Bildung ist spätestens seit der Aufklärung ein wichtiger Bestandteil der deutschen Kultur. Alle Politiker berufen sich gerne auf ihr Engagement für eine hochwertige Ausbildung an Schulen und Universitäten, besonders in Wahlkämpfen. Vor einigen Jahren hat Angela Merkel gar die "Bildungsrepublik Deutschland" ausgerufen.

Vor dreiundzwanzig Jahren bin ich aus dem Iran in dieses Land gekommen, nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern voller Hoffnung auf eine Geisteskultur, die diesen Namen auch verdient. Hier habe ich studiert, wurde promoviert und habe mich an der Universität Koblenz in Philosophie habilitiert, wo ich seit 2010 als Privatdozent lehre. Ich habe also einen langen akademischen Weg hinter mir, gekrönt von der "venia legendi", der Lehrbefähigung.

Da der Staat aber aus Kostengründen eine Professur nach der anderen streicht, ist es extrem schwierig geworden, nach der Habilitation einen der raren Lehrstühle zu ergattern. Um sich die minimale Chance auf eine Professur zu erhalten und den Titel Privatdozent führen zu dürfen, sind alle Habilitierten verpflichtet, pro Semester zwei Seminarstunden pro Woche unentgeltlich abzuhalten.

In der Regel werden sie gebeten, eine weitere Lehrveranstaltung anzubieten, die mit einem geringen Stundensatz vergütet wird. Jedes Seminar schließt aber aufwendige Vorbereitungen ein: Sprechstunden, mündliche Modulabschlussprüfungen, Anleitung zu Hausarbeiten und das Beantworten von hunderten von E-Mails.

Während Lehrstuhlinhaber stattliche Beamtengehälter beziehen, arbeiten Privatdozenten auf Honorarbasis für ein Gehalt, das Bruchteile des aktuell diskutierten Mindestlohns ausmacht. Es reicht meistens gerade für die Fahrtkosten und eine Mahlzeit in der Mensa.

Lohndumping ist mittlerweile in Deutschland sehr verbreitet. Weitgehend unbekannt ist bisher, dass dieser Missstand auch im universitären Lehrbetrieb eine Selbstverständlichkeit geworden ist. Warum wehrt sich niemand dagegen, nicht einmal die Gewerkschaften? Ein Grund ist sicher, dass Privatdozenten keinen Arbeitsvertrag erhalten, sondern auf Honorarbasis arbeiten müssen.

Einem Wissenschafts-Kollegen aus dem Ausland ist kaum zu erklären, dass man sich hier am Ende einer langjährigen Hochschullaufbahn in einer Art moderner Sklaverei wiederfindet. Eine der Folgen dieser Entwicklung ist, dass gute Studienabsolventen immer häufiger an Universitäten im Ausland abwandern, weil dort die beruflichen Perspektiven besser sind. Forschung und Lehre in Deutschland haben das Nachsehen.

Zur Zeit von Goethe und Schiller zahlten Studenten übrigens ein Hörergeld an Privatdozenten. Mit Einführung der Lehrmittelfreiheit wurde dies abgeschafft. Als vor einigen Jahren die Studiengebühren wieder eingeführt wurden, hat man dann "vergessen", für eine gerechte Entlohnung der Privatdozenten zu sorgen.