WissenschaftsratZukunft ohne "Eliteunis"

Was der Wissenschaftsrat empfiehlt. von Anja Kühne

Als die SPD-Führung im Jahr 2004 "Spitzenuniversitäten" forderte, löste sie eine neuartige stürmische Debatte über Hochschulen in Deutschland aus. Im "Elitewettbewerb" erkämpften siegreiche Unis sich dann jahrelang in einem harten Wettbewerb Reputationsgewinne und zusätzliches Geld: Bis zum Jahr 2017 insgesamt 4,6 Milliarden. Der besonders prestigeträchtige Teil des Wettbewerbs, das Ringen um den Status als "Eliteuni" (offiziell: Unis, deren "Zukunftskonzepte" gefördert werden), soll nun nach Auffassung des Wissenschaftsrats nicht fortgesetzt werden. Wenn das Bund-Länder-Programm ausläuft, soll jedes Sitzland die Aufwendungen für die "Konzepte" in die Grundfinanzierung überführen.

Das geht aus den Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Zukunft der Wissenschaft hervor, die am Freitag beschlossen wurden. Eine frühere Fassung, die der Arbeitskreis des Wissenschaftsrats der Politik Ende April vorgelegt hatte, war dort wie berichtet durchgefallen.

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Für diejenigen der elf "Exzellenzunis", die in einem finanzschwachen Bundesland sitzen, ist es sicher keine gute Nachricht, dass der Wissenschaftsrat den Bund für eine Fortführung der "Konzepte" nicht mehr in die Pflicht nimmt. In Berlin sorgen sich bereits die FU und die Humboldt-Universität um die Mittel. In der früheren Fassung des Papiers war noch vorgeschlagen worden, die dritte Säule der Exzellenzinitiative solle in modifizierter Form fortgesetzt werden, in fünfjährigen Bewilligungsrunden, aber ohne den bisherigen Wettbewerbscharakter. Nun wird angeregt, in zehn oder fünfzehn Jahren einen "neuen öffentlichkeitswirksamen Wettbewerb" "mit einem großen Fördervolumen" zu prüfen.

Allerdings soll den Hochschulen künftig "ein ganzes Bündel von Instrumenten zur Verfügung stehen, um ihre Profilierung voranzutreiben". So können sie sich um die vom Wissenschaftsrat als neues Instrument vorgeschlagenen großen "Liebig-Zentren" oder um die von dem Gremium angeregten gut ausgestatteten "Merian"-Professuren bewerben. Auch um die Fortführung der bisherigen Cluster und Graduiertenschulen sollen sich die Unis bei der DFG bewerben können, auch hier soll die Fortführung als "Liebig-Zentrum" in Frage kommen.

Gestrichen ist in dem Papier das in der früheren Fassung explizit enthaltene Ziel, Deutschland solle zwei bis fünf Spitzenunis auf die vorderen Ränge internationaler Rankings bringen und insgesamt über 20 bis 25 forschungsstarke Unis verfügen. Nun heißt es nur implizit, an den Zielen der Exzellenzinitiative werde festgehalten. Die in dem Entwurf geäußerte Idee, mittelfristig Geld auch aus Studiengebühren zu gewinnen, fehlt ebenso wie die Idee, Wissenschaftsmanager aus Hochschulen an "Führungsakademien" auszubilden.

Stattdessen rückt in der jetzt verabschiedeten Fassung die Lehre, die vorher nur am Rande vorkam, in den Vordergrund. Zu den Anregungen gehört, den Hochschulpakt von Bund und Ländern "in angepasster Form" fortzusetzen. Dem wissenschaftlichen Nachwuchs sollen entfristete Stellen jenseits der Professur angeboten werden. Die Grundfinanzierung der in den meisten Ländern seit langem deutlich unterfinanzierten Hochschulen soll verbessert werden. Zusätzlich zu den erwartbaren Kostensteigerungen sollten die Länder die Mittel der Hochschulen um einen Prozentpunkt erhöhen.

