HochschulenNiederlande bekämpfen studentisches Desinteresse an Deutschland

Der Studentenaustausch zwischen Deutschland und Holland verläuft bislang sehr einseitig. Mit viel Geld wollen die Niederlande das nun ändern. von Sophie Derkzen

Viele deutsche Studenten zieht es nach Groningen, Nimwegen oder Maastricht. Während des Studienjahres 2011/2012 studierten ungefähr 25.000 deutsche Studenten in den Niederlanden. Doch so beliebt die niederländischen Unis unter Deutschen sind, so ungern gehen niederländische Studenten nach Deutschland. Im gleichen Jahr waren nur gut 1500 Niederländer an deutschen Unis eingeschrieben. Viel zu wenig, findet die niederländische Bildungsministerin Jet Bussemaker. Der Austausch von Studenten zwischen Deutschland und den Niederlanden soll laut der Ministerin "in ein besseres Gleichgewicht gebracht werden".

Im Sommer will sie einen sogenannten Deutschlanddesk gründen. Er soll ab kommendem September die "zentrale Anlaufstelle" für Studenten und Universitätsmitarbeiter sein, die sich über Studienmöglichkeiten in Deutschland informieren wollen. Außerdem soll ein neues Stipendien-Programm ins Leben gerufen werden. Knapp 700.000 Euro soll es insgesamt kosten und zunächst für drei Jahre laufen. Die Kosten übernehmen das niederländische Bildungsministerium und der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD). Ulrich Grothus, Vize-Vorsitzender des DAAD, begründet den Schritt so: "Die Mobilität der niederländischen Studenten ist allgemein rückläufig." Es sei ungünstig, wenn nur wenige Studenten Auslandserfahrungen sammeln würden.

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Solche Sorgen um den deutsch-niederländischen Studentenaustausch gab es schon häufiger: Letztes Jahr debattierte das niederländische Parlament empört über den "ungezügelten Zustrom" deutscher Studenten. Der damalige Bildungsstaatssekretär Halbe Zijlstra wollte Deutschland an den angeblich hohen Ausgaben für deutsche Studenten in den Niederlanden beteiligen. Abgesehen davon, dass europäische Gesetze solche Verrechnungen verbieten, veröffentlichte das Zentrale Planungsamt CPB kurze Zeit später Zahlen, nach denen ausländische Studenten dem Gastland wirtschaftliche Vorteile bringen – etwa, weil sie nach ihrem Studium in den Niederlanden bleiben.

Heute schlägt Bildungsministerin Bussemaker andere Töne an als ihr Vorgänger Zijlstra und plädiert für eine "engere deutsch-niederländische Zusammenarbeit im Rahmen der Hochschulpolitik". Sie richte sie sich auf eine größere Abwanderung niederländischer Studenten nach Deutschland ein. Niederländische Studenten sollten sich stärker mit Sprache und Kultur des östlichen Nachbars beschäftigen. Schließlich sei Deutschland ein wichtiger Handelspartner.

"Die Studenten wissen nicht, was sie verpassen"

Offen bleibt die Frage, wie man niederländische Studenten für einen akademischen Aufenthalt in Deutschland begeistern soll. Ton Nijhuis, Wissenschaftlicher Direktor des Deutschland Instituts und zuständig für die neue Informationsstelle, sagt: "Niederländische Studenten finden Deutschland einfach nicht sexy. Berlin ist ein beliebter Studienort, aber sonst reizt Barcelona doch mehr als Osnabrück." Oft sei das mangelnde Interesse auch eine Folge von Unwissenheit. "Die Studenten wissen nicht, was sie verpassen. Die Exzellenz-Programme an deutschen Unis sind sehr interessant und das Niveau des Unterrichts ist generell höher."

Wenn es doch Interesse gibt, ist es laut Nijhuis für Studenten allerdings nicht einfach, einen Weg durch die Papier-Dschungel von unterschiedlichen Anmeldungs- und Beurteilungssystemen deutscher Universitäten zu finden. Zusätzlich schrecke es viele Studenten ab, dass es an deutschen Unis immer noch wenige englischsprachige Kurse gibt. Deutsch sprechen immer weniger. An vielen Schulen ist es kein verpflichtendes Fach mehr. Aus einer Studie des Deutschland Instituts aus dem Jahr 2011 ging hervor, dass 71 Prozent der niederländischen Schüler Deutschland uninteressant finden, 61 Prozent bezeichnen die Sprache sogar als hässlich.

