Wissenschaft"Ein Prüfer muss nicht jede Fußnote nachschlagen"

Doktortitel werden reihenweise aberkannt. Promovieren die Unis zu leichtfertig? Nein, sagt Jurist W. Löwer im Interview. Schuld seien allein die Täuscher. von 

ZEIT ONLINE: Seit Monaten sind in Düsseldorf 15 Personen damit beschäftigt, Annette Schavans Dissertation zu überprüfen. Normalerweise ist das Betreuungsverhältnis eher umgekehrt. Wie viele Plagiate gibt es wohl unter den rund 27.000 Dissertationen, die jedes Jahr eingereicht werden?

Wolfgang Löwer: Seit Guttenberg, Koch-Mehrin und Chatzimarkakis beunruhigt mich diese Frage auch. Schließlich schadet es dem Image des Titels und nicht zuletzt des ganzen Wissenschaftssystems.

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ZEIT ONLINE: Ist das System nicht selbst dafür verantwortlich, wenn es Täuschungen übersieht und Titel leichtfertig vergibt?

Löwer: Nein, die Verantwortung liegt beim Täuscher, nicht beim Getäuschten. Jeder, der eine Dissertation einreicht, muss der Universität versichern, dass er die Arbeit selbst angefertigt und sich kein fremdes geistiges Eigentum angeeignet hat. Der Gutachter soll zwar prüfen, ob die Arbeit authentisch ist und die Ideen originell sind. Dazu muss er im Thema kundig sein und sich in der Literatur gut auskennen. Doch er ist keineswegs verpflichtet, sich wie die vroniplag-Mannschaft hinzusetzen und jede einzelne Fußnote nachzuschlagen. Wenn ein Kind der Oma Geld aus dem Portemonnaie klaut, würden Sie der Oma doch keine Teilschuld geben, weil sie ihr Portemonnaie auf dem Tisch hat liegen lassen, oder?

Wolfgang Löwer
Wolfgang Löwer

Der Promotionsexperte ist Sprecher des Gremiums "Ombudsman für die Wissenschaft" der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Er lehrt als Rechtsprofessor in Bonn.

ZEIT ONLINE: Der Oma fehlt danach aber das Geld. Es ist zwar nicht ihre Schuld, aber ihr Problem. Genau so ist es mit den Universitäten: Sie sind zwar nicht Schuld an den Plagiatsfällen, aber ihr Ruf ist geschädigt.

Löwer: Mit Verlaub gesagt: Ist dafür nicht eigentlich Ihre Zunft verantwortlich? Schließlich sind es vor allem die Medien und teilweise die Politiker, die die Plagiatsfälle derart aufbauschen.

ZEIT ONLINE: Weil es unsere Aufgabe ist, Missstände aufzudecken, wie lasche Kontrollen an deutschen Universitäten. Hat der Doktortitel an Wert verloren?

Löwer: Wenn Sie nach dem Wert des Doktorgrades fragen, frage ich zurück: Wert für wen? Natürlich sind Dissertationen wertvoll, denn ohne diesen kleinschrittigen Wissensgewinn wären auch große wissenschaftliche Fortschritte gar nicht möglich. Stellen Sie sich die Bibliotheken ohne Dissertationen vor: wie leergefegt! Eine alternative Anerkennung halte ich nicht für sinnvoll. Schließlich steht der Titel für eine Qualifikation. Er bezeugt, dass ein Mensch wissenschaftlich arbeiten kann. In vielen Berufen – etwa als Anwalt in einer Großkanzlei oder als Forscher in einer Pharmafirma – ist und bleibt das essenziell.


Leserkommentare
  1. 9. [...]

    Entfernt. Der Kommentarabschnitt, auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile gelöscht. Danke, die Redaktion/jk

    Antwort auf "Was für ein Quatsch"
    • Billy51
    • 05. Februar 2013 16:29 Uhr

    "Wenn ein Kind der Oma Geld aus dem Portemonnaie klaut, würden Sie der Oma doch keine Teilschuld geben, weil sie ihr Portemonnaie auf dem Tisch hat liegen lassen, oder?"
    Das ist formaljuristisch Anstiftung zum Diebstahl.

    2 Leserempfehlungen
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    Dort heißt es zur Anstiftung:

    "Als Anstifter wird gleich einem Täter bestraft, wer vorsätzlich einen anderen zu dessen vorsätzlich begangener rechtswidriger Tat bestimmt hat."

