Plagiatsaffäre Was Sie über den Fall Schavan wissen müssen
Der Fakultätsrat berät, ob er der Bundesbildungsministerin ihren Doktortitel aberkennen will. Worüber wird genau gestritten? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
© Sean Gallup/Getty Images

Bildungsministerin Annette Schavan
Keine Plagiatsaffäre wird in der Öffentlichkeit schon so lange und breit diskutiert wie die um Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Erste Vorwürfe gegen ihre Doktorarbeit Person und Gewissen aus dem Jahr 1980 tauchten im Mai 2012 auf der Internetplattform schavanplag auf. Kurz zuvor hatten Plagiatsjäger der Webseite vroniplag ihre Funde als unbedeutend eingestuft und auf eine Veröffentlichung verzichtet.
Am Nachmittag kommt der Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf zusammen und berät, ob er ein Verfahren zum Entzug des Doktortitels von Annette Schavan eröffnet. Wir fassen zusammen, worüber genau gestritten wird.
Wie kam die Plagiatsaffäre ins Rollen?
Ein Plagiatsjäger von schavanplag mit dem Pseudonym Robert Schmidt machte seine Vorwürfe Anfang Mai letzten Jahres öffentlich. Zu seinen Beweggründen sagte er in einem Interview: "Bei mir ist es sowohl das Motiv des Spaßes an der Detektivarbeit als auch das Motiv, dass Leute mit einem akademischen Betrug nach Möglichkeit nicht durchkommen sollten." Zusätzliche Brisanz bekamen die Vorwürfe, da Schavan die Plagiatsaffäre ihres damaligen Ministerkollegen zu Guttenberg selbstsicher kommentiert hatte: "Als jemand, der selbst promoviert hat, schäme ich mich nicht nur heimlich." Unvergessen ist auch das Pressefoto vom selben Tag, auf dem Schavan mit der Bundeskanzlerin anscheinend über eine SMS zum kurz bevorstehenden Rücktritt zu Guttenbergs schmunzelte.
Wie reagierte die Uni Düsseldorf auf die Plagiatsvorwürfe?
Der Dekan der Philosophischen Fakultät schaltete den Promotionsausschuss ein. Für diesen verfasste der Judaistikprofessor Stefan Rohrbacher einen "Sachstandsbericht", der aufgrund von Textvergleichen mit älterer Literatur Schavan eine "leitende Täuschungsabsicht" vorhält. Das Gutachten stammt vom vergangen September und wurde im Oktober in der Presse bekannt. Nach einer unbestätigten Meldung der Süddeutschen Zeitung soll der Promotionsausschuss den Täuschungsvorwurf inzwischen abgeschwächt haben, aber der Philosophischen Fakultät trotzdem den Titelentzug raten. Die Doktorandin habe "Verstöße gegen Zitierregeln in Kauf genommen", also schludrig gearbeitet. Dieser Unterschied könnte aber entscheidend sein: Nur wenn die Täuschungsabsicht nachgewiesen ist, kann der Titel entzogen werden.
Wie reagiert Schavan selbst auf die Vorwürfe?
Annette Schavan sagt, "nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet" zu haben. Den Verdacht eines absichtlichen Betrugs ihrer Prüfer und der akademischen Öffentlichkeit weist sie entschieden zurück, ohne einzelne Flüchtigkeitsfehler oder Versehen beim Zitieren zu leugnen.
- Datum 22.01.2013 - 13:51 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Es wäre an der Zeit, einmal eine wirklich selbstkritische Debatte zum wissenschaftlichen Betrieb zu führen. In Deutschland werden pro Jahr ca. 25.000 Promotionsverfahren abgeschlossen, der dadurch enstehende Bücherberg wird ständig größer. Diesen Arbeiten müssen, glaubt man den hehren Kritikern z.B. der Arbeit von Schavan, ständig und auf jeder Seite den höchsten Ansprüchen genügen, am besten sind sie dabei auch noch originell, wegweisend und bahnbrechend. Anderenfalls, denken diese Bürokraten, sei kein wissenschaftlicher Wert attestierbar, sondern die Verfasser seien moralisch zu verdammen und die "erschlichenen" Titel seien ihnen zu entziehen.
In dem sturen Weltbild der Plagiatsjäger ist kein Platz für jugendliche Selbstfindung, für die Plagerei, der man sich bei einer solchen Arbeit aussetzt oder eben auch mal entzieht und auch für die kleinen Mogeleien, die man sonst im Leben überall findet.
Frau Schavan hat an einigen Stellen ihrer Arbeit zu schlampig zitiert, sich auch des einen oder anderen fremden Gedankens bedient. Doch diese Schlampereien waren nicht, anders als z.B. bei Guttenberg, das Leitmotiv ihrer Arbeit. Sie dienten eher der Aufhübschung, der kleinen Blenderei, so wie man sie überall sonst im Leben auch findet. Das kann man kritisieren. Es ist aber auch zu fragen, ob der Anspruch des hehren wissenschaftlichen Olymps, der vorgeblich die akademische Arbeit prägen soll, im Rahmen des heutigen akademischen Massenbetriebs überhaupt zu stellen ist.
Ergänzend zu Nr. 54:
Zur Überforderung der Doktorandin und ihres Doktorvaters siehe jetzt den früheren Präsidenten der Rektorenkonferenz, Turner:www.spiegel.de/spiegel/vorab/juraprofessor-turner-nimmt-in-plagiatsaffaere-annette-schavan-in-schutz-a-879864.html
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