Berliner Charité Uni erklärte Forscher unberechtigt zu Fälschern

Fehler oder Fälschung – das wusste keiner genau. Trotzdem bezichtigte die Berliner Charité mehrere Mediziner des Betrugs. Nun steht fest: Die Uni urteilte falsch. von 

Zwei Jahre lang verdächtigte die Charité in Berlin den Medizinprofessor Robert Nitsch und seine Mitarbeiter, wissenschaftliche Daten gefälscht zu haben. Nun stellt sich heraus: In dem verdächtigten Aufsatz aus dem Jahr 2003 war lediglich eine Grafik fehlerhaft. Die Messergebnisse stimmten. In der amerikanischen Fachzeitschrift FASEB veröffentlichten die Forscher vor Kurzem einen Nachtrag. In naturwissenschaftlichen Veröffentlichungen kommt solch eine Korrektur häufiger vor.

Die Fakultätsleitung der Charité hatte dagegen von einer Fälschung gesprochen. Im Jahr 2011 war sie mit ihrem Verdacht an die Presse gegangen. Diesen musste sie in einem gerichtlichen Vergleich revidieren: Die "Untersuchungen zu Vorwürfen von wissenschaftlichem Fehlverhalten" gegen den Hauptautor des Artikels, den Nitsch-Schüler Nicolai Savaskan, hätten "keinen Nachweis für vorsätzliche Fälschung, Manipulation oder Plagiat erbracht".

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Den gravierenden Unterschied zwischen Fehler und Fälschung konnten Nitsch und seine Kollegen der Charité aber erst durch die Klage vor Gericht klarmachen. Grundlegend dafür ist ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts von 1996, das später auch das Bundesverfassungsgericht bestätigte. Dort heißt es: Die "Auseinandersetzung mit Forschungsergebnissen, denen der ernsthafte Versuch nicht abgesprochen werden kann, die Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens zu beachten, ist allein mit den Mitteln des wissenschaftlichen Diskurses" auszutragen.

Übertriebener Ehrgeiz der Hochschule

Im Berliner Fall hätte sich also die Leiterin der Medizinischen Fakultät, Annette Grüters-Kieslich, als Kollegin kritisch über den Nitsch-Aufsatz äußern dürfen, aber nicht qua Amt als Dekanin. 

Im aktuellen Fall war die Hochschule offenbar von einem übertriebenen Ehrgeiz getrieben, sich als Hüter guter wissenschaftlicher Praxis aufzuspielen. Annette Grüters-Kieslich räumt im Gespräch mit ZEIT ONLINE ein, sich trotz juristischer Bedenken im eigenen Haus auf den Rechtsstreit eingelassen zu haben. Andere Spielregeln gelten etwa dann, wenn es um Prüfungsentscheidungen geht. So kann die Uni den Doktorgrad nach Verwaltungsrecht wegen Plagiats oder anderen Fehlverhaltens aberkennen. Dabei folgen die Gerichte durchweg dem Entscheidungsspielraum der Hochschule.

Auch wenn die Berliner Forscher den Rechtsstreit gewonnen haben, bleibt das Verfahren für sie nicht ohne Folgen. Mediziner Savaskan hatte im Jahr 2008 von der Charité und dem zuständigen Minister Jürgen Zöllner einen Ruf auf eine Lebenszeitprofessur erhalten. Doch aufgrund der Fälschungsvorwürfe wurde daraus nichts. Statt als Professor arbeitet Savaskan nun an der Uni Erlangen als einfacher Assistent und fürchtet um das baldige Ende seiner befristeten Stelle.


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Leserkommentare
  1. Bekommt jetzt Savaskan die Stelle der Dekanin als Kompension?

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  2. Zu Kommentar 1: Natürlich nicht.Aber er könnte ja auf Entschädigung für die entgangene Professur klagen.

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    • FoTu2
    • 04. Juni 2013 22:00 Uhr

    Was Sie da als "Karriereknick" bezeichnen ist in meinen Augen der Verlust der wissenschaftlichen Reputation aufgrund eines bewußten Fehlverhaltens. Hr. Savaskan steht vor den Scherben seiner kurzen wissenschaftlichen Karriere. Eine Klage wird er sich nicht leisten können, da seine befristete Stelle demnächst ausläuft.

    ..sie sagen es - aber die werte Dekanin hat hier das Berufsleben von zwei Forschern auf dem Gewissen. Je nach Kariereplanung könnte es sein, dass sich Jahrzehnte der Entbehrung wegen der Dekanin für die Katz waren.
    Da wären selbst 100.000€ Entschädigung "Peanuts".
    Eventuell sollte man auch in der Berliner Charité über personelle Konsequenzen denken.

    • FoTu2
    • 04. Juni 2013 21:53 Uhr

    ... Und irgendwas ist da komisch:

    "Die Charité strebt eine Erhöhung des Anteils von Frauen am wissenschaftlichen Personal an und fordert Frauen nachdrücklich auf, sich zu bewerben. Bei gleichwertiger Qualifikation werden Frauen im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten vorrangig berücksichtigt. Bewerbungen von Menschen mit Migrationshintergrund, die die Einstellungsvoraussetzungen erfüllen, sind ausdrücklich erwünscht. Schwerbehinderte Bewerberinnen und Bewerber werden bei gleicher Qualifikation bevorzugt.

