Onlinelehre"Moocs sind ein pädagogisches Erlebnis"

Die Dozentin Gitta Domik vergibt Credit Points für Onlinekurse – als eine der ersten in Deutschland. Im Interview sagt sie, warum Moocs so manche Vorlesung übertreffen. von Carmen Pförtner

ZEIT ONLINE: Frau Domik, Sie sind eine der Ersten, vielleicht sogar die erste Professorin in Deutschland, die einen Massive Open Online Course (Mooc) als Semesterleistung anrechnet. Lassen Sie jetzt andere Professoren für sich arbeiten?

Gitta Domik: Nein, natürlich nicht. Doch im vergangenen Semester konnte ich meine Vorlesung Einführung in die Computergrafik selbst nicht halten, weil ich zu einem Forschungssemester in den USA war. Es gibt jedoch drei Studenten, die im kommenden Semester nach Australien gehen und dort diesen Kurs für das Masterstudium erbracht haben müssen. Also habe ich ihnen angeboten, den Onlinekurs Foundations of Computer Graphics des Informatik-Professors Ravi Ramamoorthi von der University of Berkeley zu absolvieren.

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 ZEIT ONLINE: Woher wissen Sie, ob der Kurs überhaupt Ihrer Vorlesung entspricht?

Domik: Ich habe den Kurs selbst gemacht, mich hat er sehr überzeugt. Es ist nicht nur eine spannende Onlinevorlesung, die Teilnehmer müssen kontinuierlich Aufgaben lösen und Programmierübungen machen, um am Ende ein Zertifikat zu erhalten. Ich denke, dass sie mit mehr Wissen aus der Vorlesung gehen, als wenn sie nur ein Buch zum Thema gelesen hätten.

ZEIT ONLINE: Trotzdem nehmen Sie den drei Studenten jetzt noch eine mündliche Prüfung ab. Vertrauen Sie den Moocs oder den Studenten nicht?

Domik: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Ich prüfe sie noch einmal quer durch die Inhalte, um zu sehen, ob sie den Kurs wirklich selbst belegt haben. Das Risiko bei Onlinekursen ist ja, dass irgendein Freund die Programmieraufgaben macht. Durch die Prüfung, die sie bei mir ablegen, will ich mir ihre eigene Teilnahme bestätigen lassen.

ZEIT ONLINE: Denken Sie, man sollte mehr Moocs auf die Lehre anrechnen?

Domik: Das muss jedem selbst überlassen bleiben. Meine Erfahrungen nach dieser Prüfung werde ich an meine Kollegen in der Informatik weitergeben. Ob sich das durchsetzt oder nicht, weiß ich nicht. Ich würde mir aber wünschen, dass mehr Professoren diese Möglichkeiten nutzen. Für die Studierenden ist es jedenfalls ein Gewinn: Moocs sind viel spannender und lebhafter, als sich das Wissen aus einem Buch oder Vorlesungsskript anzueignen. Und ein hoch qualitatives, pädagogisches Erlebnis. Als Professor überlege ich natürlich, wie ich mir solche guten Angebote zunutze machen kann.

ZEIT ONLINE: Woran denken Sie dabei?

Gitta Domik
Gitta Domik

Gitta Domik leitet das Fachgebiet "Computergrafik, Visualisierung und Bildverarbeitung" am Institut für Informatik der Universität Paderborn.

Domik: Ich habe mir überlegt, künftig ein paar der besonders guten Sequenzen aus den Moocs in meine eigene Vorlesung einzubauen und vorzuführen. Die Idee habe ich von meinen amerikanischen Kollegen, die ich während meines Forschungssemesters natürlich auch gefragt habe, wie sie die Kurse nutzen. Eine Kollegin aus der Numerischen Mathematik sagte mir, dass einige Moocs so gut und mit so viel Aufwand produziert sind, dass man das selbst in seiner Vorlesung gar nicht leisten kann. Und da die Kurseinheiten nur fünf bis zehn Minuten lang sind, kann man eine richtig tolle Einführung in ein Thema vorspielen und dann besprechen.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie in die Zukunft blicken: Werden Studenten in einigen Jahren nur noch Moocs belegen?

