PlagiatsaffärenDer Doktortitel als Versuchung

Schavan wird nicht der letzte Plagiatsfall sein. Ein Blick auf die amerikanische Ph.D.-Praxis zeigt, woran das deutsche Promotionswesen krankt. Von Josef Joffe von 

Annette Schavan wird nicht die letzte sein, die in die Plagiatsfalle gerät. In künftigen Fällen wird die betroffene Universität hoffentlich verantwortungsbewusster vorgehen, als es die Düsseldorfer getan hat. Es war ein langer Prozess hinter verschlossenen Türen. Am Anfang stand ein anonymer Tipp. Von Anklage und Ermittlungsergebnis hat Schavan aus der Presse gehört. Der Doktorvater wurde nicht befragt, die Delinquentin auch nicht. Dies ist der eigentliche Skandal, wie Kurt Biedenkopf in der Welt moniert.

Biedenkopf stellt zudem die richtige Frage: Ob der Doktorvater bereit gewesen wäre, die "Verantwortung für die mangelhafte Anwendung der Regeln selber zu übernehmen, da ihre gewissenhafte Überprüfung doch als Teil (seiner) Aufgabe verstanden werden müsse". Just diese Frage gilt auch den Betreuern anderer Abgeurteilten: von Margarita Mathiopoulos (FDP) bis Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Die Polizei, die untätig vor der Tür steht, macht sich mitschuldig am Einbruch.

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Doch geht das Problem – ein kulturelles, kein juristisches – tiefer. Der Vergleich zwischen Deutschland und den USA mag es erhellen. Hierzulande werden rund doppelt so viele Doktortitel pro 100.000 Einwohner verliehen wie in den Vereinigten Staaten. Sind die Deutschen klüger und fleißiger? Das ist nicht anzunehmen. Richtig ist vielmehr zweierlei: Ein Ph.D. ist schwerer zu erringen als ein Dr. phil., und dennoch zählt der Titel in Amerika weniger als hier.

Deutschland braucht höhere Anforderungen für Dissertationen

Niemand wird dort mit "Mr. Doctor" angesprochen und kein Professor käme auf die Idee, seine Briefe mit "Dr." zu unterschreiben. "Doctor" bleibt ein Etikett für Ärzte. Mit anderen Worten: Dieser Titel ist kein Rang- und Ehrenabzeichen wie in Deutschland, wo sich ein aufsteigendes Bürgertum mit dem "Dr." gegenüber der Aristokratie selber zu adeln versuchte. Herzöge und Grafen gab es in Amerika nicht; folglich suchten die Aufsteiger ihren Status mit anderen Mitteln zu markieren.

In Deutschland macht "Herr oder Frau Doktor" noch immer was her, weshalb die Ambitionierten einige Kraft (gelegentlich auch List) einsetzen, um das Sahnehäubchen zu ergattern. Hinzu kommt die gewaltige Expansion der deutschen Universität in den Siebzigern, die zwei üble Folgen hatte. Zum einen wurden Lehrer in das System gespült, die mit den Größen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts nicht mithalten konnten. Zum anderen blähte sich das Student-Professor-Verhältnis gewaltig auf. Folglich sank die Betreuungs-Kapazität; schnell schlug und schlägt sorgfältig. Die eigentliche wissenschaftliche Befähigung blieb der Habilitation vorbehalten.

Anders in Amerika. Dort ist der Ph.D. was hier die Habilitation ist: er belegt die Lehr- und Forschungsreife, die Dissertation muss einen originellen Beitrag zum Wissensstand liefern. Folglich sind die Anforderungen höher; eine Doktorarbeit wie "Grüßen im Russischen und im Deutschen" käme dort wohl nicht durch. Auf jeden Fall sorgt die scharfe Selektion für das gebotene Profil. Der Ph.D.-Aspirant will in die Wissenschaft und selektiert sich so selber. Seine Abteilung siebt weiter, hängt doch der Ruf eines Departments von der Zahl der Promovierten ab, die es an den besten Unis platzieren kann. Die Zahl der Promovenden bleibt überschaubar; entsprechend wächst die Betreuungsintensität und sinkt das Risiko eines unentdeckten Plagiats.

