Studium für AusländerWer in Deutschland studieren will, soll zahlen

In Leipzig führt die erste deutsche Hochschule kommendes Semester ein Bezahlstudium für ausländische Bewerber ein. Wer keinen dicken Geldbeutel hat, muss draußen bleiben. von 

Die Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" am Dittrichring in Leipzig

Die Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" am Dittrichring in Leipzig  |  CC BY-SA 3.0 Appaloosa

Peixin Xian ist außer sich. Die Sprecherin des Bundesverbands ausländischer Studierender (BAS) in Deutschland protestiert gegen eine neue Gebührenordnung an der staatlichen Hochschule für Musik und Theater (HMT) in Leipzig. "Künftig müssen Studienbewerber ohne EU-Pass nicht nur gut, sondern vor allem reich sein", sagt Peixin. Das sei nicht weniger als ein Dammbruch in der Hochschulfinanzierung.

Ab kommendem Semester müssen alle Nichteuropäer für das Bachelor- oder Masterstudium einen Beitrag von 3.600 Euro im Jahr zahlen. Die Leipziger Abgabe für Ausländer ist bisher einmalig in Deutschland. Möglich wird sie durch das neue "Sächsische Hochschulfreiheitsgesetz". Deutsche und ihnen gleichgestellte EU-Bürger zahlen hingegen auch künftig in Sachsen (wie in den meisten anderen Bundesländern) keine zusätzlichen Beiträge.

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Mit den Einnahmen der internationalen Studenten will die Hochschule ihre Lehrbeauftragten besser besolden. Ihr Stundenlohn von derzeit 23 Euro ist im Bundesvergleich unterdurchschnittlich. Dem Zweck entsprechend kann die HMT die Gebühren nach eigenem Ermessen herunter- oder heraufsetzen.

Nun ist mit Härtefällen zu rechnen. Die Sonderabgabe gilt nicht nur für neue Studienbewerber, sondern genauso für bereits eingeschriebene Hochschüler. "Die Extra-Kosten kann ich beim besten Willen nicht aufbringen", sagt etwa Ronen Shiffron, Master-Student im zweiten Semester. Nach seinem Bachelor in Tel Aviv ist der Israeli wegen des international hervorragenden Lehrangebots für Bratsche nach Leipzig gekommen. Für das Studentenvisum muss er der Ausländerbehörde immer schon ausreichende Geldmittel für den laufenden Lebensunterhalt nachweisen. Nun kommen noch monatlich 300 Euro Maut für Ausländer hinzu.

"Ein laufendes Studium wegen der unvorhersehbaren Forderungen abbrechen zu müssen, kann nicht rechtens sein", heißt es nun beim offiziellen "Studierendenrat" der HMT. Er unterstützt Shiffron  und andere Kunststudenten etwa aus Russland, Iran oder Südamerika beim Widerspruch gegen die Gebührenforderung, notfalls auch vor Gericht.

Die HMT verweist aufs Ausland

Am Wochenende versuchte Landeswissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer die Wogen zu glätten: "Entsprechende Gebühren können nur für neu immatrikulierte Studierende eingeführt werden." Im Gesetz steht davon allerdings nichts. Zwar ist dort ein Stipendienprogramm für Härtefälle vorgeschrieben. Wer wie viel Beihilfe bekommen soll, hat die Hochschule jedoch noch nicht entschieden.

Indes lehnt der Leipziger  Studierendenrat Gebühren grundsätzlich ab, auch bei Neueinschreibungen. Diese politische Position vertritt auch das bundesweite Deutsche Studentenwerk. Der Deutsche Akademische Austauschdienst hält zusätzliche Beiträge für Ausländer allein "im Falle vorbereitender Studien- und Deutschkurse für berechtigt". Nicht nachvollziehbar seien sie, wenn mit ihnen allgemeine Personalkosten finanziert werden sollen, wie es die HMT vorhat. Die Hochschulrektorenkonferenz schweigt bislang zum Vorgehen ihrer Leipziger Mitgliedsuni.

