Bildungsinitiative : Die Hilfslehrer

Karrieristen und Idealisten: Teach First vermittelt Hochschulabsolventen an Brennpunktschulen.

Bei der Bildungsinitiative "Teach First" erzählt man gern Erfolgsgeschichten wie diese: BWL-Studentin verlässt mit Bestnoten die Uni. Doch anstatt sich einen gut bezahlten Job in der Wirtschaft zu suchen, geht sie an eine Hauptschule, um mit Jugendlichen Lesen zu üben. Die Schule freut sich über die Hilfe, der künftige Arbeitgeber schätzt die soziale Kompetenz der einstigen Hilfslehrerin, und ein Stück deutscher Schule ist gerettet. Philipp Dehne, der seit einem halben Jahr für Teach First an der 9. Integrierten Sekundarschule in Kreuzberg arbeitet, ist zurückhaltender: "Wir können die finanziellen Probleme der Schulen auch nicht lösen", sagt er.

Die Aufstiegschancen vieler Schüler blieben weiterhin gering. Und die elitäre Außendarstellung von Teach First hält er für "fragwürdig".

Trotzdem hat Dehne sich vor einem Jahr bei Teach First beworben. Die in Deutschland noch junge Initiative – Dehne gehört zum vierten Jahrgang – versteht sich als Antwort auf mangelnde Bildungsgerechtigkeit. Die Idee für Teach First Deutschland entwarf deren Geschäftsführerin Kaija Landsberg 2006 in ihrer Magisterarbeit. Teach First verpflichtet "herausragende" Hochschulabsolventen als "Fellows" zur Unterstützung von Schülern in sozialen Brennpunkten. Zwei Jahre lang helfen sie im Klassenzimmer, unterrichten Fördergruppen oder leiten Nachmittagskurse. Die gemeinnützige Gesellschaft nach amerikanischem und britischem Vorbild ist in Berlin, Thüringen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hamburg aktiv. An Berliner Schulen arbeiten zur Zeit 25 Fellows.

Teach First stößt in eine Lücke im deutschen Schulsystem, die internationale Bildungsforscher schon lange anprangern. Die Iglu-Schulstudie von 2011, die im Dezember vergangenen Jahres veröffentlicht wurde, zeigt, dass 75 Prozent der Lehrenden keine Hilfe, etwa von Leseexperten, bekommen. Zum Vergleich: In England, Finnland und Portugal erhalten mehr als 70 Prozent der Lehrer Unterstützung im Unterricht. Während in diesen Ländern oft eine gute Schulbildung und ehrenamtliche Erfahrung ausreichen, setzt Teach First auf hoch qualifizierte Akademiker. Zwar betont die Organisation, dass die Schüler im Mittelpunkt stehen. Unverhohlen sagt sie aber auch, dass Fellows durch die Schulerfahrung zu gefragten Nachwuchskräften werden. Teach First wirbt explizit mit der Möglichkeit, nach zwei Jahren Schule bei einem der Großsponsoren, der Deutschen Post oder McKinsey, einzusteigen – oder bei einer amerikanischen Eliteuniversität.

Kritiker sehen in den Fellows daher gerne Karrieremenschen, die ihren Lebenslauf polieren wollen. Hartmut Schurig, Vorsitzender bei der Berliner Lehrergewerkschaft GEW, die fachfremdes Personal in der Schule ablehnt, bezeichnet Teach First als "Durchgangsstation für Betriebswirte". Auch wenn das Klischee nicht stimmt (nur vier Prozent der Fellows haben Wirtschaft studiert), bleibt die Frage, was junge Menschen mit gutem Uniabschluss motiviert, eine Klasse lernschwacher Jugendlicher zu betreuen. Sind sie Idealisten? Haben sie das Falsche studiert?

Dehne, 28, aufgewachsen im Raum Dortmund, hat keinen Business-Master in der Tasche, sondern einen Magister in Islamwissenschaft und Politik. Für seinen Abschluss hat er sich Zeit gelassen und Stationen in Kairo, Paris und Saudi-Arabien eingelegt. An Lebenslauf-Aufhübschung scheint er wenig interessiert: Alternativ hatte er über die Arbeit als Übersetzer beim Roten Kreuz nachgedacht, in Krisengebieten. Das Einzige, was an ihm offensichtlich ins Fellow-Profil passt, ist seine Abschlussnote, von der er verrät, dass sie im "guten Einserbereich" lag.

Strubbelkopf, kariertes Hemd: Dehne ginge leicht als Referendar durch. Tatsächlich hat er nach dem Abitur mit dem Gedanken gespielt, Lehrer zu werden, weil ihm Unterrichten Spaß macht. Was ihn abhielt, war das Korsett des Lehramtsstudiums – und die Aussicht, anstatt die Welt entdecken zu können, 40 Jahre lang den gleichen Job machen zu müssen. Die zwei Jahre bei Teach First kommen ihm gelegen. Sie sind aber ein Dorn im Auge der Berliner GEW: "Schwache Schüler brauchen dauerhafte Bezugspersonen", sagt Hartmut Schurig. Außerdem fließe öffentliches Geld in die Ausbildung von Menschen, die nicht im Schulsystem bleiben. Teach First hält dagegen, dass auch andere Lehrpersonen oft nur zwei Jahre lang eine Klasse betreuen. Und die Hälfte der Fellows bleibe tatsächlich im Bildungswesen, etwa als Sozialunternehmer oder Schulgründer.

