Volksbegehren in BayernStudiengebühren sind die Zukunft

Ein Bundesland nach dem anderen schafft die Gebühr ab. Doch solange Friseure für ihren Meister zahlen müssen, ist ein kostenloses Studium ungerecht, meint R. Karschnick. von 

Mit den Studiengebühren ist es wie mit dem Treibstoff E10. Eingeführt als wegweisend für die Zukunft wurden sie bald schon wegen allerlei Ungereimtheiten kritisiert und schließlich als Schnapsidee empfunden.

Auch Bayern ist nun dort angekommen: Das Volksbegehren gegen die Gebühren konnte offenbar genügend Unterschriften sammeln. Das Ende der Pflichtzahlung ist so gut wie besiegelt. Das letzte Gebührenland ist Niedersachsen und auch dort steht die Regel nach dem Regierungswechsel auf der Kippe. Innerhalb von nur sieben Jahren wurde die Gebühr quer durch Deutschland beschlossen und wieder abgeschafft.

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Sind Studiengebühren also ein Auslaufmodell? Das wäre zu einfach. Genau wie wir alternative Treibstoffe brauchen, benötigen die Hochschulen dringend ein Finanzierungsmodell, das die Qualität in Zeiten stark wachsender Studentenzahlen sicherstellt.

Das schafft man nicht, indem man ein Chaos anrichtet, wie die deutschen Studenten es in der Vergangenheit erleben mussten. Zurecht wird kritisiert, dass das Geld der Studenten für fragwürdige Zwecke eingesetzt oder einfach nur gebunkert wurde; es gibt Bedenken, dass die Gebühr Ärmere vom Studieren abhalte. Dazu konnte niemand so richtig nachweisen, dass sich die Situation an den Hochschulen wirklich verbesserte.

Wieso kommt das Geld nicht vom Staat?

Mancherorts öffnete zwar die Bibliothek länger oder es gab zusätzliche Tutorien. Doch die Frage bleibt: Wieso brauchen wir dafür Studiengebühren? Wieso zahlt nicht der Staat? Gerade in einem Land wie Deutschland, das im internationalen Wettbewerb nur mit exzellent ausgebildeten Akademikern bestehen wird.

Doch so romantisch die Vorstellung des Staatsauftrags "Bildung für alle!" klingt, so weit sind wir davon entfernt. Nicht nur für die Kita müssen Eltern inzwischen bezahlen, sondern auch jeder, der etwa seinen Meister in einem Handwerksberuf machen will. Bildung ist heute ein privates Investment. Ob das eine gute Idee ist, steht auf einem anderen Blatt. Solange aber Friseure, Mechaniker und Schreiner ihre Ausbildung selbst finanzieren müssen, ist es ungerecht, ein Studium kostenlos anzubieten.

Ruben Karschnick
Ruben Karschnick

ist Redakteur im Ressort Studium bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Einige Privat-Universitäten zeigen, wie ein gerechtes Gebührenmodell aussehen könnte: Die Studenten schließen einen umgekehrten Generationenvertrag ab, vergleichbar mit der Bafög-Rückzahlung. So müssen die Studenten die Studiengebühren erst nach dem Abschluss bezahlen. Vor allem aber sind sie erst fällig, wenn der Absolvent über ein gesichertes Einkommen in einer bestimmten Höhe verfügt. Man zahlt erst, wenn sich das Studium für einen auszahlt.

Die Studiengebühren in ihrer heutigen Form sind gescheitert – das ist gut so. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis die klammen Hochschulen die Studiengebühren wieder zur Diskussion stellen werden. Dann müssen die Politiker aus dem aktuellen Desaster lernen und ein neues Modell entwickeln. Elektromobilität statt E10.
 

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Leserkommentare
    • 15thMD
    • 30. Januar 2013 17:55 Uhr
    73. Bremen.

    Das System gibt es in Bremen auch. nach 14 Semestern muss gezahlt werden und das halte ich auch für sinnvoll. Aber vom ersten Semester an ist einfach eine Frechheit.

    Wir sind doch lange genug mit der Solidargemeinschaft gut gefahren. Warum das jetzt plötzlich alles mit Hartz 4, Studiengebühren etc. weggeworfen wird, verstehe ich nicht.

    In Zukunft werden wir sie sowieso wieder brauchen, die Gemeinschaft. Oder glaubt hier wirklich noch jemand an das Ziel Vollbeschäftigung?

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Österreich"
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    Wer 14 Semester studiert, macht irgendwas falsch.