    Vorsatz hat die Oma nicht gehabt. Ihr Kommentar trifft also nicht zu.

    • Billy51
    • 05. Februar 2013 16:30 Uhr

    Doktorand und Doktorväter treten als Team auf.
    Der eine bekommt den Titel, die anderen einen Reputationssteigerung durch einen weiteren Titel für ihre Doktorenliste.
    Somit ist es für mich vollkommen hirnrissig, wie man auch nur auf die Idee kommen kann, die Prüfer bei dieser ganzen Diskussion außen vor zu halten.

    5 Leserempfehlungen
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    kann ich nur beipflichten, denn lange Listen von Absolventen heben das Prestige ganz ungemein. So ganz nebenbei schreiben die Doktoranden dann auch noch die Publikationen für den Lehrstuhlinhaber, der dann als Seniorautor auf allem erscheint, was das Licht der Öffentlichkeit erblicken soll. Wenn ein Doktorand plagiiert begeht er einen Täuschungsversuch, d.h. er ist unzweifelhaft schuldig an dieser Verfehlung; ein nachlässiger Betreuer oder Gutachter macht sich und das System aber zum Affen, denn die fachliche Kompetenz des Seniors sollte allemal zu ausreichd kritischer Distanz und einem umfassenden Blick auf das Thema ausreichen.
    Leider gibt es auch eine ganze Reihe fragwürdiger Promotionsvorhaben, die einfach irgendwann wie überreifes Obst entweder verwertet oder verworfen werden müssen. Das Verwerten, d.h. Promotion auf Biegen und Brechen ist leider gängige Praxis, sogar in den sog. MINT-Fächern. Da dürfen sich die Universitäten über den Reputationsschaden nicht wundern und sollten ihn nicht den Medien anlasten, die diese Mauscheleien an den tag bringen.

  2. ein Prüfer gar nicht leisten, da man nicht alle Literatur lesen kann.
    Daher wurde in meiner Uni in Canada eine Firma verpflichtet, die seit 1996 alle Arbeiten (MSc und PhD untersucht, für erstere haben die 1.5 Monate Zeit, für PhD 3 Monate) erst danach wird der Grad vergeben.
    Aber dafür werden auch nicht soviel Leute promoviert wie in D (in 5 Jahren 12 in D im selben Fachbereich allein an einer Uni im Norden 25 pro Jahr).

    @Thema
    Das Problem bei den meisten aufgeflogenen Arbeiten ist doch, das sie in Fachgebieten geschrieben wurden, die nur einen begrenzten Erkenntnisgewinn ermöglichen, da sie meist nur existierende Arbeit oder Ereignisse reflektieren. So wird in Canada z.B. davon ausgegangen, dass man für eine geisteswissenschaftliche Diss etwa 5-10 Jahre einplanen muss, in D sind da 3 Jahre meist das Maximum.
    So gehen hier allein schon die ersten 2 Jahre für die Formulierung des Themas und die Sichtung der vorhandenen Arbeiten drauf.

    Das mMn Problematische ist doch, das soviele Bildungsminister angezählt werden, sei es Wöller, Althusmann oder jetzt Schavan.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Da packt mich..."
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    ...kann ein Prüfer das leisten. Denn dieser "Prüfer" ist Professor für genau das Fach, in dem über Jahre unter seiner ständigen Betreuung eine Doktorarbeit entsteht. Es handelt sich ja nicht um eine Seminararbeit. Dafür wird dieser Professor auch ausgezeichnet entlohnt.

    Natürlich kann er nicht jeden Zitierfehler und jeden Täsucheungsversuch erkennen. Er kann aber sehr wohl erkennen, ob es sich um eine originale und eigenständige wissenschaftliche Arbeit handelt. Wenn er das nicht kann, hat er keine Kompetenz, diese Arbeit zu bewerten.

    Bei vielen der Täuscher, über die hier diskutiert wird, handelt es sich wohl einfach um schlechte Arbeiten, die man trotzdem durchgewunken hat. Dazu kommt die Frage, was denn wichtiger ist: Wissenschaftlicher Gehalt oder Formale Korrektheit. Letzteres sollte sich ein Student sich heutzutage wohl besser unabhängig bestätigen lassen, von einer Zertifizierungsstelle. Aber ersteres ist die Essenz der Promotion.

