PlagiatsaffäreWarum Schavans Klage aussichtslos ist

Die Uni Düsseldorf hat Schavan den Doktortitel aberkannt. Vor Gericht will sie gegen die Entscheidung klagen. Dass sie damit durchkommt, ist äußerst unwahrscheinlich. von 

Wenige Minuten nachdem der Fakultätsrat der Uni Düsseldorf Annette Schavan den Doktorgrad entzogen hatte, kündigten ihre Anwälte an, Klage einzureichen. Am Morgen darauf bekräftigte die Bildungsministerin ihren Protest gegen das Urteil. Wie geht es jetzt weiter im Fall Schavan?

Formal läuft das Verfahren so ab: Die Einspruchsfrist beträgt einen Monat, zuständig ist das Verwaltungsgericht Düsseldorf. Das Verfahren wird voraussichtlich einige Monate in Anspruch nehmen. Wolfgang Löwer, der Chef des bundesweiten Ombudsgremiums gegen wissenschaftliches Fehlverhalten, schätzt nach seiner Erfahrung aus Vergleichsfällen mit einem Urteil "nach drei, vier Monaten", also noch vor der Bundestagswahl.

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Ob in erster Instanz schon endgültig entschieden wird, ist prinzipiell offen. Das Gericht könnte aber eine mögliche Berufung (der Kläger oder Beklagten) abweisen. So haben Gerichte meist in anderen Fällen gehandelt, zuletzt im Bonner Rechtsstreit um den Doktortitel von Margarita Mathiopoulos. Ein kurzer Prozess liegt nahe, weil die höchstrichterliche Rechtsprechung in Plagiatsfällen den Untergerichten klare Urteilskriterien an die Hand gibt. Zwar ist auch gegen die Nichtzulassung eine Beschwerde möglich, aber meist aussichtslos. Es müssten klare Verfahrensfehler oder erhebliche Verstöße gegen andere Rechtsnormen nachgewiesen werden. "Dass Unis ausgerechnet einen Streit um den Doktortitel verloren hätten, habe ich in zwanzig Jahren nicht erlebt", sagt der Rechtsexperte Löwer.

Welche Chance haben die Argumente der Anwälte?

Mit welchen Argumenten Schavans Anwälte im Detail klagen wollen, wollten sie auf Nachfrage nicht näher erläutern. Sie verweisen auf eine Pressemitteilung. Darin kritisieren sie das Verfahren. Die gebotene Vertraulichkeit sei "durch mehrfache selektive Information der Öffentlichkeit verletzt" worden. Gemeint ist vor allem der Anfang Oktober auszugsweise bekannt gewordene Untersuchungsbericht des Prodekans Stefan Rohrbacher. Die Verwaltungsrichter werden beurteilen müssen, ob durch die Presseberichte die Entscheidungsfindung der Hochschulgremien negativ beeinflusst wurde.

Weiter kritisieren Schavans Vertreter, dass die Hochschule nicht danach gefragt hätte, ob die Gutachter "im damaligen Promotionsverfahren" wirklich getäuscht worden seien. Schavans Doktorvater hatte mehrfach betont, sich nicht getäuscht zu fühlen. Formell kommt es auf die subjektive Erinnerung von Gutachtern allerdings nicht an – nicht sie vergeben (oder entziehen) den Doktortitel, sondern die Fakultät. In keinem anderen Plagiatfall haben die deutschen Gerichte Doktorväter eigens angehört.

Überdies lässt Schavan beanstanden, dass im aktuellen Verfahren zu ihrer pädagogischen Dissertation kein Gutachten eines Fachvertreters eingeholt worden ist. Der Rechtsprofessor Klaus Gärditz hatte in seinem Gutachten für den Düsseldorfer Fakultätsrat allerdings geschrieben, dies sei aus juristischer Sicht auch nicht nötig gewesen.

Doch diese Ansicht ist umstritten. Der Heidelberger Professorenkollege Rüdiger Wolfrum hat ein bislang unveröffentlichtes Gegengutachten zu Gärditz verfasst, das ZEIT ONLINE vorliegt. Wolfrum hält eine fachpädagogische Einschätzung der Plagiatsfrage für wünschenswert, allerdings ebenfalls nicht für zwingend.