Domik: Nein. Ich sehe Moocs als zusätzliches Angebot, als Erweiterung der Lernlandschaft. Ich war zufällig auch 2001 in den USA, als das Massachusetts Institute of Technology (MIT) angekündigt hat, alle Vorlesungen online zu stellen. Damals kam ebenfalls die Frage auf: Was wird aus den Präsenz-Unis? Aber einfach nur eine Vorlesung abzufilmen ist total langweilig. Moocs sind kurze Einheiten, sehr gut aufbereitet. Diese Aufbruchstimmung ist nun erneut an den Hochschulen zu spüren, seitdem Sebastian Thrun aus Stanford mit seinem Kurs Artificial Intelligence zum ersten Mal mehr als 160.000 Studierende erreichte. Aber inzwischen ist klar, dass Moocs einfach ein zusätzliches Angebot an Lehre darstellen. Es wird die Universitäten aber niemals verdrängen.

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Leserkommentare
  1. Ich habe schon einige Kurse in Deutschland (openhpi.de) und bei coursera.org absolviert. Ich kann Frau Domik nur zustimmen, es ist eine klasse Er­gän­zung und einige der Kurse sind wirklich brillant gemacht.
    Für mich als bereits Berufstätigen eine tolle Möglichkeit hinzuzulernen.
    Momentan gibt es fast nur englische Kurse, ich würde mir wünschen, dass mehr Inhalte auf deutsch hinzukämen.

    2 Leserempfehlungen
  2. Es ist erfreulich, dass die Moocs dazu gefuehrt haben, dass man sich auch in Deutschland wieder mehr mit dem Potential von eLearning beschaeftigt. Allerdings ist es nicht so, dass sich an deutschen Unis beim Thema eLearning nichts tut. Moocs sind dabei nur eine Facette.
    Was deutsche und amerikanische Unis/FHs im Wesentlichen unterscheidet, ist, dass durchweg eine gute Praesenzlehre auf hohem Niveau gepflegt wird, die sich die meisten Deutschen auch noch leisten koennen. Es besteht Verbesserungsbedarf - sicher - , aber es ist nicht so, dass man an einer Eliteuni mit horrenden Gebuehren studieren muss, um einen guten Job zu bekommen. Vielmehr werden gute Absolventen deutscher Unis in den USA Jobs angeboten.
    Bei der Berichterstattung ueber Moocs wird ein Bild des Universitaetsbetriebes vermittelt, das in die Irre fuehrt. Die Studierenden sitzen nicht den ganzen Tag in Vorlesungen und werden berieselt. Der groesste Teil des Zeitaufwandes nimmt die Nacharbeit des Stoffes z.B. mit Uebungsaufgaben oder in Praktikas ein. Ein Studierender im 1. Semester Mathematik hat z.B. nur ca. 6 Zeitstunden Vorlesungen Mathematik, die aber mit Uebungen und Eigen- und Gruppenarbeit zu 60 h/Woche Zeitbedarf im Semester fuehren koennen. Dazu kommt die Korrektur der Uebungsaufgaben durch Studierende aus hoeheren Semestern nach Anleitung durch den Professor.
    Bei Moocs wird der Uebungsbetrieb meist durch Peer Review ersetzt, d.h. Studierende aus dem gleichen Semester beurteilen die Aufgabenloesungen.

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  3. Welche Vorleistungen erbracht werden und in welcher Form die Pruefungen abgelegt werden muessen, ist beim Bachelorsystem an deutschen Unis im Modulhandbuch festgelegt. Wenn dort Klausur steht, koennen Sie nicht einfach eine muendliche Pruefung oder ein Mooc-Zertikikat daraus machen.
    Die wenigsten Modulbeschreibungen schreiben allerdings vor, dass man die Vorlesung besuchen muss. Vorlesungen sind meist nur ein Angebot an die Studierenden. In den wenigsten Faellen kann man eine Pruefung bestehen, in dem man die Vorlesung oder das Skript auswendig herunterbeten kann.
    Entscheidend ist sogenanntes Handlungs- besser noch Analyse- und Syntheswissen, mit reinem Faktenwissen kommen Sie in der Uni nicht weit.
    Die entscheidende Frage ist also, ob Moocs wesentlich mehr als Faktenwissen vermitteln koennen und wenn ja, wie das geprueft werden kann.

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    • tobmat
    • 13. Juni 2013 9:18 Uhr

    "ist beim Bachelorsystem an deutschen Unis im Modulhandbuch festgelegt. Wenn dort Klausur steht, koennen Sie nicht einfach eine muendliche Pruefung oder ein Mooc-Zertikikat daraus machen."

    Ein Mooc-Zertifikat wohl nicht, aber eine mündliche Prüfung sehr wohl. Die meisten Modulhandbücher die ich kenne erlauben es eine schriftliche in eine mündliche Prüfungsleistung umzuwandeln. Zum Teil unter bestimmten vorgegebenen Vorraussetzungen, aber möglich ist es.

