DeutschlandstipendiumHochschule schreibt Stipendiaten "Wohlverhalten" vor

Die Hochschule Hannover hat einen Kodex aufgelegt, wie Deutschlandstipendiaten sich verhalten sollen. Auf Feiern sollen sie in "angemessener Kleidung" erscheinen. von Anja Kühne

Die Hochschule Hannover verlangt von Studierenden, die mit dem Deutschlandstipendium gefördert werden, einen "Ehrenkodex" zu unterschreiben: "Hiermit verpflichte ich mich, selbstverständliche Mindestregeln des Wohlverhaltens gegenüber den Förderern und der Hochschule unbedingt einzuhalten", heißt es dort. Die Stipendiaten sollen sich damit einverstanden erklären, mit dem Sponsor selbstständig in Kontakt zu treten und Einladungen "unbedingt nachzukommen". Auch sollen sie ihr Einverständnis erklären, "Interesse an einem vergüteten Praktikum" oder der "Anfertigung der Bachelor-/Masterarbeit" bei der fördernden Firma zu zeigen. Schließlich sollen sie sich verpflichten, bei der "Stipendiatenfeier" zu erscheinen, und zwar "in angemessener Kleidung".

Der Ehrenkodex der Hochschule ist aus Sicht des DGB-Bundesvorstands ein Beispiel für die Abwege, auf denen sich das von der Bundesregierung vor zwei Jahren ins Leben gerufene Deutschlandstipendium befindet. Private Förderer würden einen "größeren Einfluss auf die direkte Auswahl der Stipendiaten nehmen, als das Gesetz ihnen formal zubilligt", heißt es in einer Analyse des DGB. Das Stipendium von monatlich 300 Euro soll zur Hälfte vom Staat, zur Hälfte von privaten Förderern finanziert werden. Berücksichtigt man die steuerlichen Abzugsmöglichkeiten, zahlt der Staat aber tatsächlich zwei Drittel der Kosten.

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Dem Gesetz nach darf der Sponsor vom Stipendiaten keineswegs Leistungen, auch keine Kontaktaufnahme erwarten. Die Regeln der Hochschule Hannover sind damit hinfällig. Gegen das Gesetz zum Deutschlandstipendium haben Hochschulen wohl auch in anderer Hinsicht verstoßen. So dürfen Förderer zwar vorgeben, aus welcher Fachrichtung der Stipendiat kommen soll, nicht aber, welche Person die Förderung erhält. Eine Reihe von Hochschulen gewährt den privaten Förderern aber doch eine direkte Einflussnahme auf die Auswahl der Stipendiaten, moniert der DGB. Die Stadtwerke Aachen etwa hätten erklärt, an der Auswahl der Stipendiaten der RWTH Aachen direkt beteiligt zu sein.

DGB fordert Abschaffung des Deutschlandstipendiums

Auch die Darstellung auf der Homepage des Bundesministeriums sei irreführend, moniert der DGB. Dort heißt es: "Die Hochschulen nehmen Hinweise und Wünsche der Förderer auf und berücksichtigen sie im Rahmen der gesetzlich vorgegebenen Auswahlkriterien." Der Hinweis, dass private Mittelgeber an der Auswahl der Stipendiaten nicht mitwirken dürfen, fehle aber. Der DGB fordert, den Passus im Gesetz zu streichen, in dem den Sponsoren eine beratende Funktion in den Auswahlgremien zugestanden wird.

Der DGB hat das Deutschlandstipendium von Anfang an abgelehnt. Auch von weiteren Entwicklungen fühlt er sich nun bestätigt. Weil die Nachfrage weit unter dem Ziel der Bundesregierung liege, drohten auch im kommenden Jahr Mittel aus dem Bildungsetat zu verfallen. 2012 sei fast die Hälfte der veranschlagten 36,7 Millionen Euro verfallen. Nur 0,6 Prozent der Studierenden, nämlich 13.896, werden aktuell mit einem Deutschlandstipendium gefördert, acht Prozent ist das Ziel der Bundesregierung. Die Förderer hätten die Stipendien dabei besonders nach wirtschaftlichen Interessen vergeben, in wirtschaftsnahe Fächer seien drei Viertel der Mittel geflossen, kritisiert der DGB.

