Doktoranden"Hoffentlich sind meine Ergebnisse nützlich"

Warum wollen junge Nachwuchswissenschaftler heute promovieren? Vier von ihnen erzählen, was sie antreibt und welche Bedeutung der Doktortitel für sie hat. von Julian Kirchherr

Der Interessierte

"Ich untersuche in meiner Doktorarbeit die Energieeffizienzpolitik in Deutschland und in Großbritannien. Mich interessiert: Was begründet unterschiedliche Ansätze in diesem Politikbereich? Was sind zentrale Hürden? Wer beeinflusst die Effektivität von unterschiedlichen Energieeffizienzpolitiken?

Vor meiner Promotion hier in Oxford habe ich in einer Unternehmensberatung in London gearbeitet. Ein Consultant hastet immerzu zwischen den unterschiedlichsten Themen hin und her. Das ist am Anfang spannend, aber hat mich nach einiger Zeit gestört. Beim Promovieren kann ich nun in das Thema meiner Wahl tief eintauchen, mir echtes Expertenwissen aneignen und mich als Fachmann zu einer bestimmten Frage positionieren.

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Ich wünsche mir, dass jeder eine Doktorarbeit mit einer solchen Motivation beginnt. Noch gibt es in Deutschland zu viele Karrierepromotionen. In Großbritannien spielt die Promotion außerhalb der Wissenschaft zum Glück beinahe keine Rolle. Deshalb sind Titeljäger hier nicht verbreitet."

Jan Rosenow, 32 Jahre, Oxford

Die Idealistin

"Mit meiner Doktorarbeit verfolge ich den Anspruch, Forschung und Praxis zu verbinden. Sie soll nicht nur wissenschaftlich hochwertig sein, sondern auch gesellschaftlichen Nutzen stiften. Das akademische Kuriositätenkabinett ist schließlich bereits voll genug. Eine Dissertation ist für mich kein Selbstzweck und keine Selbstbespiegelung.

In meiner Promotion beschäftige ich mich mit Fragen der Politikkohärenz: Wie können unterschiedliche Politiken besser aufeinander abgestimmt werden? Was muss zum Beispiel unternommen werden, damit die europäische Sicherheits- und Entwicklungspolitik besser zueinander passen? Antworten auf solche Fragen können Politik wirksamer machen und vielen Menschen helfen.

Dass ich am Ende meiner Promotion einen Doktortitel erhalte, ist mir nicht so wichtig. Mir geht es um die Ergebnisse meiner Promotion, die hoffentlich nützlich sind. Weil in Deutschland beinahe niemand durch die Promotion fällt, zeigt der Doktortitel doch nur, dass diese Phase des Lebens nun abgeschlossen ist."

Ulrike Zeigermann, 25, Münster

Leserkommentare
  1. "Müssen das zwingend nur 5% einer Fachrichtung können?"

    Ich pflege immer nur zu schliessen, in dem ich nicht unbedingt zwei Schritte mache, sondern einen nach dem anderen. Sie haben sich auf jeden Fall für eine fixe Zahl entschieden, entgegen meiner Argumentation. Ich sprach von Qualität, Sie von Quantität. Bedenken Sie, Sie haben die Zahl fixiert, nicht ich. Aber scheinbar habe ich einen Nerv getroffen.

    "Sie gilt als Nachweis der Befähigung zu vertiefter wissenschaftlicher Arbeit und beruht auf einer selbständigen wissenschaftlichen Arbeit, der Dissertation sowie einer mündlichen Prüfung."

    Mathematisch gesehen, könnte man die Tiefe als Variable betrachten, da haben wir wohl unterschiedliche Auffassungen über deren Betrag, den ich hier deshalb nicht festlegen kann, vielleicht haben Sie da auch Vorstellungen wie "tief" es denn gehen darf - Sie waren ja so freundlich und hatten ja oben auch schon konkrete Vorstellungen? Machen Sie ruhig einen Vorschlag....

