Wissenschaft : "Ein Prüfer muss nicht jede Fußnote nachschlagen"
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"Es sind immer Menschen, die die Noten geben"

ZEIT ONLINE: Laut dem Statistischen Bundesamt sind im Jahr 2011 nur sechs von 26.987 Promovenden durchgefallen. Werden Promotionen einfach durchgedrückt?

Löwer: Die Zahl überrascht mich nicht, denn sie lässt die ganzen Abbrecher außer Acht: Ich schätze, dass mindestens ein Drittel der Doktoranden die Promotion nicht zu Ende führen – und das ist noch vorsichtig geschätzt. Das liegt unter anderem daran, dass Dissertationen intensiv betreut werden. Im Gegensatz zu etwa einer studentischen Hausarbeit bekommt der Doktorvater keine komplett unbekannte Arbeit auf den Tisch gelegt. Meist hat er schon während der Entstehungsphase eine recht genaue Vorstellung davon, woran der Promovend arbeitet und wie dessen Arbeitsfortschritte verlaufen. Wenn die Arbeit in die falsche Richtung zu gehen oder schlecht zu werden droht, kann das im Gespräch zwischen Doktorvater und Promovend geklärt werden.

ZEIT ONLINE: Besteht da nicht die Gefahr, dass der Gutachter bei der Bewertung der Dissertation befangen ist?

Löwer: Es sind immer Menschen, die die Noten geben. Vor allem bei der mündlichen Promotionsprüfung ist es schwierig, sich für seinen Doktoranden nicht persönlich verantwortlich zu fühlen. Wenn er es in der Prüfung nicht gepackt hat, muss sich der Doktorvater danach eingestehen: Ich habe es auch nicht gepackt. Denn man hat seinen Doktoranden schließlich die ganze Zeit begleitet und womöglich etwas falsch gemacht. Bei den Arbeiten selbst haben die guten Noten noch einen anderen Hintergrund: Die Gutachter wollen sie veröffentlicht sehen – denn sie sollen ja nicht als Kellerdissertationen verstauben. Und die Verlage nehmen nur Summa- oder Magna-Arbeiten. So tendieren viele Gutachter dazu, im Zweifel die bessere – und vielleicht zu gute – Note zu geben. Meine Fakultät hat sich diesem Problem schon angenommen: Wir haben die neue Notenstufe satis bene zwischen cum laude und rite eingeführt.

ZEIT ONLINE: Hilft das? Karl Theodor zu Guttenberg beispielsweise hat für seine Ramsch-Arbeit summa cum laude bekommen.

Löwer: Ich habe den Eindruck, dass der Titel heute einen instrumentellen Charakter hat: Guttenberg stand in den Startlöchern zu seiner politischen Karriere, als er promoviert hat – er wollte schnell nach oben. Solche Lebensumstände begünstigen das Pfuschen.

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Kommentare

65 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Uni-Fehler

Ich finde es trotzdem eine Sauerei, dass die Prüfer da nicht in der ihnen gebotenen Zeit - u. vorallem auch der Doktorvater, nicht in der Lage sind, das schon im Vorfeld - bei der Überprüfung der Doktorarbeit - herauszufinden. Klar, vielleicht täuschen auch manche, aber es gibt auch andere Möglichkeiten, dass eine Stelle mal nicht richtig ziziert wird. U. sich von allem zurückzuziehen u. zu behaupten nur der betrügt hat Schuld ist für mich zu einfach für eine so renomierte Uni wie Düsseldorf, wie überhaupt für eine Uni das auch ein Imageschaden darstellt.

Fernab der Realität und so.

Wie es mir scheint, ist es eher Ihre Auffassung, die fernab der Realität ist. Natürlich betreut ein Doktorvater oder eine Doktormutter in der Regel nur Promovenden, die auf einem von ihnen selbst vertretenen Fachgebiet forschen. Aber eine Doktorarbeit ist eben mehr als eine bloße Wissensabfrage, als ein Schulaufsatz oder eine Seminararbeit - beim Promovieren geht es um eigenständiges Forschen, sodass der Promovend oder die Promovendin oft schon in einer frühen Phase der Forschungsarbeit in Bezug auf den Forschungsgegenstand über ein höheres Spezialwissen verfügt als der jeweilige Betreuer.

Darum geht es ja gerade bei einer Doktorarbeit - dass man sich eigenständig ein neues Forschungsgebiet erschließt und es zu seinem Spezialgebiet macht.

49-Fachkulturen

Stimme Ihnen vollkommen zu, dass eine allgemein gültige Formel keiner Zitathinweise bedarf.

Der Fall Schavan liegt jedoch völlig anders, da es da gar nicht um die bekannten Originalarbeiten geht. Sie hat in erheblichem Umfang Sekundärliteraturzitate nicht als solche gekennzeichnet.

Um also bei Ihrem Beispiel zu bleiben: wenn Sie eine bekannte Formel nicht zitatgerecht verwenden, ist das ok, da Sie ja vom allgemeinen Gebrauch dieser Formel ausgehen können und dürfen.

Wenn Sie jedoch die Einschätzung eines anderen Wissenschaftlers zu dieser Formel, die dieser in einem seiner Werke veröffentlicht hat, wörtlich oder in geringfügiger Anpassung aus dessen Werk übernehmen, ohne diese Übernahme durch entsprechende Vermerke zu belegen, und dieses Sekundärwerk nicht einmal in Ihrer Literatur vermerken, wird man Ihnen das nach allen seit Jahrzehnten geltenden Standards als unkorrekte Zitierweise auslegen müssen. Denn gerade durch die nicht korrekt gekennzeichnete Übernahme einer Fremdmeinung zu einer Formel erwecken Sie den Eindruck, diese Meinung sei Ihre eigene.

Wenn solche nicht gekennzeichneten Übernahmen von Fremdmeinungen nicht nur ein- oder zweimal geschehen, sondern in größerem Umfang, und wenn Sie dazuhin andere Werke und Stellen völlig korrekt zitieren, werden Sie wohl auch in den Naturwissenschaften damit leben müssen, dass man Ihnen kein Versehen und auch nicht die Unkenntnis wissenschaftlicher Arbeitsweise, sondern systematische Schummelei vorwirft.