Im WortlautDie Erklärung der Universität Düsseldorf zu Annette Schavan

Die Philosophische Fakultät der Universität Düsseldorf hat Bildungsministerin Schavan den Doktortitel aberkannt. Die Erklärung der Hochschule im Wortlaut.

In einer Presseerklärung hat die Universität Düsseldorf begründet, warum Annette Schavan der Doktortitel entzogen wird. "In bedeutendem Umfang" habe die CDU-Politikerin fremde Textstellen nicht gekennzeichnet, teilt der Dekan Bruno Bleckmann darin mit. "Daher hat der Fakultätsrat den Tatbestand einer vorsätzlichen Täuschung durch Plagiat festgestellt." Die Erklärung im Wortlaut:

"Ich möchte Sie über die heutige Sitzung des Fakultätsrates der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf informieren. Ich beginne mit einer Zusammenfassung der heute getroffenen Entscheidung und werde diese Entscheidung Ihnen danach ausführlich erläutern.

Der Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf hat heute die Entscheidung getroffen, die schriftliche Promotionsleistung von Frau Schavan für ungültig zu erklären und ihr den Doktorgrad zu entziehen. Ich erläutere nun im Einzelnen: Der Fakultätsrat der Philosophischen Fakultät hat in der heutigen Sitzung seine Beratungen zu den Plagiatsvorwürfen gegen Frau Prof. Dr. A. Schavan fortgeführt. Grundlagen der Beratungen waren der Vorbericht des Promotionsausschusses sowie die von der Betroffenen eingereichte Stellungnahme, zu der auch zwei von der Betroffenen beigefügte erziehungswissenschaftliche Stellungnahmen gehören. Dieses Material ist in den vergangenen zwei Wochen den Mitgliedern des Fakultätsrats zugänglich gewesen und wurde von ihnen eingehend geprüft. Der Fakultätsrat hat dieses Material für ausreichend gehalten, um seine Beratungen fortzuführen und heute zu einer Entscheidung zu gelangen. Die Frage, ob abweichend von vergleichbaren Plagiatsuntersuchungsverfahren an anderen Fakultäten und Universitäten, ein zusätzliches auswärtiges Gutachten notwendig ist, wurde vom Fakultätsrat verneint.

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In den von der Betroffenen beigefügten Stellungnahmen wird eine Besonderheit erziehungswissenschaftlicher Promotionskultur in den frühen 80er Jahren angenommen, auf die sich auch die anwaltliche Vertretung von Frau Schavan beruft. Inwiefern dies aber Besonderheiten beim Zitieren begründet, konnte vom Fakultätsrat nicht nachvollzogen werden. Selbstkritisch konstatiert zwar die Fakultät, dass es in ihrer Geschichte immer wieder in einzelnen Bereichen oder bei einzelnen Personen Defizite in der Betreuung oder in der Prüfung von Dissertationen gegeben haben kann. Gleichwohl ist aber ohne Zweifel festzuhalten, dass die Zitierstandards der Erziehungswissenschaft zum Entstehungszeitpunkt der Arbeit die gleichen waren wie die in der übrigen  philosophischen Fakultät. In einschlägigen Leitfäden und Handreichungen wurde deutlich gemacht, dass nicht gekennzeichnete wörtliche Übernahmen fremder Texte als Textplagiate zu werten sind und Sanktionen nach sich ziehen müssen, wenn sie entdeckt werden. Von diesem Verständnis von Plagiaten als nichtgekennzeichnete und dadurch irreführende Übernahme fremder Texte konnte daher auch der Fakultätsrat bei der Beurteilung der schriftlichen Promotionsleistung von Frau Schavan ausgehen, ohne der Gefahr einer Rückprojektion heutiger Standards in die damalige Zeit zu erliegen. Der Fakultätsrat lehnt es ab, für diese spezielle Dissertation ein Plagiatsverständnis anzuwenden, das von der allgemeinen, auch Anfang der 1980er Jahre gültigen Meinung abweicht. Dies schien ihm auch vor dem Hintergrund einschlägiger Erfahrungen aus dem alltäglichen akademischen Prüfungsbetrieb nicht verantwortet werden zu können.

Der Fakultätsrat hat sich nach dieser grundsätzlichen Klärung in seinen Beratungen nach gründlicher Prüfung und Diskussion abschließend die Bewertung des Promotionsausschusses zu eigen gemacht, dass in der Dissertation von Frau Schavan in bedeutendem Umfang nicht gekennzeichnete wörtliche Übernahmen fremder Texte zu finden sind. Die Häufung und Konstruktion dieser wörtlichen Übernahmen, auch die Nichterwähnung von Literaturtiteln in Fußnoten oder sogar im Literaturverzeichnis ergeben der Überzeugung des Fakultätsrats nach das Gesamtbild, dass die damalige Doktorandin systematisch und vorsätzlich über die gesamte Dissertation verteilt gedankliche Leistungen vorgab, die sie in Wirklichkeit nicht selbst erbracht hatte. Die Entgegnungen von Frau Schavan konnten dieses Bild nicht entkräften. Daher hat der Fakultätsrat Tatbestand einer vorsätzlichen Täuschung durch Plagiat festgestellt. Diese Entscheidung wurde mit 13 Ja-Stimmen und 2 Enthaltungen gefällt.

Anschließend hat der Fakultätsrat alle Argumente gründlich gewürdigt, die zugunsten der Betroffenen anzuführen sind. Insbesondere gehören hierzu der lange Zeitabstand, der seit der Anfertigung der Arbeit verstrichen ist, sowie der Umstand, dass die Betroffene neben ihrer Promotion über keinen anderen Studienabschluss verfügt.

Auf der Gegenseite waren dagegen insbesondere festzuhalten, die Qualität sowie der Umfang der festgestellten Plagiatsstellen und das öffentliche Interesse am Schutz der Redlichkeit wissenschaftlichen Qualifikationserwerbs.

Unter pflichtgemäßer Ausübung seines durch Promotionsordnung eingeräumten Ermessens hat der Fakultätsrat mit 12 Ja-Stimmen zu 2 Nein-Stimmen und 1 Enthaltung in geheimer Abstimmung abschließend entschieden, die schriftliche Promotionsleistung von Frau Schavan für ungültig zu erklären und ihr den Doktorgrad zu entziehen.

In den folgenden Tagen werde ich als Dekan die Entscheidungsgründe des Fakultätsrats zusammenfassen und der Betroffenen zustellen lassen. Gegen diese Entscheidung kann innerhalb von vier Wochen Klage erhoben werden. Die Philosophische Fakultät ist bereit, in den nächsten Tagen und Wochen ihre Entscheidung transparent zu machen, sofern nicht Gründe des Persönlichkeitsschutzes der Betroffenen dagegen sprechen."

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Leserkommentare
  1. Dies ist ein guter Tag für die Wissenschaft, da hier klar gemacht wird, dass für alle die gleichen Maßstäbe gelten, und die Maßstäbe sich auch nicht in den letzten Jahren fundamental gewandelt haben.

    5 Leserempfehlungen
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    Davon könnte man bestenfalls dann sprechen, wenn auch der Inhalt einer verschärften Kontrolle unterworfen würde. Sie können sich in einer Doktorarbeit auf den größten Unsinn berufen. Solange Sie ordnungsgemäß zitieren, erzielen Sie damit ein gültiges Ergebnis.
    Schauen Sie sich die Arbeit von Herrn Dr. Gysi an. Zur Hälfte eine Ergebenheitsadresse an den Staatsratsvoristzenden, zur anderen Hälfte auf der ungesicherten und durch nichts belegten Behauptung aufbauend, dass der historische Matierialismus eine Gesetzmäßigkeit sei. Wer nimmt das heute bitte noch ernst?
    Seine mehr als fragwürdige These - von der er sich bis heute nicht distanziert hat - lautet, dass nur durch Aufhebung der Gewaltenteilung die Unterdrückung einer Klasse durch eine andere beseitigen könnte. Das Gegenteil von Unterdrückung ist Freiheit. Fällt die Gewaltenteilung weg, dann sind die Menschen frei!
    Auf solch einen Unsinn kann nur kommen, wer an den Marxismus-Leninismus als objektive Wissenschaft glaubt, der Partei immer Recht gibt und die sozialistische Lehre als sakrosankt erachtet. Auch wenn dies alles ein hanebüchener Unsinn ist, seinen Titel kann man ihm nicht streitig machen. Er hat richtig zitiert.