Der Wissenschaftsrat schlägt vor, dass sich Bund und Länder schon im kommenden Jahr über ein einziges großes Paket einigen, den das Gremium "Zukunftspakt" nennt. Finanziell soll darin eine größere Summe vorgesehen sein als die Mittel, die bislang für die drei großen Pakte zusammen ausgegeben wurden. Inhaltlich geht es im Kern um die Fortführung der drei Pakte (Exzellenzinitiative, Hochschulpakt und Pakt für Forschung und Innovation) in ihren Modifikationen. Beim Pakt für Forschung schlägt der Wissenschaftsrat vor, zukünftige Erhöhungen des Zuschusses für die Außeruniversitären an entsprechende Aufwüchse bei den Hochschulen zu koppeln.

Die Hochschulrektorenkonferenz nannte die Empfehlungen "ein gelungenes Ensemble gut abgestimmter Maßnahmen". Grüne und Linke begrüßten die Hinwendung zur Grundfinanzierung der Hochschulen. Kritik kam aber aus der SPD-Fraktion. Deren bildungspolitischer Sprecher Ernst Dieter Rossmann erklärte, das Papier mache "den Eindruck, als fehlte der nötige Mut zur Erneuerung".

Aus Expertenkreisen in der Politik wird diese Wahrnehmung gestärkt. "Mehr vom Gleichen", sei offenbar das Motto. Der "Zukunftspakt" enthalte ein Sammelsurium neuer und alter Instrumente sowie die Forderung der "Wissenschaftslobby" nach mehr Geld, aber keine neuen Impulse. Auch sei die Idee, Bund und Ländern alle Wünsche in einem einzigen "Zukunftspakt" vorlegen zu wollen, realitätsfern und strategisch äußerst ungeschickt.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. ...ist fairer und prinzipiell auch wirtschaftlicher. Universitäten sollten sich um Forschung und Lehre kümmern und nicht um Anträge für Exzellenzwettbewerbe, etc.

    6 Leserempfehlungen
    • tsnud
    • 16. Juli 2013 15:51 Uhr

    Für mich als Nachwuchswissenschaftler (Doktorand) wäre das Berufsfeld Uni eigentlich sehr intressant.

    Mit dem drohenden Damokles-Schwert der dauerhaft befristeten Arbeitsverträge und der damit einhergehenden unplanbarkeit des Lebens jedoch nur was für absolute Idealisten oder Masochisten. Wer möchte schon nach 12 Jahren rausgeschmissen werden und Taxi fahren?

    Hier müssten Perspektiven geschaffen werden.

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    Sicherheit als das höchste anzustrebende Ziel im Leben ansieht, der sollte jetzt in Panik geraten.
    Ach ja und ich vergaß den hohen Lebensstandard, der leider allzu oft mit Lebensqualität verwechselt wird.

    RN

    ...aber nicht in Deutschland. Gehen Sie ins Ausland. Ein bewährtes Mittel für Viele.

    Zumindest nicht an öffentlichen Hochschulen. Die werden dann mit der Zeit immer schlechter und unsere Regierungen werden dann die Notwendigkeit sehen, das Hochschulsystem zu privatisieren. Und dann geht mittelfristig das Licht aus in unserem ressourcenarmen Land.

  2. akademische Forschung & Lehre ist grundsätzlich inkompatibel mit dem Marktaberglauben der heutigen Zeit.

    Den Wettbewerb um die besten Köpfe hingegen hatte sie schon immer beherrscht und dafür waren wir in der Welt hoch angesehen und die Absolventen begehrt.

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    Schauen Sie sich mal international Spitzenunis an - da werden sie feststellen, dass Marktwirtschaft und Spitzenforschung/Spitzenuni kein Widerspruch ist.

  3. Sicherheit als das höchste anzustrebende Ziel im Leben ansieht, der sollte jetzt in Panik geraten.
    Ach ja und ich vergaß den hohen Lebensstandard, der leider allzu oft mit Lebensqualität verwechselt wird.

    RN

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    • tsnud
    • 16. Juli 2013 16:18 Uhr

    beispielsweise ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Halten Sie soetwas für unangebracht?