Zwar zeige die Verteilung im Moment nicht, dass das unabhängig vom Elterneinkommen vergebene Deutschlandstipendium zur Stabilisierung der sozialen Ungleichheit führe. Denn der Anteil der Bafög-Empfänger unter den Stipendiaten entspreche mit 24 Prozent fast ihrem Anteil an allen Studierenden. Doch präzise statistische Daten über die soziale Herkunft der Studierenden (Einkommen und Bildungsabschluss der Eltern, Migrationshintergrund) fehlten. Der DGB fordert nun, dass das Deutschlandstipendium zügig reformiert und nach der Bundestagswahl abgeschafft wird.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Gut das mag jetzt etwas krass klingen, auf dem ersten Blick.

    Aber wenn man die Pflicht eines solchen Stipendiaten mit einem Lehrling vergleicht dann relativiert sich das. Allerdings sollte man es dann vielleicht nicht großtrabend als Stipendium verticken, das klingt zu gönnerhaft. Sondern mehr als eine beiderseitig Verpflichtenden kontrakt.

    2 Leserempfehlungen
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    Seit wann werden Lehrlinge zu 2/3 vom Steuerzahler bezahlt?

    Und seit wann sind Lehrlinge verepflichtet nach dem Ende der Lehre beim Betrieb ersteinmal ein (vermutlich nicht gerade gut) bezahltes Praktikum zu machen?
    Hier bekommt der Betrieb für 100 Euro im Monat (in 3 Jahren bis zum Bachelor also 3.600 Euro in Summe brutto) einen Billigpraktikanten, der um den Praktikantenjob betteln muss - und der Steuerzahler legt 7.200 Euro obendrauf...

  2. Es mag sein, dass manche Förderer etwas über das Ziel hinausgeschossen haben, was deren Einflussmöglichkeit betrifft. Grundsätzlich sehe ich aber auch kein dramatisches Problem. Das Ganze ist auch ein Teil von Networking zum Vorteil der Förderer UND der Stipendiaten. Was sollte daran so kritisch sein?

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    An diesem Verhalten muss kritisiert werden, dass die Stipendiaten nach Wohlgefallen gegenüber der Wirtschaft ausgewählt werden. Dabei geht es anscheinend darum, dass Wissenschaft meistens Wirtschaftswissenschaft bedeutet. Es werden also Gelder für zukünftige Manager und damit an die eigene Kaste vergeben.

    Dass die Naturwissenschaften einen wesentlich größeren Einfluss darauf haben, was der Handel verkaufen kann, wird einfach unter den Tisch gekehrt.

    Mir stößt auch sehr sauer auf, dass die Stipendiaten sich, zumindest an dieser Uni, sehr stark an den Geldgeber binden. Ich meine, wo hat man das denn gehört, dass ein Student sich wegen einer Förderung dazu verpflichtet, nicht nur seine Abschlussarbeit, sondern auch noch Praktika und sonstiges zu machen. Von Verhaltensregeln habe ich jetzt noch nicht einmal angefangen. Wehe, der geistig reife Mensch engagiert sich in einer Gewerkschaft oder einer Umweltschutzgruppe!

    Die Geisteswissenschaft bleibt wahrscheinlich ganz außen vor. Dann Prost Mahlzeit auf ein Deutschland, das nichts schafft und nicht denkt.

    • Chali
    • 03. Juni 2013 12:52 Uhr

    denn auch einen Stipendiaten halten?

    Für 3000 Euro im Monat?

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    • edgar
    • 03. Juni 2013 13:32 Uhr

    Wenngleich im Artikel nur von 300 € die Rede war, werden Sie für die von Ihnen genannte Summe bestimmt einen Stipendiaten finden und ich tippe mal, so lange Sie wollen.

    Ferner gebe ich den Tipp ab, dass, wenn SIe das richtig einfädeln, Sie das noch als Spende etc. von Ihrer Steuer absetzen können.

