Studium für Ausländer : Wer in Deutschland studieren will, soll zahlen

In Leipzig führt die erste deutsche Hochschule kommendes Semester ein Bezahlstudium für ausländische Bewerber ein. Wer keinen dicken Geldbeutel hat, muss draußen bleiben.
Die Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" am Dittrichring in Leipzig

Peixin Xian ist außer sich. Die Sprecherin des Bundesverbands ausländischer Studierender (BAS) in Deutschland protestiert gegen eine neue Gebührenordnung an der staatlichen Hochschule für Musik und Theater (HMT) in Leipzig. "Künftig müssen Studienbewerber ohne EU-Pass nicht nur gut, sondern vor allem reich sein", sagt Peixin. Das sei nicht weniger als ein Dammbruch in der Hochschulfinanzierung.

Ab kommendem Semester müssen alle Nichteuropäer für das Bachelor- oder Masterstudium einen Beitrag von 3.600 Euro im Jahr zahlen. Die Leipziger Abgabe für Ausländer ist bisher einmalig in Deutschland. Möglich wird sie durch das neue "Sächsische Hochschulfreiheitsgesetz". Deutsche und ihnen gleichgestellte EU-Bürger zahlen hingegen auch künftig in Sachsen (wie in den meisten anderen Bundesländern) keine zusätzlichen Beiträge.

Mit den Einnahmen der internationalen Studenten will die Hochschule ihre Lehrbeauftragten besser besolden. Ihr Stundenlohn von derzeit 23 Euro ist im Bundesvergleich unterdurchschnittlich. Dem Zweck entsprechend kann die HMT die Gebühren nach eigenem Ermessen herunter- oder heraufsetzen.

Nun ist mit Härtefällen zu rechnen. Die Sonderabgabe gilt nicht nur für neue Studienbewerber, sondern genauso für bereits eingeschriebene Hochschüler. "Die Extra-Kosten kann ich beim besten Willen nicht aufbringen", sagt etwa Ronen Shiffron, Master-Student im zweiten Semester. Nach seinem Bachelor in Tel Aviv ist der Israeli wegen des international hervorragenden Lehrangebots für Bratsche nach Leipzig gekommen. Für das Studentenvisum muss er der Ausländerbehörde immer schon ausreichende Geldmittel für den laufenden Lebensunterhalt nachweisen. Nun kommen noch monatlich 300 Euro Maut für Ausländer hinzu.

"Ein laufendes Studium wegen der unvorhersehbaren Forderungen abbrechen zu müssen, kann nicht rechtens sein", heißt es nun beim offiziellen "Studierendenrat" der HMT. Er unterstützt Shiffron  und andere Kunststudenten etwa aus Russland, Iran oder Südamerika beim Widerspruch gegen die Gebührenforderung, notfalls auch vor Gericht.

Die HMT verweist aufs Ausland

Am Wochenende versuchte Landeswissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer die Wogen zu glätten: "Entsprechende Gebühren können nur für neu immatrikulierte Studierende eingeführt werden." Im Gesetz steht davon allerdings nichts. Zwar ist dort ein Stipendienprogramm für Härtefälle vorgeschrieben. Wer wie viel Beihilfe bekommen soll, hat die Hochschule jedoch noch nicht entschieden.

Indes lehnt der Leipziger  Studierendenrat Gebühren grundsätzlich ab, auch bei Neueinschreibungen. Diese politische Position vertritt auch das bundesweite Deutsche Studentenwerk. Der Deutsche Akademische Austauschdienst hält zusätzliche Beiträge für Ausländer allein "im Falle vorbereitender Studien- und Deutschkurse für berechtigt". Nicht nachvollziehbar seien sie, wenn mit ihnen allgemeine Personalkosten finanziert werden sollen, wie es die HMT vorhat. Die Hochschulrektorenkonferenz schweigt bislang zum Vorgehen ihrer Leipziger Mitgliedsuni.

Die HMT wehrt sich. Sie verweist auf die internationale Marktlage: So kostet ein Studienjahr an den Kunsthochschulen in Amsterdam oder Budapest ein Mehrfaches der nun eingeführten Abgabe. In den USA müssen Studenten mit bis zu 30.000 Euro pro Studienjahr rechnen. International spricht man vom Edu(cation) Business. In Deutschland ist es anstößig, weil das Studium für Ausländer hierzulande seit den 1960er Jahren als eine Säule der Entwicklungshilfe für die Dritte Welt verstanden wurde. Die Gaststudenten sollten anschließend im Heimatland Wegweiser im Kampf gegen Hunger, Krankheit und Armut sein.

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