    Schriftliche Bewerbungen erbitten wir unter Beachtung der Vorgaben im Internet (http://www.charite.de/cha... professuren/) bis zum 21. Juni 2013 zu richten an die Dekanin Professor Dr. Annette Grüters-Kieslich, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Charitéplatz 1, 10117 Berlin."

    http://www.mind-and-brain...

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    bei gleichwertiger Qualifikation werden Frauen eingestellt - absolut üblich und auch gerechtfertigt.
    ich verstehe Ihren Kommentar nicht.

    Abgesehen davon, dass mir unklar ist, wer bei einem gleich qualifizierten schwerbehinderten Bewerber und einer Frau den Vorzug erhalten würde sehe ich hier die gängige Praxis. In einem Bereich, in dem Frauen unterrepräsentiert sind finde ich dies auch sehr gut!

    • FoTu2
    • 04. Juni 2013 22:00 Uhr

    Was Sie da als "Karriereknick" bezeichnen ist in meinen Augen der Verlust der wissenschaftlichen Reputation aufgrund eines bewußten Fehlverhaltens. Hr. Savaskan steht vor den Scherben seiner kurzen wissenschaftlichen Karriere. Eine Klage wird er sich nicht leisten können, da seine befristete Stelle demnächst ausläuft.

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    Antwort auf "Karriereknick"
  3. Nach meinen Erfahrungen wuerde ich mal vermuten, dass die Frau Dekanin weniger die gute wissenschaftliche Praxis im Sinn, sondern hatte hoechst wahrscheinlich ein persoenliches Huehnchen mit einem der Beteiligten zu rupfen hatte. Sofern es nicht gegen den Assistenten ging, muss man dies als Kollateralschaden interpretieren. Dem Chef kann man ja nichts, wegen seiner Lebenszeitstellung, seinem Knecht aber sehr wohl Schaden zufuegen. Ich unterstelle dies so, da die Dekanin sich offensichtlich nicht bemueht hat, den Beweis anzutreten, dass die Daten falsch waren, und stattdessen selbstherrlich gemutmasst hat, wenn eine Abbildung falsch ist, dann werden die Daten wohl auch falsch sein. Ich frage mich allerdings wie man mit einer solchen Kollegin weiter zusammen arbeiten kann. Unter normalen Umstaenden muesste man konsequenterweise deren Karriere beenden. Insbesondere wenn man die rechtlichen Bedenken beruecksichtigt, koennte man auch geneigt sein, von Mittelverschwendung zu reden.
    Und bzgl. einer Schadensersatzforderung frage ich mich, was bekommt denn wohl in DE? 3 Monatsgehaelter oder sowas laecherliches, ansonsten waere ja durchaus eine Millionen EUR Entschaedigung faellig, auch wenn man konservativ rechnet. Daran mag ich aber nicht glauben.

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  4. "Eine Klage wird er sich nicht leisten können, da seine befristete Stelle demnächst ausläuft."

    Genau deshalb ist er gut beraten, zu klagen. Falls er Mitglied des Deutschen Hochschulverbandes ist, wird der sicherlich die Klage unterstützen. Ich würde an seiner Stelle in jedem Fall klagen, da er ja bereits einen Ruf auf eine unbefristete Professur hatte. Die Aussichten dürften sehr gut sein.

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  5. also: das war schwach vom Autor. Eine kurze Recherche, z.B. bei Google mit den Schlagworten Charite, Fälscher, Nitsch bringt bereits etwas Licht, das zusätzliche Wort Laborjournal (deutsches Journal mit vielen Berichten aus dem Life Science Bereich) enthüllt weitere Probleme dieses Autors. In diesem speziellen Fall war man dann an der Charite vielleicht etwas zu nervös und hat überreagiert. Schade. Aber da sie an der Charite noch ganz andere Probleme haben, auch kein Wunder. Und um Herrn Savaskan wird man sich wohl kaum Sorgen machen müssen. Erstens ist er Neurochirurg, da gibt es bestimmt immer freie Stellen, und zweitens sieht seine Publikationsliste doch ganz gut aus. Jetzt ist er rehabilitiert, habilitiert ist er auch schon, da klappt das bestimmt noch mit der Professur auch an netteren Fakultäten.

  6. Seine Methoden waren, zumindest damals, als ich ihn erleben durfte, schlampig bis zweifelhaft. Seine Kompetenz lag darin, sich als gleichberechtigter Co-Autor auf Publikationen zu verewigen, auch wenn sein Input bescheiden war. Seine Kompetenzen lagen weder in der Laborarbeit noch im menschlichen Miteinander.

    Biologen nennen sowas Schmarotzer.

    Der Verweis auf das Laborjournal ist in der Tat sinnvoll, ich empfehle die Lektüre.

    http://www.laborjournal.d...

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