  1. Als ich die Headline sah, dachte ich zuerst ... du meine Güte, nun hat sich die Politik entschieden, in Bayern wird noch gekämpft und der nächstbeste (Herr Ruben Karschnick bitte nicht persönlich nehmen) muss erst mal gegenwettern. Das ist so mies, so aufreibend, so unangebracht. Dieses Hin- und Herreformieren geht mir sowas von auf den SackReis. Ohne Stetigkeit wird kaum noch etwas zum Wachsen gebracht werden hier. Und ich finde diese Diskussion jetzt wieder loszutreten einfach nur anstoßend, unangenehm, also alles auf einer emotionalen Ebene angesiedelt.

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    entwder abstoßend oder anstößig <-- beides richtiger, als was ich zuerst schrieb.

  2. in meinem Umfeld im Monat zur Verfügung. Keine Kinder wohlhabender Eltern, sonder BaföG-Empfänger.

    Ein Beispiel:
    500€ BaföG, 480€ Entlohnung als Werksstudent (3. Semester Informatik für einen Arbeitstag die Woche) plus 120€ für Betreuertätigkeiten.

    Für 1100€ Netto im Monat müssen manche Leute ganz schön lange arbeiten.

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    • hurt
    • 30. Januar 2013 18:11 Uhr

    Ein Blick in die 19. Sozialerhebung des DSW offenbart, dass diese Zahlen viel zu hoch angesetzt sind. Tatsächlich liegen die durchschnittlichen monatlichen Einnahmen der Bezugsgruppe "Normalstudent" (wohnt nicht Zuhause, im Vollzeitstudium), bei Rund 750 € im Monat, der Median der Einnahmen ebenso.

    • Rudi01
    • 30. Januar 2013 18:13 Uhr

    ... konnte man nicht ohne ernste Folgen für den Studienerfolg
    - einen Tag in der Woche als Werkstudent arbeiten
    - und noch für 120 Euro mtl. irgendwo als Betreuer tätig sein,
    so wie Sie das "aus Ihrem Umfeld" beschreiben.

    Schon garnicht in der Informatik.

  3. 76. @dp80

    "Das glaube ich nun ehrlich gesagt weniger. Als Ingenieur hat man sehr gute Chancen auf einen sicheren gut bezahlten Job, so dass man einen potentiellen Studienkredit leicht abbezahlen kann."

    Wenn man risikofreudig ist - oder eine reiche Familie hat. Jeder andere wird davor zurückschrecken. Denn den Job bekomme ich nur, wenn ich das Studium auch tatsächlich mit einer vernünftigen Note abschließe. Also habe ich entweder ein großes Ego, Motto "Das Studium mach ich mit links" oder jemanden, der ohnehin bezahlt. Jeder, der sich reiflich überlegen muss, was er macht, wird seine Zweifel haben.

    "Problematischer sind die Geisteswissenschaften, die nach dem Studium eben nicht sofort gut bezahlt werden. "

    Die sind deswegen weniger problematisch, weil sich hier wesentlich mehr Zeit bietet, nebenher zu jobben. Als Chemiker habe ich aber immer ein wachsames Auge auf Kommilitonen gehabt, von denen ich wusste, dass sie nachts noch arbeiten - die Handhabung von hochentzündlichen oder sogar explosiven Stoffen bei Schlafmangel ist nicht unbedingt eine besonders beruhigende Tätigkeit. Und trägt im Extremfall auch zu weniger Absolventen bei... zumindest weniger, die aktiv in ihrem Beruf arbeiten können....

    2 Leserempfehlungen
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    • dp80
    • 30. Januar 2013 18:26 Uhr

    "Die [Geisteswissenschaften] sind deswegen weniger problematisch, weil sich hier wesentlich mehr Zeit bietet, nebenher zu jobben."

    Ich habe zwar auch keine Geisteswissenschaften studiert, aber so weit ich das mitbekomme, hat sich der Wind dort seit Bologna geändert. Irgendwie irgendwelche Seminare belegen, die Hausarbeit vielleicht dann doch nicht schreiben, 14 Semester studieren, die Abschlussarbeit ewig hinauszögern etc. ... das war mal früher.

    Dazu kommt, dass man als Geisteswissenschaftler in den Semesterferien unbezahlte Praktika macht, die später im Lebenslauf Voraussetzung für einen Job sind. Der Ingenieur oder Informatiker kommt als Werkstudent mit anständiger Bezahlung da schon viel besser unter.

    Gleiches gilt für das Jobben im Semester: Der Geisteswissenschaftler arbeitet eher als Bedienung in einer Kneipe. Der Ingenieur kann nebenbei was programmieren o.ä. - ist also auch hier besser bezahlt.

  4. entwder abstoßend oder anstößig <-- beides richtiger, als was ich zuerst schrieb.

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    • senex
    • 30. Januar 2013 18:12 Uhr

    Nebenbei bemerkt: "Bildung ist heute ein privates Investment". Obwohl der Autor sich im nachstehenden Satz von dieser Aussage distanziert, wird diese Gleichsetzung als Faktum präsentiert, was ich für gefährlich halte. Bildung ist nämlich genau dann ein privates Investment, wenn man sagt, dass es so ist. Je öfter etwas derartiges behauptet wird, desto mehr stimmt es auch. Also: Bildung im Allgemeinen und uiniversitäre Bildung im Speziellen sind kein privates Investment!

