Fall SchavanFortgesetzte Rufschädigung

Die Uni Düsseldorf findet immer noch keine klaren Worte im Fall von Bildungsministerin Schavan. Das Chaos geht weiter, kommentiert Ruben Karschnick. von 

Hat Annette Schavan plagiiert oder nicht? Nachdem der Promotionsausschuss der Universität Düsseldorf diese Frage einstimmig mit Ja beantwortet hatte, beriet am Dienstag der 15-köpfige Fakultätsrat. Doch wer auf eine endgültige Antwort gehofft hatte, wurde enttäuscht.

Zwar kündigte der Vorsitzende des Fakultätsrates an, ein Verfahren zur Aberkennung des Doktortitels werde eingeleitet. Doch im gleichen Atemzug sagte er: "Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass das Verfahren ergebnisoffen ist." Genau wie in den vergangenen neun Monaten seit Bekanntwerden der Vorwürfe findet die Universität also keine klaren Worte im Fall Schavan.

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Neun Monate lang hält die Uni Düsseldorf die Bildungsministerin nun schon davon ab, anständig ihren Job zu machen. Egal wo sie auftritt: Sie ist nicht mehr nur Ministerin, sie ist immer auch des Plagiierens verdächtigt. Dabei ist nichts erwiesen und kein Urteil ist gefällt.

Dazu kommt, dass das Verfahren einem Chaos gleicht. In regelmäßigen Abständen gelangen vertrauliche Informationen nach außen. Besonders brisant war die Lage im vergangenen Oktober, als ein geheimes Papier bekannt wurde, demzufolge der Düsseldorfer Gutachter eine "leitende Täuschungsabsicht" in Schavans Dissertation feststellt. Rechtlich laufe das Verfahren zwar korrekt, urteilte jüngst ein anderer Gutachter. Doch die vielen Pannen bieten Anlass genug, schnellstmöglich Klarheit zu schaffen und das Verfahren nicht unnötig in die Länge zu ziehen.

Was ist so schwierig daran, eine Entscheidung zu treffen?

Klar, der Fall Schavan ist nicht in einer Woche abzuhaken, so wie der unstrittige Fall Guttenberg. Das haben die Debatten der vergangenen Monate gezeigt: Es gibt plausible Argumente für und wider eine Aberkennung des Titels. Richtig oder falsch sind hier nicht die richtigen Kategorien. Letztlich hängt die Entscheidung davon ab, wie die Universität einzelne Faktoren auslegt: Berücksichtigt sie die gängigen Arbeitsweisen von vor 30 Jahren, als Schavan die Arbeit schrieb? Geht sie von Fahrlässigkeit aus oder unterstellt sie Absicht?

Ruben Karschnick
Ruben Karschnick

ist Redakteur im Ressort Studium bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Allerdings: Zu diesen und anderen Fragen haben sich in den vergangenen Monaten Dutzende Experten zu Wort gemeldet. Alle Argumente sind genannt. Was ist so schwierig daran, eine Entscheidung zu treffen?

Heute hätte die Uni Düsseldorf die Gelegenheit gehabt, Stellung zu beziehen. Stattdessen verlängert sie das Chaos künstlich. Doch ob sie nun plagiiert hat oder nicht: Schavan verdient, redlich behandelt zu werden. "Ich werde kämpfen", hatte sie im vergangenen Oktober angekündigt. Nun aber bleiben ihr die Hände gebunden. Gegen den Verlust ihres Doktortitels kann sie schließlich erst angehen, wenn ihr den ernsthaft jemand entziehen will. Stattdessen sieht sie sich einer fortgesetzten Rufschädigung ausgesetzt.

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Leserkommentare
  1. auch kein Chaos orten. Die verbalen Umschreibungen für diesen Sachverhalt vom Autor finde ich hier auch schon zu voreilig, beziehungsweise zu parteiisch. Denn mich würde mal interessieren, was noch an Infos, ausser denen am Anfang, der Komission noch entglitten sein sollen. Da sollte mehr präzisiert werden vom Autor und belegt werden, denn in der Suggestion liegt auch eine kreative, ich möchte sogar sagen schöpferische Kraft. Das wird der Autor, oder sagen wir lieber sollte er wissen, oder?

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  2. Sie hätte nichts davon, sie sichert sich nur umständlich ab, um im zu erwartenden Gerichtsverfahren alle Prüfungen des Entzugs rechtlich wasserdicht zu machen.
    Wer dabei Rufschädigung unterstellt, hatte noch nie mit exzellenten Rechtsanwälten zu tun. Hätte Frau Schavan keine Fehler gemacht, gäbe es kein solches Hick-Hack, so einfach ist die Situation.

