Illegale Einwanderer : "Diese jungen Menschen haben ein Recht auf Bildung"

Yovani Diaz lebt illegal in den USA. Obwohl er einen Highschool-Abschluss hat, darf er nicht studieren. Doch eine freie Hochschule gibt ihm Hoffnung.

Eigentlich ist Yovani Diaz ein ganz normaler Amerikaner. Er ist in den USA aufgewachsen, hat einen amerikanischen Highschool-Abschluss und spricht fließend Englisch. Nun würde er gerne studieren. Doch in seinem Pass stehen nicht die USA, sondern sein Heimatland Mexiko. Die Colleges, an denen er sich bewarb, schickten ihm allesamt Absagen.

Yovani ist einer von rund 12 Millionen illegalen Einwanderern in den USA. In vielen Bundesstaaten darf aber nur studieren, wer die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt oder eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis. Hochschulen in Alabama, Virginia und South Carolina etwa nehmen überhaupt keine Bewerber an, die in den USA nicht gemeldet sind. In Georgia hat das Parlament den fünf begehrtesten Unis im Oktober 2011 untersagt, illegale Migranten zu akzeptieren. In anderen Staaten müssen Kinder illegaler Einwanderer das Dreifache der üblichen Studiengebühren zahlen.

Mittlerweile kann Yovani doch studieren. In einer kleinen Einrichtung namens Freedom University, die fünf Professoren aus dem Boden gestampft haben. "Diese jungen Menschen haben ein Recht auf Bildung", sagt die Initiatorin Pamela Voekel, die normalerweise an der University of Georgia lehrt. Mit Ersparnissen und Spendengeldern haben sie und ihre Kollegen einen Raum gemietet, ein kleines Kursangebot auf die Beine gestellt und eine Webseite veröffentlicht. Wer teilnehmen möchte, muss übers Internet Kontakt aufnehmen. Der genaue Veranstaltungsort wird, aus Angst vor Ausländerfeinden, nicht öffentlich bekannt gegeben.

Die meisten arbeiten als Putzhilfen oder Farmer

Jeden Sonntag unterrichten Voekel und ihre Kollegen die mittlerweile rund hundert Studenten in mexikanischer Geschichte, Ethnologie, lateinamerikanischer Literatur und Mathematik. Bezahlen müssen die Teilnehmer für die Kurse nicht. "Das könnten sie sich nicht leisten, denn sie haben weder ein Recht auf Arbeit, noch Ansprüche auf staatliche Fördergelder", sagt Voekel. Die meisten sind zwischen 18 und 24 Jahre alt und kommen aus armen Verhältnissen. Viele arbeiten als Handwerker, Putzhilfen oder auf Farmen und haben nur am Wochenende Zeit für Seminare und Hausaufgaben.

Deshalb kommen alle gleichzeitig und es wird eng in dem kleinen Schulraum. "Aber genau das gefällt uns", sagt Student Yovani. "So haben wir das Gefühl, dazu zu gehören und zumindest ein bisschen College-Stimmung zu erleben." Dafür fährt er jeden Sonntag acht Stunden lang Bus; vier hin, vier zurück. "Das nehme ich gerne in Kauf, denn die Sonntagsseminare lindern meine Traurigkeit", sagt Yovani. Er ist traurig, weil er an jedem anderen Tag der Woche putzen geht, statt zu studieren. "Ich sehne mich nach Bildung."

Hoffen auf Obama

Bildung kann die Freedom-University ihm bieten, einen Abschluss allerdings nicht. "Wir sind keine Alternative zu einer echten Universität", sagt Professorin Voekel. Für Naturwissenschaften oder Fremdsprachen fehlen die Mittel und die Dozenten. Die Freedom University ist vor allem als Übergangslösung gedacht: Die fünf Professoren versuchen, die Studenten auf die Anforderungen richtiger Unis vorzubereiten. "Unsere Kurse sind anspruchsvoll und wir behandeln Inhalte, die für die Tests und Prüfungen staatlicher Unis relevant wären."