    Antwort auf "Hm..."
    • AZ11
    • 08. Februar 2013 6:45 Uhr

    Seit 2008 bin ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem "think-tank" taetig. Die Analyse der sicherheitspolitischen Fragen steht im Mittelpunkt meiner Arbeit. Schon zwei Jahre lang bewerbe ich mich fuer ein Promotionsstudium an einer deutschen Uni. Was fuer einen Antrieb liegt denn hinter meinem Wunsch zu promovieren? Durch die Arbeit kam ich zu einem ganz natuerlichen Schluss, dass es eimal die Zeit kommt, wenn man seine Forschung nicht mehr auf ein qualitativ neues Niveau aufheben kann. Man stockt also in einer Stagnation. Durch eine Promotion will ich diesen Zustand bewaeltigen. Mit Aneignung weiteren teorethisch-metodologischen Instrumente/Erkenntnisse moechte ich einen neuen Impuls meiner Forschung geben. Neue Leistungen schaffen.

    2 Leserempfehlungen
    • niquita
    • 08. Februar 2013 8:40 Uhr
    12. 1 Jahr?

    "Dass einige Doktoranden innerhalb von nur zwölf Monaten promovieren, finde ich fragwürdig."

    Wo, außer in der Medizin, ist denn so etwas möglich - würde mich wirklich interessieren? Ich denke Promotionsdauern < 3Jahre gibt es nur auf dem Papier, wenn Vorarbeiten anderweitig abgeleistet wurden.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hallo niquita,

    innerhalb der Betriebswirtschaftslehre sind Promotionen, die nur zwischen zwölf und achtzehn Monaten in Anspruch nehmen, durchaus verbreitet. Darauf spielt Sven Petersen in seinem Beitrag an.

    Insbesondere Unternehmensberater promovieren in diesem Tempo. Wenn Sie nach einschlägigen Beraterprofilen bei XING und LinkedIn suchen, werden sie schnell viele Kandidaten finden, die in der Tat so schnell ihre Dissertation abgefasst haben.

    Viele Grüße,
    Julian Kirchherr

  2. Da weisen die klassischen Naturwissenschaften leider eine Eigenheit auf, die nicht besonders rational erscheint, wenn man die Promotionspraxis mit anderen Fächergruppen vergleicht. Die Promotionsquoten in Biologie und Chemie sind vergleichsweise enorm hoch, sodass man schon fast von einer notwendigen verlängerten Ausbildung zum vollwertig anerkannten Biologen/Chemiker reden muss. Diese fachgebundnen Eigenheiten gehen leider in der Debatte oft verloren, denn in der Regel wird lediglich von 'der Promotion' geredet, die alle Unterschiede in einem Begriff vereint. Daher gebe ich Ihnen vollkommen recht, denn man braucht in jeder Fächergruppe ein anderes Maß, um Intentionen und Motivationen von Doktorarbeiten bewerten zu können. Zudem unterscheidet sich der Aufwand von Fach zu Fach (siehe Medizin), sowie die Art der Promotion, also frei, angestellt oder in einem Kolleg. Eine differenziertere Betrachtung wäre damit durchaus notwendig, um das Thema Zweck von Promotion angemessen zu behandeln. Da werden einige systemische Zwänge einfach ausgeblendet.
    Trösten können Sie sich vielleicht mit dem Gedanken, dass z.B. in der medzinischen Forschung ein rer. nat. sehr viel mehr zählt, als ein med.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Warum?"
  3. Hallo niquita,

    innerhalb der Betriebswirtschaftslehre sind Promotionen, die nur zwischen zwölf und achtzehn Monaten in Anspruch nehmen, durchaus verbreitet. Darauf spielt Sven Petersen in seinem Beitrag an.

    Insbesondere Unternehmensberater promovieren in diesem Tempo. Wenn Sie nach einschlägigen Beraterprofilen bei XING und LinkedIn suchen, werden sie schnell viele Kandidaten finden, die in der Tat so schnell ihre Dissertation abgefasst haben.