Zusätzlich werden Schavans Anwälte mit der geringfügigen Zahl der Zitierverstöße argumentieren. Das sah der Fakultätsrat allerdings anders. Und bei ihm liegt der Ermessensspielraum, ob die Verstöße für einen Titelentzug gravierend genug sind. Gerichte hüten sich in der Regel, diesen gesetzlichen Spielraum durch eigenes Ermessen zu schmälern oder zu verletzen. Da wird auch nicht helfen, dass sich die Verstöße "fast alle im referierenden Teil der Arbeit befinden", wie es in der Pressemitteilung von Schavans Anwälten heißt. Solch eine Unterscheidung zwischen einem Berichtsteil über den Forschungsstand und der originellen geistigen Leistung des Doktoranden wollten Anwälte im Dezember auch in einem Bonner Plagiatfall ins Spiel bringen. Erfolglos.

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Leserkommentare
  1. könnte man sie vor den Wagen spannen und den Karren aus dem Dreck ziehen (Zitat von Heiner Geißler).

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  2. genau um solche Zusammenfassungen geht es ja - denn die hat sie - oops, kleiner handwerklicher Fehler - einfach abgeschrieben aus der Sekundärliteratur, ohne diese Zitate anzugeben, und sogar ohne diese Sekundärliteratur anzugeben.

    (Zum Verständnis: Sekundärliteratur ist ein Buch, das zusammenfasst und kommentiert, was in einem oder mehreren anderen Büchern steht.)

    Dass früher mit Zettelkasten falscher zitiert werden sollte als mit dem PC, erschließt sich mir weder gedanklich noch technisch, und aus der Erfahrung kann ich das auch nicht bestätigen - Zitate sind einfach nur wörtliche Übernahmen von Textstellen, da spielt die Technik keinerlei Rolle.

    Dass sich die Universitätsgremien nicht mit Frau Schavans Ausführungen auseinandergesetzt hätten, ist einfach nur eine Unterstellung ohne jeden Sachhintergrund.

    Vielleicht sollten Sie der Einfachheit halber erst einmal in aller Ruhe die Mitteilung der Universität lesen:
    http://www.uni-duesseldor...

    2 Leserempfehlungen
  3. ...könnte es ihr egal sein, aus ihrer Sicht scheint es aber wichtig, von unabhängiger Seite überprüfen zu lassen, welche Standarts bei der Erstellung vertretbar waren, und welche nicht. Auch das kann ich verstehen.

    Nicht verstehen kann ich, dass man keine Gutachter vom Fach bemüht hat, geschwätzig war wie scheinbar der Prodekan, und anderes mehr. Und manchmal kann sich so formelle Rechtswidrigkeit in materielle verdichten, da sollten Frau Dr. Schavan und ihre Anwälte auch hartnäckig bleiben.

    Eine Leserempfehlung
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    Wofür muss man vom Fach sein?
    Die einzige Fähigkeit, die hier gebraucht wird, ist, dass man der deutschen Sprache einigermaßen mächtig ist.
    Ich empfehle vor dem Argumentieren einige der bemängelten Stellen sich anzuschauen.

    hat doch entschieden 12 zu 2 Stimmen. Das waren doch alles Fachleute. Oder was meinen Sie eigentlich?

  4. und daher nicht vergleichbar mit dem Fall Guttenberg.

    Es kann aber auch sein, dass bei das Pflichtgefühl über das Gewissen gesiegt hat. Sind es vielleicht die falschen Freunde und Freundinnen, die ihr eingeflüsterthaben: "Du bist nicht der Guttenberg. Du hast immer hart gearbeitet. Dir ist nichts geschenkr worden. Sei stark und steh das durch. Wir stehen zu Dir. Noch einen Gutti können wir uns im Wahljahr nicht leisten."

