Bundestagspräsident Norbert Lammert wird verdächtigt, in seiner Doktorarbeit unsauber zitiert zu haben. Bei diesem Satz werden Erinnerungen an die Plagiatsfälle der vergangenen Jahre wach. Sechs Monate ist es her, dass die ehemalige Bildungsministerin Annette Schavan ihren Rücktritt verkündete. Ausgerechnet Schavan, die sich "nicht nur heimlich" für die Plagiatsaffäre von Karl-Theodor zu Guttenberg geschämt hatte.

Auch Norbert Lammert hat zu Guttenberg damals gerügt. Er bezeichnete dessen Verhalten als "Sargnagel für das Vertrauen in unsere Demokratie". Doch so ähnlich die Fälle Schavan und Lammert auf den ersten Blick wirken mögen: Aktuell gibt es kaum Indizien, dass Lammert seinen Doktorgrad verlieren wird, geschweige denn sein Amt.

Die Vorwürfe stützen sich auf eine Internetplattform namens Lammertplag. Dort hat ein Plagiatsjäger, der sich Robert Schmidt nennt, stichprobenartig Lammerts Bochumer Doktorarbeit von 1975 Lokale Organisationsstrukturen innerparteilicher Willensbildung – Fallstudie am Beispiel eines CDU-Kreisverbandes im Ruhrgebiet untersucht. Zumindest teilweise: Rund ein Drittel der Seiten hat er durchgesehen und dann aufgehört. "Ich meine jetzt genug problematische Belegstellen gefunden zu haben, die eine umfassende offizielle Untersuchung der Arbeit rechtfertigen", heißt es im Blog. Der Betreiber der Seite behauptet, dieselbe Person zu sein, die vor wenigen Monaten die Dissertation von Annette Schavan untersucht hat.

Was Lammert vorgeworfen wird

Lammert hat die Ruhr-Universität Bochum gebeten, die Vorwürfe von Robert Schmidt zu überprüfen. Außerdem hat er seine Dissertation ins Internet gestellt, "um interessierten Leserinnen und Lesern die Möglichkeit zu geben, sich einen eigenen und vollständigen Eindruck (...) zu verschaffen". Er sagt, er habe die sozialwissenschaftliche Promotionsschrift damals als Mittzwanziger "nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt".

Auf Lammertplag dokumentiert Schmidt auf 42 von rund 120 Seiten Textstellen, bei denen es sich "vorwiegend, aber nicht ausschließlich um Plagiate" handeln soll. Doch was genau ein Plagiat ist, ist in der Wissenschaft umstritten. Robert Schmidt weist in seiner Dokumentation häufig auf Literaturangaben in den Fußnoten hin, die offenbar aus anderen Büchern oder Aufsätzen übernommen sind. Verräterisch erscheint es Schmidt, wenn Lammert, wie schon ein anderer Autor vor ihm, das Originalwerk mit ungenauem Titel beziehungsweise falscher Seiten- oder Jahreszahl angibt. So heißt ein Buch des Rechts- und Politikwissenschaftlers Fritz Scharpf nicht Demokratie zwischen Utopie und Anpassung, sondern Demokratietheorie zwischen Utopie und Anpassung.