In ein paar Jahren, so hoffen Voekel und ihre Kollegen, werden ihre Studenten gut vorbereitet an einem staatlichen Vier-Jahres-College oder einer Universität studieren dürfen. Einen Anlass für diese Hoffnung gibt es aktuell jedoch kaum. Der zuständige Senator Barry Loudermilk kämpft schon seit Jahren dagegen, Kindern illegaler Einwanderer ein Studium in den USA zu ermöglichen. Er argumentiert, dass die mit Steuergeldern bezahlten Unis US-Bürgern und legalen Einwohnern vorbehalten sein sollten. Nur diese könnten nach ihrem Abschluss auch in den USA arbeiten und Steuern zahlen.

Voekel hält das für ein schlechtes Argument. "Die jungen Menschen sind in den USA großgeworden – sie sind Amerikaner", sagt sie. Auch US-Präsident Obama sieht das so. Im Juni dieses Jahres verkündete er vor dem Kongress, dass Migranten, die als Kinder oder Jugendliche ins Land gekommen sind, in den kommenden zwei Jahren nicht mehr abgeschoben werden dürfen. Seiner Ansicht nach sind sie Amerikaner, "in jeder Beziehung, nur nicht auf dem Papier".

Seit 2001 versucht Obama mit seinem Gesetzentwurf "Dream Act", Einwandererkindern eine dauerhafte Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zu erteilen. Damit könnten Migrantenkinder die staatliche Studienförderung in Anspruch nehmen oder sich mit anständigen Löhnen ihr Studium finanzieren. Bislang konnte Obama das Gesetz nicht durchsetzen, weil die Republikaner dagegen waren. "Aber wir haben noch Hoffnung, dass es ihm in den kommenden Jahren gelingt", sagt Voekel. Bis dahin werde die Freedom University ihre Kurse weiterführen.

Auch Yovani hofft darauf. Am liebsten würde er Psychologie studieren und Sozialarbeiter werden. Dann will er anderen Einwanderern helfen, im Leben voranzukommen.

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Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Wo sollen sie denn sonst lernen?

Bitte den Artikel nochmal lesen: Es geht um Menschen, die in den USA aufgewachsen sind. Die also aller Wahrscheinlichkeit nach nicht selbst die Entscheidung getroffen haben, einzuwandern. Diese Menschen können nichts dafür, dass sich ihre Eltern entschlossen haben, mit ihnen zu emigrieren, weshalb sollte man ihnen also das Grundrecht auf Bildung verwehren? Auch in Deutschland gibt es oftmals Fälle von jungen Erwachsenen/Jugendlichen, die in dem Land, das auf ihrem Pass steht, noch nie gewesen sind, vielleicht nichtmal die Sprache sprechen und trotzdem abgeschoben werden sollen. Was ein Irrsinn
Zudem: Weshalb sollte illegale Einwanderung schwerer wiegen als andere schwere Straftaten? Hierzu kenne ich die Situation in den USA nicht, aber zumindest in Deutschland erhalten selbst Gewaltverbrecher während ihrer Haft die Möglichkeit einen Schulabschluss nachzuholen, eine Lehre zu machen oder ähnliches, während Kinder(!) illegaler Einwanderer oft keine Schule besuchen können, da ihre Eltern sonst auffliegen würden. Bildung ist ein Grundrecht und sollte auch als solches gehandhabt werden!

Und das halten Sie für das entscheidende Kriterium?

Gut, dann teilen Sie doch bitte allen Kindern, deren Eltern lange Hartz4 beziehen (müssen) mit, dass sie leider das Recht, auf eine Universität zu gehen, nicht besitzen. Wäre witzig, was? Wenn man aufgrund der Entscheidung seiner Eltern "illegal" in einem Land ist, sollte einem das kaum vorgehalten werden können. Oder ist man dann mitschuldig?