Was erwarten Sie von Geisteswissenschaftlern, Herr Reif?

Wir haben es mit einer neuen Generation von Bewerbern zu tun. Früher kamen Diplom- oder Magisterstudenten zu uns. Sie waren meistens 28 Jahre alt, hatten mehrere Praktika absolviert, Auslandserfahrungen gesammelt und dementsprechend auch Lebenserfahrung. Heute sind die Absolventen nach ihrem Bachelor vielleicht 21 Jahre alt. Sehr wichtige Dinge, wie lange Praktika und Auslandserfahrungen, passen kaum noch in den Studienplan. Außerdem sind die Inhalte, Semesteranzahl und sogar die guten Noten bei vielen Bewerbern dieselben, deshalb brauchen wir noch andere Kriterien, um die Talente zu finden. In der Unternehmensberatung steht die Interaktion und Kommunikation mit dem Kunden im Mittelpunkt, dementsprechend legen wir großen Wert auf die viel zitierten Soft Skills. Das eigentliche Studium muss dagegen nicht in Hektik beendet werden. Wenn die Karriere sechs oder zwölf Monate später beginnt, ist das okay. Absolventen, die noch als Backpacker durch die Welt gezogen sind und längere Praktika gemacht haben, sind unserer Erfahrung nach routinierter im Umgang mit neuen Herausforderungen und in der Kommunikation mit den Kunden.

Speziell von den Geisteswissenschaftlern und anderen Quereinsteigern erhoffen wir uns neue Lösungsansätze und andere Blickwinkel in der Beratung. Ein Historiker oder ein Psychologe hat einfach eine andere akademische Perspektive auf die Probleme als die klassischen Wirtschaftsfächer oder die Juristen. Als Wirtschaftsberatung setzen wir aber trotzdem einen gewissen ökonomischen Background voraus, sei es nun durch ein Praktikum oder ein paar Nebenfach-Vorlesungen. Neben Noten, Praktika und Studieninhalte schauen wir auch auf das Leben neben der Universität. Ein Ehrenamt, ein spannender Nebenjob oder ein Hobby können viel über den Bewerber und seine Fähigkeiten aussagen. Parteiliches Engagement kann für kommunikative Fähigkeiten sprechen und Arbeit als Nachhilfelehrer deutet darauf hin, dass jemand Inhalte gut vermitteln kann.

Was erwarten Sie von Ingenieuren, Herr Schürholz?

Bevorzugte Studiengänge haben wir nicht. Absolventen der Luft- und Raumfahrttechnik sind genauso gefragt wie Maschinenbauer oder Elektrotechniker. Für uns spielt die Praxiserfahrung eine größere Rolle. Leider kommt die heute an den Hochschulen oft etwas zu kurz. In vielen Bachelor-Studienordnungen sind nur noch acht bis neun Wochen Praktikum in den Semesterferien vorgesehen, für uns ist das zu wenig. Sechs Monate in einem Industrieunternehmen wären ideal, dabei ist die Branche gar nicht so entscheidend. Wichtige Erfahrungen können die angehenden Ingenieure auch bei einem Automobilhersteller oder im Anlagenbau sammeln. Uns geht es um das Kennenlernen der Arbeitswelt in einem Industriebetrieb. Für diesen Einblick in die Praxis kann man gerne ein, zwei Urlaubssemester nehmen, die Regelstudienzeit ist für uns eher zweitrangig.

Ich verrate auch sicherlich kein Geheimnis, wenn ich sage, dass die Luft- und Raumfahrt-Branche international agiert. Sehr gute Sprachkenntnisse und Auslandserfahrungen, gerne als Praktikum, sind dementsprechend wichtig. Außerdem muss auch die Persönlichkeit stimmen, dabei meine ich weniger "Soft Skills" wie Projektarbeit, Kommunikation oder Verhandlungsgeschick. Das kann man trainieren. Wir suchen Menschen mit dem Wunsch, Dinge zu verändern. Dafür braucht es auch eine gewisse persönliche Reife. Gerade in den technischen Abteilungen setzen wir deshalb verstärkt auf Masterabsolventen mit mehr Praxis- und auch Lebenserfahrung.