Plagiate : Mehr Schutz für Whistleblower an Hochschulen

Wie sollten Unis mit Betrugshinweisen umgehen? Vertreter der Hochschulen haben Empfehlungen formuliert – doch weiterhin fehlen klare Richtlinien.

Verstoßen "Whistleblower" gegen gute wissenschaftliche Praxis, wenn sie ihren Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten frühzeitig öffentlich machen? So sieht es die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in ihren Empfehlungen zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten. Kritiker sehen darin wie berichtet einen Maulkorb für akademische Hinweisgeber. Sie befürchteten, auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) werde sich der Sichtweise anschließen, hatte doch die HRK auf eine "geplante" Ergänzung der entsprechenden DFG-Empfehlungen verwiesen. Die DFG hat jetzt aber in ihren am Donnerstag vorgestellten "Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" bei dem Thema Whistleblower Spielraum gelassen.

Die Empfehlungen fußen auf denen, die die DFG 1998 veröffentlichte. Jetzt wurden sie um einige Passagen ergänzt. Prinzipiell setzt sich die DFG in den Ergänzungen für den Schutz von Hinweisgebern ein: "Nicht der Whistleblower schadet der Wissenschaft, sondern der Wissenschaftler, der ein Fehlverhalten begeht." Vertraulichkeit stehe zunächst im Vordergrund eines Verfahrens: Die "Vorverurteilung" der betroffenen Person müsse "unbedingt vermieden werden". Daher solle sich ein Hinweisgeber nicht an die Öffentlichkeit wenden, "ohne zuvor die Hochschule über den Hinweis eines Verdachts zu informieren". Dass ein Whistleblower auch dann weiter öffentlich schweigen sollte, wenn etwa die Uni seinen Hinweisen gar nicht oder nur zögerlich nachgeht, lässt sich daraus aber nicht ablesen. Die DFG vermeidet auch jegliche Aussage dazu, welche Folgen eine Verletzung der Vertraulichkeit hat: "Die untersuchende Einrichtung muss das im Einzelfall entscheiden."

Spielraum bleibt auch bei der Frage, wie mit anonymen Anzeigen umgegangen wird. Diese seien "abzuwägen", heißt es einerseits. Andererseits stellt sich die DFG auf den Standpunkt, diese müssten eine Ausnahme bleiben: "Grundsätzlich gebietet eine zweckmäßige Untersuchung die Namensnennung des Whistleblowers."

Als weitere Reaktion auf die jüngsten Plagiatsfälle legt die DFG Hochschulen nun nahe, eine "Höchstdauer" für die Durchführung von Verfahren festzulegen. Insgesamt verzichtet die DFG aber wie gehabt darauf, eine Art minutiöses "Musterverfahren" darzulegen, dem die Hochschulen bei Verdachtsfällen folgen sollten.

Die DFG präsentierte am Donnerstag auch ihr "Positionspapier" zur "Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems" – elf Tage bevor der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen vorlegen will. Anlass ist, dass die Politik sich bald mit der Wissenschaftsfinanzierung befassen muss. Die milliardenschweren Pakte laufen mittelfristig aus: der Hochschulpakt für neue Studienplätze, die Exzellenzinitiative für die Forschung an Unis und der Pakt für Forschung und Innovation für die außeruniversitäre Forschung.

Die DFG wünscht sich "statt dreier Pakte mit unterschiedlichen Zielsetzungen und Laufzeiten" lieber eine Verabredung von Bund und Ländern über die Finanzen, im DFG-Deutsch "Rahmenvereinbarung kooperative Wissenschaftsfinanzierung" genannt, aus der alles Weitere folgen soll.