    • Rudi01
    • 30. Januar 2013 18:07 Uhr

    Sie beschweren sich darüber, dass Sie so viel "an den Staat" abführen, und dass trotzdem nicht genug Geld für die Hochschule da ist.

    Das ist so, weil in unserem schönen Deutschland die Beiträge zu den Sozialversicherungen gedeckelt sind ("Beitragsbemessungsgrenze"), zahlen _Sie_ möglicherweise 55-60% Ihres Bruttogehaltes an Steuern und Sozialabgaben, aber derjenige, der 10mal so viel verdient wie Sie, zahlt nur knapp über 43%.

    Und wenn er den größten Teil seines Einkommens aus Kapitaleinkünften erzielt, statt aus Arbeitslohn, dann sind es nur rund 30% "Abgeltungssteuer" (wenn er ehrlich versteuert und nicht gelegentlich seinen Urlaub in Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg etc. verlebt).

    Und diese 30% sind so niedrig, weil das Kapital, das scheue Reh, einfach viel, viel flexibler ist als Sie, und gaaaanz schnell ins Ausland flüchtet, wenn man es erschreckt.

    6 Leserempfehlungen
  5. Ich bin auch für Studiengebühren (Obwohl ich bald auch studieren werde!). Dennoch bin ich heute ins Rathaus gegangen, um für die Abschaffung von Studiengebühren zu unterschreiben.
    Es ist nämlich ungerecht, dass man Studiengebühren abhängig vom Bundesland (nicht) zahlen muss. Das war mein einziger Grund, gegen die Studiengebühren zu stimmen.
    Denn eine "Hürde" zum studieren sollte es meiner Meinung nach immer geben. (Damit meine ich nicht, dass Studenten nicht schon genug finanziell belastete sind.)
    Doch erst wenn wir etwas für unsere Bildung bezahlen müssen, wird sie uns doch erst richtig bewusst. Nur diejenigen, die wirklich studieren wollen und dafür bereit sind, etwas zu geben, sind ihres Studiums würdig. Sonst gibt es schnell viel zu viele Studenten, die "aus Spaß" studieren, da das Studium sowieso nichts kostet.
    Meiner Meinung nach sollten alle Bundesländer Studiengebühren einführen, dafür sollte der Betrag aber nur bei ca. 100€ liegen.

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    "Nur diejenigen, die wirklich studieren wollen und dafür bereit sind, etwas zu geben, sind ihres Studiums würdig.....[..] da das Studium sowieso nichts kostet".

    Was für eine gequirlte neoliberale---- Wer zahlt denn bei Ihnen?Schon mal überlegt, dass es Familien gibt, wo man nichts geben KANN?? Und das für Studenten pure Lebenshaltungskosten anfallen ohne jegliche Studiengebühr?

    WÜRDE an GELD festzumachen, ist so unterirdisch unmenschlich, dass mir fast mein Abendessen wieder hochkommt!

    Wenn es zuviele Studenten gibt und dies die UNis überfordert, wie wäre es dann einfach mit höherem NC; gerne auch auf alle Fächer? Oder Aufnahmeprüfungen für die einzelnen Fächer? (Gibt es z.B. in Finnland, wo man den Stoff, den man hier in den Einführungsseminaren durchnimmt, sich schon teilweise selbst aneignen und darüber eine Eintrittsprüfung ablegen muss).

    Dann würden die, die wirklich studieren wollen, nämlich etwas geben können, was auch wirklich mit dem Studium zu tun hat: Fleiß, Disziplin, Engagement, Leidenschaft für's Lernen und den gewählten Fachbereich.

    • hurt
    • 30. Januar 2013 18:11 Uhr

    Ein Blick in die 19. Sozialerhebung des DSW offenbart, dass diese Zahlen viel zu hoch angesetzt sind. Tatsächlich liegen die durchschnittlichen monatlichen Einnahmen der Bezugsgruppe "Normalstudent" (wohnt nicht Zuhause, im Vollzeitstudium), bei Rund 750 € im Monat, der Median der Einnahmen ebenso.

    5 Leserempfehlungen
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    und ich kenne auch die von Ihnen genannten Zahlen von 750€.

    Das ist sicherlich nicht in allen Fachbereichen so. Nur ist es hier für einen qualifizierten Informatik-Studenten kein Problem eine Stelle als Werksstudent zu bekommen, dabei liegt der Stundenlohn zwischen 8,50 und bis 15 € und mehr für höhere Semester.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Hochschule | Ausbildung | Bibliothek | Bildung | Chaos | Einkommen
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