Ton Nijhuis vom Deutschland-Institut sagt: "Die niederländische Wissenschaft ist heutzutage sehr Angelsächsisch orientiert." Man müsse aufpassen, dem größten Wissenschaftsland des Europäischen Kontinents nicht den Rücken zuzukehren.

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Leserkommentare
  1. Wieso muss immer alles und jeder mobil sein?
    Es wird schon seine Gründe haben, warum die Niederländer am liebsten daheim studieren.

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    Oh nein, die gehen nach Großbrittanien und USA, Australien und Neuseeland.
    Th.R.

    "Wieso muss immer alles und jeder mobil sein?"

    Eine Weile im Ausland zu leben, bereichert den Geist - man bekommt die Gelegenheit, die alten kulturellen Angewohnheiten zu hinterfragen, denen man sich zu Hause nie bewußt war, und lernt somit nicht nur viel über sein Gastland, sondern auch über seine Heimat.

    Jeder Mensch, der den Anspruch hat gebildet zu sein, sollte eine Zeitlang im Ausland leben. Und wann wäre das besser als in einer Zeit, wo man noch keine beruflichen und familiären Verpflichtungen hat?

    den niederländischen Studenten könnten an deutschen Unis buchstäblich die Decke auf den Kopf fallen....

    http://www.spiegel.de/uni...

  2. Berlin ist kuhl, fuer ein wochenende, aber sonst barcelona, london, thailand, usa.
    deutschland liegt fuer die meisten schweden ungefähr am suedpol. ausser die wirtschaftselite, die oft ein ausgezeichnetes deutsch spricht, hat gute kontakte und urlaubt auch mal deutschsprachig.

    keine ahnung woran das liegt, bösartigkeit ist es nicht, vielleicht europäische normalität?

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    es geht doch nicht um Urlaub.
    Th.R.

  3. singen...trink, trink bruederlein trink...)))
    aber die jungen sind anders

  4. das sich in schweden und den niederlanden einfach die Einstellungspolitik rumgesprochen hat.
    In den Niederlanden gibt es eine Grundrente für leute die mehr als 50 Jahre im Land leben oder so ähnlich,daß wirkt wie eine unsichtbare Fussfessel für ein späteres arbeiten in anderen Ländern.Zudem können Niederländer keine hohen Pensionen für Beamte in Deutschland kassieren,und natürlich wollen sie nicht zum Heer der abgezockten Durchschnittsverdiener gehören die Spitzenverdiener und Hochpensionäre in Deutschland quersubventionieren.

    Deutschland ist mit seinen niedrigen Steuersätzen für die oberen 10 Prozent der Einkommensbezieher und mit seiner gleichzeitig sehr hohen Lohnspreizung im Vergleich zu diesen Ländern für den Durchschnittsstudenten einfach uninteressant.
    Und das Wetter hilft auch nicht viel weiter.

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    gibt es eine grundrente oder so ähnlich.wenn sie etwas versuchen zu erklären,sollten sie sich vorher informieren.ich glaube das kein Niederländer aufgrund der bestehenden basisrente (aow) den Standort seines Studium bestimmt.Tatsache ist das deutsch nicht mehr zum examenstoff dazugehört und das die deutsche Sprache in den letzten 15 Jahren sehr vernachlaessig wurde.moderne Studiengänge werden hier im übrigen in englisch gelehrt.abschliessend noch,steuern zahlen sie hier mehr als in Deutschland.

    weil man mehr steuern zahlt will ja niemand weg,sowohl in schweden als auch in den niederlanden.Lohnspreizung ist geringer.

    Zudem kann man als leiharbeiter nicht schlechter bezahlt werden.Das gibt Sicherheit,ebenso wie eine Basisrente.

