Plagiate Mehr Schutz für Whistleblower an Hochschulen

Wie sollten Unis mit Betrugshinweisen umgehen? Vertreter der Hochschulen haben Empfehlungen formuliert – doch weiterhin fehlen klare Richtlinien. von Anja Kühne und

Verstoßen "Whistleblower" gegen gute wissenschaftliche Praxis, wenn sie ihren Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten frühzeitig öffentlich machen? So sieht es die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in ihren Empfehlungen zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten. Kritiker sehen darin wie berichtet einen Maulkorb für akademische Hinweisgeber. Sie befürchteten, auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) werde sich der Sichtweise anschließen, hatte doch die HRK auf eine "geplante" Ergänzung der entsprechenden DFG-Empfehlungen verwiesen. Die DFG hat jetzt aber in ihren am Donnerstag vorgestellten "Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" bei dem Thema Whistleblower Spielraum gelassen.

Die Empfehlungen fußen auf denen, die die DFG 1998 veröffentlichte. Jetzt wurden sie um einige Passagen ergänzt. Prinzipiell setzt sich die DFG in den Ergänzungen für den Schutz von Hinweisgebern ein: "Nicht der Whistleblower schadet der Wissenschaft, sondern der Wissenschaftler, der ein Fehlverhalten begeht." Vertraulichkeit stehe zunächst im Vordergrund eines Verfahrens: Die "Vorverurteilung" der betroffenen Person müsse "unbedingt vermieden werden". Daher solle sich ein Hinweisgeber nicht an die Öffentlichkeit wenden, "ohne zuvor die Hochschule über den Hinweis eines Verdachts zu informieren". Dass ein Whistleblower auch dann weiter öffentlich schweigen sollte, wenn etwa die Uni seinen Hinweisen gar nicht oder nur zögerlich nachgeht, lässt sich daraus aber nicht ablesen. Die DFG vermeidet auch jegliche Aussage dazu, welche Folgen eine Verletzung der Vertraulichkeit hat: "Die untersuchende Einrichtung muss das im Einzelfall entscheiden."

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Spielraum bleibt auch bei der Frage, wie mit anonymen Anzeigen umgegangen wird. Diese seien "abzuwägen", heißt es einerseits. Andererseits stellt sich die DFG auf den Standpunkt, diese müssten eine Ausnahme bleiben: "Grundsätzlich gebietet eine zweckmäßige Untersuchung die Namensnennung des Whistleblowers."

Als weitere Reaktion auf die jüngsten Plagiatsfälle legt die DFG Hochschulen nun nahe, eine "Höchstdauer" für die Durchführung von Verfahren festzulegen. Insgesamt verzichtet die DFG aber wie gehabt darauf, eine Art minutiöses "Musterverfahren" darzulegen, dem die Hochschulen bei Verdachtsfällen folgen sollten.

Die DFG präsentierte am Donnerstag auch ihr "Positionspapier" zur "Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems" – elf Tage bevor der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen vorlegen will. Anlass ist, dass die Politik sich bald mit der Wissenschaftsfinanzierung befassen muss. Die milliardenschweren Pakte laufen mittelfristig aus: der Hochschulpakt für neue Studienplätze, die Exzellenzinitiative für die Forschung an Unis und der Pakt für Forschung und Innovation für die außeruniversitäre Forschung.

Die DFG wünscht sich "statt dreier Pakte mit unterschiedlichen Zielsetzungen und Laufzeiten" lieber eine Verabredung von Bund und Ländern über die Finanzen, im DFG-Deutsch "Rahmenvereinbarung kooperative Wissenschaftsfinanzierung" genannt, aus der alles Weitere folgen soll.

Die DFG schlägt der Politik vor, die in der Exzellenzinitiative geschaffenen Graduiertenschulen und Cluster nach dem Ende der Initiative im Jahr 2017 in das Programm der DFG zu übertragen. Die Cluster sollen wie die DFG-Forschungszentren zu jedem Zeitpunkt beantragt werden, auch eine Förderung über die bisherige Frist von zwölf Jahren hinaus soll nicht ausgeschlossen werden. Eine Herauslösung von Exzellenzclustern aus den Unis lehnt die DFG ab. Zur Zukunft der dritten Linie des Exzellenzwettbewerbs, den "Zukunftskonzepten" (vulgo: "Eliteunis"), äußert sich die DFG nicht.