Die DFG schlägt der Politik vor, die in der Exzellenzinitiative geschaffenen Graduiertenschulen und Cluster nach dem Ende der Initiative im Jahr 2017 in das Programm der DFG zu übertragen. Die Cluster sollen wie die DFG-Forschungszentren zu jedem Zeitpunkt beantragt werden, auch eine Förderung über die bisherige Frist von zwölf Jahren hinaus soll nicht ausgeschlossen werden. Eine Herauslösung von Exzellenzclustern aus den Unis lehnt die DFG ab. Zur Zukunft der dritten Linie des Exzellenzwettbewerbs, den "Zukunftskonzepten" (vulgo: "Eliteunis"), äußert sich die DFG nicht.

Zum wiederholten Mal kritisierte die DFG "die Erosion der Grundfinanzierung" der Unis. Die Drittmittel würden dadurch dermaßen bedeutend, dass im Jahr 2012 trotz des wachsenden DFG-Etats nur noch 32 Prozent der Neuanträge bewilligt werden konnten. Im Jahr 2009 seien es noch 47 Prozent gewesen. Die DFG empfiehlt der Politik auch, "verlässliche Karrierewege" zu schaffen. Es müsse möglich sein, auch ohne die Berufung auf eine Professur dauerhaft in der Wissenschaft beschäftigt zu sein.

Bei der Gleichstellung von Frauen und Männern reichten die Fortschritte nicht aus, heißt es im Bericht über die Umsetzung der Gleichstellungsstandards, die die DFG 2008 beschlossen hat. Im Jahr 2010 hatten zwölf Hochschulen die höchste von vier Umsetzungsstufen erreicht, im Jahr 2012 waren es 22 von 68, darunter auch die FU und die TU Berlin. In Zukunft sollen in DFG-Anträgen "genaue Angaben" darüber gemacht werden sollen, "wie viele Wissenschaftlerinnen auf welchen Qualifizierungsstufen" beteiligt werden sollen.

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Was ist mit Prävention?

Wäre es nicht auch gut, sich einmal zu überlegen, wie sich Plagiats- und Betrugsfälle im Vorfeld verhindern lassen? Eigentlich kann man doch nur leicht schummeln, wenn niemand wirklich genau hinschaut. Auch wenn es sehr dreiste Betrüger gibt, die es unter allen Umständen versuchen werden, glaube ich, dass unsauberes Arbeiten, in jeglicher Hinsicht, wesentlich reduziert werden könnte, wenn es an unseren Unis mehr Miteinander und weniger existenzbedrohende Konkurrenz und, flächendeckend, offene Diskussionen über Planungen und Ergebnisse gäbe. Leider haben die Vorgesetzten, die solche Diskussionen anleiten sollten, derzeit zu wenig Raum dafür, weil sie übermäßig und selbst für absoluten Grundbedarf auf Anträge angewiesen sind; ganz zu schweigen von überbordenden repräsentativen und bürokratischen Aufgaben.
Da reicht es nicht, nur mit dem Finger auf die Dummen zu zeigen, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist, auch wenn besser funktionierende Kontrollmechanismen an sich viel wert wären!

Druck

Ich stimme Ihnen zu. Leider muss man aber auch sehen, daß Plagiate nicht nur eine Frage des Egos sind - des "schnellen akademischen Grades" wie man durchaus manchmal ließt - sondern auch unter dem hohen, herrschenden Veröffentlichungsdruck entstehen. Darüber hinaus sind grade im Mittelbau der Universitäten viel Arbeit bei z.T. fragwürdiger Entlohnung verbunden mit teilweise keinesfalls planbaren akademischen Karrieren. Der herrschende Konkurrenzkampf kann eine Motivation darstellen, wissenschaftlich korrekte Methoden zur Verbesserung der eigenen Situation "anzupassen".

Mit meinem Kommentar will ich keinesfalls Betrüger in Schutz nehmen. Ich möchte lediglich darauf hinweisen, daß Unsauberkeiten auch eine Folge des Drucks sein können, dem sich in Zeiten mangelnder Bildungsfinanzierung jeder ausgesetzt sehen kann.

