Personaler"Die Regelstudienzeit ist für uns eher zweitrangig"

Schon ein Bachelor soll für den Beruf qualifizieren. Doch Unternehmen klagen über Jungspunde ohne Lebenserfahrung. Sollten Studenten sich lieber Zeit lassen? von 

Er soll die Studenten mobiler machen und den Berufseinstieg beschleunigen: der Bachelor. Drei Jahre, sechs Semester, 180 Creditpoints. Musterstudienpläne und Module geben den Studienverlauf strikt vor.

Die Studienreform wirkt: Statistiken zufolge lässt sich die heutige Studentengeneration deutlich weniger Zeit. Laut einer Studie des Wissenschaftsrates wird die Studienzeit sogar unterschritten, im Schnitt brauchen die Studenten 5,8 Semester für ihren Bachelor. Diplom- und Magisterstudenten studierten im Durchschnitt noch knapp zwei Semester über der Regelstudienzeit.

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Der Arbeitsmarkt erfordere ein schnelleres Studium – so wurde die Bologna-Reform begründet. Doch wirklich groß ist die Freude über die Turbo-Studenten auf Unternehmensseite nicht. Die Kritik an schnurgeraden Einheitslebensläufen mehrt sich. Gute Noten in sechs Semestern Regelstudienzeit seien nicht alles, sagen die Unternehmen. Wichtig sei auch Praxiserfahrung und Persönlichkeit.

Können Studenten also guten Gewissens auf die Bremse treten? Wir haben drei Personaler großer Unternehmen gefragt, was sie von Bachelor-Absolventen erwarten.

Was erwarten Sie von Wirtschaftswissenschaftlern, Frau Schröder?

Katrin Schröder
Katrin Schröder

Katrin Schröder, Senior Recruiterin bei BMW in München

Wer sich in der Automobilbranche bewirbt, sollte auch Leidenschaft für das Auto mitbringen. Dazu gehört neben einem grundlegenden technischen Verständnis auch die Auseinandersetzung mit unserer Produktpalette. Außerdem erwarten wir von Ingenieuren, genauso wie von Wirtschaftswissenschaftlern, die Beschäftigung mit aktuellen Trends und Entwicklungen wie Elektromobilität oder Hybrid-Antrieben.

BMW ist ein global aufgestelltes Unternehmen, für die jungen Absolventen bedeutet das von Anfang an Arbeit auch über Ländergrenzen hinweg. Verhandlungssicheres Englisch wird deshalb vorausgesetzt. Wer täglich mit Kollegen aus Brasilien oder China zusammenarbeitet, braucht aber auch interkulturelle Kompetenzen. Auslandserfahrungen sind deshalb sehr von Vorteil, sei es nun durch ein Praktikum oder ein Auslandssemester. Ein weiterer sehr wichtiger Faktor ist die Praxiserfahrung. Ein sechsmonatiges Praktikum in einem Industriebetrieb wäre optimal. So lernen die Bewerber die Abläufe in einem großen Industriebetrieb kennen und der Praxisschock fällt geringer aus. Praxis- und Auslandserfahrung bedeutet bei den heutigen Bachelorlehrplänen aber auch längere Studienzeit. Hier kann ich jeden Bewerber beruhigen. Uns sind interessante Lebensläufe wichtiger als schnelles Studieren und Top-Noten. Dazu gehören auch Hobbys, ehrenamtliches Engagement, ja sogar eine gut begründete Auszeit.

Leserkommentare
  1. In meinem kleinen (freiberuflichen) Unternehmen dürfte ein 21-jähriger Bachelor (m/w) gern für ein halbes Jahr als Praktikant mitschwimmen, wenn er mir zuvor verspricht, meine Leute nicht über Gebühr zu stören.
    Um nicht mißverstanden zu werden:
    Die armen Jungen und Mädchen können nichts dafür.
    Ich kann sie schlicht und ergreifend nicht gebrauchen.
    Klingt hart; ist aber so.

    Eine Leserempfehlung
    • Andre T
    • 20. Februar 2013 14:40 Uhr

    Die Amerikanisierung des Studiums fuehrt zu mehrheitliche Absolventen mit aehnlicher Leistungvermoegen, welch eine Ueberraschung.