    Daher auch der unmittelbare Schnellschuss der Anwälte mit der Klage nach der Verkündung des Beratungsegebnisses. Man hat zwar mit beiden Möglichkeiten in der CDU gerechnet, Aberkennung des Titels oder Vertagung. Womit wahrscheinlich keiner gerechnet hat, sind die klaren und einseutigen Worte in der Begründung:

    "Die „Häufung und Konstruktion“ der von Schavan nicht gekennzeichneten Passagen ergeben nach Überzeugung der Fakultät „das Gesamtbild“, „dass die damalige Doktorandin systematisch und vorsätzlich über die gesamte Dissertation verteilt gedankliche Leistungen vorgab, die sie in Wirklichkeit nicht selbst erbracht hatte“." (tagesspiegel)

    Wie anders lassen sich Herr Seiberts erklären

    "Nach der Rückkehr der Ministerin nach Deutschland wird Gelegenheit sein, in Ruhe miteinander zu reden", sagt Seibert. "Sicher wird die Ministerin dann auch erneut und ausführlicher Stellung nehmen, als das aus dem Ausland möglich und angebracht ist."

    Die Anwälte waren gestern etwas zu schnell in der Spur...

    2 Leserempfehlungen
  5. 117. Wofür

    Wofür muss man vom Fach sein?
    Die einzige Fähigkeit, die hier gebraucht wird, ist, dass man der deutschen Sprache einigermaßen mächtig ist.
    Ich empfehle vor dem Argumentieren einige der bemängelten Stellen sich anzuschauen.

    2 Leserempfehlungen
    • Rexdorf
    • 06. Februar 2013 20:36 Uhr

    Ob sie das i s t, werden wir sehen: Wenn gerichtlich abschließend darüber geurteilt ist.

    Bis dahin: Fände ich "scheint" angemessener.

    4 Leserempfehlungen
  6. Ja was war vor 30 Jahren? Waren Schriften digitalisiert? Hatte man zu der Zeit die notwendige Hard- und Software? Versuchen Sie doch eine Arbeit auf Plagiate zu überprüfen, wenn Ihnen kein Internet oder Computer zur Verfügung steht.

    Frau Schavan wurde erwischt und der Doktorgrad (nicht der Doktor ehrenhalber) entzogen PUNKT

    2 Leserempfehlungen
  7. 120. Nonsens!

    Zunächst: Auch Honnefelder schreibt: "Selbstverständlich ist bei einem solchen Referat des Forschungsstandes auf die benutzten Quellen zu verweisen." Sowie: "Das Plagiat gehört [...] zu den fundamentalen Verstößen gegen die Integrität wissenschaftlicher Forschung". Da er sich nur auf Presseverlautbarungen ("die genannte Sachverhaltsdarstellung nach den Pressemitteilungen") stützt, nicht aber auf das Abschlussgutachten der Prüfkommission und er überdies nicht Art und Umfang der Plagiate zur Kenntnis nimmt, sind seine Einschätzungen nicht sachstandsadäquat.
    Er moniert des Weiteren überzogene Ansprüche an den referierenden Teil der Arbeit ("die im mittleren Teil der Arbeit (S. 59 - 253) gebotene Darstellung der Ende der 1970er Jahre vorliegenden humanwissenschaftlichen Gewissensdeutungen"), diese bilden mit 194 Seiten jedoch das Gros der gesamten Dissertation, die mit Einleitungsteil - man darf annehmen, dass dieser bis S. 58 geht - und Literaturverzeichnis (ab S. 336) gerade einmal auf 351 Seiten kommt. Es bleibt also deutlich weniger als ein Drittel übrig. Da kann man sich ohnehin fragen, ob der explorierende nicht paraphrasierende Teil überhaupt einer Inauguration würdig ist. Hinzu kommt, dass auch ab S. 254 fröhlich plagiiert wurde -> http://schavanplag.files.... Auf 20 von 81 Seiten dieses Teils lassen sich ebenfalls Plagiate nachweisen. Insofern lag Honnefelder mit seiner damaligen Einschätzung klar daneben.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Annette Schavan | Dissertation | Doktortitel | Gericht | Margarita Mathiopoulos
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