    Stimmt, die Darstellung war verkuerzt. Ich kenne das so: Sie koennen zu Beginn der Veranstaltung die Pruefungsart festlegen, wenn es im Modulhandbuch als Option vermerkt ist. Die Pruefungsart gilt aber dann fuer alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Sie koennen den Studierenden nicht einfach die Wahl zwischen Klausur und muendlicher Pruefung lassen.

  4. Ein weiteres zusätzliches Lernangebot finde ich gut. Ich lerne nicht unbedingt effektiv aus Videos, aber das ist eine Geschmackssache.

    Ich sehe nur ein Problem: Es müsste eine Art TÜV geben, der die Inhalte überprüft. An einer UNi kann man davon ausgehen, dass die Lehrmeinung einigermaßen richtig gelehrt wird.
    Bei eLearning ist das ganze schwieriger, denn wer genau welche Inhalte wo präsentiert ist nicht so einfach zu prüfen wie wer in der Uni vorne steht.

    • tobmat
    • 13. Juni 2013 9:18 Uhr

    "ist beim Bachelorsystem an deutschen Unis im Modulhandbuch festgelegt. Wenn dort Klausur steht, koennen Sie nicht einfach eine muendliche Pruefung oder ein Mooc-Zertikikat daraus machen."

    Ein Mooc-Zertifikat wohl nicht, aber eine mündliche Prüfung sehr wohl. Die meisten Modulhandbücher die ich kenne erlauben es eine schriftliche in eine mündliche Prüfungsleistung umzuwandeln. Zum Teil unter bestimmten vorgegebenen Vorraussetzungen, aber möglich ist es.

  5. Das wichtigste bei der universitären Ausbildung sind mir die Gespräche mit meinen Studis. eLearning in alle seinen Facetten kann d s ganze nur ergänzen, aber nicht ersetzen oder Präsenzveranstaltungen mit einer Replay-Funktion ausstatten. Mir gehtd as schon viel zu weit in Richtung Edutainment. Gibt es dann auch mal Inhalte, die sich nicht "schön" in bewegte Bildchen und mungerechte Häppchen umwandeln lassen, sinkt das Interesse der Studis. Naja, Bildung ist was anderes.

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  6. Stimmt, die Darstellung war verkuerzt. Ich kenne das so: Sie koennen zu Beginn der Veranstaltung die Pruefungsart festlegen, wenn es im Modulhandbuch als Option vermerkt ist. Die Pruefungsart gilt aber dann fuer alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen. Sie koennen den Studierenden nicht einfach die Wahl zwischen Klausur und muendlicher Pruefung lassen.

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    • tobmat
    • 13. Juni 2013 13:15 Uhr

    Neben den von ihnen genannten Möglichkeiten gibt es dann noch Ausnahmeregelungen. Spätestens der Prüfungsausschuss kann meist entscheiden, dass eine Klausur durch eine mündliche Prüfung ersetzt wird. Zum Beispiel in Härtefällen (Alleinerziehende, Krankheit usw.) ist das auch heute üblich.
    Wie immer in Deutschland kann das aber bei jeder Uni anders sein, ja selbst zwischen Fakultäten der gleiche nUni kann es da gravierende Unterschiede geben.

  7. Ich bin Kunde bei Lecturio Jura und kann es definitiv weiterempfehlen. Während einem die Professoren an der Uni jeden Rest gesunden Menschenverstand rauben, stellen ihn die Dozenten dort wieder her.

    Natürlich kommen noch unzählige andere Vorteile dazu: Man kann morgens um 6 lernen oder abends um 11. Man kann 5 Stunden am Stück lernen und jederzeit unterbrechen. Man kann im Park lernen oder auf dem Sofa. Man kann nebenher essen oder leise Musik hören. Man hat kein Blättergeknister von Banknachbarn und keine lauten Zwischenrufe, keine Leute mit Laptop im Blickfeld und keine nuschelnden Dozenten. Und schließlich hört man akkustisch alles und der Beamer fällt auch nicht dauernd aus.

    Der Vorwurf, man könnte Online nur die Grundstrukturen vermitteln und der Blick aufs Ganze wäre nur in den Vorlesungen gewahrt, lässt sich schon allein dadurch entkräften, dass in Klausuren selten der Blick aufs Ganze abverlangt wird, sondern zumeist gutes Grundlagenwissen mit Systemverständnis. Das aber kann man sich ebenso gut online und parallel in Fachbüchern aneignen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Hochschule | MIT | Student | Australien | Computer | Informatik
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