Plagiate : Den Nachwuchs gefeuert, den Professor verschont

Münster entzieht zwei jungen Forschern den Doktorgrad. Es gibt Indizien, dass ihr Doktorvater in die Fälschung involviert war. Doch dies prüft niemand. Von H. Horstkotte

Die Westfälische Wilhelms-Universität hat zwei ehemaligen wissenschaftlichen Mitarbeitern den Doktorgrad entzogen. Die Internetplattform Vroniplag hatte im vorigen Jahr mehrere Plagiate in ihren Dissertationen nachgewiesen. Die Autoren Pascal S. und Thorsten R. verloren daraufhin bereits ihre Uni-Stellen im Rang "Akademischer Räte" am bundesweit führenden Institut für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht (ITM). Die Aberkennung durch den Fakultätsrat am Dienstagabend überraschte daher kaum. Den beiden steht jetzt noch offen, gegen diese Entscheidung zu klagen.

Auf den ersten Blick scheint der Fall geklärt. Doch es bleiben Ungereimtheiten. Es stellt sich die Frage, warum ihr Doktorvater, der Institutsdirektor Bernd Holznagel, vom Wissenschaftsbetrug seiner Doktoranden nichts gemerkt haben will. Im Gegenteil: Die Dissertationen von 2010 und 2011 wurden von der Uni preisgekrönt. Wurde Holznagel von seinem Nachwuchs getäuscht? Oder war er involviert?

Es ist nicht der erste Fall, in dem Holznagel durch den laxen Umgang mit Urheberrechten auffällt. Im Jahr 2006 zitierte eine Doktorandin in ihrer Dissertation umfänglich, aber ohne Nachweis, aus einer gemeinsamen Veröffentlichung mit ihrem Doktorvater. Noch ist offen, ob sie von sich selbst oder vom Mitautor Holznagel abgeschrieben hat. Holznagel unternahm nichts, obwohl dieses Verhalten eindeutig der guten wissenschaftlichen Praxis widerspricht.  

Plagiate in einem Lehrbuch über juristische Arbeitstechniken

Im Jahr 2012 veröffentlichte Holznagel mit seinen damaligen Akademischen Räten, denen nun der Doktorgrad entzogen wurde, ein Lehrbuch über "Juristische Arbeitstechniken und Methoden". Es enthielt ebenfalls Plagiate. Als Vroniplag auf verdächtige Stellen hinwies, zog das Autorentrio ihr Buch mit "tiefem Bedauern" zurück. Die Verfasser sagten, an dem Buch seien auch ungenannte "jüngere Mitarbeiter des Instituts" beteiligt gewesen, die besser "in einem Vorwort hätten erwähnt werden sollen". Die Wissenschaftler haben offenbar beim Nachwuchs abgeschrieben. 

Der Vorsitzende des bundesweiten Ombudsgremiums gegen wissenschaftliches Fehlverhalten, der Bonner Staatsrechtslehrer Wolfgang Löwer, hält derartiges Verhalten grundsätzlich für ein strafwürdiges "Dienstvergehen". Disziplinarrechtlichen Folgen wegen unsachgemäßer Instituts- und Mitarbeiterführung gab es für den Seniorautor Holznagel aber nicht.

Stattdessen stieg Holznagel zum Stellvertreter des Fachbereichsratsvorsitzenden auf. Dieser war ebenfalls Mitgutachter bei einer der nun verworfenen Doktorarbeiten.

In allen Fällen wurde nur der wissenschaftliche Nachwuchs zur Verantwortung gezogen. Holznagel wurde nie verdächtigt. Rechtprofessor Löwer sagt: "Wenn wir Fehlverhalten des Nachwuchses mit äußerster Härte verfolgen, aber uns Professorenkollegen gegenseitig schonen, dann verlieren wir unausweichlich unsere Glaubwürdigkeit als Verfechter guter wissenschaftlicher Praxis." 

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