Zum wiederholten Mal kritisierte die DFG "die Erosion der Grundfinanzierung" der Unis. Die Drittmittel würden dadurch dermaßen bedeutend, dass im Jahr 2012 trotz des wachsenden DFG-Etats nur noch 32 Prozent der Neuanträge bewilligt werden konnten. Im Jahr 2009 seien es noch 47 Prozent gewesen. Die DFG empfiehlt der Politik auch, "verlässliche Karrierewege" zu schaffen. Es müsse möglich sein, auch ohne die Berufung auf eine Professur dauerhaft in der Wissenschaft beschäftigt zu sein.

Bei der Gleichstellung von Frauen und Männern reichten die Fortschritte nicht aus, heißt es im Bericht über die Umsetzung der Gleichstellungsstandards, die die DFG 2008 beschlossen hat. Im Jahr 2010 hatten zwölf Hochschulen die höchste von vier Umsetzungsstufen erreicht, im Jahr 2012 waren es 22 von 68, darunter auch die FU und die TU Berlin. In Zukunft sollen in DFG-Anträgen "genaue Angaben" darüber gemacht werden sollen, "wie viele Wissenschaftlerinnen auf welchen Qualifizierungsstufen" beteiligt werden sollen.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Dieser Blog-Kommentar befasst sich - wie auch der Artikel - sowohl mit dem Whistleblower-, als auch mit dem Gleichstellungs-Aspekt:
    www.forschungsmafia.de/bl...

    Eine Leserempfehlung
    • sunden
    • 06. Juli 2013 9:32 Uhr

    Ich habe einen klaren, d.h., nicht interpretierbaren, Fall von wissenschaftlichen Fehlverhalten und Vertragsbruch an einer Uni angezeigt. So wie es von der DFG vorgeschlagen wird habe ich dies unter Offebarung meiner Identität gemacht.

    Die Folge war Mobbing und systematische skrupellose Lügen von Seiten der Universität (Fakultät und Administration). Meine akademische Karriere die ich zu diesem Zeitpunkt schon 10 Jahre verfolgte habe ich daraufhin aufgegeben. In persönlichen Gesprächen wurde mir klar gemacht, dass die Beschuldigten "viel Geld für die Universität einwerben" und "von grossem Wert für die Institution" sind. In offiziellen Dokumenten wurde mein Bericht zurückgewiesen und als "schwerwiegende Anschuldigung" bezeichnet.

    Natürlich muss man mit seinem Namen für das Einstehen was man sagt, aber auch an den Unis muss dann Recht und Gesetz gelten, was nicht immer der Fall ist. Im Zweifelsfall oder wenn ein Image- oder Finanzschaden der Uni zu befürchten ist git dort immernoch, dass der Herr Professor mehr Glaubwürdigkeit hat. Und nicht jeder rennt dann gleich zum Ombudsmann oder der Polizei nachdem er aus seinem Job gemobbt wurde.

    Vielleicht mach ich einen Job daraus, recherchiere und berichte unter meinem Namen Fälle die mir anaonym angetragen werden. Da muss ich mich rechtlich mal schlau machen.

    Bis academicleaks.com dann started kann ich nur raten ausschließlich Betrugsfälle die quantifizierbar sind (Finanzbetrug) zu berichten und gleich zur Polizei zu gehen.

    6 Leserempfehlungen
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    Sie beschreiben mit Ihrem persönlichen Erlebnissen genau das, was ich mir auch dachte; wer schützt in solchen Fällen den Whistleblower?

    Es fällt mir schwer zu verstehen, wieso man etwas gegen anonyme, aber dafür gut recherchierte u. an Textstellen belegbare Hinweise haben kann?

    Auf der anderen Seite bleibt dann doch alles beim Alten...wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd.