    So, um jetzt die noetige Reife und Kritikfaehig zu erlangen muessen diese entweder ein Master dranhaengen, oder nach 2,3,4 Jahren Praxis einen Master machen. Sowas ging frueher mit 2 (in meinem Fall 3 plus Praxissemester) zum grossten Teil mit dem Diplom.

  2. In erster Linie bin ich Mensch. In zweiter Linie momentaner Student und dann, in dritter Linie zukünftiger Arbeitnehmer.

    Alle paar Jahre denken sich die Unternehmen was neues aus und morsen das an die Presse. Jeder muss im Ausland gewesen sein. Bitte kein Trödeln, das zeugt von fehlender Effizienz. Aber moment - wer das ganze in der Regelstudienzeit durchzieht hat ja gar keine Lebenserfahrung. Also bitte doch etwas länger studieren plus Praktika, aber davon auch nicht zu viele, das zeugt nur von mangelndem Fokus oder Überbrückung von Arbeitslosigkeit.

    Und so weiter und so fort. Ich bin kein Sklave der Unternehmen, kein Stück Eisen, dass die Personaler schmieden, wie es ihnen beliebt. Natürlich muss ich Leistung bringen um am Ende meinen Lebensunterhalt verdienen zu können, aber es ist mein Leben, ich verfolge meine eigenen Ziele und spiele das Spiel nach meinen Regeln.

    20 Leserempfehlungen
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    Machen Sie weiter so.
    Und das sage ich ausnahmsweise mal ohne jegliche Ironie.

  3. Ich frage mich immer wieder, weshalb man als Student unbedingt ins Ausland gehen soll. In den meisten Fällen ist das ein verschwendetes Semester, weil entsprechende Module nicht unbedingt anerkannt werden. Wenn das Auslandssemester irgendwann quasi-obligatorisch ist, ist auch nichts mehr gekonnt; dann muss man wohl zwei oder drei Semester in die Ferne. Ist doch der reinste Unfug.

    Ähnlich mit der Praxiserfahrung; mir scheint es, als hätten die Personaler keine Studienerfahrung. Wie soll man neben dem Studium denn bitteschön ein Praktikum absolvieren? Ich habe für so etwas nicht im Semester Zeit und außerhalb der Prüfungszeit sind höchstens ein respektive zwei Monate Zeit, das lohnt sich weder für Unternehmen noch Studenten. Ein Urlaubssemester oder ähnliches? Muss man auch finanziell erstmal stemmen können und häuft dann entweder Bafög-Schulden an oder liegt seinen Eltern auf der Tasche.

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    "Ich frage mich immer wieder, weshalb man als Student unbedingt ins Ausland gehen soll. In den meisten Fällen ist das ein verschwendetes Semester, weil entsprechende Module nicht unbedingt anerkannt werden."

    Ein sehr gutes Beispiel für die Durchökonomisierung. Ich war auch ein Jahr im Ausland und habe interdisziplinär studiert und von den ganzen Fächern wurde mir nur eine Hausarbeit an der Heimatuni anerkannt , nach Absprache mit der Prof und gewissen Modifizierungen.

    Und wissen Sie was - es war mir von vornerein bewusst, dass dieses Jahr rein punktetechnisch ein verlorenes sein würde.Aber es war das reichhaltigste Jahr meines Lebens und die Erfahrung, mich in einem fremden Land im ALLTAG zurechtfinden zu lernen, die ist mit Gold nicht aufzuwiegen. Man kann nicht jeden Aspekt des Lebens in Module pressen, in Punkte umrechnen und in Geld auszahlen.

  4. Machen Sie weiter so.
    Und das sage ich ausnahmsweise mal ohne jegliche Ironie.

    2 Leserempfehlungen
    • Yuminae
    • 20. Februar 2013 15:12 Uhr

    Ich habe schon früh kritisiert, dass man nach 12 Jahren Schule ins Studium rutscht - sicher mag es einige geben, die das schaffen, aber im großen und ganzen sehe ich immer noch, dass man eine gewisse Anzahl von Jahren haben sollte, bevor man ins Arbeitsleben schlittert (ebenso gilt das aus meiner Sicht auch für alle Schüler).