Die HMT wehrt sich. Sie verweist auf die internationale Marktlage: So kostet ein Studienjahr an den Kunsthochschulen in Amsterdam oder Budapest ein Mehrfaches der nun eingeführten Abgabe. In den USA müssen Studenten mit bis zu 30.000 Euro pro Studienjahr rechnen. International spricht man vom Edu(cation) Business. In Deutschland ist es anstößig, weil das Studium für Ausländer hierzulande seit den 1960er Jahren als eine Säule der Entwicklungshilfe für die Dritte Welt verstanden wurde. Die Gaststudenten sollten anschließend im Heimatland Wegweiser im Kampf gegen Hunger, Krankheit und Armut sein.

Leserkommentare
  1. ich hoffe ernsthaft, dass die betroffenen sich organisieren und vor das verfassungsgericht ziehen. diese praxis kann und darf sich nicht durchsetzten.
    nun werden viele als "gegenargument" anführen, dass andere hochschulen diese zusatzzahlungen für "ausländer" schon lange verlangen.
    die hochschulen werden ohnehin schon bedroht von sog. exelenzinitiativen und ähnlichen unsinn. als studis haben wir es geschafft die studiengebühren fast vollständig aus der brd zu verbannen. einen ähnlichen aufschrei sollte es nun zu diesem thema geben.
    rg

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  2. Dies spornt zum schnellen effektiven Studium an und ermöglicht bessere Ausrüstung für die Hochschulen. In der Welt ist nichts umsonst.

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    ...korrekt, schließlich muss auch die “Mittelschicht“ für ihre berufliche (Weiter-)Bildung bezahlen (zB Meister & Techniker)

    doch, ein studium unter der kleinkarierten maxime 'schnell+effektiv'.

    Sie können nicht einfach eine höhere Effizienz beim Lernen und Forschen fordern. Beides sind hochkomplexe Angelegenheiten, die Muße und Zeit benötigen, denn Ergebnisse sind chaotisch verteilt und nicht vorherzusehen.

    Manches Forschungsfeld bringt über Jahre oder gar Jahrzehnte kein Ergebnis, um dann plötzlich mit Resultaten zu kommen, die die ganze Menschheit voranbringen - aber nur, wenn man die Möglichkeiten läßt.

    Und das gleiche findet sich auch beim einzelnen Studenten - wer eine Bildungsrepublik haben will, der muß eben auch ein paar tausend Langzeitstudenten (früher - vor dem Bologna-Prozeß und den Turbosparstudiengängen - nannte man solche Leute einfach "Studenten") durchfüttern - denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß in den Köpfen einiger von denen die Idee zum nächsten Paradigmenwechsel entsteht.

    Letztlich sind die Kosten dafür auch vernachlässigbar - vergleicht man sie etwa mit Prestigebauobjekten oder einer einzelnen "Bankenrettung".

    Gerade heute, in einer Zeit, in der gewaltige globale Probleme drohen (eventueller Klimawandel, das zur-Neige-gehen fossiler Brennstoffe, Überbevölkerung, etc.), ist die Wissenschaft die einzige Hoffnung, Wohlstand und Zivilisation der Menschen zu halten.

    Stattdessen werden Bildungsinstitutionen rationiert und entfernt, weil der deutsche Arbeitsethos es nicht erträgt, wenn mal ein paar Studenten die Frechheit besitzen, sich kostenlos und mit der nötigen Muße bilden zu wollen.

    Auszahlen würde sich das ohnehin.

    • persef
    • 16. April 2013 11:46 Uhr

    In meiner Unizeit habe ich keinen regulär studierenden Ausländer erlebt, der nicht aus der oberen Mittelschicht oder darüber hier war. Meine Liste der Exfreundinnen ist dabei bezeichnend: Tochter eines ehem. kenianischen Ministers, Tochter des CEO des vietnamesischen Telekomequivalents, Tochter des obersten Richters von Neuseeland, Tochter eines chin. KP Mittelmanagers, Tochter aus dem amerikanischen Ostküstenadel. 2 weitere aus weniger wohlhabenden Familien gabs zwar auch, aber die hatten alle schon ihren Master und dann nur noch ihren Doktor hierzulange draufgemacht.