    Aber warum nicht gleich gezielt jemanden dafür einsetzen, was Sie erreichen wollen (was auch immer das ist) - damit schaffen Sie doch einen Arbeitsplatz ...

    monatlich können Sie bestimmt jemanden privat fördern

    Aber durch das "Deutschlandstipendium" sind leider nur € 300 vorgesehen

  3. Warum soll laut DGB "das Deutschlandstipendium zügig reformiert _und_ nach der Bundestagswahl abgeschafft" werden? (Oder hat ein Journalist versehentlich ein "oder" durch ein "und ersetzt"?)

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  4. DasDeutschlandstipendium, irgendwann mit viel Medienaufmerksamkeit ins Leben gerufen, um die diskriminierenden Härten der Studiengebühren abzufedern, leidet nicht nur an Unterfinanzierung sondern auch an der fatalen direkten Verlinkung von Förderer und Gefördertem. Die Unversität Kiel war sich nicht einmal zu schade, das Nebeneinander von Förderer und glücklich lächelnder Stipendiatin für großformatige Werbezwecke auszuschlachten.
    Wenn es ein Stipendium zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und Fertigkeiten sein soll - und das ist doch nach althergebrachter Meinung der Sinn eines Studiums - dann darf es diese direkte Verlinkung nicht geben zum Wohle und für die Unabhängigkeit der Geförderten. Schon gar nicht dürfte dieses Konstrukt unter dem aberwitzigen Namen 'Deutschlandstipendium' firmieren, denn es ist, wie das Beispiel in Hannover oder Kiel zeigt, ein Müller, Meyer oder Schulze Stipendium. Für diese Art von interessengeleiteter Förderung gibt es genug Möglichkeiten in orm von Stiftungen und Fördereinrichtungen. Ein Deutschlandstipendium muss auf eine überparteiliche und unabhängige Ebene gebracht werden, solide finanziert werden und nach Kriterien von Leistung, aber nicht von Goodwill oder Dresscode vergeben werden, oder es gehört schnellstens abgeschafft.

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  5. An diesem Verhalten muss kritisiert werden, dass die Stipendiaten nach Wohlgefallen gegenüber der Wirtschaft ausgewählt werden. Dabei geht es anscheinend darum, dass Wissenschaft meistens Wirtschaftswissenschaft bedeutet. Es werden also Gelder für zukünftige Manager und damit an die eigene Kaste vergeben.

    Dass die Naturwissenschaften einen wesentlich größeren Einfluss darauf haben, was der Handel verkaufen kann, wird einfach unter den Tisch gekehrt.

    Mir stößt auch sehr sauer auf, dass die Stipendiaten sich, zumindest an dieser Uni, sehr stark an den Geldgeber binden. Ich meine, wo hat man das denn gehört, dass ein Student sich wegen einer Förderung dazu verpflichtet, nicht nur seine Abschlussarbeit, sondern auch noch Praktika und sonstiges zu machen. Von Verhaltensregeln habe ich jetzt noch nicht einmal angefangen. Wehe, der geistig reife Mensch engagiert sich in einer Gewerkschaft oder einer Umweltschutzgruppe!

    Die Geisteswissenschaft bleibt wahrscheinlich ganz außen vor. Dann Prost Mahlzeit auf ein Deutschland, das nichts schafft und nicht denkt.

    10 Leserempfehlungen
  6. Die Stipendiaten sollen nicht auf "Feiern" im allgemeinen in angemessener Kleidung erscheinen, sondern auf STIPENDIATENfeiern.

    5 Leserempfehlungen
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    Einen ähnlichen Gedanken hatte ich auch - warum hat man nicht gleich "auf Partys" in den Teaser geschrieben?

    • edgar
    • 03. Juni 2013 13:28 Uhr

    die eigentlich eine Selbstverständlichkeit darstellen, sondern:

    "Private Förderer würden einen 'größeren Einfluss auf die direkte Auswahl der Stipendiaten nehmen, als das Gesetz ihnen formal zubilligt'"

    Dies geht ja schon Richtung Skandal.

    5 Leserempfehlungen

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