    Die Reife, die man erst durch das Ausreifen des "Hirns" erlangt, ist so früh noch nicht vollzogen. Auch ich habe mich gefragt, wie man einen Diplom-Ingenieur mit 3 Jahre Auslandserfahrung und Projektleitungserfahrung suchen kann, der am Besten noch ca. 25. Jahre alt ist, letztendlich war es aber klar, dass Unternehmen sich darauf irgendwann besinnen, dass man lieber 30-jährige "Senioren" nimmt, die gelebt haben und sich gut einschätzen können, anstatt einen 23-jährigen, der durch Schule und Studium gehetzt ein halbes Jahr später durch den Burn-out für die nächsten Jahre fehlt (leider passiert das tatsächlich).

    Ich denke, dass alles "Schnell, schneller..." von der Politik "...für den Arbeitsmarkt" am Ende das Schlimmste war für den Arbeitsmarkt, was man diesem antun konnte - aber die Firmen wollten es auch so. Letztendlich hat man eine Generation geschaffen, die bereits geschafft ist von Schule und Ausbildung und im Arbeitsleben nur noch eine Maschine ersetzt, der man sagen kann, was sie tun soll. Ich hoffe, dass es ein Umdenken in der Politik gibt.

    Wir leben länger, sollen länger arbeiten, warum also nicht länger lernen?

    8 Leserempfehlungen
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    • skeptik
    • 21. Februar 2013 9:42 Uhr

    Reife.
    Wenn Lehrzeit gekürzt wird geht dies entweder auf die gelernte Menge an Wissen oder auf die Nachhaltigkeit des Gelernten.
    Ein Jahr vom Abi streichen und die Studienzeit herabsetzen führt zwangsläufig zu Abstrichen.
    Wäre nicht einmal so tragisch, wenn das BAFöG nicht erstmal auf die Regelstudienzeit beschränkt wäre. und die Haltung in 6 Monaten Bachlor nicht vermittelt werden würde.
    Was ich bei meinen Kommilitonen merke: die die es es mit der Biologie ernst meinen, planen nicht in den 6 Semestern den Bachlor zu machen, die die nicht länger machen wollen sind zumeist (aber nicht nur) die die "halt nur" den Abschluss machen wollen.
    Studieren erfordert Zeit.

    • Billy51
    • 20. Februar 2013 15:16 Uhr

    ihr bekommt doch nur das, was ihr gewollt habt.
    Bachelor-Jungspunde, die so unerfahren sind, daß man sie mit dem Hinweis auf fehlende Praxis jahrelang in Praktika halten kann (volle Leistung bei Null Gehalt) und so zahlreich, daß sie auf ein niedrigeres Einstellungsgehalt gedrückt werden können (Bachelor(FH)=Techniker-Gehalt).
    Gemäß KMK soll der Bachelorabsolvent nicht "fertig" sein, sondern nur genügend Vorkenntnisse haben, damit er von der Industrie (also in der Praxis) fertig ausgebildet werden kann. Schon vergessen? Also tut endlich eure Pflicht!!!
    Anderenfalls erklärt endlich, warum ihr nicht aufgeschrien habt, als das anerkannt hervorragende deutsche Diplom geschlachtet wurde. Nun habt ihr den Salat.

    11 Leserempfehlungen
  5. "Wenn die Karriere sechs oder zwölf Monate später beginnt, ist das okay."

    Einfach sieben statt sechs Semester studiert, und schon ist die Persönlichkeit reif! Ist doch ganz einfach.

    Schon merkwürdig, wie noch vor ein paar Jahren in der Wirtschaft gejammert wurde, dass die Absolventen so alt sind und so lange für das Studium gebraucht haben, weil sie lieber durch die Welt getingelt sind, statt Prüfungen abzulegen... und jetzt sind sie plötzlich nicht reif genug.

    Komisch, wie ist das denn in den Ländern, wo die Absolventen traditionell (kürzere Abizeit, kürzere Studienzeit) jünger ins Berufsleben starten? Sind die auch ganz furchtbar unreif? Oder gesteht man den Absolventen anderswo zu, im Unternehmen "zu reifen"?

    8 Leserempfehlungen

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