    Selbstverständlich kann ein Professor nicht jeden Nebensatz aus jeder Diplomarbeit zum Thema auswendig erkennen.

    ABER: der Prüfer einer Doktorarbeit muß selbst eine ausgewiesene Koryphäe im betreffenden Fachbereich sein. Das bedeutet, daß er zumindest die Mainstream-Fachliteratur für diesen Bereich sehr wohl zu kennen hat. Ebenso muß man von ihm erwarten können, daß er die gängigen Lehrmeinungen zum Thema im Detail kennt (was nicht bedeutet, daß er eine davon teilen müßte).

    Wenn dann wie in der Causa des Dr. Strg+C eine Arbeit, die in weiten Bereichn praktisch aus seitenweisen Kopien einschlägiger Grundlagenliteratur besteht, kaum über das Rekapitulieren wirklich gängigster Lehrmeinungen hinauskommt und damit erkennbar so gut wie keine Eigenleistung des Doktoranden enthält, mit "summa cum laude" bewertet wird, dann bedeutet das nichts weniger, als daß dieser Prüfer betrogen hat. Und zwar entweder dadurch, daß er eine Arbeit bewußt falsch bewertet oder womöglich gar nicht gelesen hat oder dadurch, daß er den Doktoranden angenommen hat, ohne die für einen solchen Prüfer erforderlichen fachlichen Voraussetzungen wirklich zu erfüllen.

    Man kann und muß von den Professoren daher sehr wohl verlangen, daß sie erstens die zu bewertenden Arbeiten überhaupt lesen, daß sie zweitens massive Übernahmen aus einschlägiger Mainstream-Literatur erkennen und daß sie drittens beurteilen, ob die Dissertation tatsächlich einen substantiellen Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs darstellt.

    • Mike M.
    • 05. Februar 2013 16:39 Uhr

    ... ein Doktorvater auch nicht auswendig können. Selbst in seinem Fachgebiet sind es tausende. Plagiatsprogramme funktionieren ebenfalls nicht, sie erkennen nur Internetquellen. Durch Zweit-, Dritt- und Viertgutachten steigt zudem die Arbeitbelastung bei den Professoren (d.h. das Zeitfenster pro Arbeit wird immer kleiner).

    Sicherlich waren die Erst- und Zweitgutachter ab und an etwas naiv. Wenn eine Doktorarbeit nur aus Plagiaten besteht, müsste dies eigentlich auffallen (der wissenschaftliche ertrag dürfte ja auch sehr mager sein). Grenzfälle wie Schavan sind aber nur durch Zufall erkennbar, diese wird es immer geben.

    Teilweise verstehe ich die Aufregung aber nicht. Was doch immer wieder funktioniert, ist der wichtigste Sicherungsmechanismus, den wir in Deutschland haben: Eine Doktorarbeit muss veröffentlicht werden und wird bestenfalls von hunderten anderen Wissenschaftlern in Teilen gelesen. Plagiate werden irgendwann auffallen. Dies sollte für die Doktoranden Abschreckung genug sein. Denn der Entzug des Doktorgrades ist entehrender als nie promoviert worden zu sein.

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    Antwort auf "Da packt mich..."
    • dp80
    • 05. Februar 2013 16:51 Uhr

    "Ich habe den Eindruck, dass der Titel heute einen instrumentellen Charakter hat:"

    Na das ist wieder so eine Verallgemeinerung. Heute hat der Titel überhaupt und generell und für jeden Promovierenden nur und ausschließlich instrumentellen Charakter.

    Vielen Dank für die Verunglimpfung der vielen Promovierenden, die ehrlich am Wissensfortschritt und in irgendeinem Teilbereich für eine bessere Zukunft oder bessere Gesellschaft arbeiten, die sich den Titel später nie auf das Klingelschild schreiben würden, denen auch egal ist, ob sie später mehr verdienen, und das alles nur aus Idealismus machen.

    Die Aussage sollte doch wohl lauten: "Ich habe den Eindruck, dass für manche Promovierende der Titel ausschließlich instrumentellen Charakter hat." Und das hat denke ich auch nichts mit "heute" zu tun - das war früher sicherlich auch schon so.

