MedizinstudiumLernen am Patienten

Das Medizinstudium gilt als theorielastig. In Oldenburg will man das ändern: Studenten lernen hier jede Woche am echten Patienten.

Es gibt Leichteres, als über einen Herzinfarkt zu sprechen. Doch die Studentin Miriam Lüders zögert nicht lange und fragt: "Herr Saur, wann hatten sie das erste Symptom und wie hat es sich bemerkbar gemacht?" Peter Saur verzieht das Gesicht. "Ich bin nachts von einem Schmerz in der linken Rumpfseite wach geworden", sagt er. "Der Schmerz war nicht stark aber sehr unangenehm."

Es ist Mittwochmorgen kurz nach neun Uhr. Für die Nachwuchsmedizinerin Lüders und ihre 39 Studienkollegen der im Herbst 2012 gestarteten European Medical School (EMS) in Oldenburg beginnt ein neuer Themenbereich: Herz, Kreislauf und Lunge. Zum Auftakt berichtet der 69 Jahre alte Peter Saur von seinem Herzinfarkt, der ihn eine Woche zuvor zum Patienten in Oldenburg machte.

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Mit dem frühen Kontakt zum Patienten beschreitet Oldenburg einen neuen Weg in der Medizinerausbildung. "Ich habe in meinem Medizinstudium bis zum Ende des Studiums überhaupt keinen Patienten gesehen", sagt der EMS-Gründungsdekan Eckart Hahn. In Oldenburg gibt es ab der ersten Woche sogenannte Patientenvorlesungen. "Studien zeigen, dass Studenten viel besser lernen und Sachverhalte besser behalten können, wenn sie ein konkretes Gesicht vor Augen haben", erklärt Hahn. Zugleich solle ihnen die Scheu genommen werden.

Bei den Studenten kommen die Vorlesungen gut an

Bei dem Herz-Patienten Saur klappt das schon ganz gut. Eine Studentin fragt: "Was hat sie letztlich dazu bewogen, zum Arzt zu gehen?" Saur grinst und zeigt auf seine Frau, die in der hinteren Reihe sitzt. Ein Lachen geht durch die Reihen.

Die Patientenvorlesungen kommen bei den Studenten gut an. "Andere Studenten lernen stur auswendig. Wir können direkt mit dem Patienten reden", sagt etwa der 23-jährige Johannes Grohne. Ausschlaggebendes Kriterium für seine Bewerbung an der EMD war die Praxisorientierung. Seine Studienkollegin Lüders sagt: "Wir lernen die Menschen mit ihren Ängsten kennen und sehen an Beispielen des Arzt-Patienten-Verhältnisses, wie man später selbst mal sein möchte." Viele Studenten schätzen auch die internationale Ausrichtung des Studiums. Ein Jahr verbringen sie an der niederländischen Universität in Groningen.

Die Studenten lernen in Zehn-Wochen-Zyklen: Neun Wochen an der Universität und eine Woche in einer Praxis. Ein Teil des Unterrichts findet in Groningen statt. Zwei bis drei Mal pro Modul lernen die Studenten dort Anatomie im Labor, da es dafür in Oldenburg keine Möglichkeiten gibt.

Die angehenden Mediziner werden von Professoren aus den Naturwissenschaften der Universität Oldenburg und habilitierten Chefärzten der beteiligten drei Oldenburger Kliniken unterrichtet. Den Praxisbezug schätzen auch die Lehrenden: "Ich bin großer Verfechter des sehr frühen Patientenkontakts der Studenten", sagt der Kardiologie-Professor Albrecht Elsässer "Denn, wenn man Medizin studieren will, möchte man die Patienten schließlich von Anfang an sehen und erleben. Diese Neugier und Begeisterung müssen wir als Lehrende nutzen."

 
Leser-Kommentare
    • Dunilu
    • 16.03.2013 um 12:19 Uhr

    Keine Ahnung wo Herr Hahn studiert hat. In meinem "Regel"-Medizinstudiengang vor 5 Jahren gab es im klinischen Abschnitt kaum Veranstaltungen ohne Patientenkontakt/Visiten/Übungen. Mehrere Unis bieten heute "Reformstudiengänge" an, bei denen das problemorientierte, fallbasierte Lernen sowie praktische Ausbildung weiter in den Vordergrund rückt. Das Theoriewissen ist dafür bei diesen Studenten schlechter. Letztlich kommt es später im Arztberuf neben Wissen vor allem auf Erfahrung an, die sich über die Zeit ansammelt und einen guten Mediziner ausmacht.

    3 Leser-Empfehlungen
  1. und kann nur Gutes über das Studium berichten. Ich erlebte es als überhaupt nicht theorielastig. Erste Patientenkontakte hatte ich vor dem Studium (Pflegepraktikum, gefordert waren drei Monate,ich habe sechs gemacht, konnte dann DKs legen, Braunülen legen usw. usf.). Durch Famulaturen, unter anderem in den USA habe ich sehr viele Fächer sehr intensiv kennengelernt. Bafög oder ein Stipendium hatte ich nicht, meine Eltern haben mich nicht gefördert, ich habe alles selbst finanziert, u. A. durch Pflegedienste am Wochenende, von der Frühchenstation bis hin zu einer geriatrisxhen Inneren. Als ich ins PJ kam, war ich fit für den Stationsdienst. Sicher gab es auch die Kommilitonen, die nicht auf Praxis achteteten, Seminare schluderten usw. Aber wer wollte, der konnte im Studium enorme Praxis ansammeln. Insofern denke ich, dass Herr Prof. Hahn nicht in Deutschland studiert hat. Anders kann ich mir sein Statement, im Studium habe ich keinen Patienten gesehen, nicht erklären. Ich halte das Statement für absurd.

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