Doktortitel-Inflation: Lasst das Promovieren sein!
Deutschland hat im internationalen Vergleich eine der höchsten Promotionsquoten, zeigt eine neue Studie. Doch der Forschung nützt das wenig, kommentiert Ferdinand Knauß.
Deutsche Bildungspolitiker sorgen sich um nichts so sehr, wie über Deutschlands Abschneiden in internationalen Rankings. Da wird es sie freuen, dass Deutschland bei den Promotionen fast ganz oben steht. Unter allen OECD-Ländern produzieren nur die USA mehr. Nur in der Schweiz ist die Promotionsintensität – also die Neigung unter Absolventen eine Promotion abzuschließen – stärker ausgeprägt, wie die Autoren der aktuellen Studie "Promovierende im Profil" feststellen. 26.981 Menschen erhielten 2011 an deutschen Hochschulen einen Doktortitel, mehr als je zuvor in Deutschland. 6,9 Prozent der Hochschulabsolventen wurden 2011 promoviert.
Nicht erst die Skandale um das Plagiat des ehemaligen Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg und anderer Spitzenpolitiker haben in Deutschland eine Debatte ausgelöst über die Frage des Qualitätssicherung der Promotion, der Beziehung zwischen Doktoranden und Doktorvätern und der Transparenz der Prüfung. In seinem Positionspapier von 2011 schlägt der Wissenschaftsrat zum Beispiel zur Sicherung der Qualität der Promotion die Betreuung des jeweiligen Doktoranden durch ein Team statt eines einzelnen Doktorvaters vor und eine Anpassung der Notenskala. Stattdessen ist die Inflation der Noten auch bei den Promotionen weiter fortgeschritten.
Wie auch in anderen wissenschaftspolitischen Debatten wurde die Frage nach der schieren Quantität und ihrem doch naheliegenden Zusammenhang mit der Qualität der Promotionen nie laut gestellt. Niemand wagte, die Sinnhaftigkeit der zahlenmäßigen Expansion in Frage zu stellen.
Viele Dissertationen bringen keinen wissenschaftlichen Fortschritt
Aber braucht die Wissenschaft, braucht die Wirtschaft, braucht Deutschland wirklich 26.000 Doktoren jährlich? Von sinnvollen Promotionen profitieren nicht nur die einzelnen Doktoranden, sondern in der Regel auch die Wissenschaft, vielleicht sogar die Allgemeinheit. In den Promotionsordnungen der Universitäten wird dies in der Regel ausdrücklich verlangt. Aber natürlich bedeuten die Tausenden von Dissertationen, die durch die Promotionsausschüsse der Fakultäten gepaukt werden, oft keinen nennenswerten wissenschaftlichen Fortschritt. Und das gilt nicht nur für die skandalösen Plagiate Guttenbergs und anderer prominenter Schummeldoktoren. Es gibt mittlerweile unzählige Sammlungen unsinniger Promotionen über "Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern" oder die "Rechtslage der Kugel im Körper des Verwundeten", die immerhin noch für Heiterkeit sorgen können. Die Masse der Dissertationen sind allerdings höchst unlustig und werden oft nicht einmal von den Prüfern mit Gewinn gelesen.
Die Deutschen – nicht nur die Politiker unter ihnen – sind, so scheint es, ganz besonders scharf auf den Doktortitel. Und es ist offensichtlich, dass sie eben nicht allein vom Durst nach wissenschaftlicher Erkenntnis getrieben sind. Für die Masse der Promovierenden ist auch die Aussicht auf eine wissenschaftliche Karriere, für die eine Promotion natürlich ohnehin unumgänglich ist, nicht die entscheidende Motivation. Weniger als neun Prozent der Doktoren bleiben als Wissenschaftler an der Uni.
Die Promotion scheint sich dennoch zu lohnen. Der Median des Erwerbseinkommens der vollzeitbeschäftigten Promovierten im Erwerbsalter lag zwischen 2006 und 2010 im Schnitt bei 2.874 Euro. Die nicht promovierten Akademiker erzielten dagegen nur ein Medianeinkommen von 2.250 Euro monatlich. Die Promotion, so vermuten die Autoren von "Promovierende im Profil" wirkt auf dem Arbeitsmarkt als Signal: Da Arbeitgeber die wahren Fähigkeiten, Einstellungen und Kompetenzen von Bewerbern noch nicht kennen, "müssen sie sich auf Ersatzindikatoren verlassen."
Der Doktortitel wird in Deutschland also mehr als sonst auf der Welt als "Talentsignal" gesehen. Und das eben längst nicht nur für wissenschaftliche Berufe oder solche, die eine besondere Nähe zur Wissenschaft voraussetzen, wie etwa Museumskuratoren oder Fachverlagslektoren. Während in den USA – Stand 2005 – nur 5,6 der Konzernchefs promoviert hatten und in Frankreich 4,1 Prozent, waren es in Deutschland 58,5 Prozent, wie der Zürcher BWL-Professor Egon Franck errechnet hat.