    Wer als Student die entsprechende Zielgruppe - "exotisch" - für seine Freundinnen wählt, der bekommt nicht nur leckere Einblicke in Küche&Kultur fremder Länder, sondern auch einen teils recht illustren Blick auf die globalen oberen 10000..

    Unterm Strich: Geld haben die alle genug um die paar Euro abzudrücken.

    PS: Noch eine off-topic Erkenntnis aus den Bekanntschaften: Wer will, der lernt gutes Deutsch in 3 Monaten, nach 6 Monaten ist es dann akzentfrei perfekt.

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  3. ...und Wohltaten der Nehmerländer über meine Steuern ausländische Studenten bezahlen, wo für meine Kinder nich nicht einmal der Kindergarten umsonst ist ?
    Und warum sollte ich das tun, wo ich für meine Kinder beim Studium im Ausland kräftig zur Kasse gebeten werde, wenn es soweit ist, und noch nichteinmal das bei der Steuer abzugsfähfig ist, im Regelfall ?

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  4. ...korrekt, schließlich muss auch die “Mittelschicht“ für ihre berufliche (Weiter-)Bildung bezahlen (zB Meister & Techniker)

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    Antwort auf "Richtig so."
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    der Vergleich mit dem Meister und wird dennoch kein bisschen richtiger.

    • prokne
    • 16. April 2013 21:44 Uhr

    Dummerweise ist der Techniker in aller Regel auch Kostenfrei.
    und man bekommt(in aller Regel) sogar Schülerbafög als Vollzuschuss.

  5. Hier in der Schweiz ist eine ähnliche Handhabe mittlerweile üblich.
    Prinzipiell ist die Anzahl an ausländischen Studierenden auf 25% der Studierenden begrenzt. Viele Kantone nutzen die enorme Nachfrage aus Deutschland in der Ostschweiz und aus Frankreich in der Welschschweiz um einen kräftigen Zuschlag zu verlangen.

    Andererseits ist das auch eine Frage der Finanzierung der Universitäten. Wenn ein kleiner Kanton eine grosse Uni finanziert mit vielen ausländischen Studierenden finanziert, für die es keinen Ausgleich aus anderen Kantonen erhält, dann kann das zu einem Problem führen.

    Allerdings ist die Quote schon seit bald 50 Jahren Usus... das Zulangen ist neu.

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  6. doch, ein studium unter der kleinkarierten maxime 'schnell+effektiv'.

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    Antwort auf "Richtig so."
    • Oakham
    • 16. April 2013 11:54 Uhr

    den, wie zu lesen ist, Universitäten in den USA (z.B.) schon längst beschreiten.

    "Entwicklungshilfe über Studienplätze in Deutschland" - eine dieser typisch deutschen, verquasten Ideen. Aus einer Gutmenschendenke heraus geboren. Aber leider mal wieder nicht funktionsfähig.

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    ... in Deutschland zu studieren. Englische und amerikanische Universitäten sind zwar nicht besser, haben jedoch einen klaren Sprachvorteil. Warum sollte jemand noch die Mühen aufwenden, die deutsche Sprache zu erlernen?

    3.600 Euro sind zwar kein Pappenstiel, es lässt sich wegen der geringen Masse aber kaum Geld reinholen. Die meisten ausländischen Studierenden sind wegen der Lebenshaltungskosten in Deutschland schon am Limit.

    Auch volkswirtschaftlich sit das sehr kurzsichtig gedacht. Chinesen, Afrikaner etc., die in Deutschland studiert haben und in ihrem Heimatland später an den entscheidenden Schalthebeln sitzen, sind für uns als Exportnation ganz wichtige Vermittler.

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  • Schlagworte Ausländer | Doris Ahnen | Euro | Gebühr | Maut | Leipzig
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