HochschulpaktMilliarden gegen überfüllte Hörsäle

In Deutschland gibt es so viele Studenten wie nie. Zusätzliche Milliarden von Bund und Ländern sollen die Überlastung der Unis mildern. Doch das größte Problem bleibt. von 

Längst ist es üblich, Erstsemester mit Naturgewalten zu vergleichen. Wellen von ihnen schwappen in die Unis, sie stürmen auf die Campusse und fluten die Hörsäle. In den Jahren 2006 bis 2011 stieg die Zahl der Studienanfänger von 345.000 auf fast 520.000. Dafür gibt es mehrere Gründe: die doppelten Klassen aus G8- und G9-Abiturienten, geburtenstarke Jahrgänge und die Aussetzung der Wehrpflicht.

Um die Folgen dieser Zunahme abzupuffern, schmiedeten Bund und Länder im Jahr 2006 einen Pakt: Der Bund stellt Geld für neue Studienplätze bereit, sofern die Länder den gleichen Betrag dazugeben. Der Pakt ist bis 2020 befristet, denn der Bund darf den Ländern laut Grundgesetz nicht dauerhaft Geld für Bildung geben.

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Weil seither die Zahl der Studienanfänger fast jedes Jahr die Prognosen übertrifft, haben sich die Ministerpräsidenten mit Angela Merkel jetzt auf eine Aufstockung geeinigt: Bis 2015 werden vom Bund weitere 2,2 Milliarden Euro bereitgestellt. Die Länder verpflichteten sich, eine "vergleichbare zusätzliche finanzielle Leistungen" zu erbringen. Insgesamt hat der Pakt nun ein Volumen von rund 14 Milliarden Euro.

Dauerhafte Uni-Finanzierung durch den Bund gefordert

Ein immenser Betrag, der dennoch nicht ausreichen dürfte. "Es fehlt Geld für ausreichend Masterstudienplätze, für eine echte Bafög-Reform und für weitere Studentenwohnungen", sagt Elke Hannack, die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Tatsächlich beinhaltet das Geld aus dem Hochschulpakt lediglich eine Finanzierung für neu geschaffene Bachelor-Plätze. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die Mehrheit der Studenten einen Master anschließt und nicht – wie von den Bologna-Reformern geplant – direkt anfängt, zu arbeiten. In der Folge gibt es viel zu wenig Masterplätze.

Zudem werden zur Unterrichtung der neuen Studenten kaum Professoren, sondern vor allem wissenschaftliche Mitarbeiter eingestellt. Sie können entlassen werden, wenn die Bundesfinanzierung im Jahr 2020 endet. Professoren müssten auf Lebenszeit eingestellt werden und die Hochschulen würden auf den Kosten sitzen bleiben. Statt die Lehre langfristig zu verbessern, beseitigen die Unis lediglich kurzfristig Engpässe.

Die Hochschulrektorenkonferenz fordert seit Jahren eine dauerhafte Finanzierung der Unis durch den Bund. Dazu müsste allerdings das Grundgesetz geändert werden. Vergangenes Jahr hatte die ehemalige Bildungsministerin Annette Schavan einen entsprechenden Gesetzentwurf eingebracht. Die Opposition lehnte ihn als unzureichend ab. Da eine Grundgesetzänderung eine Zweidrittelmehrheit benötigt, konnten SPD und Grüne den Vorschlag im Bundesrat stoppen.

Schavans Nachfolgerin Johanna Wanka hält den Gesetzesentwurf nach wie vor für sinnvoll, sagt aber: "Ich habe keine großen Hoffnungen, dass da bis zur Wahl noch etwas passiert."

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Leserkommentare
  1. Es hat sich mittlerweile rumgesprochen dass man nach einer gewöhnlichen Berufsausbildung froh sein kann mehr als 2000€ brutto zu bekommen bis man bewiesen hat dass man nicht wegen Dummheit kein Studium abgeschlossen hat.

    Deswegen auch akuter Azubimangel in vielen gehobeneren Ausbildungsberufen

    2 Leserempfehlungen
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    • FoTu3
    • 13. Juni 2013 21:45 Uhr

    Das ist ein Grund. Ein anderer ist, daß die Qualität und Niveau von ""Studium" mittlerweise auch nicht mehr höher ist als die von "Ausbildung". Wie heißt es doch so schön in Stellenanzeigen:

    "Wir stellen ein:

    Ingenieur/Techniker m/w"

    • Supi
    • 13. Juni 2013 21:47 Uhr

    gibt es dann danach für die ganzen Absolventen Jobs mit mehr als 2.000.
    Weia.

  2. erst kürzen was das zeug hält - siehe uni halle - auch hier in leipzig ist es nicht besser und auf einmal wieder milliarden vom staat und merkel verspricht wieder mehr geld blabla ich könnte mich köstlich amüsieren nur schade dass unter dem strich genau 0 herauskommt - hauptsache jeder steht im rechten licht

    • FoTu3
    • 13. Juni 2013 21:33 Uhr

    "auch hier in leipzig ist es nicht besser "

    Hat die Uni Leipzig auch ein Gender-Institut?

