Contra: Die Klausel schadet den Studierenden

Eine Zivilklausel würde die Forschungsfreiheit einschränken. Die Mitarbeiter der Universität Kassel sollten selbst entscheiden dürfen, was sie erforschen – und welche Schlüsse sie daraus ziehen. Dasselbe gilt für die Studierenden: Ich traue ihnen zu, dass sie sich selbst überlegen, wo sie ein Praktikum machen und bei welchem Unternehmen sie später einen Job annehmen. Die Universität soll freie Forschung ermöglichen, jenseits aller Ideologien.

Außerdem ist die Idee einer Zivilklausel realitätsfern. Denn viele Unternehmen sind sowohl im militärischen als auch im zivilen Bereich aktiv, das nennt man "Dual use". Wenn eine Firma ein Projekt ausschreibt, ist oft noch gar nicht klar, was mit den Forschungsergebnissen passiert und in welchem Bereich sie angewendet werden. Auch Erfindungen wie das Internet und GPS, die heute zivil genutzt werden, gehen auf Militärforschung zurück.

Dasselbe gilt für die Grundlagenforschung in allen naturwissenschaftlichen und technischen Fächern: Wenn zum Beispiel ein Chemiker neue Legierungen entwickelt, kann man diese Erkenntnisse für die Herstellung von Waffen verwenden. Man kann sie aber auch benutzen, um ein Haus zu bauen. In diesem Graubereich befänden sich viele Firmen, zum Beispiel solche, die Flugzeuge oder Satelliten herstellen. Auch ein Unternehmen wie VW dürfte nicht mehr mit der Universität kooperieren, wenn man die Klausel streng auslegen würde.

Gute Forschung lebt auch von Drittmitteln. Die Universität sollte sich bemühen, neue Gelder einzuwerben und den Studierenden damit beste Bedingungen zu bieten. An der Universität Kassel stammt bereits ein Viertel der Gelder von privaten Investoren. Mit der Klausel würden viele von ihnen abgeschreckt; auch solche, die gar keine direkte Rüstungsforschung betreiben. Wer glaubt, man könne Firmen durch eine Zivilklausel an Universitäten von der Rüstungsforschung abbringen, ist naiv: Die Unternehmen würden ihre Gelder statt an Universitäten an private Forschungsinstitute geben.

Das aber würde den Studierenden schaden. Für sie ist es eine Chance, sich schon während des Studiums zu vernetzen und zum Beispiel ihre Diplomarbeit in einer Firma zu schreiben – natürlich nur, wenn sie das wollen und mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Ich finde es wichtig, dass eine Universität in der Gesellschaft verankert ist. Dazu gehört eben in einer Stadt wie Kassel auch die Rüstungsindustrie. Ich spreche mich nicht gegen Frieden aus. Sonden für die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen.