StudienförderungBafög-Reförmchen reichen nicht

Bildungsministerin Johanna Wanka will das Bafög reformieren. Was nach einem Vorstoß klingt, wird die grundsätzlichen Probleme aber nicht lösen, kommentiert R. Karschnick. von 

Die neue Bildungsministerin Johanna Wanka hat ihr erstes großes Interview gegeben. Sie wolle das Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög) reformieren, sagte sie der Süddeutschen Zeitung. Das Gesetz gehe "heute teilweise an der Lebenswirklichkeit vorbei", die Konditionen gehören daher "insgesamt auf den Prüfstand". 

Dabei braucht es keine Inspektion, um das Bafög-System als rostigen Passat, denn als funkelnden Ferrari zu identifizieren: Schlange stehen in den Bafög-Ämtern, Förderlücken beim Übergang zwischen Bachelor und Master und eine im historischen Vergleich geringe Förderquote von 29 Prozent der Studenten. Frühere Reformen liefen meist ins Leere; die letzte Bafög-Erhöhung im Jahr 2010 belief sich lediglich auf ein paar Euro. 

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Johanna Wankas Vorstoß dürfte im Ergebnis bald ähnlich ernüchtern. Im Interview spricht sie von höheren Altersgrenzen für den Bafög-Anspruch und einer Erweiterung der Förderung für Teilzeitstudenten. Keine Frage, für die Betroffenen wäre das ein Erfolg.  

Es drängen Grundsatzfragen

Ruben Karschnick
Ruben Karschnick

ist Redakteur im Ressort Studium bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Doch um eine zukunftsweisende Studienförderung zu etablieren, reichen solche Reförmchen nicht. Stattdessen müssten Grundsatzfragen diskutiert werden: Wie sorgenfrei kann jemand studieren, der im Höchstfall 670 Euro zum Leben hat? Schrecken mehrere Tausend Euro Schulden, die Geförderte zurückzahlen müssen, nicht ab – gerade junge Menschen aus bildungsferneren Schichten?

Ein Blick auf führende Bildungsnationen begründet diese Fragen. Der dänische Staat etwa fördert Studenten mit monatlich rund 760 Euro – ohne Rückzahlung und unabhängig vom Elterneinkommen. Zusätzlich können sich Studenten rund 400 Euro leihen und später in Raten zurückzahlen. Andere Länder in Skandinavien verfolgen ähnliche Ansätze. Mit Erfolg: Während die Akademikerquote in Deutschland rund 24 Prozent beträgt, liegt sie in Schweden bei knapp 40 Prozent, in Finnland sogar bei fast 50 Prozent.

Mit dem Bildungsniveau dieser Nationen kann Deutschland es aktuell nicht aufnehmen. Johanna Wanka will daran offenbar nichts ändern.

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Leserkommentare
    • plutoo
    • 15. März 2013 14:49 Uhr

    die Studiengebühren erfolgreich bekämpft wurden, ist jetzt dieses Thema dran. Eigenbeteiligung stinkt. Warum nicht gleich ein paar Tausender pro Monat?

  1. ich hab 520 euro im monat 300 gehen für die miete weg und irgendwie schaffe ich es auch über die runden zu kommen als student. aber ich gebe karschnick recht bafög würde ich aufgrund des zurückzahlens nicht annehmen bzw. es einfordern.

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    Irgendwie ist mir nicht klar, warum Studierende von sich auf andere schließen und das in eine generelle Debatte über Baföghöhen bringen. Macht es nicht Sinn, auch Bafög zumindest am Existenzminimum zu orientieren und nicht darunter zu gehen?

  2. macht durchaus Sinn.
    Lehrjahre sind keine Herrenjahre, ich kenne inzwischen genug Bekannte die den Bafög missbrauchen und eben nichts machen in ihrer Studienzeit, sondern nur das Geld abgreifen und dann auf der faulen Haut liegen.
    An dieser Stelle müssen wir anpacken!
    Folgende Ideen:
    - Die Leistungsnachweiße der Studenten regelmäßig jedes Semester anfordern, (in Absprache mit den Universitäten dafür Bewertungskriterien entwickeln --> viel Arbeit) und nach transparenten Kriterien von semester zu semester neu bewilligen
    - Anzahl der Leistungsstipendien massiv erhöhen, Ziel: mehr Leistungsanreize schaffen, junge Menschen lassen sich gut mit Erfolg motivieren
    - Bafög unabhängig vom Einkommen der Eltern zu vergeben macht ebenfalls Sinn, der aktuelle Satz für das Grenzeinkommen der Eltern ist viel zu gering bemessen, bzw. haben beachtlich viele Studierende das Problem, Eltern zu haben die Kredite (Hausbau usw.) abzahlen müssen und deshalb nicht genug Unterstützung sicherstellen können

    Ausblick:
    Verkürzung der Studienzeiten, durch Verkürzung der sehr langen Pausenzeiten zwischen den Semestern, Einführung von Trimestern.

    Anmerkung:
    Ich bin selbest Student, kann die Lage also recht gut einschätzen

    Eine Leserempfehlung
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    ... ein Unternehmen nach wirtschaftswissenschaftlichen (neoliberalen) Aspekten zu strukturieren. Lassen Sie mich raten, Sie studieren Wirtschaftwissenschaften, VWL/BWL?

    "- Die Leistungsnachweiße der Studenten regelmäßig jedes Semester anfordern, (in Absprache mit den Universitäten dafür Bewertungskriterien entwickeln --> viel Arbeit) und nach transparenten Kriterien von semester zu semester neu bewilligen"

    Jedes Semester also Leistungsnachweise einreichen, ja ? Es soll Studenten geben, die unter enormem Leistungsdruck stehen und aufgrund der Fülle von Klausuren & Hausarbeiten einfach nicht alles schaffen können. Ihrer Vorstellung nach darf man sich also keinen Fehler erlauben. Wird eine Klausur von 10 nicht bestanden und geschoben, gibt es kein Bafög mehr. Gute Idee. Natürlich bleiben da wieder die ärmeren Studenten auf der Strecke, denn Studenten, die ihr Studium von ihren Eltern finanziert bekommen, können sich das leisten. Bafög Bezieher stammen meistens aus einkommensschwächeren Haushalten.
    Was ist mit Studenten, die länger krank werden? Was ist mit Studenten, die vielleicht einen Verlust hinnehmen müssen und vor Trauer nicht im entferntesten daran denken können, Klausuren zu schreiben?
    Das darf es natürlich alles nicht geben. Man muss in Ihrer Vorstellung ganz wie in der neoliberalen Wirtschaftswelt funktionieren. Ein Fehler und du hast verloren,der Nächste steht schon bereit.

    Bafög auch für Reiche?Ne danke, das Geld lieber gezielt für benachteilite Grp. einsetzen.

    ich schrieb: "(in Absprache mit den Universitäten dafür Bewertungskriterien entwickeln Arbeit"
    in Bezug auf die Leistungsnachweiße. Verständlicher ausgedrückt heißt das:
    Sie schreiben 5 Prüfungen, verhauen meinetwegen eine, die Universität kennt in etwa ihre Durchfallquoten der vergangenen Jahre und sagt:
    1 Durchfall ist Durchschnitt und damit ok

    (das war jetzt ein Beispiel wie man so etwas bewerten könnte, bitte nicht auf die Goldwaage legen)

    sie schrieben:
    "Natürlich bleiben da wieder die ärmeren Studenten auf der Strecke, denn Studenten, die ihr Studium von ihren Eltern finanziert bekommen, können sich das leisten."
    -> hier sehe ich das Problem nicht, da ich bereits schrieb, das Bafög unabhängig vom Einkommen der Eltern vergeben werden soll
    dies hat übrigens noch einen entscheidenden Vorteil:
    Momentan ist die Praxis so, das nachzuweisen ist, das antragstellender Student bafög-"würdig" ist, teilweise stellt das Kinder aus geschiedenen Ehen, oder auch ganz normale Familien mit starken Einkommensschwankungen der Eltern (Freiberufler) vor enorme Schwierigkeiten, da sich Bewilligungen stellenweise über Monate hinauszögern...
    Vom (teuren) Verwaltungsaufwand mal ganz abgesehen

    Was Krankheit angeht, sehe ich keine Probleme, Fortzahlung über Krankenversicherung etc. (das betrifft weiterhin auch sehr sehr wenige)

    Erfahrungswert:
    ich studiere Maschinenbau, zeitlich durchaus aufwendig, allerdings mit etwas Fleiß sehr gut zu bewältigen, auch für Studenten mit weniger Vorbildung

    Auch ich bin Studentin und habe ganz andere Erfahrungen gemacht. Ich kenne nicht einen Studenten, der Leistungen unberechtigt abgreift. Im Gegenteil, in meinem Umfeld gibt es viele Leute, die unverhältnismäßig schlecht gefördert werden oder gar nicht. Darüber hinaus habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Verwaltungsausfwand für das Bafög jetzt schon zu hoch ist und die Ämter teilweise selber nicht mehr klarkommen. Mehr Druck braucht es meiner Meinung nach wirklich nicht! Schade, dass es in Ihrem Umfeld so schlecht aussieht, aber eine Pauschalisierung halte ich für unangebracht!
    Und meiner Kenntnis nach, wurden die Studienzeiten bereits sehr verkürzt. Bachelor- und Mastersysteme sind schwer verbesserungsbedürftig: vorher sollte daran nicht rumgebastelt werden!!! Mit Blick auf die zusätzlichen Leistungen, die heute im Idealfall zu erbringen sind, schon gar nicht.
    Bei der Rückzahlung stimme ich mit Ihnen überein.

    "Ausblick:
    Verkürzung der Studienzeiten, durch Verkürzung der sehr langen Pausenzeiten zwischen den Semestern, Einführung von Trimestern."

    Dies trifft allerdings nicht auf alle Studiengänge zu.
    Es gibt durchaus auch Praktika und Blockunterricht zwischen den Semestern.
    Von den Klausuren ganz zu schweigen.
    Dann gibt es vielleicht 2 Wochen in denen man zwischen den Semestern wirklich nichts machen muss. Man nenne dies halt Urlaub.

  3. Warum nicht 1000 Euro elternunabhängiges BAföG pro Monat. Begrenzt auf die Regelstudienzeit, bei besonders förderwürdigen Fächern auch länger. Von mir aus noch Zinsen im Rahmen der Inflation?
    Für den Staat am Ende preiswert, für den Standort Deutschland vorteilhaft und für die Studenten die Möglichkeit ohne Doppelbelastung sich aufs Studium zu konzentrieren. Dann wären 300 Euro Studiengebühren im Semester auch keine Abhaltegrund.
    Manchmal können Dinge einfach sein.

    4 Leserempfehlungen
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    Warum nicht gleich 5.000 Euro. Dann reicht's auch noch für einen gelegentlichen Urlaub.

  4. Ich bin Student in Berlin und wohne noch bei meinen Eltern. Ausziehen will ich - in einer 2,5 Zimmer Wohnung zu 4. ist es nämlich sehr schwer, allerdings ist meine Familie aufgrund bestimmter Schicksalsschläge selbst hilfsbedürftig- und das Bafög fließt daher mit ein und reicht gerade mal so. Nach einer Wohnung ( WG kommt aus persönlichen/ gesundheitlichen Gründen nicht in Frage) suche ich schon lange. Allerdings sind die Mietpreise viel zu hoch. Auch gehe ich aufgrund der gesundheitlichen Einschränkung nebenbei nur unregelmäßig arbeiten.
    Zumindest sollte das Bafög aus meiner Ansicht aus hilfsbedürftigen, nichtakademischen Familien ( mit allen zugehörigen Nachweisen) um ca. 100€ erhöht werden.

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    2 Leserempfehlungen
  5. ... ein Unternehmen nach wirtschaftswissenschaftlichen (neoliberalen) Aspekten zu strukturieren. Lassen Sie mich raten, Sie studieren Wirtschaftwissenschaften, VWL/BWL?

    "- Die Leistungsnachweiße der Studenten regelmäßig jedes Semester anfordern, (in Absprache mit den Universitäten dafür Bewertungskriterien entwickeln --> viel Arbeit) und nach transparenten Kriterien von semester zu semester neu bewilligen"

    Jedes Semester also Leistungsnachweise einreichen, ja ? Es soll Studenten geben, die unter enormem Leistungsdruck stehen und aufgrund der Fülle von Klausuren & Hausarbeiten einfach nicht alles schaffen können. Ihrer Vorstellung nach darf man sich also keinen Fehler erlauben. Wird eine Klausur von 10 nicht bestanden und geschoben, gibt es kein Bafög mehr. Gute Idee. Natürlich bleiben da wieder die ärmeren Studenten auf der Strecke, denn Studenten, die ihr Studium von ihren Eltern finanziert bekommen, können sich das leisten. Bafög Bezieher stammen meistens aus einkommensschwächeren Haushalten.
    Was ist mit Studenten, die länger krank werden? Was ist mit Studenten, die vielleicht einen Verlust hinnehmen müssen und vor Trauer nicht im entferntesten daran denken können, Klausuren zu schreiben?
    Das darf es natürlich alles nicht geben. Man muss in Ihrer Vorstellung ganz wie in der neoliberalen Wirtschaftswelt funktionieren. Ein Fehler und du hast verloren,der Nächste steht schon bereit.

    Bafög auch für Reiche?Ne danke, das Geld lieber gezielt für benachteilite Grp. einsetzen.

    5 Leserempfehlungen
  6. auf dem Arbeitsmarkt.
    Die Arbeitslosenquote liegt bei unter 3%, das entspricht nahezu Vollbeschäftigung.
    Die Einstiegsgehälter gehen überwiegend ab 3.500 Euro los, liegen also schon zu Beginn über dem Durchschnitt.
    Akademische Berufe sind meist gesundheitlich unbedenklich und sozial angesehen.
    Es gibt also viele Gründe zu studieren.

    Ich finde, es spricht deswegen nichts dagegen, daß ein in der Regel gut und sicher verdienender Akademiker seine Unterstützung der Allgemeinheit zurückzahlt.
    Die Vorteile eines Studiums überwiegen allemal.

    Viel dringender ist mehr Unterstützung für die Weiterbildung zum Meister.
    Die kostet im Gegensatz zum Studium viel Geld und die Ausbildungswilligen haben biografisch bedingt häufig schon eine Familie.

    k.

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    "Die Einstiegsgehälter gehen überwiegend ab 3.500 Euro los"

    In welcher Welt leben Sie denn?

    Die geringe Arbeitsquote und das höhere Bruttogehalt sind nicht nur für den Akademiker ein Vorteil, sondern auch für die Gesellschaft, die für Akademiker nach deren Studium nur selten Unterstützungen bezahlen muss und im Schnitt auch höhere Steuereinnahmen von ihnen bezieht.

    Naja, das kommt auch stark auf den Einsatzbereich an. Masch-Bau-Ings fangen in Berlin so bei 29.000€/Jahresbrutto an.

    MfG

    ...letzten Absatz. Hinzufügen möchte ich noch, daß viele Meisterlehrgänge mit Blick auf eine spätere Selbstständigkeit absolviert werden - hieraus ergeben sich dann natürlich auch entsprechende Impulse für den Arbeitsmarkt.

    • cocoa
    • 18. März 2013 11:00 Uhr

    Ja ja, immer das Argument mit der Arbeitslosenquote.

    Ich persönlich glaube eher, dass sich viele Akademiker nicht arbeitslos melden, sondern sich mit anderen Jobs, für die sie eigentlich überqualifiziert sind, über Wasser halten. Das Stigma Harzt4...

    Selbst Studienfächer, die nicht als brotlose Zunft gelten, sind keine Garantie für einen schmierglatten Einstieg ins Berfusleben. Das Einstiegsgehalt lassen wir mal ganz dezent aus.

    "Die Einstiegsgehälter gehen überwiegend ab 3.500 Euro los, liegen also schon zu Beginn über dem Durchschnitt."
    --------------------------------------------
    ...sie meinen Brutto, also ca. 1800 netto, oder?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Johanna Wanka | Ferrari | Bachelor | Euro | Master | Reform
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