    • marc11
    • 14. Mai 2013 19:10 Uhr

    "61 Prozent bezeichnen die Sprache sogar als hässlich"

    Ich finde dieses Statement sehr komisch. Jedes Mal höre ich den niederländischen Akzent habe ich das gleiche Gefühl wie die 61 % der anderen Seite

    6 Leserempfehlungen
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    • hairy
    • 15. Mai 2013 12:07 Uhr

    die 61% sind Leute, die mit alten Vorurteilen herumrennen / von der Sprache auch keine Ahnung haben. Gilt freilich fuer die Deutschen auch, wenn es ums Niederlaendisch geht.

    • Varech
    • 15. Mai 2013 13:02 Uhr

    ... können Deutsch, als Deutsche Niederländisch.
    Wer sich schon am "Akzent" der anderen stört, muss wohl sonst ein Problem haben.
    Wenn ich niederländische und deutsche Texte vergleiche, finde ich immer wieder, dass dabei das Deutsche eher schlecht abschneidet. Deutsch ist oft (und ich habe den Eindruck, dass das schlimmer wird) ein hilflos wichtigtuerisches Gestelze.
    Und die Neue Rechtschreibung hatte dazu gerade noch gefehlt.
    Ein harmloses Beispiel: Vor einigen Stunden schrieb unsere Redaktion hier, "Auf Grund von Wartungsarbeiten ...", wo ein Niederländer einfach nur "wegen ..." geschrieben hätte. Unseren eigenmächtigen Kultusministern haben wir es zu verdanken, dass wir jetzt "gleich schalten" und "gleichschalten" nicht mehr sicher unterscheiden können. Verstehe, wer will.
    Ausländern ist es nicht zu verdenken, dass sie lieber gleich dorthin gehen, wo richtiges Englisch gesprochen wird. Das ist dann wenigstens übersetzbar.

  5. Oh nein, die gehen nach Großbrittanien und USA, Australien und Neuseeland.
    Th.R.

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    Antwort auf "Ja und?"
  6. es geht doch nicht um Urlaub.
    Th.R.

    • PipovD
    • 14. Mai 2013 19:32 Uhr

    Dass die Niederländischen Studenten nicht nach Deutschland möchten, kann ich verstehen. Wer tauscht den schon freiwillig kleinere Kurse und gute Betreuung der Studenten gegen Massenveranstaltungen und bürokratischen Stinkstiefel.

    7 Leserempfehlungen
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    Das Märchen vom deutschen Bürokratismus existiert bloß außerhalb Deutschlands nicht. Wer dies sucht, möge mal nach Frankreich, Italien oder Österreich schauen.

    Ansonsten: Stimmt zum Teil. Massenveranstaltungen gibt es in den Niederlanden an den großen Hochschulen bloß auch, genau wie es kleine Kurse an deutschen Universitäten und Fachhochschulen gibt. Gerade für Ingenieure bieten viele Hochschulen sehr gute Lehrbedingungen. Vielleicht nicht an einer Massenuni im Maschinenbau, aber wer sich für Anlagenbau, Brandschutz, Energietechnik, Holztechnik, Nachrichtentechnik, Stadtplanung, Umweltingenieurwesen oder Versorgungstechnik interessiert, wird mit etwas Recherchearbeit fündig.

    Muß nur jeder selbst wissen, ob er sein Auslandssemester in einer Stadt, die "sexy" ist, macht, oder dort, wo er gute Lehrbedingungen hat. Vermutlich ersteres, wenn wir uns Beispiele wie Barcelona anschauen. Von daher: Das Betreuungsverhältnis, was hier angeführt wird, scheint nicht ausschlaggebend zu sein. Die Niederländer sind ja mobil.

    Bloß Deutschland ist "zu ähnlich". Da reizen skandinavische Landschaften oder Mittelmeerstrände halt mehr. Und das ist verständlich. Kein Dauergenörgel. Kann ja jeder gerne mal eine normale Uni in gelobten Ländern wie Großbritannien aufsuchen. Da wünscht man sich schnell die Provinz-FH zurück.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bildungsministerium | DAAD | Mobilität | Sprache | Unterricht | Niederlande
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