In den USA hat man das Problem ebenfalls erkannt. Etliche MOOC-Anbieter haben angekündigt, künftig in großen Städten Präsenzprüfungen durchzuführen, bei denen die Kursteilnehmer sich ausweisen und unter Aufsicht Klausuren schreiben müssen. Gleichzeitig sollen diese Prüfungen den Plattformen auch die nötigen Einnahmen sichern. Die Inhalte der Kurse sind umsonst, wer aber einen qualifizierten Leistungsnachweis mit nach Hause nehmen will, muss anreisen und Prüfungsgebühren bezahlen.

In Potsdam ist die Frage, wie man mit den Teilnehmern künftig Geld verdienen kann, noch nebensächlich. Für Willems und sein Team sind die Kurse vor allem Forschungsprojekte: "Während der Durchführung sehen wir, wie man das Format weiter verbessern kann." Das Feedback der Studenten ist ausdrücklich erwünscht. Die Anregungen werden aufgegriffen, um die Lehrmaterialien und die Interaktionsmöglichkeiten weiterzuentwickeln.

Bislang sind vor allem die Tests methodisch eintönig. Es gibt MultipleChoice-Fragen, Lückentexte, Rechenaufgaben. "Bei Fragestellungen, die nicht mehr automatisch ausgewertet werden können, kommt das Verfahren an seine Grenzen", erklärt Willems. Kein Dozent kann zehntausende Essays lesen und bewerten. Deshalb eignen sich vor allem technische und mathematische Fächer für den MOOC-Unterricht. Gesellschafts- oder geisteswissenschaftliche Fächer dagegen, so der Tenor unter den Wissenschaftlern, lassen sich dagegen kaum durch Massenseminare vermitteln.

Holm Keller, Vizepräsident der Leuphana-Universität Lüneburg, ist da ganz anderer Meinung: "Die sozial- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächer eignen sich hervorragend, weil hier das Lernen stärker auf Interaktion zwischen Studierenden beruht." Aus seiner Sicht sind die bisherigen methodischen Ansätze der amerikanischen MOOCs unzureichend: "Was wir brauchen, ist eine Fernlehrdidaktik, die die Möglichkeiten des Mediums viel weiter ausschöpft." Nicht einzeln vor dem Bildschirm sollten die Teilnehmer zuhören und Häkchen setzen: "Viel effektiver ist es, wenn Menschen miteinander Themen erarbeiten können."

Chance für globale Bildungsgerechtigkeit

Auch an der Leuphana wird ab Januar 2013 ein erster kostenloser Online-Kurs angeboten. Es geht um urbane Konzepte für das 21. Jahrhundert, geleitet wird das Seminar von Star-Architekt Daniel Libeskind. Die Teilnehmer werden in kleine Arbeitsgruppen eingeteilt, die dann zusammen recherchieren, Konzepte entwickeln und Präsentationen erarbeiten sollen. Externe Prüfungen wird es nicht geben, man vertraut auf die soziale Kontrolle innerhalb der Gruppen und die Betreuung durch das Dozententeam. Die Einschreibung beginnt am 13. Dezember, tausende E-Mail-Anfragen liegen bereits vor, aus Südkorea ebenso wie aus Afrika und Südamerika. "Die MOOCs sind eine reale Chance für mehr globale Bildungsgerechtigkeit", sagt Keller.

Überflüssig machen wird das die Lehre und Forschung der herkömmlichen Hochschulen nicht. Und bis die Vision vom weltumspannenden Studium generale Wirklichkeit wird, ist es noch ein weiter Weg. Bislang lassen sich On- und Offline-Studienangebote kaum vermischen, können Studierende ihre Kurse nicht länderübergreifend kombinieren. Wenn diese Hürde aber erst genommen ist, meint Keller, "wird das der Megatrend des nächsten Jahrzehnts".

Erschienen im Tagesspiegel