    3 Leserempfehlungen
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    Ich bin Ihrer Meinung. Viele Doktortitel haben im materiellen Sinne keinen son großen instrumentellen Wert, wie vielfach gedacht wird.
    Schon deswegen ist es fraglich, wie viele Menschen nur aus Titel-/Karrieregründen promovieren. Die Opportunität, deutlich mehr mit deutlich bessere Arbeitszeitgestaltung zu verdienen, ist hoch.
    Wichtig ist auch, dass Forschung ohne solche Arbeiten bzw. ohne Diejenigen, die diese Arbeiten bereits abgeliefert haben, nicht möglich ist.
    Davon abgesehen ist eine gelungene Doktorarbeit doch eher eine Mischung aus Forschungsfreude und das Erhoffen besserer Arbeitsmöglichkeiten mit Titel. Das ist alles andere als verwerflich.

  3. Was im Falle Schavan so besonders erschüttern würde, sollte tatsächlich eine Täuschungsabsicht festgestellt werden, sind ihre früheren Aussagen zum Fall Guttenberg. Damals dachte ich, als sie sich trotz Kritik aus den eigenen Reihen "nicht nur heimlich schämte", dass es doch noch aufrechte Politiker in Deutschland gibt und habe sie für ihrem Mut und ihre Haltung bewundert. Und jetzt das? Bitte nicht!

    Eine Leserempfehlung
  4. Natürlich ist der Betrüger zuerst Schuld. Wenn aber die Doktorandin 2/3 der Arbeit aus der Habilitationsschrift des Doktorvaters abschreibt (siehe http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Nk ) oder wenn der Doktorand nicht nur die Doktorarbeit aus Fremdquellen zusammenstückelt, sondern auch die Super Illu als Quelle angibt und seitenlange Passagen in der Arbeit doppelt vorkommen (siehe hier: http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Jg ), dann ist durchaus auch dem Doktorvater ein Vorwurf zu machen, denn entweder hat er die Arbeit nie gelesen, oder ihm war deren wissenschaftlichkeit völlig egal.

    Wenn allerdings die Universität dann in solchen Fällen nicht einmal den Doktor aberkennt, dann wird das Versagen unverzeihlich.

    Für den interessierten Leser noch ein weiterer Fall aus der Guttenberg-Liga, der auch nicht zu einer Aberkennung geführt hat: http://de.vroniplag.wikia.com/wiki/Dd

    5 Leserempfehlungen
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    Also ich kann mir vorstellen, dass die "Super Illu" in Abhängigkeit mit dem Themenbereich (irgendein gesellschaftliches oder vielleicht linguistisches Thema) eine ordentliche Quelle sein kann. Vielleicht hat ja auch mal schon jemand z.B. über "Frauenzeitschriften im Wandel der Zeit" promoviert. Es kommt eben immer darauf an was in der Doktorarbeit untersucht wird.
    Ansonsten stimme ich Ihnen zu, dass bei den Prüfern zumindest eine Teilschuld liegt, obwohl ich mir eigentlich immer vorstellen kann, dass jemand auf die eine oder andere Weise in seiner Doktorarbeit betrügen kann und es den Prüfern fast nicht auffallen kann (fehlende Quellen, Fälschung der Daten). Im Endeffekt gibt es eben zwangsläufig ein großes Vertrauensverhältnis zwischen Prüfer und Prüfenden. Weswegen man sich vielleicht die zu Prüfenden als Prüfender (also Hauptprüfer) gut auswählen sollte. Meines Erachtens sollte die Promotion also aus einer Zusammenarbeit aller Beteiligten entstehen, wenn dies nicht der Fall ist, zweifle ich sowieso die Sinnhaftigkeit des ganzen Unterfangens an. Ich selbst habe nicht promoviert und es auch nicht vor, aber an dem Forschungsinstitut wo ich meine Masterarbeit schreibe, gibt es auch viele Doktoranden jedoch sehr wichtig mehr Forscher-also einen guten Betreuungsschlüssel. Leider ist, das aber an deutschen Unis häufig anders und die Professoren müssen viele Arbeiten korrigieren (Bachelor, Master, PhD) und da kann man eigentlich nicht verlangen, dass dies 100% fehlerfrei klappt.

    Die Super Illu wurde für statistische Daten (ich glaube Bevölkerungsabwanderungen) herangezogen.

    In der regel stimmt es natürlich, wenn der Doktorand geschickt betrügt, hat der Betreuer oft wenig Chancen das zu merken. Die drei verlinkten Beispiele sind aber anders. Da muss das der Betreuer auf den ersten Blick sehen, wenn er nicht total inkompetent ist.

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