Tatsächlich übernimmt der Staat den Großteil der Mittel. Das Land Berlin setzt pro Monat und Fellow rund 2260 Euro ein. Fellows verdienen brutto rund 1750 Euro. Hinzu kommen Arbeitgeber- und Verwaltungskosten. Die dreimonatige Ausbildungsphase, in denen sie Didaktik und Problemlösung im Klassenraum lernen, absolvieren die Fellows unbezahlt. Die Kosten für die Trainer übernehmen die privaten Sponsoren.

Die stellvertretende Berliner Landesvorsitzende und Bildungsexpertin der FDP, Mieke Senftleben, findet, dass die Fellows "ihr Geld wert" sind. Im vergangenen Jahr hat sie selbst einige Monate an der Neuköllner Kepler-Schule als Vertretungslehrerin gearbeitet und einen von ihnen kennengelernt. Er sei "unglaublich motiviert" gewesen und habe die Schüler begeistert. " Die Teach-First-Fellows sind jung, bringen Ideen von außen mit und beißen die Zähne zusammen, wenn es mal nicht so gut klappt", sagt Senftleben. Die Unterstützung des Kollegiums hält sie dabei für elementar.

Dehne hat volles Mitspracherecht an seiner Schule. Anfangs war der Personalrat noch skeptisch. Die Anerkennung des Kollegiums erwarb sich Dehne dagegen schnell. Schulleiterin Marlies Reicheneder beschreibt einen hochengagierten Mitarbeiter, der zwar keinen eigenverantwortlichen Unterricht erteilt, aber fast universell einsetzbar ist. Er hilft in Englisch, Französisch und Gesellschaftskunde und organisiert eine Mädchenfußball-Liga. Die Arbeit umfasst 24 Schulstunden plus Unterrichtsplanung. Nur mit Noten und Korrekturen hat Dehne nichts zu tun.

Dass Dehne fließend Arabisch und ein bisschen Türkisch spricht, kommt ihm zugute. 94 Prozent seiner Schüler wachsen mehrsprachig auf, viele mit Arabisch oder Türkisch. Er spricht ihre Namen korrekt aus und kennt die Feste, die sie feiern. Sein Respekt wird erwidert: "In meinem Unterricht fliegen kaum noch arabische Beleidigungen." Aber auch in seinem Unterricht kommt es vor, dass nach wochenlangem Vokabelpauken ein 14-Jähriger fragt, was "many" heißt. Und dass ein anderer antwortet: "Ist doch einfach: Geld." Dann fängt Dehne fängt noch einmal von vorne an.

Dehne ist einer unter vielen, die hier kämpfen. Neben ihm gibt es Sonderpädagogen, Psychologen, Sozialarbeiter, Werkstattleiter. Sein Beitrag allein, sagt er, wird die Bildungsungerechtigkeit in Deutschland nicht abschaffen.

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

5 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Teach First wurde in USA & England erfunden

Ein Blick auf Wikipedia koennte der Autorin nicht schaden - kleine Korrektur: Frau Landsberg mag sehr fuer ihr Engagement zu loben sein, aber das Konzept von Teach First erfunden hat sie ja nun nicht! Es ist eine 1:1-Kopie des britischen Teach First. Das wurde 2001/02 von dem McKinsey-Berater Brett Wigdortz in England erfunden bzw. gegruendet, nachdem eine McKinsey-Studie gefunden hatte, was seit neustem von Hattie gepredigt wird: Dass die Motivation und Qualitaet des Lehrers der bei weitem staerkste Faktor zur Erklaerung von Schulerfolg ist. Die Idee von Wigdortz war, Absolventen von Elite-Unis wie Oxford und Cambridge - aber auch andere herausragende Studenten - in Brennpunktschulen zu schicken, um einen frischen Drive durch die grauen Klassenzimmer fegen zu lassen - was auch prompt funktioniert hat. Die Plaetze sind jedes Jahr hart umkaempft und angeblich bleiben etwa ein Drittel der "Hilfslehrer" nach der Teach First Zeit im Lehrberuf. Das Programm ist gut integriert mit Kontakten in die Wirtschaft, um abzusichern, dass die verbleibenden Hilfslehrer danach weiterhin gute Karrierechancen haben. Auch das "Teach for America" Programm der USA ist eine wichtige Vorlage - das Programm wurde bereits 1990 erfunden! Also, wie gewohnt (vor allem im Bildunsgbereich), hinken die Deutschen da wieder mal gewaltig hinterher.

Irgendwie ist das Quark

Punkt 1: Mich als Personaler würde es nicht interessieren, ob der Bewerber ein Jahr im sozialen Bereich tätig war. Allein schon deshalb, weil es doch ohnehin nur des Lebenslaufs wegen gemacht wird.

Punkt 2: Ich finde es an sich gut, dass Kinder Hilfe bekommen. Aber warum man dafür fast 1800 Euro ausgibt, erscheint mir unbegreiflich. Eine bessere Idee wäre es etwa, man ködert mit einem Taschengeld die Oberstufenschüler. Mit 5 Euro sind die glücklich, können in den Fächern unterrichten, in denen sie stark sind und wiederholen den Stoff nebenbei ein wenig. Gleichzeitig spart die Schule viel Geld. Warum man für einfache Materia hochqualifizierte Hochschulabsolventen braucht, will mir nicht in den Kopf.