Politische HochschulgruppenDie Qual der Uni-Wahl

Gehört der Kapitalismus abgeschafft? Die Debatten in Hochschulgruppen sind oft ermüdend. Doch einige lassen sich nicht entmutigen und treten an, die Uni zu verändern. von 

Stephan Reinisch von den Jusos verteilt vor der Uniwahl Flyer seiner Partei.

Stephan Reinisch von den Jusos verteilt vor der Uniwahl Flyer seiner Partei.  |  © Birk Grüling

Es ist kein schönes Wahlkampfwetter. Nass und grau hängt der Tag über der Leibniz Universität Hannover. Nur vereinzelt huschen Studenten, verpackt in Mütze und Schal, über den Campus. Stephan Reinisch hält einen Stapel Flyer in der Hand, unter seinem schwarzen Mantel leuchtet sein SPD-roter Pullover. Lächelnd geht er auf zwei Mädchen zu. "Nächste Woche sind Uniwahlen." Artig nehmen beide das rote Faltblatt der Juso-Hochschulgruppe und verschwinden in der Hauptmensa. Das Angebot, über politische Themen zu sprechen, bei einem Pappbecher Kaffee und einem Croissant aus dem Zehnerpack, bleibt ungehört. "Hochschulwahlen im Januar sind undankbar, aber wir hatten schon schlimmeres Wetter", zuckt der 20-Jährige mit den Schultern.

Von schlechtem Wetter oder schlechten Wahlprognosen lässt er sich nicht entmutigen. In den letzten Tagen vor den Uniwahlen wird es noch rund ein Dutzend ihrer Wahlstände geben. Morgens vor dem Vorlesungsbeginn, mittags vor der Mensa und am Abend, wenn die Studenten müde aus der Uni strömen.

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Die meisten der knapp 23.000 Studenten werden trotzdem Nichtwähler bleiben. Eine Wahlbeteiligung von knapp 15 Prozent wäre ein Erfolg. "An diesem Umstand werden wir nichts ändern können. Es gibt Aufrufe bei Facebook, eine Erinnerung im Hochschulverteiler und überall Wahlplakate", sagt Reinisch und wirkt nicht sonderlich resigniert. Er glaubt an den Sinn der Beteiligung. "Wir Studenten haben mehr Einflussmöglichkeiten und Macht, als die meisten ahnen."

15 Prozent Wahlbeteiligung wären ein Erfolg

Der angehende Wirtschaftsingenieur sitzt selbst als einer von zwei Studentenvertretern im Senat der Hochschule und hat dort auch Stimmrecht bei Etatentscheidungen, immerhin derzeit knapp 384 Millionen Euro. Andere Institutionen wie der Asta und der studentische Rat nehmen Einfluss auf Dinge wie die Gestaltung des Semestertickets.

Nach Erfolgen der Juso-Hochschulpolitik gefragt, zögert Reinisch etwas. "Wir müssen zwischen Realpolitik und Grundsatzdebatten unterscheiden." Realpolitik an der Hochschule, das bedeutet Kampf um längere Bibliotheksöffnungszeiten, mehr Fahrradständer und größere Portionen in der Mensa. Bei Grundsatzdebatten geht es um mehr Mitbestimmung, neue Wohnheime oder die Einschränkung von militärischer Forschung. Dinge eben, die man nicht sofort ändern, bei denen man aber wichtige Diskussionen anstoßen könne, sagt Reinisch.

Leserkommentare
    • Acaloth
    • 14. Januar 2013 15:17 Uhr
    1. ......

    Die Politik an Hochschulen sollte sich auch an Hochschulproblemen orientieren, Debatten über den Kapitalismus sind völlig fehl am Platz und wohl auch Grund für die niedrige Wahlbeteiligung.

    Ganz abgesehen davon vertrete ich die Ansicht das man den Unis das Recht nehmen sollte diverse Forschungzweige zu verbieten, die Unis sind immer noch staatliche Einrichtungen, wie sie aussehen können sie gerne selber entscheiden und wie lange die Bibliothek offen hat, aber was geforscht wird ist nicht ihre Baustelle sondern da sollte der Staat die Ansagen machen.

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    • hurt
    • 14. Januar 2013 16:52 Uhr

    "Die Politik an Hochschulen sollte sich auch an Hochschulproblemen orientieren, Debatten über den Kapitalismus sind völlig fehl am Platz und wohl auch Grund für die niedrige Wahlbeteiligung."

    Das ist danach zu entscheiden, ob die jeweilige studentische Vertretung auch ein allgemeinpolitisches Mandat hat oder nicht. Der Grund für die niedrige Wahlbeteiligung ist eher darin zu suchen, dass die Arbeit der studentischen Vertretungen den meisten Studenten leider sonstwo vorbei geht. Kurz gesagt: HoPo ist meistens recht langweilig (wenn auch wichtig).

    "Ganz abgesehen davon vertrete ich die Ansicht das man den Unis das Recht nehmen sollte diverse Forschungzweige zu verbieten, die Unis sind immer noch staatliche Einrichtungen, wie sie aussehen können sie gerne selber entscheiden und wie lange die Bibliothek offen hat, aber was geforscht wird ist nicht ihre Baustelle sondern da sollte der Staat die Ansagen machen."

