"Gestern habe ich die Uni gewechselt", schreibt Dan Fellin aus Portland, Oregon, auf seinem Blog. "Es war ganz einfach", nur ein paar Klicks habe er gemacht. Jetzt ist Fellin nicht mehr zahlender Informatikstudent des Portland Community Colleges, sondern studiert kostenlos bei den berühmtesten Professoren des Landes. MOOC ("Massiv Open Online Courses") heißt dieser neue Trend, also anspruchsvolle Online-Massen-Seminare. In den USA werden sie zurzeit als das nächste große Ding des Bildungssektors gehandelt. Vor allem die bisherigen Geschäftsmodelle amerikanischer Universitäten könnten sie nachhaltig erschüttern. Autor und Internettheoretiker Clay Shirky hat sogar schon Parallelen zum Niedergang der Musikbranche gezogen. Die MOOCs seien die MP3s der Hochschulbildung. "Und unsere Napster heißt Udacity."

Moment, halblang, wovon ist überhaupt die Rede? Napster, das war eine frühe Tauschbörse für Musikdateien, sie läutete das Ende der teuren CD-Verkäufe ein. Udacity: So heißt ein kleines Start-up aus dem kalifornischen Palo Alto, das der Informatikprofessor Sebastian Thrun mit Kollegen der Stanford University im Sommer 2011 gegründet hat. Ziel ist es, Bildungsinhalte, die sonst Studenten von Elite-Universitäten vorbehalten sind, umsonst überall auf der Welt verfügbar zu machen. Die Idee wurde sofort zum Hit: Am ersten Udacity-Kurs über Künstliche Intelligenz im Herbst 2011 nahmen 160.000 Teilnehmer aus 190 Ländern teil, 23.000 schafften die Abschlussprüfung.

Sieht so der Anfang einer gigantischen Bildungsrevolution aus? Wird das Präsenzstudium in stickigen Seminarräumen und überfüllten Hörsälen überflüssig? Die Idee der Fernlehre über das Internet ist nicht neu, neu aber sind die Zutaten. Einschreiben kann sich bei einem MOOC theoretisch jeder, von der 15-jährigen Schülerin bis zum 90-jährigen Rentner.

Studenten aus aller Welt helfen sich gegenseitig

Statt abgefilmter Vorlesungen bekommen die Teilnehmer kurze erklärende Einheiten vom Dozenten vorgetragen, dann folgt ein Verständnistest, erst dann geht das Video weiter. Der Internetkurs gliedert sich in sechs bis sieben Wocheneinheiten, die alle eingeschriebenen Studierenden zeitgleich absolvieren. Das heißt auch, dass alle in derselben Woche an denselben Hausaufgaben sitzen. Wer dazu Fragen hat, kann sie in einem eigens eingerichteten Onlineforum stellen. Die Kommilitonen sollen sich möglichst gegenseitig helfen.

Nachdem Udacity den Anfang gemacht hatte, zogen andere nach. Auf der Plattform edX bieten die Universitäten Harvard und Berkeley sowie das Massachusetts Institute of Technology Kurse an. Auch hier waren die Anmeldezahlen binnen weniger Wochen sechsstellig. Das größte Start-up in der neuen Welt der MOOCs aber ist Coursera. Über 30 renommierte amerikanische Universitäten kooperieren mit der Online-Plattform, die von Investoren mit 22 Millionen Dollar Risikokapital ausgestattet wurde. Mittlerweile sind bei Coursera 208 kostenlose Kurse im Angebot. Zwei Millionen Nutzer aus aller Welt haben sich angemeldet.

Udacity, edX und Coursera haben innerhalb der Universitätslandschaft hohe Wellen geschlagen, die auch in Deutschland angekommen sind. Am Hasso-Plattner-Institut für Software-Systemtechnik (HPI), das an die Universität Potsdam angegliedert ist, läuft mittlerweile schon der zweite Online-Kurs. Am ersten Seminar, das SAP-Gründer und Wissenschaftsmäzen Hasso Plattner im Herbst dieses Jahres persönlich geleitet hatte, nahmen 13.000 Nutzer teil. Knapp 10.000 Interessierte sind es zurzeit beim zweiten Seminar, das sich mit den technischen Funktionsweisen des Internets beschäftigt.

Das Zertifikat, das das HPI ausstellt, hat dabei eher symbolischen Wert. Denn ob die Teilnehmer ihre Aufgaben eigenständig erledigen, ob sie für die Prüfungen unzulässige Hilfsmittel heranziehen oder untereinander Ergebnisse austauschen, kann der Kursleiter nicht überprüfen. "Das Einzige, was die Teilnehmer vom Schummeln abhält, ist der Ehrenkodex", erklärt Christian Willems, technischer Leiter des Projekts OpenHPI.