Es mutet seltsam an...

Sie beschreiben mit Ihrem persönlichen Erlebnissen genau das, was ich mir auch dachte; wer schützt in solchen Fällen den Whistleblower?

Es fällt mir schwer zu verstehen, wieso man etwas gegen anonyme, aber dafür gut recherchierte u. an Textstellen belegbare Hinweise haben kann?

Auf der anderen Seite bleibt dann doch alles beim Alten...wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd.

Kein Aus für "ext. Plagiatsjäger" (=Wissenschaftsöffentlichkeit)

Die DFG-Empfehlung betrifft keine Rezensionen und sonstige substanziierte Beschäftigungen mit veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten. Ziel dieser Empfehlungen ist offensichtlich der Schutz des Ombudsverfahrens der Universitäten. Das scheint häufig auch von keiner Überprüfung standhaltenden internen Verdächtigungen missbraucht zu werden.
Rezensionen und faktenbasierte kritische Auseinandersetzungen sind Teil des wissenschaftlichen Diskurses und u.a. durch die Wissenschaftsfreiheit garantiert.
Unbestritten, die HRK wollte wohl einen Schienbeintritt gegen "externe" Hinweisgeber verteilen, der wurde aber in der DFG-Empfehlung neutralisiert, wenn Sie genau hinschauen.
Selbst die unglückliche Formulierung, dass der Name des Hinweisgebers weitergegeben werden kann, wenn der Beschuldigte sich "nicht anders verteidigen kann", sollte nicht im Schavan-Sinne interpretiert werden. Denn gegen Fakten kann man sich auch sehr gut "verteidigen" ohne den Hinweisgeber zu kennen, ihn einzuschüchtern oder mundtot zu machen.
Anders wohl tatsächlich bei Missbrauch des Ombudswesens, wenn intern an einer Uni diffuse Beschuldigungen kursieren.
Davon ist VroniPlag Wiki nicht betroffen. Es gibt dort keine Andeutungen, diffusen Beschuldigungen oder unbelegte Verdächtigungen, sondern nur kritische Auseinandersetzungen mit Texten. Selbst die Wahl des Ombudsverfahrens der Universitäten ist ja rein fakultativ, wie noch aus DFG-Kreisen schnell zur Klarstellung nachgereicht wurde. Also Entwarnung.

Die Realität sieht doch ein wenig anders aus ...

"Davon ist VroniPlag Wiki nicht betroffen. Es gibt dort keine Andeutungen, diffusen Beschuldigungen oder unbelegte Verdächtigungen, sondern nur kritische Auseinandersetzungen mit Texten."

Wie bitte? VroniPlag und Co. strotzen meist nur so vor Vorverurteilungen, Vorwegnahmen und diffamierenden Äußerungen! Da werden Textteile mit Kommentaren versehen, die definitiv nicht anders zu deuten sind als ehrverletzend. Wenn beispielsweise "Mitarbeiter" von VroniPlag in ihren Anmerkungen zu Fundstellen das Wort "Dissertation" nur noch in Anführungsstrichen gebrauchen und damit ein Vorurteil immer und immer wieder bekräftigen, ist das keine "kritische Auseinandersetzung", sondern eindeutig eine Vorverurteilung. Wenn Universitäten zugunsten eines Verdächtigten entscheiden, finden sich erschreckend viele Mitwirkende von VroniPlag nicht mit dem Urteil ab und polemisieren weiter dagegen. Das hat ebenfalls nur etwas mit Rufschädigung und Ehrverletzung zu tun, aber nicht mit der Anerkennung einer Instanz, die nach demokratischen Spielregeln zur Urteilsfindung eingesetzt wurde.

So sinnvoll die Arbeit im Kern auch oft genug sein mag: bei VroniPlag und Co. findet sich neben Licht auch viel Schatten. Deshalb ist es sehr gut, daß Vorverurteilungen und ausschließlich negative Lesarten ohne Berücksichtigung aller Informationen und Fakten von Beschuldigten (die VroniPlag und Co. im Übrigen NIEMALS haben können!) ab sofort geächtet werden!