Für manche Branchen, vor allem die chemische Industrie ist die Promotion eine Einstellungsvoraussetzung, die auch in der Stellenausschreibung offen genannt wird. Ein Doktor der Chemie hat drei Jahre im Labor gestanden und eigenständig Experimente durchgeführt. Das muss er bei Bayer oder BASF auch tun. Wer als Chemiker auf einem verantwortungsvollen Posten arbeiten will, kommt um die Promotion kaum herum. In einigen Disziplinen, in denen mehr als 50 Prozent der Absolventen promovieren, hat die Promotion schon seit Jahrzehnten den Rang eines "berufsqualifizierenden Abschlusses" oder "Regelabschlusses" des Studiums. Das gilt für die Humanmedizin, Chemie, Zahnmedizin, Physik/Astronomie und Biologie.







"Ich verstehe nicht, was eine Zeitung sich in die Lebensplanung anderer Menschen einmischen muss."
Weil es sich nicht um eine liberale Zeitung handelt, die die Freiheit der Bürger respektiert. Sondern für die Bevormundung der Bürger für "höhere Zwecke" Partei ergreift (hier ist es mal der wissenschaftliche Fortschritt, sonst gerne die Gleichstellung, die Energiewende etc.). Interessant der wohlwollend zitierte Hinweis, den Doktortitel auf Türschildern, Visitenkarten "verschwinden zu lassen", was ja wohl auch ein Verbot bedeutet.
Die Forschung selbst wird nicht bezahlt. Den Nutzen die Uni und langfristig die Gesellschaft davon. Diese Leistung wird jedoch nicht honoriert. Und das ist der eigentliche Skandal.
Doktoranden sollten anständig entlohnt werden, die Hürde für einen Promotionsplatz jedoch, sollte dafür sehr hoch sein.
denn das eigentlich gemeine ist, dass irgendwann Bereiche ausgeforscht erscheinen. Als kleines Beispiel sei auf die Geschichtswissenschaft verwiesen. Wie leicht hätte man vor 50 Jahren noch Doktorantenthemen finden können, die heute als Standardwerke gehandelt werden. Aber und das ist das schöne: Die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften sind an sich clever und verbinden sich untereinenander und vor allem mit Naturwissenschaften. Wir erleben eine Renaissance der Geisteswissenschaften, weil die Psychologie z.B. nicht mehr nur mittels vergangenen fachspezifischen Thesen und Theorien operiert, sondern mit biologischen Erkenntnissen. Weil die Soziologie, als weiteres Beispiel, sich verbindet mit Informatik und Wirtschaft. Es gibt viele weitere Beispiele. Forschung heute ist heute interdisziplinär und ob daraus relevante Resultate entstehen, wer mag das beurteilen. Viele heute relevante Forschungsarbeiten fanden zu ihrer Zeit wenig Anklang.
Es mag viele Arbeiten geben, bei denen man sich fragt, ob diese wirklich einen gesellschaftlichen Nutzen haben (das frag ich mich im übrigen auch bei vielen Berufen und doch haben diese ihre Daseinsberechtigung) nur sollte man nicht so sehr pauschalisieren.
Die Motivation auf einen Doktortitel hinzuarbeiten muss jeder Doktorand sich selbst beantworten und vor sich verantworten. Die Antworten werden sehr unterschiedlich sein, hin von Karrieresprungbrett, über aufrichtiges Interesse bis hin zur Leidenschaft für das ausgewählte Fach und Thema.
A. Mit Dr.-Titel wird man nicht deshalb besser bezahlt, weil man "Talent" hat, wie der Artikel behauptet. Die sehr speziellen Fachkenntnisse der Dr.-Arbeit sind meistens für den Job irrelevant. Man wird besser bezahlt, weil
1. es beim Kunden gut ankommt, wenn extra der Herr Dr. vorbeikommt, um sich um sie zu kümmern.
2. man durch eine Promotion gezeigt hat, dass man ohne zu Murren freiwillig unbegrenzt Überstunden einlegt - sei es aus intrinsischer oder extrinsischer Motivation. Meiner Ansicht nach ist das der Hauptgrund für die bessere Gehaltsklasse.
B. Der Artikel verlangt, den Dr.-Titel vom Klingelschild und von der Visitenkarte verschwinden zu lassen. Wie soll das denngehen; etwa per Gesetz? Wenn es mir und meinem Arbeitgeber passt, kann ich auch "Mickey Mouse" auf meine Visitenkarte schreiben. Das geht den Staat gar nichts an.
C. Die Schweiz hat angeblich eine höhere Promotionsquote. Interessant wäre hier nur noch, wie viele davon tatsächlich Schweizer sind?
D. Ich finde es ziemlich anmaßend, sich als Außenstehender ("nicht vom Fach") ein Urteil zu erlauben, wie relevant eine Arbeit für den wissenschaftlichen Fortschritt ist. Fortschritt passiert bekannterweise in vielen kleinen Schritten, die aufeinander aufbauen. Der einzelne Schritt mag dabei klein aussehen. Es mag Irrwege geben, doch auch die gehören dazu.