Die Habilitation abschaffen, dafür die Dissertation durch strenge Zugangs- und Qualitätsanforderungen adeln, wäre die gebotene Therapie für den deutschen Morbus plagiatis. Aber das geht nicht. Der Doktor im Namen macht zu viel her; das Professoriat wird sich mit Zähnen und Klauen gegen das Ende der Habilitation wehren, obwohl der amerikanische Weg zur Lebensanstellung (zwei Bücher in sieben Jahren Assistenz-Professur) sinnvoller und beweiskräftiger wäre.

Deshalb wird Schavan nicht der letzte Fall sein. Schon lädt der Gründer von VroniPlag zur Plagiatsjagd ein. Noch besser: Er will daraus ein Geschäft machen, indem er anbietet, auf Bestellung und gegen Bares zu arbeiten.

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Leserkommentare
    • rws
    • 14. Februar 2013 13:01 Uhr

    "Als PD hat man keine finanzielle aber dafür zumindest akademische Sicherheit." Ganz einfach. Als gewesener (ob gescheitert oder ohne Tenure-Track-Option) JunProf müssen Sie die Universität verlassen. Sie verlieren das Promotions- und Prüfungsrecht sowie das Recht, selbständig zu forschen. Damit ist man aus dem Wissenschaftsbetrieb raus - endgültig. Als PD bleibt man Fakultätsmitglied. Egal ob man an der Uni angestellt ist oder nicht. Das eröffnet alternative Karrierewege über Industrie bzw. Forschungsnahe Einrichtungen. Deshalb verleihen einige Unis ihren JunProfs nach Ablauf der Befristung wenigstens den PD.

    "Sie hatten die angeblich hohen Scheidungsraten im tenure track als Beispiel für die Überlegenheit der dt. Habil/JunProf-Schiene angeführt"
    hier liegen mehrere Missverständnisse vor:

    (1) Ich hatte auf die statistisch auffallend hohe Scheidungsrate beim Tenure-Track-Personal hingewiesen. Frauen verdoppeln ihr Scheidungsrisiko mit Tenure-Track gegenüber den Kolleginnen aus der zweiten Reihe. Lesen Sie dazu bitte die Studie Ihrer Kollegin aus Berkley. Entsprechende Zahlen kann man auch in D erwarten. Valide Studien dazu kann es in D aufgrund der wenigen Tenure-Track-Kandidatinnen noch gar nicht geben.

    (2) Hatte ich nicht die Überlegenheit eines Systems diskutiert. Mir geht es um den Hinweis, dass man nicht einfach ein fremdes System kritiklos in eine andere Wissenschaftskultur übernehmen kann. Der JunProf ist - wie oben ausgeführt - auch noch eine Baustelle.

    • rws
    • 14. Februar 2013 13:40 Uhr

    "Von einer befristeten Stelle zur nächsten gereicht, dauerndes Bangen auf Verlängerung, oft mit Familie, aber mit "Privatdozent Dr." vor dem Namen: ein trauriges Dasein."
    Da sind doch die Adjunct Faculty Members (besonders in den Geisteswissenschaften) nicht besser gestellt?

    In beiden Systemen sollte doch man 4 Jahre nach der Promotion wissen wo man bleibt - sonst landet man in der Sackgasse. In D ist eher das Problem, dass selbst die erste Professur noch befristet sein kann - teilweise mit sehr vager Aussicht auf Entfristung. D.h angekommen ist man erst auf dem Lehrstuhl.