    Bitte nicht ganz so bissig. Ich bin selbst so ziemlich auf den Hund gekommen - und das nicht nur finanziell. Klar, wenn man immer und immer umgehauen wird, dann steht man eben immer und immer wieder auf. Viel Kraft für "nice to have" hat man da nicht mehr.

    Aber andererseits: Ich kenne keine starrsinnigeren Leute als die, die darauf bestehen, dass das Leben ständige Veränderung mit sich bringen müsse.

    Sicherheitsdenken ist naturgegeben und kann nicht wegrationalisiert werden. Es sei denn man will die Konsequenzen tragen. Wollen Sie das?

    ...die bittere Realität aus.
    Was dringend notwendig ist, auch in unserer eigenem Interesse: Wir müssen endlich anfangen unsere Ansprüche herunterzuschrauben. Wir müssen lernen Verzicht zu üben, wie es die meisten Menschen auf der Erde in den letzten Jahrzehnten mussten. Der Illusion von der "Planbarkeit des Lebens", wie sie in Kommentar 2 angeführt wird, hängen nunmal gerne Menschen an, die der Meinung sind, sie könnten auch in den nächsten Jahrzehnten ihr Dasein auf einer "Insel der Seeligen" verbringen. Und dann kommen so Aussagen wie: "Mit 40 möchte ich ja nicht mehr in einer WG bzw. mit mehrern Menschen zusammen wohnen!"
    Alles Luxusprobleme!!

    RN

    • tsnud
    • 16. Juli 2013 16:18 Uhr

    beispielsweise ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Halten Sie soetwas für unangebracht?

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    Antwort auf "Tja wer..."
  4. Was bringt es mir, dass Bonn eine Eliteuni ist, wenn ich in einem Seminarraum für 20 Leute sitze - mit 40 Insassen.

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  5. Bitte nicht ganz so bissig. Ich bin selbst so ziemlich auf den Hund gekommen - und das nicht nur finanziell. Klar, wenn man immer und immer umgehauen wird, dann steht man eben immer und immer wieder auf. Viel Kraft für "nice to have" hat man da nicht mehr.

    Aber andererseits: Ich kenne keine starrsinnigeren Leute als die, die darauf bestehen, dass das Leben ständige Veränderung mit sich bringen müsse.

    Sicherheitsdenken ist naturgegeben und kann nicht wegrationalisiert werden. Es sei denn man will die Konsequenzen tragen. Wollen Sie das?

    Antwort auf "Tja wer..."
  6. ...aber nicht in Deutschland. Gehen Sie ins Ausland. Ein bewährtes Mittel für Viele.

    4 Leserempfehlungen
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    • tsnud
    • 16. Juli 2013 17:40 Uhr

    Das ich in Deutschland an einer Hochschule deutlich weniger Geld als im Ausland oder in der Industrie verdienen würde, das könnte ich verkraften. Aber diese unsicheren Perspektiven? Warum gibt man den Unis das gesetzliche Werkzeug des Wissenschaftszeitvertragsgesetz in die Hand um immer wieder befristete Arbeitsverträge zu vergeben? Sowas ist in der Privatwirtschaft dank allgemeinem Arbeitsrecht nicht möglich.

    Diese ganze Drittmittel Finanzierung ist doch definitv Politik gewollt damit die Finanzierung mehr und mehr über zeitbegrenzte Drittmittel geschieht und sich die staatliche Finanzierung kontinuierlich heimlich ausschleicht.

    Durch die Zeitbegrenzung der Mittel stellen die Unis also nur noch befristete Arbeitsverträge zur Verfügung. Die Spitzenleute gehen also ins Ausland oder in die Industrie, d.h. diese Spitzenleute können auch nicht mehr Mittel einwerben, irgendwie ein Schuss ins Knie.

    Am Ende stehen 12 Jahre durch die man sich mit befristeten Verträgen über 1-2-3 Jahre gehangelt hat und dann die Professur oder das Taxi fahren.

    Von daher, selbst wenn man mit der Uni als Arbeitgeber sympathisiert, warum sollte man sich darauf einlassen? Für mich persönlich Schade, aber die Konsequenz ist: Ab in die freie Marktwirtschaft oder ins Ausland.

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