Bundesbildungsministerin Annette Schavan © Thomas Peter/Reuters

Heute berät die Universität Düsseldorf erneut, ob sie Wissenschaftsministerin Annette Schavan (CDU) ihren Doktorgrad entzieht. Der Rat der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf tritt um 14.30 Uhr zusammen. Beim letzten Treffen des Rates wurde ein Verfahren zur Aberkennung des Titels eröffnet, und zugleich darauf hingewiesen, dieses sei "ergebnisoffen".

Inzwischen haben die 15 Mitglieder des Fakultätsrats zwei Wochen Zeit gehabt, sich weiter mit dem Fall zu beschäftigen. Zwei Szenarien sind wahrscheinlich: Der Fakultätsrat könnte ein externes Gutachten anfordern, so wie es Annette Schavan und viele hochrangige Wissenschaftsvertreter fordern. Eine Entscheidung würde dann wohl erst nach der Bundestagswahl fallen. Ebenso könnte die Universität beschließen, den Titel abzuerkennen. Dazu gäbe es eine geheime Abstimmung des Fakultätsrates, bei der die einfache Mehrheit reicht. Dass das Gremium das Verfahren einstellt und Schavan den Titel behalten kann, damit ist nicht zu rechnen.

Die Debatte der letzten Monate hat alle Argumente für und gegen die Aberkennung des Titels offengelegt. Jetzt muss die Universität entscheiden. Wir erklären die größten Streitpunkte.

Sind Zitierstandards allgemeingültig oder abhängig vom Fach und Erstellungszeitraum?

Verteidiger Schavans sagen: Andere Zeiten, andere Sitten. Vor 33 Jahren hätten die Zitierregeln von heute nicht unbedingt gegolten. Eine ganze Garde von Gelehrten und Wissenschaftsfunktionären hatte diese Auffassung schon im Juni vorigen Jahres in die Debatte gebracht, wenige Wochen nach den ersten Vorwürfen auf schavanplag. In der Süddeutschen Zeitung bezeichneten sie die zunehmende Zahl von Plagiatsvorwürfen als "unwürdiges Spektakel". Einer der Mitautoren, der Rechtsprofessor Rüdiger Wolfrum, erneuerte diesen Standpunkt im Januar nochmals in einem "Kurzgutachten" gegen das laufende Düsseldorfer Prüfverfahren. Die vom Bildungsministerium geförderte "Allianz der Wissenschaftsorganisationen" nahm dieses Gutachten als Grundlage für eine Stellungnahme, die das Verfahren der Uni Düsseldorf harsch kritisiert.

Demgegenüber bezeichnen Rechtsgelehrte wie etwa Volker Rieble diese Aufweichung von Zitierstandards als "Unfug". Spätestens seit dem 17. Jahrhundert sei der Unterschied von Mein und Dein auch in den Wissenschaften klar, sagt Rieble. Ihm schlossen sich in der vorigen Woche eine ganze Reihe von Erziehungswissenschaftlern an, die erklärten, vor vierzig Jahren hätten dieselben Vorschriften gegolten wie heute. Historische Relativierungen seien "Rufmord" an der Geschichte des Faches.

Eine weitere Facette bekam die Debatte am vorigen Wochenende, als die Süddeutsche Zeitung aus einem Heftchen von 1978 zitierte, das einen Leitfaden für Düsseldorfer Erziehungswissenschaftler enthält. "Geistiger Diebstahl ist kein Kavaliersdelikt", heißt es darin. Der Verstoß gegen Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens habe "schon manchen Wissenschaftler um Ehre und Karriere und manchen Prüfungskandidaten um den Erfolg seiner Bemühungen gebracht. Und das ist gut so." Mitherausgeber des Heftes ist Schavans Doktorvater Gerhard Wehle. Offenbar waren die Zitierstandards der 1970er Jahre doch nicht so lasch, wie Verteidiger von Annette Schavan mitunter Glauben machen wollen.

Letztlich wird nur ein Gericht die Streitfrage entscheiden können. In den vergangenen Plagiatsfällen haben die Richter stets geurteilt, ohne zwischen Fächern und Erstellungszeit zu unterscheiden.