    Das, was Sie beschreiben, kann ich mir leibhaftig vorstellen; ich kenne konkret eine Person, die jahrelang zusehen musste, wie ein Kollege munter gefälscht hat - und sich aus Angst um die Zukunft nicht traute, so laut etwas zu sagen, wie das eigene Gewissen es gern gesehen hätte.
    - Wenn es bei den "Schummeleien" um experimentelle Fächer geht, ist Fälschen nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch schmerzhaft teuer.
    - Keine miese Arbeitssituation entschuldigt Betrug, aber Druck, Konkurrenz und Existenzängste machen es ab einem gewissen Punkt dennoch wahrscheinlicher, dass mehr Leute der Versuchung erliegen, es mit unfairen Mitteln zu probieren.
    - Auch jenseits regelrechter Betrugsfälle ist es nicht gerade hilfreich, wie sehr viele Nachwuchswissenschaftler gegeneinander ausgespielt werden - viele Augen sehen mehr als zwei, und manches schlecht geplante Forschungsvorhaben ließe im Vorfeld in ein ertragreiches umgestalten, wenn man gute Tipps mit ohne Messlatte und Rechnung austauschen könnte. Wenn jeder einsam auf seinem Rennwagen sitzt, muss man sich nicht wundern, wenn dabei Scheuklappendenken und abgehobene, von der Komplexität des realen Lebens weit entfernte Erkenntnisse herauskommen. - Sich mit letzterer ernsthaft auseinanderzusetzen, traut sich schon keiner mehr, denn wer das versucht, ist längst verhungert, bevor er irgendetwas erreicht hat, denn wer Zeit zum Nachdenken und Beobachten braucht, taugt ja angeblich nichts...

  2. Die DFG-Empfehlung betrifft keine Rezensionen und sonstige substanziierte Beschäftigungen mit veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten. Ziel dieser Empfehlungen ist offensichtlich der Schutz des Ombudsverfahrens der Universitäten. Das scheint häufig auch von keiner Überprüfung standhaltenden internen Verdächtigungen missbraucht zu werden.
    Rezensionen und faktenbasierte kritische Auseinandersetzungen sind Teil des wissenschaftlichen Diskurses und u.a. durch die Wissenschaftsfreiheit garantiert.
    Unbestritten, die HRK wollte wohl einen Schienbeintritt gegen "externe" Hinweisgeber verteilen, der wurde aber in der DFG-Empfehlung neutralisiert, wenn Sie genau hinschauen.
    Selbst die unglückliche Formulierung, dass der Name des Hinweisgebers weitergegeben werden kann, wenn der Beschuldigte sich "nicht anders verteidigen kann", sollte nicht im Schavan-Sinne interpretiert werden. Denn gegen Fakten kann man sich auch sehr gut "verteidigen" ohne den Hinweisgeber zu kennen, ihn einzuschüchtern oder mundtot zu machen.
    Anders wohl tatsächlich bei Missbrauch des Ombudswesens, wenn intern an einer Uni diffuse Beschuldigungen kursieren.
    Davon ist VroniPlag Wiki nicht betroffen. Es gibt dort keine Andeutungen, diffusen Beschuldigungen oder unbelegte Verdächtigungen, sondern nur kritische Auseinandersetzungen mit Texten. Selbst die Wahl des Ombudsverfahrens der Universitäten ist ja rein fakultativ, wie noch aus DFG-Kreisen schnell zur Klarstellung nachgereicht wurde. Also Entwarnung.

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    • mrto
    • 07. Juli 2013 13:35 Uhr

    "Davon ist VroniPlag Wiki nicht betroffen. Es gibt dort keine Andeutungen, diffusen Beschuldigungen oder unbelegte Verdächtigungen, sondern nur kritische Auseinandersetzungen mit Texten."

    Wie bitte? VroniPlag und Co. strotzen meist nur so vor Vorverurteilungen, Vorwegnahmen und diffamierenden Äußerungen! Da werden Textteile mit Kommentaren versehen, die definitiv nicht anders zu deuten sind als ehrverletzend. Wenn beispielsweise "Mitarbeiter" von VroniPlag in ihren Anmerkungen zu Fundstellen das Wort "Dissertation" nur noch in Anführungsstrichen gebrauchen und damit ein Vorurteil immer und immer wieder bekräftigen, ist das keine "kritische Auseinandersetzung", sondern eindeutig eine Vorverurteilung. Wenn Universitäten zugunsten eines Verdächtigten entscheiden, finden sich erschreckend viele Mitwirkende von VroniPlag nicht mit dem Urteil ab und polemisieren weiter dagegen. Das hat ebenfalls nur etwas mit Rufschädigung und Ehrverletzung zu tun, aber nicht mit der Anerkennung einer Instanz, die nach demokratischen Spielregeln zur Urteilsfindung eingesetzt wurde.

