Digitale Lehre : Harvard für alle
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 "Der Megatrend des nächsten Jahrzehnts"

In den USA hat man das Problem ebenfalls erkannt. Etliche MOOC-Anbieter haben angekündigt, künftig in großen Städten Präsenzprüfungen durchzuführen, bei denen die Kursteilnehmer sich ausweisen und unter Aufsicht Klausuren schreiben müssen. Gleichzeitig sollen diese Prüfungen den Plattformen auch die nötigen Einnahmen sichern. Die Inhalte der Kurse sind umsonst, wer aber einen qualifizierten Leistungsnachweis mit nach Hause nehmen will, muss anreisen und Prüfungsgebühren bezahlen.

In Potsdam ist die Frage, wie man mit den Teilnehmern künftig Geld verdienen kann, noch nebensächlich. Für Willems und sein Team sind die Kurse vor allem Forschungsprojekte: "Während der Durchführung sehen wir, wie man das Format weiter verbessern kann." Das Feedback der Studenten ist ausdrücklich erwünscht. Die Anregungen werden aufgegriffen, um die Lehrmaterialien und die Interaktionsmöglichkeiten weiterzuentwickeln.

Bislang sind vor allem die Tests methodisch eintönig. Es gibt MultipleChoice-Fragen, Lückentexte, Rechenaufgaben. "Bei Fragestellungen, die nicht mehr automatisch ausgewertet werden können, kommt das Verfahren an seine Grenzen", erklärt Willems. Kein Dozent kann zehntausende Essays lesen und bewerten. Deshalb eignen sich vor allem technische und mathematische Fächer für den MOOC-Unterricht. Gesellschafts- oder geisteswissenschaftliche Fächer dagegen, so der Tenor unter den Wissenschaftlern, lassen sich dagegen kaum durch Massenseminare vermitteln.

Holm Keller, Vizepräsident der Leuphana-Universität Lüneburg, ist da ganz anderer Meinung: "Die sozial- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächer eignen sich hervorragend, weil hier das Lernen stärker auf Interaktion zwischen Studierenden beruht." Aus seiner Sicht sind die bisherigen methodischen Ansätze der amerikanischen MOOCs unzureichend: "Was wir brauchen, ist eine Fernlehrdidaktik, die die Möglichkeiten des Mediums viel weiter ausschöpft." Nicht einzeln vor dem Bildschirm sollten die Teilnehmer zuhören und Häkchen setzen: "Viel effektiver ist es, wenn Menschen miteinander Themen erarbeiten können."

Chance für globale Bildungsgerechtigkeit

Auch an der Leuphana wird ab Januar 2013 ein erster kostenloser Online-Kurs angeboten. Es geht um urbane Konzepte für das 21. Jahrhundert, geleitet wird das Seminar von Star-Architekt Daniel Libeskind. Die Teilnehmer werden in kleine Arbeitsgruppen eingeteilt, die dann zusammen recherchieren, Konzepte entwickeln und Präsentationen erarbeiten sollen. Externe Prüfungen wird es nicht geben, man vertraut auf die soziale Kontrolle innerhalb der Gruppen und die Betreuung durch das Dozententeam. Die Einschreibung beginnt am 13. Dezember, tausende E-Mail-Anfragen liegen bereits vor, aus Südkorea ebenso wie aus Afrika und Südamerika. "Die MOOCs sind eine reale Chance für mehr globale Bildungsgerechtigkeit", sagt Keller.

Überflüssig machen wird das die Lehre und Forschung der herkömmlichen Hochschulen nicht. Und bis die Vision vom weltumspannenden Studium generale Wirklichkeit wird, ist es noch ein weiter Weg. Bislang lassen sich On- und Offline-Studienangebote kaum vermischen, können Studierende ihre Kurse nicht länderübergreifend kombinieren. Wenn diese Hürde aber erst genommen ist, meint Keller, "wird das der Megatrend des nächsten Jahrzehnts".