    Zum Thema zurück" das Professoriat wird sich mit Zähnen und Klauen gegen das Ende der Habilitation wehren": Die Habilitation ist - zumindest in den Naturwissenschaften - als Qualifikationsnachweis für eine Professur unbedeutend geworden. Heute werden Kriterien wie Drittmittelstärke, Publikationen, kreative Leistung oder Lehrtätigkeit in den Kommissionen unabhängig von der Habil. evaluiert. Da gibt es nichts mehr zu verteidigen. Der Charme der Habilitation liegt eher in der Möglichkeit, eine Karriere z.B. in der Industrieforschung mit der Lehre an der Universität zu verbinden.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Das habe ich nicht ..."
  1. Ich kann verstehen, dass aufgrund der Affären der Vergangenheit und vermutlich auch aufgrund einiger Dünnbrettpromotionen von Externen, diese Form der Promotion unter Beschuss steht. Allerdings möchte ich zwei Einwände vorbringen. 1. Nicht jede externe Promotion dient einer vertikalen Karrierebeschleunigung (.i.e. high paying job) sondern kann z.B. auch schlicht notwendig sein, wenn man aus der Wirtschaft an eine FH möchte - was durchaus mit deutlich weniger Gehalt verbunden sein kann. Warum trotzdem? Weil man Spaß an der Lehre hat.
    2. Bei entsprechendem "Qualitätsmanagement" kämen auch nur tatsächlich gute Externe durch. Und entscheidend sollte die Qualität sein, nicht ob die Prom intern oder extern entstand.

    3 Leserempfehlungen
  2. Darüber was typisch deutsch ist, gibt es viele Vorurteile. Mit am häufigsten und konstantesten scheint mir die Neigung zu sein, vergleichsweise geringe Fehlentwicklungen in unserem Land zu einer nationalen Blamage hochzustilisieren und reflexartig einen demütig verklärten Blick in den angelsächsischen Raum zu erheben, am liebsten nach Amerika.

    Wenn es bei deutschen Promotionen zu Plagiatsfällen kommt, ist die logische Konsequenz, geeignete Kontrollen einzuführen und die beteiligten Prüfer mit zur Verantwortung zu ziehen. Herr Joffe dagegen sieht gleich das ganze System entlarvt und hält uns – wie überraschend – die USA als Vorbild vor. Dabei sind die drei Stufen des akademischen Systems in Deutschland (Master, Promotion, Habilitation) grundsätzlich wissenschaftlich und mit Blick auf die Berufspersepektive sinnvoll. Dass es schon jetzt bei Promotionen eine so große Variationsbreite gibt, dass je nach Fach manche Arbeit auch als Habilitation durchgehen könnte, erwähnt Herr Joffe bezeichnenderweise nicht. Nichts weist darauf hin, dass die Abschaffung einer der drei Stufen das Problem des Plagiats lösen würde, welches ohnehin bei Nutzung der Möglichkeiten des Internets bald entfiele. Es gibt in der Bildungslandschaft wahrhaftig drängendere Probleme.

    2 Leserempfehlungen
  3. Mit deprimierender Vorhersehbarkeit steht in den Artikeln Josef Joffes immer, dass in den USA (oder in "Amerika", wie er es etwas ungenau nennt) alles besser ist -- egal welches Thema. Das größte Problem ist noch nicht einmal Joffes ideologische Verblendung, sondern sein rudimentäres Verständnis der USA.
    So ein Unsinn, dass hier niemand mit "Doctor" angesprochen würde (klar, "Mr. Doctor" gibt's nicht (genauso wenig wie "Monsieur docteur", aber da ist Joffe auch keinem heißeren Ding auf der Spur, als dass Englisch und Deutsch (und Französisch) zwei (oder drei) unterschiedliche Sprachen sind). Und wie kommt er denn auf die Idee, dass der Ph.D. von hier wertvoller oder besser sei als eine deutsche Diss.? Und dass es weniger Plagiate gebe? Eine gelegentliche Lektüre des Harvard Crimson würde JayJay da sehr schnell eines Besseren belehren.
    Kurzum, wirklich ärgerlich wie sich dieser Autor dauernd als USA-Kenner verkauft, ohne dass sich bei der Zeit mal jemand trauen würde ihm auf die Finger zu klopfen.
    Um auf Joffes Niveau von Analogien zu bleiben, lautet sein inhaltliches Argument übrigens in etwa so wie: "Weil in Deutschland soviel mehr Wert gelegt wird auf solide Steinhäuser als in den USA (wo sich keiner dafür interessiert), wird in Deutschland auch viel mehr am Bau gepfuscht." Hmmmm