    Viele Grüße,
    Julian Kirchherr

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    Antwort auf "1 Jahr?"
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    Diese Aussage ist grundlegend Falsch.
    Erstens habe ich noch keinen Wissenschaftlichen Mitarbeiter einer Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät kennengelernt, der seine Dissertation binnen 18 oder gar 12 Monaten verfasst und sogar seine Disputation abgehalten hat.
    Zweitens ist die Aussage "Promotionen innerhalb der Betriebswirtschaftslehre" äußerst fragwürdig. Die BWL bietet ein sehr breites Feld an Forschungsmöglichkeiten und ist nicht ansatzweise in diesem Maße zu pauschalisieren.
    Des Weiteren ist ein bei Unternehmensberatungen üblich, zumindest bei den großen Beratungshäusern, die Berater für den MBA oder die Promotion freizustellen. Hierbei wird nicht selten alles bezahlt und der Doktorand unterliegt so keiner Zusatzbelastung die bei einer Lehrstuhl-Promotion oder auch einer Promotion an einem Graduiertenkolleg zu erwarten sind. Außerdem stellen diese Beratungshäuser die Angestellten für zwei Jahre frei (24 Monate).
    Es würde die Qualität der Kommentare erheblich erhöhen und eine Sachliche Diskussion fördern wenn jeder einzelne die Fähigkeit zu Reflektieren nutzen würde und nicht alles was man hört oder in Fragwürdigen Medien aufschnappt weitergibt.

  4. Diese Aussage ist grundlegend Falsch.
    Erstens habe ich noch keinen Wissenschaftlichen Mitarbeiter einer Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät kennengelernt, der seine Dissertation binnen 18 oder gar 12 Monaten verfasst und sogar seine Disputation abgehalten hat.
    Zweitens ist die Aussage "Promotionen innerhalb der Betriebswirtschaftslehre" äußerst fragwürdig. Die BWL bietet ein sehr breites Feld an Forschungsmöglichkeiten und ist nicht ansatzweise in diesem Maße zu pauschalisieren.
    Des Weiteren ist ein bei Unternehmensberatungen üblich, zumindest bei den großen Beratungshäusern, die Berater für den MBA oder die Promotion freizustellen. Hierbei wird nicht selten alles bezahlt und der Doktorand unterliegt so keiner Zusatzbelastung die bei einer Lehrstuhl-Promotion oder auch einer Promotion an einem Graduiertenkolleg zu erwarten sind. Außerdem stellen diese Beratungshäuser die Angestellten für zwei Jahre frei (24 Monate).
    Es würde die Qualität der Kommentare erheblich erhöhen und eine Sachliche Diskussion fördern wenn jeder einzelne die Fähigkeit zu Reflektieren nutzen würde und nicht alles was man hört oder in Fragwürdigen Medien aufschnappt weitergibt.

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  5. Wichtiger als die "Papierform" ist sowohl für die Promotion als auch für Forschung im Allgemeinen wohl oft tatsächlich, dass jemand ein starkes Interesse am Thema hat - mit gewissen Grundvoraussetzungen. Ich glaube, ein wirklich guter Grund, Wissenschaftler zu werden, ist, wenn man es einfach beim besten Willen nicht lassen kann, weil man ein neugieriger Mensch ist... Ansonsten wird man mit einem anderen Beruf wahrscheinlich glücklicher. Dicke Bretter bohren kann auch manchmal ganz schön frustrierend sein, das haben eigentlich alle Doktoranden und Wissenschaftler, die ich kenne, schon erlebt. Der Bürokratie-Exzellenz- und Klüngelwahnsinn, den so manche Uni zu bieten hat, ist da noch gar nicht eingerechnet.
    ...Und es wäre schön, wenn mehr Politiker erkennen würden, dass viele Menschen an Unis arbeiten, weil sie es eben absolut nicht lassen können, und sich für diese Menschen verantwortlich fühlten, statt sie auf Suppenkasperformat zusammenzusparen und gleichzeitig als Werbung auszunutzen.

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