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

...und dies sollte auch angesporchen werden

Ich finde es etwas Schade, dass von Udacity als Vorreiter gesprochen wird, obwohl dort an sich die wenigsten Sachen angeboten werden und gerade diese Seite kommerziell ausgerichtet ist.
Für mich gehören Online Kurse sowieso schon längst in die Unterrichtszimmer/säle, ich habe schon lange genug von (nicht gerade wenigen) inkompetenten Lehreren/Dozenten die einem das Lernen nur unnötig verkomplizieren, obwohl es einfacher ginge. Dieses einfachere Erlernen ist durch Online Kurse gut machbar. Dort wird mit Sicherheit mehr Feedback gegeben und man könnte inkompetente Dozenten/Lehrer einfach schnell aussortieren(oder eine andere Videoreihe auswählen), was in den normalen Schulsystemen kaum möglich ist.

Wer sich für Mathe und Wirtschaft interessiert, würde ich Khanacademy empfehlen. Wer nicht weiß was es ist, könnte sich den TED Talk dazu ansehen.

Naive Erwartungshaltung

Die Khanacademy bietet z.B. im Bereich Mathematik nur Kurse auf
einem sehr niedrigen Niveau an. Mit einem soliden Mathematikstudium,
das sicher keine Massen anzieht, hat das nichts zu tun.
Ich bin der Meinung, dass gut geschriebene Fachbuecher in den
meisten Faellen besser sein koennen als das hier diskutierte
Online-Konzept. Letzteres erreicht spaetestens seine Grenzen der Anwendbarkeit
bei der Dokorandenausbildung, wo es auf individuelle Anleitung durch die
Betreuer und Forschungsnetzwerke ankommt.

Aiaiai

Da bin ich mal gespannt wie sich das auf Länder wie Deutschland auswirkt, die vom vergleichsweise hohen Bildungsniveau der Bevölkerung profitieren.
Man könnte hier diskutieren, ob es wirklich in unserem Sinne ist, wenn alle kostenlos das Wissen haben sollen, in welches unsere Gesellschaft seit Jahrhunderten investiert hat.
So unmenschlich es klingt, mir ist das nicht wirklich recht, auch wenn ich einer der ersten sein werde, die versuchen würden einen harvard Abschluss zu bekommen, sobald er in der Form etwas zählt.

Sie wollen Menschen Wissen vorenthalten....

...weil sie es sich nicht leisten können oder konnten als sie jung waren?
Bildung schadet nie und in keinen Lebensabschnitt.
Uni Online Kurse sind ja dann nicht nur für Studenten erhältlich sondern auch für den interessierten Laien oder Menschen die aus verschiedensten Gründen nicht die Gelegenheit hatten/haben eine Universität zu besuchen. Selbst bloss zum auffrischen längst vergessenen oder lange Zeit nicht benützter Informationen wären Online Kurse ideal.

Wie Ihnen nicht recht sein kann wenn Menschen die mehr wissen wollen auch die Möglichkeit dazu bekommen, müssen Sie mir - und wahrscheinlich so manchem Mitforisten - aber erklären...

Die Befürchtungen halte ich für unnötig

Das Wissen in das Ihrer Meinung nach "unsere Gesellschaft seit Jahrhunderten investiert hat" veraltet auch jetzt schon mindestens zehnmal so schnell.

Der (momentane) Vorteil unserer Gesellschaft sind die "weichen" Faktoren. Zum Beispiel das wir funktionierende Verwaltungen und Rechtssicherheit haben (ganz banales Beispiel: ein Grundbuch...versuchen Sie mal in Afrika Land zu erwerben (Kauf oder Pacht) um darauf zu bauen...wenn Sie den falschen Mann bestochen haben taucht u. U. plötzlich ein Ziegenhirte auf, dessen Urgroßvater mal einen Teil des Grundstücks geerbt hat; viel Spaß auf dem Weg durch die Instanzen).

Ein anderer ganz massiver Faktor ist kulturell. Wenn Sie irgendwo auf der Welt eine Besprechung ansetzen, dann sind rein statistisch die Japaner fünf Minuten vorher da, die Nordeuropäer und Amerikaner pünktlich, die Südeuropäer kommen wahrscheinlich zu spät und ansonsten wäre es besser viel Zeit einzuplanen. Wie gesagt, rein statistisch.

Die Organisation des Informationsaustauschs, vulgo "Vernetzung" gehört auch dazu. Im viktorianischen England lief das über die Clubs in Pall Mall, in China über die Partei, in Deutschland über praktisch unsichtbare Vereine wie Atlantikbrücke oder den "Ostasienverein".

Wenn wir in "dauerhafte Werte" investieren wollen, dann in solche Faktoren. Soziale, politische und organisatorische Weiterentwicklung des Standorts.