    Eine Leserempfehlung
    • FoTu3
    • 13. Juni 2013 21:45 Uhr

    Das ist ein Grund. Ein anderer ist, daß die Qualität und Niveau von ""Studium" mittlerweise auch nicht mehr höher ist als die von "Ausbildung". Wie heißt es doch so schön in Stellenanzeigen:

    "Wir stellen ein:

    Ingenieur/Techniker m/w"

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • FroSa
    • 13. Juni 2013 22:10 Uhr

    dass das Niveau eines Ingenieurstudiums dem einer Technikerausbildung gleicht. Oder müsse diese auch mathematische Beweise erbringen, Differentialgleichungen lösen usw.?

    • Supi
    • 13. Juni 2013 21:47 Uhr

    gibt es dann danach für die ganzen Absolventen Jobs mit mehr als 2.000.
    Weia.

    • FroSa
    • 13. Juni 2013 22:10 Uhr

    dass das Niveau eines Ingenieurstudiums dem einer Technikerausbildung gleicht. Oder müsse diese auch mathematische Beweise erbringen, Differentialgleichungen lösen usw.?

    Antwort auf "@Loncaros"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ja, auch angehende Techniker müssen mathematische Beweise erbringen und Differentialgleichungen lösen. Nicht im gleichen Umfang wie Studenten, aber es kommt vor.

  3. Respekt - dies ging aber schnell.

    Und Deutschland braucht nicht nur Milliarden für bröckelnde Hörsääle statt für Flutopfer (...weil man erneut nicht prãventiv tätig geworden ist und stattdessen nonchalant vor laufendér Kamera wirbt, "schon 120 Mio. Euro seit 2002 erfolgreich in Hochwasserschutz gesteckt" zu haben...).

    Das ganze Land braucht eine kräftige Sanierungskur - in Deutschlands Schulen etwa sieht es schlimmer aus wie in der einstigen DDR - die gesamte Infrastruktur, ja ganze Stadtbilder im Westen konkurrieren mit dem ehemaligem Osten vor 1989. Dort - das beweisen die jüngsten Hochwasserbilder, erlaubt man sich mittlerweile, ein drittes mal die generalsaniertemHeimatmabsaufen zu lassen - ein äußerst effektives Konjunkturprogramm...

    Allein daran, dass sich etwas ändern wird, glaube ich nicht, schließlich kommt man mit dem Umtûten der Milliarden auf diie Konten von Banken, Ponzi-Exportunternehmen und südeuropäische Pleitestaaten kaum hinterher....

    Eine Leserempfehlung
    • dp80
    • 13. Juni 2013 23:03 Uhr

    "Zudem werden zur Unterrichtung der neuen Studenten kaum Professoren, sondern vor allem wissenschaftliche Mitarbeiter eingestellt. Sie können entlassen werden, wenn die Bundesfinanzierung im Jahr 2020 endet."

    Man bräuchte wieder unbefristete Stellen im Mittelbau. Diese sind nach und nach weggefallen und hinterlassen jetzt eine Lücke.

    Professoren einzustellen ist nett, aber meist sind die zu viel mit ihrer Forschung beschäftigt, um 100% engagierte Lehre zu machen. Und die befristeten wissenschaftlichen Mitarbeiter sind meist zu jung, unerfahren und überlastet mit ihrer Promotion nebenbei.

    4 Leserempfehlungen
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    Man hat jetzt für einige Jahre einen höheren Bedarf an Personal, und das Ende des erhöhten Bedarfs ist genauso planbar, wie der Anfang des Bedarfs planbar gewesen wäre.
    In der Wirtschaft würde man Externe einstellen, und an der Uni schafft man eben befristete Stellen. Das ist aus Sicht der Personalplanung ein vernünftiger Vorgang.

    Genau richtig, vergl. Sie einmal die Zahl der befristeten Stellen im "Mittelbau" in Deutschland mit denen in USA, England, Frankreich oder Schweiz - nur in der Schweiz gibt es ähnlich lächerlich wenige "tenured" Positionen im Mittelbau. Das Problem in Deutschland sind die fehlenden Lecturer / Senior Lecturer / Reader Stellen mit Perspektive, d.h. die einen Aufstieg im System jenseits der Forschung ermöglichen und gleichzeitig unbefristet sind. Warum sollten sich junge Promovierende überhaupt voll in der Lehre engagieren, wenn Sie in 2 Jahren (lächerlich kurz für viele PhD candidates ausserhalb Deutschlands) fertig werden müssen, und meist in keinem strukturierten Programm sind? Lösung: anstatt billige und unterbezahlte, befristete LfbAs einzustellen oder die missliche Lage von PDs (= "akademische Wanderhuren") auszunutzen oder Lehraufträge nur pro Semester zu vergeben, Rückkehr zu entfristeten "akademischen Räten" und diese Lecturer / Senior Lecturer / Reader nennen! Leider ist in Deutschland diese Entwicklung nicht zu erkennen...mein persönliches Fazit: rechtzeitig exit-Option ziehen!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Annette Schavan | Angela Merkel | Grüne | SPD | Bildung | Bundesrat
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