  2. Wenn zutrifft dass:

    "... nach gründlicher Prüfung und Diskussion abschließend die Bewertung des Promotionsausschusses zu eigen gemacht, dass in der Dissertation von Frau Schavan in bedeutendem Umfang nicht gekennzeichnete wörtliche Übernahmen fremder Texte zu finden sind. Die Häufung und Konstruktion dieser wörtlichen Übernahmen, auch die Nichterwähnung von Literaturtiteln in Fußnoten oder sogar im Literaturverzeichnis ergeben der Überzeugung des Fakultätsrats nach das Gesamtbild, dass die damalige Doktorandin systematisch und vorsätzlich über die gesamte Dissertation verteilt gedankliche Leistungen vorgab, die sie in Wirklichkeit nicht selbst erbracht hatte."

    dann wäre eine Klage der Frau Schavan höchst kontraproduktiv und könnte sie endgültig aus dem Amt katapultieren.

    In wieweit sie sich moralisch noch als Bildungsministerin vertreten kann, sollte Frau Schavan schnell selbst prüfen.

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  3. Unabhängig vom Sachverhalt, gibt es bei einer Doktorarbeit jemanden, der sie schreibt und jemanden der sie beurteilt.
    Der Doktorvater hat seine Kriterien für die Anfertigung einer Doktorarbeit veröffentlicht. Diese Kriterien gelten sowohl für die Doktorandin als auch für den Doktorvater. Hat sich Annette Schavan nicht daran gehalten, dann ist es kaum verständlich, dass dies ein wissenschaftlich korrekt arbeitender Doktorvater nicht bemerkt.
    Wo bleibt hier hier die wissenschaftliche Exaktheit?
    Nun entscheidet eine "Gruppe von Doktorvätern jener Fakultät" der auch der Korrektor angehört oder zumindest angerhört hatte: Hat sie oder hat sie nicht? Was geschieht mit dem Korrektor der Arbeit?
    Fairer wäre eine Untersuchung in einem "unabhängigen Gremium", wo die Frage nach der Eigenständigkeit des Inhalts der Doktorarbeit gestellt wird und nicht nach deren Darstellung der Formfehler.
    Da stellt sich die Frage: Wird hier Wahlkampf betrieben? Armes Deutschland.

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    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich bin immer wieder überrascht, wie merkwürdig das Funktionieren von Wissenschaft von außen beurteilt wird und wie leichtfertig den Entscheidungsträgern wissenschaftsfremde Motive unterstellt werden. Einen "Korrektor" der Doktorarbeit gibt es nicht. Es gibt Betreuung, aber die leider viel zu wenig (da an den deutschen Universitäten seit Jahren systematisch gespart wird, s. z.B. http://www.uni-heidelberg...). Die Aufgabe des Betreuers ist es nicht, zu prüfen, ob er betrogen wird. Das wäre allenfalls die Aufgabe des Gutachters. Aber auch er konnte vor 30 Jahren Textplagiate nur erkennen, wenn er zufällig die entsprechende Quelle vor nicht allzu langer Zeit gelesen hatte. Vor diesem Hintergrund musste und muss jeder Doktorand schriftlich versichern, dass er die Arbeit "selbständig und nur unter Zuhilfenahme der angegebenen Quellen" verfasst hat. Den Betrogenen als eigentlich Schuldigen zu begreifen, widerspricht meinem Gerechtigkeitsgefühl; vielleicht ist das ja altmodisch.

    • doc.ex
    • 07. Februar 2013 8:30 Uhr

    Die andere Seite der Medaille

    3. Wo bleibt die Rücknahme der Professur?

    Fairer wäre eine Untersuchung in einem "unabhängigen Gremium", wo die Frage nach der Eigenständigkeit des Inhalts der Doktorarbeit gestellt wird und nicht nach deren Darstellung der Formfehler.
    Da stellt sich die Frage: Wird hier Wahlkampf betrieben? Armes Deutschland.

    WENN SIE SICHALS
    Die andere Seite der Medaille
    SICH AUCH ZU DEUTSCHLAND ZÄHLEN - Armes Deutschland !