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  3. Die Forderung einer Frist, nach der die Aberkennung von erbrachten akademischen Leistungen aufgrund von Täuschung und Betrug nicht mehr möglich sein soll, erschließt sich mir nur dahingehen logisch, als das der Forder vielleicht selbst ein paar Leichen im Keller versteckt haben mag, oder gar um sein Pöstchen bangt.

    Eure
    Gute Nacht

    Antwort auf "Sehr guter Kommentar"
  4. dürfte hier die völlig falsche Betrachtungsweise sein. Vor 30 Jahren habe alle Doktoranden so wie Frau Schavan gearbeitet: ohne Computer, wahrscheinlich mit Karteikarten und mit Sicherheit nicht mit allem verfügbaren Material. Es ist schlicht nicht mir der heutigen Arbeitsweise zu vergleichen! Die UNI Düsseldorf hat sich wahrscheinlich daran erinnert, dass es vor einigen Jahrzehnten IBM die ersten Computer herausgebracht haben, die unglaublich viel Geld kosteten! Es waren zu dem Zeitpunkt aber noch keine Datenbanken digitalisiert- ein heutiger Vergeich mit vielen Disertationen aus dieser Zeit würde sehr viele Probleme generieren. Ich frage mich ernsthaft, wo bleibt der gesunde Menschenverstand der Verantwortlichen?

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    "ein heutiger Vergeich mit vielen Disertationen aus dieser Zeit würde sehr viele Probleme generieren."

    Haben Sie dafür einen Nachweis, oder ist das einfach eine so aus dem Bauch, resp. des von ihnen zitierten "gesunden Menschenverstandes" Behauptung ?

  5. 133. So, so

    "ein heutiger Vergeich mit vielen Disertationen aus dieser Zeit würde sehr viele Probleme generieren."

    Haben Sie dafür einen Nachweis, oder ist das einfach eine so aus dem Bauch, resp. des von ihnen zitierten "gesunden Menschenverstandes" Behauptung ?

    Antwort auf "Schwarz oder Weiß...."
  6. Sehr gut kommentiert.

    Es gilt zudem ja anzumerken, dass Frau Schavan sicher eine der Vertrauten der Kanzlerin sein mag und hier hohes Ansehen genießt, aber mit Ihrer eigenen Art der Kritikresistenz (ich meine dies auch schon vor der Debatte um den Dr. Titel gesehen zu haben) und des, nicht vergessenen, arroganten Kommentierens des ehem. Verteidigungsministers, gepaart mit einer gewissen Art der Farblosigkeit im Amt, gehört die Ministerin sicher nicht zu den beliebtesten Politikern. Und dies ist, neben der Eignung, auch eine Größe für das Amt.

    Dazu gilt es die Frage zu stellen, wer in die Politik geht - meistens ja keine Personen die in Wirtschaft oder Forschung erfolgreich sind. Quereinsteiger sind bei den Parteien, deren Akteure jahrelang nach oben kämpfen, zudem nicht willkommen.
    Der Dr.-Titel ist ferner der Adelstitel des Bürgertums. Einem Dr. widerspricht man ungern, einem Prof. nie. So gesehen gilt es wohl die Erlangung des Grades grundsätzlich zu überprüfen, auch z.B. in der Medizin.

    Aber selbst wenn die Ministerin zurücktritt: Sie wird dann, wie nun auch geplant bei Wulff oder geschehen bei Oettinger oder Koch-Mehrin, in der EU irgendwas, da halten sicher die Seilschaften. Wer nichts kann oder nichts mehr wird kommt (bestentlohnt) nach Brüssel, das interessiert die Bürger eh nicht und hier kann dann farblos weiter agiert werden.

    Es mag also Rufschädigung sein, aber eine Bestbesetzung für das eigentlich sehr wichtige Amt ist es nicht.

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    Antwort auf "Rufschädigung?"
  7. BITTE zeigen Sie mir die Promotionsordnung von 1980 (oder sonstwann), die nicht kenntlich gemachtes Zitieren aus zweiter Hand zulässt.

    BEHAUPTEN kann jeder alles, Wissenschaftlichkeit beginnt mit BELEGEN, also belegen Sie Ihre Behauptung.

    GRUNDSÄTZLICH: Unterhalb der diversen Formulierungsversionen gibt es sehr wohl ein zeit- und fächerübergreifendes Verständnis von Wissenschaftlichkeit. Das Problem ist auch nicht, ob jemand nach dieser oder jener Methode zitiert, sondern ob es ÜBERPRPÜFBAR und KORREKT geschieht. Das hat nichts mit Variationen der Prüfungsordnungen zu tun.

    Und dann das Aufgabenfeld der Ministerin. Zum einen habe ich angesichts der von ihr ausgegebenen Gelder für Programme, die massiv in die Struktur der Wissenschaft eingreifen, nicht den Eindruck, dass Frau Schavan ihr Amt so versteht, als wollte sie aus Rücksicht auf die Wissenschaft sich jeder eigenen Äußerung enthalten.

    Hauptsächlich aber ist sie als Bildungsministerin an einer auch symbolisch zentralen Stelle postiert, an der sie zwangsläufig Vorbildfunktion hat. Angesichts der Verunsicherung, die ihr Fall hervorruft, wäre es ihre Aufgabe ALS MINISTERIN ein klärendes Wort zu sagen - hält sie ihre Arbeitsweise für vorbildlich oder nicht? Warum?

    Die kleinen Mittelbausklaven an den Unis (so sie vnoch als Menschen angesehen werden) müssen Studierenden Rede und Antwort stehen, die sagen "Aber die Frau Ministerin hat..."

    Hier ein klares Wort zu sprechen, wäre ein Zeichen für GEWISSEN und VERANTWORTUNG.

    3 Leserempfehlungen
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    Wenn Sie wissen wollen was seinerzeit Usus war, werden Sie sich wohl die Mühe machen müssen auch die anderen Dissertationen die seinerzeit in Düsseldorf verfasst wurden, auf derlei Unregelmäßigkeiten zu durchleuchten. War das, was Frau Schavan gemacht hat, seinerzeit gängige Praxis oder nicht? Falls ja, fällt dies auf die Fakultät zurück, da sie sich selbst nicht an ihre eigenen Standards zur Qualitätssicherung gehalten hat - seinerzeit.

    • Jappie
    • 13. Februar 2013 15:08 Uhr

    > BITTE zeigen Sie mir die Promotionsordnung von
    > 1980 (oder sonstwann), die nicht kenntlich
    > gemachtes Zitieren aus zweiter Hand zulässt.
    Dazu bedarf es keiner Promotionsordnung - ein simples Alltagsbeispiel reicht.
    Beispiel: Ich schreibe in einem Text *Die Erde ist keine Scheibe.*.
    Und, soll ich da nach Ihren Maßstäben eine Quelle anfügen, die das belegt? Oder ist das Allgemeinwissen, das keines Belegs bedarf?
    Ebenso ist es in universitären Arbeiten: Im Fachgebiet anerkanntes Standardwissen (auch als sog. Lehrbuchwissen bezeichnet) muss in Texten, die in diesem Bereich inhaltlich angesiedelt sind, einerseits im Text abgehandelt werden, andererseits darf keine Quelle genannt werden. Es ist in den Fachkreisen, für die der Text bestimmt ist, ja Gemeingut.

    Aber: Das weis jeder Mensch, der an Unis gearbeitet und wissenshcaftlich publiziert hat.

  8. Wenn Sie wissen wollen was seinerzeit Usus war, werden Sie sich wohl die Mühe machen müssen auch die anderen Dissertationen die seinerzeit in Düsseldorf verfasst wurden, auf derlei Unregelmäßigkeiten zu durchleuchten. War das, was Frau Schavan gemacht hat, seinerzeit gängige Praxis oder nicht? Falls ja, fällt dies auf die Fakultät zurück, da sie sich selbst nicht an ihre eigenen Standards zur Qualitätssicherung gehalten hat - seinerzeit.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ojehminjeh"
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    schlechte Betreuung auf die Uni zurück. Ich hätte nichts gegen ein Parallelverfahren auch gegen zu großzügige Verschenker ungerechtfertigter Titel. Einverstanden!

    Aber was hat das jetzt mit meiner Feststellung zu tun, dass ich es bedaure, dass die amtierende Bildungsministerin angesichts sich häufender Plagiatsfälle dazu KEIN WORT verliert?

    Verstehen Sie, dass dies als höhnische VERACHTUNG des blöden Fußvolks durch die heiligen Mächtigen wahrgenommen werden kann?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Annette Schavan | Chaos | Debatte | Dissertation | Doktortitel | Karl-Theodor zu Guttenberg
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