Selbstgefälligkeit und Hochmut ...

... die präsentieren Sie hier ja par excellence. Vielen Dank dafür.

"Sie haben recht, es gibt Fälle, in denen sich Beitragende empören, wenn [wieder einmal selektive Wahrnehmung, dementsprechend verzichtbar, sie hier zu wiederholen] ..."

Gehen Sie doch einfach vor Gericht und nutzen Sie den Rechtsweg, wenn Ihnen Unientscheidungen nicht passen. Geht (aus welchen Gründen auch immer) nicht? Dann lassen Sie es gut sein. Denn Sie sind nicht Herr des Verfahrens. Akzeptieren Sie das. Alles andere ist undemokratisch und schlechter Stil. Im Nachhinein aus der sicheren Weite des Internets einfach nur nachzutreten und Dreck über alle Beteiligten auszuschütten, das ist einfach und billig.

Es geht mir um die inakzeptable Realitätsverweigerung, die das gesamte Projekt in den Dreck zieht, denn nur eine einzige tendenziöse Haltung würde man auch in jedem Gerichtsverfahren sofort ankreiden und das Ganze kippen. Stichwort hier: Befangenheit. Aber Vroniplag darf Urteile selbst gestalten/vorwegnehmen? Wohl kaum.

"Nun zu ihren unbelegten Anschuldigungen"

Ich dachte eigentlich, Sie sind in der Lage mit Leichtigkeit in Ihrem Wiki danach zu suchen. Sie werden sehen, da gibt es etliche Beispiele.

"Die Realität sieht so aus"

Selbstgefälligkeit. Ohne weiteren Kommentar.

"Ein halbes Dutzend Gerichtsentscheidungen haben VroniPlag Wiki bereits zitiert und bestätigt"

Und überraschend viele Unis haben keinen Betrug attestieren können und Verfahren eingestellt. Jagdfieber kann auch ungesund werden.

Ich bin nicht die Gouvernante von Vroniplag

"Wenn Sie dort verkehren, machen Sie bitte von der Funktion Gebrauch und entfernen oder neutralisieren Sie solche Anmerkungen anstatt hier mit unbelegten Behauptungen und nassforsch vorgetragenen Forderungen zu agieren."

Ich verstehe Sie nicht: ein Beispiel ist ein Beispiel, keine unbelegte Behauptung. Man findet es ganz schnell. Soll ich noch mehr Aufgaben übernehmen, denen Sie und Ihr Team allzu oft leider nicht ausreichend nachkommen? Aber draufhauen ist ja auch einfacher als absolut neutrale Recherchearbeit, schon klar.

Man findet schließlich auch ihre "nassforschen" Äußerungen in Vroniplag sehr schnell. Und das ist es, was mich stört und wo Wunsch und Wirklichkeit Ihres Projektes nicht zueinanderfinden: wie kann man allen Ernstes ein angeblich nicht interessengeleitetes Projekt durchführen und sich seiner vermeintlichen Neutralität und Ordnungsfunktion rühmen, wenn so oft die unguten Interessen deutlich durchschimmern, nämlich der persönliche Rachefeldzug gegen vermeintliche Fälscher und angeblich untätige Unis?

Vroniplag könnte mit Leichtigkeit perfekt sein, wenn es sich auf die völlig unzweideutigen Fälle beschränken würde, ohne jegliche Polemik oder "Das muss so sein, das geht gar nicht anders"-Phrasen - davon gibts sicherlich genug. Aber nicht selten werden die Fundstücke von Unis und (!) Gerichten verworfen, da sie doch sehr frei interpretiert werden und keinesfalls immer nur Betrug als wahrscheinlichste Lösung eine Rolle spielt.