    Da Sie auch nicht SELBSTÄNDIG verständig lesen können, hier das Wesentliche

    (1) gedankliche Leistungen vorgab, die sie in Wirklichkeit nicht selbst erbracht hatte

    (2) das öffentliche Interesse am Schutz der Redlichkeit wissenschaftlichen Qualifikationserwerbs.

    Beide Kriterien hat bestätigt, und nur formale Ausreden angeführt.

    ARMES DEUTSCHLAND BEI SOLCHEN "FÜHRUNGSPERSONAL" !

  4. Ich bin immer wieder überrascht, wie merkwürdig das Funktionieren von Wissenschaft von außen beurteilt wird und wie leichtfertig den Entscheidungsträgern wissenschaftsfremde Motive unterstellt werden. Einen "Korrektor" der Doktorarbeit gibt es nicht. Es gibt Betreuung, aber die leider viel zu wenig (da an den deutschen Universitäten seit Jahren systematisch gespart wird, s. z.B. http://www.uni-heidelberg...). Die Aufgabe des Betreuers ist es nicht, zu prüfen, ob er betrogen wird. Das wäre allenfalls die Aufgabe des Gutachters. Aber auch er konnte vor 30 Jahren Textplagiate nur erkennen, wenn er zufällig die entsprechende Quelle vor nicht allzu langer Zeit gelesen hatte. Vor diesem Hintergrund musste und muss jeder Doktorand schriftlich versichern, dass er die Arbeit "selbständig und nur unter Zuhilfenahme der angegebenen Quellen" verfasst hat. Den Betrogenen als eigentlich Schuldigen zu begreifen, widerspricht meinem Gerechtigkeitsgefühl; vielleicht ist das ja altmodisch.

    8 Leserempfehlungen
    • RoLj
    • 06. Februar 2013 14:17 Uhr
    5. [...]

    Bitte verzichten Sie auf sexistische und pauschalisierende Äußerungen. Danke, die Redaktion/fk.

    Eine Leserempfehlung
  5. Die Professoren Gerhard Wehle und Wilhelm Gössmann…
    habe ich während meiner Studienzeit in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als Lehrende erlebt und stückweis auch erlitten. Alle meine Dozenten wiesen meine Kommilitonen, Kommilitoninnen und mich impertinent auf das korrekte zitieren jedes übernommenen Gedankens eines anderen Autors hin. Mit den Referaten in denen nicht korrekt zitiert und auch nicht korrekt bibliographiert wurde, konnten wir dann die Papierkörbe der Heine Uni in Düsseldorf füllen, mehr gaben sie dann wirklich nicht her. Wir wurden also entsprechend konditioniert und fürchteten dann auch „unbeabsichtigte“ Plagiate (schavanisch: Flüchtigkeitsfehler) wie der Teufel das Weihwasser.
    Allein der Gedanke dass uns übersehene Zitate als Plagiate unterstellt werden könnten, machten uns die Korrekturlesungen unserer Arbeiten streckenweise zur Hölle.
    Das Erlernen diszipliniert zu arbeiten, war somit auch gewährleistet.
    Sehr geehrte Frau (Dr.)Schavan, das hat Sie in Ihrem Studium sicherlich, wenn überhaupt, nur äußerst peripher tangiert.
    B.B.

    3 Leserempfehlungen
  6. Ob das wirlich ein "Guter Tag für die Wissenschaft" ist, wage ich zu bezweifeln. Bei 13 Ja-Stimmen und 2 Enthaltungen von bisher nicht wegen evtl. Plagiate überprüfter Professoren. Zu den vielen leider auch gehässigen oder bös frohlockenden Stimmen und Kommentaren fällt mir nur noch einer ein: rypisch deutsche Reaktion.

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    • orell
    • 06. Februar 2013 17:53 Uhr

    Da die Entziehung des Titels ein Verwaltungsakt ist, müssten m.E. zwingend die Vorschriften der §§68ff. der Verwaltungsgerichtsordnung Anwendung finden.
    Nach § 74 VwGO beträgt die Klagefrist EINEN MONAT, nicht 4 WOCHEN.
    Die Rechtsbehelfsbelehrung dürfte damit unwirksam sein.

    Ändert freilich nichts an dem wirksamen Entzug des Doktortitels als solchen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, tis
  • Schlagworte Annette Schavan | Dissertation | Plagiat | Doktortitel
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