E. Die Lesung zur erwähnten Promotion "Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern" tourte irgendwann durch Deutschland. Diese ist lustig gemacht. Das Fazit der Arbeit - wenn ich mich recht erinnere - war jedoch durchaus sinnvoll:
Die soziale Ächtung von Masturbation in der damaligen Zeit (1978) führte dazu, dass Männer mit derartigen Penisverletzungen im Gespräch mit Ärzten Phantasiegeschichten erzählt haben, wie der Penis in den Staubsauger gekommen sei. Die Arbeit hilft also Ärzten, absichtliches Verschweigen der Patienten bei der Aufnahme der Verletzung zu erkennen. Sie ist außerdem eine Sozialkritik zum gesellschaftlichen Umgang mit Masturbation.
E. Die Lesung zur erwähnten Promotion "Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern" tourte irgendwann durch Deutschland. Diese ist lustig gemacht. Das Fazit der Arbeit - wenn ich mich recht erinnere - war jedoch durchaus sinnvoll:
Die soziale Ächtung von Masturbation in der damaligen Zeit (1978) führte dazu, dass Männer mit derartigen Penisverletzungen im Gespräch mit Ärzten Phantasiegeschichten erzählt haben, wie der Penis in den Staubsauger gekommen sei. Die Arbeit hilft also Ärzten, absichtliches Verschweigen der Patienten bei der Aufnahme der Verletzung zu erkennen. Sie ist außerdem eine Sozialkritik zum gesellschaftlichen Umgang mit Masturbation.
E. Die Lesung zur erwähnten Promotion "Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern" tourte irgendwann durch Deutschland. Diese ist lustig gemacht. Das Fazit der Arbeit - wenn ich mich recht erinnere - war jedoch durchaus sinnvoll:
Die soziale Ächtung von Masturbation in der damaligen Zeit (1978) führte dazu, dass Männer mit derartigen Penisverletzungen im Gespräch mit Ärzten Phantasiegeschichten erzählt haben, wie der Penis in den Staubsauger gekommen sei. Die Arbeit hilft also Ärzten, absichtliches Verschweigen der Patienten bei der Aufnahme der Verletzung zu erkennen. Sie ist außerdem eine Sozialkritik zum gesellschaftlichen Umgang mit Masturbation.
Seit 1968 gab es eine gewisse Phase der informellen Distinktion. Da hat man sich über bewusst gesetzte "legere" Lebensweisen gepaart mit subtilem Bildungsbürger-Habitus abgehoben. Zumal die alte Bundesrepublik gesichert als nivellierte Mittelstandsgesellschaft bezeichnet werden kann bzw. konnte.
Das ist nun anders. Zudem haben jene gesellschaftlichen Kräfte Oberwasser bekommen, die schon immer Klassenbewusstsein hatten. Es ist die Rede von "Exzellenz", ein seltsam eingedeutscher Anglizismus der Elitenbildung verbrämen sollte. Und besonders in der Bildung werden dahingehend alle Weichen gestellt. Angefangen bei der Grundschule, wo nachgewiesen jene Kinder aus Bildungsbürgerfamilien deutlich häufiger die Gymnasialempfehlung erhalten als Kinder identischer Leistung aus einfacheren Verhältnissen. Dann geht es über das G8 Turboabi, was wohl nur Hochbegabte ohne Dauernachhilfe durch teure Tutoren und ebenfalls gut ausgebildete Eltern als Ersatzlehrer durchstehen. Geht dann ins Studium, wo private Tutorien als sehr hilfreich im Bologna-Studium und stagnierendes Bafögniveau ebenfalls jene Studenten aus "gutem Hause" stark bevorzugen. Da Bildung in unserer Gesellschaft das Distinktionsniveau Nummer 1 ist wundert dann auch nicht dass sich dies über die Promotion fortsetzt. Es geht dabei wohl weniger um Titel an sich sondern um soziale Distinktion.
Zumal: der Bildungsexpansion folgte leicht verzögert die Bildungsinflation. Ein Wettlauf um schwindende Pfründe.
noch Fragen?
Sehr geehrter Herr Knauß,
die im Text als abschreckendes Beispiel für unsinnige Dissertationen zitierte Arbeit "Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern" stammt von 1978 (!), taugt also eher wenig dazu, die HEUTIGE Flut von mehr oder weniger überflüssigen Arbeiten zu illustrieren. Im Übrigen ist gerade diese Promotion durch Lesereisen und Hörbuch zu gewisser Prominenz gelangt (vgl. http://de.wikipedia.org/w...).
Dass es unsinnige Arbeiten gibt, selbst unter den Naturwissenschaften, ist aber unbestritten -- aus meiner Zeit an der Uni im Bereich Physik (nun allerdings auch schon ein paar Jahre her) erinnere ich mich, dass ganze Doktorandenkohorten im Prinzip dieselbe Arbeit geschrieben haben: Es war halt eine aufwendige Anlage zur Molekülspektroskopie vorhanden, und dann wurden die Spektren für x verschiedene Gase vermessen: fertig sind x Dissertationen.
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