    So sinnvoll die Arbeit im Kern auch oft genug sein mag: bei VroniPlag und Co. findet sich neben Licht auch viel Schatten. Deshalb ist es sehr gut, daß Vorverurteilungen und ausschließlich negative Lesarten ohne Berücksichtigung aller Informationen und Fakten von Beschuldigten (die VroniPlag und Co. im Übrigen NIEMALS haben können!) ab sofort geächtet werden!

  3. Sie beschreiben mit Ihrem persönlichen Erlebnissen genau das, was ich mir auch dachte; wer schützt in solchen Fällen den Whistleblower?

    Es fällt mir schwer zu verstehen, wieso man etwas gegen anonyme, aber dafür gut recherchierte u. an Textstellen belegbare Hinweise haben kann?

    Auf der anderen Seite bleibt dann doch alles beim Alten...wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd.

  4. 6. Druck

    Ich stimme Ihnen zu. Leider muss man aber auch sehen, daß Plagiate nicht nur eine Frage des Egos sind - des "schnellen akademischen Grades" wie man durchaus manchmal ließt - sondern auch unter dem hohen, herrschenden Veröffentlichungsdruck entstehen. Darüber hinaus sind grade im Mittelbau der Universitäten viel Arbeit bei z.T. fragwürdiger Entlohnung verbunden mit teilweise keinesfalls planbaren akademischen Karrieren. Der herrschende Konkurrenzkampf kann eine Motivation darstellen, wissenschaftlich korrekte Methoden zur Verbesserung der eigenen Situation "anzupassen".

    Mit meinem Kommentar will ich keinesfalls Betrüger in Schutz nehmen. Ich möchte lediglich darauf hinweisen, daß Unsauberkeiten auch eine Folge des Drucks sein können, dem sich in Zeiten mangelnder Bildungsfinanzierung jeder ausgesetzt sehen kann.

    • vyras
    • 06. Juli 2013 19:34 Uhr

    Kurz gesagt: Die Zielsetzung von DFG und HRK scheint es zu sein, Hürden für Whistleblower aufzustellen, und den Hochschulen Möglichkeiten zu eröffnen, peinliche Vorfälle besser "diskret" zu erledigen. Anders sind diese Empfehlungen trotz anderslautender Lippenbekenntnisse nicht zu verstehen. Und das aus folgenden Gründen.

    - Whistleblower sollen i.d.R. nicht anonym bleiben können. Das bedeutet, derjenige, der die Mauscheleien eines u.U. etablierten Wissenschaftlers anzeigt, muss sich der direkten Konfrontation, und dem oft vorhandenen Machtgefälle stellen. Und er muss damit leben, dass diese "Nestbeschmutzung" in seinem Lebenslauf steht. Freunde macht sich so etwas niemand. Resultat: Kaum einer wird diesen Weg gehen. Und das scheint erwünscht zu sein.

    - Die Kommissionen, die angezeigtes Fehlverhalten untersuchen sollen, sind an den betroffenen Hochschulen selber angesiedelt. Das bedeutet, Prof. A muss sich mit den Verfehlungen von Prof. B auseinandersetzen, mit dem er gestern zum Lunch verabredet war. Außerdem haben alle Beteiligten ein klares Eigeninteresse, eine Beschädigung der eigenen Hochschule abzuwenden. Resultat: Wo immer möglich, wird man eine diskrete Lösung wählen.

    - Die Empfehlungen stellen eine Einschränkung der wissenschaftlichen Freiheit dar, denn Untersuchungen, die die Fehlerhaftigkeit einer wissenschaftlichen Arbeit nachweisen, sind ja selber wissenschaftliche Ergebnisse. Nicht immer handelt es sich nur um doppelt verwendete Abbildungen.

    Eine Leserempfehlung
    • vyras
    • 06. Juli 2013 19:42 Uhr

    ... Petitionen gegen diese Empfehlungen verwiesen und z.B. die mögliche Konsequenz der DFG-Empfehlungen angesprochen, dass Wissenschaftsbetrüger über die Mittelvergabe Druck auf die Aufdeckenden ausüben könnten. http://raphaelwimmer.word...

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