Geisenheim University : Studieren auf dem Weingut
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Forschung und Lehre werden wieder vereint

Eigentlich ist die Verbindung von Praxis und Theorie in den Geisenheimer Rebhängen schon 140 Jahre alt: Heinrich Eduard von Lade erreichte 1872, dass Preußens König Wilhelm I., damals Herrscher über den Rheingau, die "Königlich Preußische Lehranstalt für Obst- und Weinbau," gründete. Von Lade, Sohn eines Weinhändlers und selbst als Bankier und Waffenhändler zu Reichtum gelangt, interessierte sich für Astronomie, Wein, Obst und Rosenzucht. Er ließ 1861 die Villa Monrepos bauen und umgab sie mit ausgedehnten Parkanlagen, einem Rosarium sowie pomologischen (apfelkundlichen) Gärten.

Bis heute gedeihen auf dem Gelände seltene Gewächse sind wie Zoeschener Ahorn, Lotus-Pflaume, Orangenkirsche und Taschentuchbaum. Das zur Hochschule gehörende Weingut Villa Monrepos produziert preisgekrönte Weine, Sekt, Schnäpse und Liköre.

An der Lehranstalt für Obst- und Weinbau forschten und lehrten prominente Agrar- und Getränkeexperten. Hermann Müller etwa züchtete 1888 die Rebsorte Müller-Thurgau, eine der wenigen Trauben, die im Rheingau neben dem Riesling bestand haben. Julius Koch brachte in den 50er Jahren den ersten Orangensaft in Flaschen auf den deutschen Markt ("Hohes C") und erfand später den Multivitaminsaft ("Dr. Koch's Trink 10"). Als Nestor der modernen Önologie (Weinforschung) gilt Gerhard Troost, Autor von Grundlagenwerken wie Technologie des Weines oder Sekt, Schaumwein, Perlwein.

Forschung und Lehre in Geisenheim gingen erst 1971 getrennte Wege: Als die Fachhochschule Wiesbaden – seit 2009 heißt sie Hochschule RheinMain – gegründet wurde, bekam sie die Studiengänge im Rheingau zugeschlagen. Die Forschungsanstalt Geisenheim teilte sich nun einen Campus mit dem Fachbereich Geisenheim der Wiesbadener FH.

Diese seltsame Trennung macht Hessen jetzt rückgängig. Dazu mag die Einsicht beigetragen haben, dass Forschung und Lehre gemeinsam sich einfach besser vermarkten lassen. Der Auslöser war allerdings ganz profan das Geld: Bis 2010 beteiligte sich das Land Rheinland-Pfalz an der Finanzierung der Forschungsanstalt, zog sich dann überraschend zurück. Hessen musste sich etwas einfallen lassen – und gründete die neue Hochschule.

Schultz, bisher Direktor der Forschungsanstalt, übernahm das Präsidentenamt für die Gründungsphase, demnächst wird die Position ausgeschrieben. Rund 30 Wissenschaftler forschen und lehren an der Hochschule. Aus 1100 Studierenden sollen in den nächsten vier Jahren 1700 werden. Der Jahresetat liegt bei rund 20 Millionen Euro.

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Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Hochmut oder Angst vor neuen Ideen

Aus den Kommentaren lese ich doch sehr viel Hochmut und Angst vor neuen Ideen. Hier hat der Wissenschaftsrat aber einmal Mut gezeigt und wird sicherlich bestätigt werden. Die Hochschule existiert seit 1872 und ist weltweit in der Wissenschaftsgemeinde seit Jahrzehnten vernetzt (als Forschungsanstalt Geisenheim). 2500 organisierte Alumni bilden den Praxisbezug - sehr erfolgreich, das kennt jeder, der u.a. die internationale Weinwirtchaft beobachtet. In Entwicklung sind u.a. das Geisenheimer FACE (free air carbon dioxide enrichment)-Systems für Sonderkulturen mit Einbindung anderer Universitäten oder das Gebiet Mathematical Modeling and Simulation - Introduction for Scientists and Engineers...

Zur University - der Namen ist Hochschule Geisenheim - Geisenheim University, sprich Hochschule GEISENHEIM University - so finden die internationalen Partneruniversitäten die Geisenheimer Hochschule z.B. im Internet nicht als "High School".

Eine Universität will/kann Geisenheim nicht sein, aber die Qualität einer Universität in Forschung und Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses und die Qualität einer Fachhochschule in Bildung für die zukunftsgewandte Praxis, die hat Geisenheim bereits bewiesen und wird diese unter einerm Dach noch deutlicher präsentieren können. Dafür herzlichen Dank dem Wissenschaftrat und der hessischen Landesregierung.