wo der Prof. den Promovenden an die Hand nimmt, an den guten Unis kämpft jeder allein, um nachher auch für den Kampf im Professorenalltag gewappnet zu sein, das geht bei der Definition des Forschungsthemas los, über die Erschliessung von Geldquellen bis zur eigenständigen Forschungskooperation.
Oftmals sieht man dann auch, dass man das nicht will und verabschiedet sich nachher aus academia.
mit Spezialisierung zu tun.
Primär geht es dabei darum das der jeweilige Kandidat nachweist selbst auf grundlage wissenschaflicher Überlegungen Forschen zu können und sich dabei an die etablierten Gepflogenheiten seiner Fachrichtung hält!
Kurz: Ish kann theoretisch von einem Dr. erwarten das er "versteht" und nicht bloß "reproduziert".
Beste Grüße CM
Ich habe mehrere Jahre an Universitäten bei den "Angelsachsen" gearbeitet. Dort war es im akademischen Bereich ganz üblich den "Doktor" zu benutzen. Ich war auch immer wieder überrascht, wie viele Studenten uns mit "Doktor" angesprochen haben bzw. wenn sie über uns geredet haben. Lustige Kombination, einerseits immer mit Vornamen, aber dann doch auch immer "Doktor + Name".
Ansonsten gibt's zu dem Thema nur noch das zu sagen: wer hat der hat.
"Irgandwann wird das Abitur zusammen mit der Geburtsurkunde ausgehaendigt."
So noetig die "Recht auf Bildung fuer alle" - Initiative der 60er und 70er Jahre auch war - leider ging sie im Namen der Schaffung von Chancengleichheit mit einem schleichenden Niveauverfall einher.
Verstaendlich, denn wie will man guten Gewissens einem (schliesslich auf irgendeine Weise immer begabten) Kind die Zukunft verbauen, nur weil es den erforderlichen Minimum-Notenschnitt vielleicht knapp verfehlt?
(Wobei die Gruende dafuer meist vielschichtig sind und es dadurch naturgemaess zu Ungerechtigkeiten kommt)
Andererseits muss die Grenze aber irgendwo gezogen werden.
Wie dem auch sei, erst wird die Mehrheit aller Kinder fuers Gymnasium zugelassen, dann schaffen sie es auch auf die Universitaet. Und die Studenten nach so einem langen und teuren Studium dann kurz vorm Abschluss noch durchrasseln zu lassen, bringt auch niemand uebers Herz.
Nun hat dieses grosszuegig-nachsichtige "Durchreiche-Prinzip" sich bis zum hoechsten erreichbaren akademischen Grad, dem Doktortitel vorgearbeitet. Von da an ist keine Steigerung mehr moeglich, an der man die tatsaechliche wissenschaftliche Elite noch erkennen koennte. Da staut sich nun die Masse und kann nicht weiter.
Ein grosser Fortschritt in Sachen Bildungsgerechtigkeit, aber auch ein grosser Schritt in Richtung "Mehr-Schein-als-Sein-Gesellschaft".
Weisst du, vor 500 Jahren durften sich nur die Schlausten 'Magister' nennen. Und 'Doktor' war nur den Ueberfliegern vorbehalten, 'Professore' wurden nur die Genies.
Und heute? Jeder Sparkassendirektor hat nen Doktortitel.
Verwendung von Ressourcen gegenüber der menschlichen Eitelkeit?
In einer Kultur, in der das Selbstmarketing immer zur Bürgerpflicht und Bescheidenheit und Understatement inzwischen eher als Idiotie gelten, wird man das kaum beseitigen können. Jeder promovierte Wichtigtuer könnte schließlich seiner Alma Mater den Titelsegen irgendwann noch mal mit Drittmitteln und politischer Protektion versüssen. Also wird auch niemand den Sumpf trockenlegen, in dem doch so zahlreiche hübsche Blumen blühen - seien auch noch so viele davon übelriechend.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren