Worüber streitet die Wissenschaft?

Anders als alle anderen Politiker unter Plagiatsverdacht wie Guttenberg, Chatzimarkakis, Koch-Mehrin oder Mathiopoulos fand Schavan sofort Fürsprecher von hohem wissenschaftlichen Prestige. So warnte der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, der Berufsvertretung der Uniprofessoren, schon Anfang Mai vorigen Jahres vor einer Vorverurteilung. Der frühere Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Humboldt-Stiftung, Wolfgang Frühwald, attestierte der Doktorandin, mit Entlehnungen sehr behutsam umgegangen zu sein. Der Konstanzer Germanist und ehemalige Unirektor Gerhart von Graevenitz sprach vom "Eisbergzitat" als allgemein üblichem Quellenverweis: eine herausragende Spitze des Zitats wird kenntlich gemacht, vieles mehr davon bleibt sozusagen unter Wasser unsichtbar. Für Erziehungswissenschaftler Dietrich Benner und Heinz-Elmar Tenorth können "Zitierfehler" wie in diesem Falle eine Doktorarbeit nicht gänzlich zu Fall bringen. Die lose "Allianz der Wissenschaftsorganisationen" mit der Hochschulrektorenkonferenz und beispielsweise auch der Max-Planck-Gesellschaft fordert, die historischen Entstehungsbedingungen einer Dissertation zu berücksichtigen. Das heißt: was heute gilt, muss nicht schon vor dreißig oder mehr Jahren Standard gewesen sein.

Anders sieht das etwa der Münchener Rechtsprofessor Volker Rieble, Verfasser eines Standardwerks über das "Wissenschaftsplagiat". Er stellt fest: "Wenn die Textstellen auf schavanplag korrekt wiedergegeben wurden, dann reicht das nach der geltenden Rechtsprechung für einen Promotionsentzug."

Was wird aus Schavan, sollte die Uni den Doktortitel entziehen?

Die Ministerin könnte gegen den Beschluss vor Gericht ziehen und bliebe zumindest solange Doktor, bis ein rechtskräftiges Urteil gegen sie ergeht. Sollte sie ihren Doktortitel verlieren, ist auch Schavans Professorentitel von der Freien Universität Berlin schwerlich zu halten. Dass zeigen etwa Entscheidungen der Unis Braunschweig und Potsdam in ähnlichen Fällen. Aber auch der Namenszusatz Prof. könnte vor Gericht verteidigt werden. Welche Auswirkungen ein Entzug des Doktortitels auf Schavans politische Karriere hätte, ist schwer abzuschätzen. Einem Bericht zufolge erhält sie Rückendeckung aus dem Kanzleramt. Ihr Wahlkreis will sie am Freitag erneut zur Kandidatin für die nächste Bundestagswahl küren. Unabhängig davon, wie die Uni entscheidet.

Hinweis: Dieser Text wurde am 5. Februar auf den neuesten Stand gebracht.