    Sollte er ganz bestimmt nicht. Die Forschungsfreiheit wird in Art. 5 GG garantiert und ist damit ein sehr hoch zu bewertendes Grundrecht. Eine Universität, ein Institut oder ein Wissenschaftler kann für sich beschließen, z.B. keine militärische Forschung zu betreiben, der Staat darf jedoch keinen Wissenschaftler dazu zwingen, eben solche Forschung zu betreiben.

  1. Ich habe zehn Semester in Trier studiert. Ein guter Freund von mir war sogar für ein Semester Asta-Sprecher. Mich hat nicht das tatsächlich schwer durchschaubare System abgeschreckt, sondern die "Vertreter der Hochschulpolitik". Es handelte sich zum aller größten Teil um arrogante, weltfremde Typen, die meinten, per Stupa-Beschluss den Irakkrieg stoppen zu können. Aber diese Haltung, sich selbst profilieren zu wollen, um "den Großen ans Bein zu pinkeln" und im Mikrokosmos Universität die eigene Utopie (die so gar nichts mit dem ursprünglichen Konzept zu tun hatte), zu erschaffen, zog sich quer durch alle Lager. Den RCDS habe ich nur mal gesehen als Schröder eine Rede vor der Porta Nigra gehalten hat. Unvergesslich ist mir auch, wie sich ein NPD-Mitglied über die Juso-Liste hat wählen lassen, um sich dann zu outen. Der polemische Teil in mir ist versucht zu sagen, dass die Hochschulpolitik also offenbar großartig auf die echte Politik vorbereitet. Schon wenn ich daran denke, dass der mit zehn Prozent der wahlberechtigten Stimmen gewählte Asta vermutlich noch immer glaubt, die Uni sollte Karl-Marx-Uni heißen und entsprechende Taschen und ähnliches verkauft. Irgendwie finde ich nicht mal die große Politik so abschreckend. Die hat zumindest noch ein Hauch Gefühl dafür, dass sie ihre Handlungen zu rechtfertigen hat. Ich bin eigentlich wirklich an politischen Prozessen interessiert, aber meine Erfahrungen mit Hochschulpolitik führten ganz schnell zu Politikverdrossenheit.

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  2. Grund für niedrige Wahlbeteiligung sind einfach nur Blödheit, Trägheit und Egoismus.
    Die gleichen Gründe also warum Debatten über Abschaffung des Kapitalismus sinnlos sind. Es ist viel einfacher die Hoffnung darauf fahren zu lassen, einfach so weiter zu machen, und eventuell mal Tickets für irgendwas neu zu konzipieren. Das muss doch reichen zum Glück, wir leben ja schon in der besten aller Gesellschaften, wie auch unser BuPrä predigt.
    Die Geschichte ist zu Ende, ausser es schlägt mal ein Komet ein.

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    Beschäftigung mit und in der Politik ist Verschwendung von wertvoller Lebenszeit. Wer Einfluss nehmen will, muss in die Gremien, Verbände, Interessensgruppen gehen, die die Macht haben was zu verändern. Politik setzt nur das um, was die jeweiligen Inhaber von Macht vorgeben.

    • TAR86
    • 14. Januar 2013 16:07 Uhr

    In dem Artikel kommen die Juso-HSG und der RCDS vor. Ok, in dubio pro porz, aber relevanter sind da vllt. doch die grünen Listen.

    Als deutlich relevanter und der Lebenswirklichkeit der Studierenden näher habe ich allerdings ohnehin die Fachschaftsvertretungen wahrgenommen.

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  3. Beschäftigung mit und in der Politik ist Verschwendung von wertvoller Lebenszeit. Wer Einfluss nehmen will, muss in die Gremien, Verbände, Interessensgruppen gehen, die die Macht haben was zu verändern. Politik setzt nur das um, was die jeweiligen Inhaber von Macht vorgeben.

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    • js.b
    • 14. Januar 2013 17:19 Uhr

    Wer in diesen Tagen durch Berlin-Dahlem spaziert und die an die Bäume gepinnten Aushänge diverser offenbar radikal-linker Gruppen und Grupp_innen liest, muss entweder laut lachen oder laut weinen. Leider nimmt man vor allem solche Pamphlete als das war, was heute mit "studentischer Mitbestimmung" gemeint ist. Ich kann gut verstehen, dass viele daran kein Interesse haben und statt dessen lieber - studieren.

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  4. Wenn sie Glück haben, liegt die Wahlbeteiligung bei 15% ? Haben die werten Studenten, im Politik oder Sowi Unterricht nichts über die Demokratie gelernt, schätzen sie nicht ihr Glück, das eigene Glück ein Stück weit selbst in der Hand zu haben ? Wenn ich mir vorstelle, dass in 30 Jahren bei der Bundestagswahl solch eine niedrige Wahlbeteiligung zustande kommen würde, (was wahrscheinlich nicht passiert), dann würde ich mich auch in den Regen stellen, um zu einem passablen Ergebnis zu kommen. Natürlich kann man eine Universität nicht mit der gesamten Bundesrepublik Deutschland vergleichen, jedoch spiegelt sich ein gewisses Bild der Gesellschaft schon im Studentenalter ab.

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  • Schlagworte Junge Union | Facebook | Jusos | Mensa | Student
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