  4. ... heißt mal wieder siegen lernen?
    Wie toll das angelsächsische Universitätsmodell (Bachelor/Master) funktioniert, erleben die deutschen Unis ja gerade hautnah.
    Klar, Herr Joffe, die in den U.S.A. können das alles besser, Universität, Abschlüsse, Doktortitel. International ist das ja schon seit Jahrzehnten bekannt, deshalb waren deutsche Universitätsabschlüsse ja auch so schlecht angesehen, deshalb musste man ja auch die Notbremse ziehen und das tolle angelsächsische Modell einführen. Sicher.

    Suchen Sie doch mal ein paar deutsche Akademiker, die Ihre Lobeshymne auf das ach so tolle Universitätsmodell der U.S.A. noch mitsingen. Viel Glück.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • UCProf
    • 20. Februar 2013 2:24 Uhr

    "Wie toll das angelsächsische Universitätsmodell (Bachelor/Master) funktioniert, erleben die deutschen Unis ja gerade hautnah."

    Sie haben wahrscheinlich keine persönliche Erfahrung mit dem US-Erziehungssystem, sonst würden Sie so etwas nicht schreiben, weil Sie wüssten, dass der "Bachelor/Master," den man durch Bologna in Deutschland eingeführt hat, hat ausser dem Namen inhaltlich und von der Betreuungsstruktur nichts mit dem US-Äquivalent zu tun. Es handelt sich um einen reinen Etikettenschwindel: deutsche Massenuni, mit neuem Prädikat versehen. Übrigens ging es in dem Artikel von Herrn Joffe um Promotion, nicht um Grundausbildung.

    "Suchen Sie doch mal ein paar deutsche Akademiker, die Ihre Lobeshymne auf das ach so tolle Universitätsmodell der U.S.A. noch mitsingen. Viel Glück."

    OK, Sie können mich schonmal mitzählen. Zur Information: ich bin Professor an einer US-amerikanischen Staatsuni, und schon über 15 Jahre im dortigen Uni-Betrieb tätig. (Und nein, ich bin nicht zu schlecht für deutsche Unis- habe schon drei Rufe an Unis in D abgelehnt.) Lassen Sie es mich einfach so sagen: Im Vergleich zu uns tun die deutschen Kollegen tun vor allem eines: den Mangel verwalten. Aber sicherlich nicht ihre Studenten und Doktoranden in dem Umfang betreuen, in dem dies nötig wäre; dafür haben sie einfach nicht genug Zeit. Wie auch, mit 9 Stunden Lehrverpflichtung- das findet man in USA nur bei rein auf Lehre ausgerichteten colleges, nicht an Unis, wo auch Forschung stattfinden soll.

    • Gimmli
    • 19. Februar 2013 15:58 Uhr

    Der Beitrag zu dem Thema ist meiner Meinung nach zu einseitig und zu wenig differenziert. Einen Doktortitel zu erreichen ist in Deutschland so vielschichtig wie es Universitäten gibt. Jede Fakultät hat ihre eigene Promotionsordnung, man muss genau differenzieren, in welchen Fächern bzw. Fachgebieten die Promotion abgeleistet wird. Eine Verallgemeinerung, wie sie in dem Artikel betrieben wird lehne ich ab, ebenso die Lobhudelei auf das amerikanische System. Die Ausrichtung nach amerikanischem Muster fokussieren sich viel zu stark auf die Publikationsleistung eines Wissenschaftlers. Platt formuliert: Viele Publikationen in Journalen = guter Wissenschaftler. Dieses System macht aus einem Wissenschaftler noch lange keinen guten Forscher und scho gar nicht einen guten Hochschullehrer.
    Sicherlich ist das Deutsche Promotionssystem sehr kritisch zu hinterfragen, aber bitte nicht mit solchen Platitüden, damit ist keinem geholfen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Annette Schavan | Kurt Biedenkopf | CSU | FDP | Karl-Theodor zu Guttenberg | USA
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