WissenschaftspolitikDeutschland ist nur so stark wie seine Wissenschaft

Deutschland hat keine Rohstoffe, daher braucht es das beste Wissenschaftssystem. Gleich nach der Wahl müssen wichtige Entscheidungen getroffen werden. Ein Gastbeitrag von Jürgen Zöllner

Studenten an der Humboldt-Universität Berlin, Archivbild aus dem Jahr 2012

Studenten an der Humboldt-Universität Berlin, Archivbild aus dem Jahr 2012   |  ©Jens Kalaene/dpa

Der Wahlkampf dümpelt vor sich hin und die Parteien übertreffen sich mit mehr oder weniger schlichten Lösungen. Die Ideenarmut betrifft leider auch die Zukunft unseres Wissenschaftssystems. Doch ohne Forschung und Ausbildung werden wir die anstehenden Herausforderungen nicht lösen: dass immer weniger Junge immer mehr Alte finanzieren müssen; dass Arbeitsplätze jederzeit ins Ausland abwandern können; dass unser Gesundheitssystem finanzierbar und die Umwelt bewohnbar bleibt.

In den vergangenen zehn Jahren hat die deutsche Wissenschaft durch kluge Ideen wie etwa die Exzellenzinitiative international an Boden gewonnen. Viele unserer Universitäten und Forschungseinrichtungen sind für Spitzenwissenschaftler aus der ganzen Welt attraktiv geworden. Dieser Erfolg steht aktuell auf dem Spiel.

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In den nächsten Jahren laufen diverse Pakte aus: der Hochschulpakt für mehr Studienplätze, der Pakt für Forschung und Innovation, die Exzellenzinitiative und die Hochschulbauförderung im Umfang von jährlich etwa vier Milliarden. Bricht das weg oder wird es nicht adäquat fortgeführt, sind die Erfolge des deutschen Wissenschaftssystems dahin.

Jürgen Zöllner

Jürgen Zöllner (SPD) war bis 2011 insgesamt 20 Jahre lang Wissenschaftsminister in Rheinland-Pfalz und Berlin.

Bis 2020 braucht es neue Impulse für die Finanzierung und Organisation des deutschen Wissenschaftssystems: Die Hochschulen müssen so finanziert werden, dass sie sich eine international konkurrenzfähige Forschung und steigende Studentenzahlen leisten können. Das geht nur, wenn sie dauerhaft Geld von den Ländern und vom Bund bekommen. Gleichzeitig muss die Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystems weiter vorangetrieben werden. Diese Neuordnung, die Lehre und Forschung im nächsten halben Jahrhundert prägen wird, fällt in die kommende Legislaturperiode.

Um den großen Wurf hat sich keine Partei bemüht

Was hört man von den Parteien dazu im Wahlkampf? Allgemeine Absichtserklärungen ohne konkrete Vision. CDU und SPD versprechen mehr Geld für vieles. Die FDP will nachgelagerte Studiengebühren, die Grünen 1.000 Juniorprofessuren und die Linken ein Anschubprogramm des Bundes für 100.000 unbefristete Stellen. Um den großen Wurf hat sich keine Partei bemüht.

Alle Wissenschaftsorganisationen – die Max-Planck-Gesellschaft, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die Helmholtz Gemeinschaft – haben Vorschläge unterbreitet. Die Politik dagegen scheint in der Diskussion um die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems ihre Stimme verloren zu haben. Auch im Wissenschaftsrat hat die Politik ihre Chance verpasst, der Diskussion eine Richtung zu geben. Am Ende kam nur ein laues Kompromisspapier heraus, das fast ohne jede Resonanz geblieben ist.

Was zu tun ist

Im Masterplan Wissenschaft 2020 habe ich dargestellt, was aus meiner Sicht zu tun wäre. Wir brauchen für die Wissenschaft sofort nach der Bundestagswahl eine verbindliche Zusage, dass sie finanzpolitischer Schwerpunkt deutscher Politik sein wird. Denkbar wäre eine Zusicherung, dass die Wissenschaftshaushalte über die nächsten 10 Jahre höhere Wachstumsraten als die jeweiligen Gesamthaushalte haben werden – und mindestens die Höhe der jeweiligen Inflationsrate. Ebenso sollte die Bundesregierung garantieren, dass sie unabhängig von möglichen Verfassungsänderungen auch nach 2020 mindestens in gleicher Höhe wie heute sich an der Studienplatzfinanzierung beteiligen wird.

Breiten- und Spitzenförderung sind keine Gegensätze, vielmehr bedingen sie sich gegenseitig. Deshalb brauchen wir von der Politik eine Entscheidung, wie beides in Zukunft gewährleistet sein wird. Für die Spitzenforschung könnten Universitätscluster, die in einem Wissenschaftsbereich Ausbildung und exzellente Forschung zusammenführen, realisiert werden.

Deutschland hat keine Rohstoffe, die leichten Reichtum verschaffen, seine Bevölkerung schrumpft und wird älter. Es muss daher das beste Wissenschaftssystem haben, mit der besten Ausbildung für seine Studenten und der besten Forschung. Nur dann werden wir mit den finanziellen und inhaltlichen Herausforderungen – von denen wir heute vielleicht noch gar nicht wissen – fertig werden.

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Leserkommentare
  1. es löckt nur die Geier an, die für Geld jedes gewünschte Ergebnis produzieren. Mich hat schon in den Achtzigern ein Prof belehrt wie man das macht und mich aus seinem Seminar geschmissen, weil ich das weglassen wichtiger Grundlagen moniert habe. Diese Haltung aus dem Wissenschaftsbetrieb zu entfernen ist viel wichtiger.

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  2. Wieder mal ein Beitrag mit einem unangebracht hohem Ego.

    Klar brauchen wir ausreichend viele gut ausgebildete Leute!

    Liefern uns unsere Schulen und Universitäten die heute? Nein. Stand hier vor ein paar Tagen zu lesen: "Fachkräftemangel".

    Stört das ernsthaft? Nein. Spanier und Griechen füllen zu beiderseitigem Nutzen die Lücken.

    Kann man so einen Uni-Absolventen sofort voll einsetzen? Nein. Denn weder hat er auch nur irgend etwas von Soft Skills gehört, noch hat er wirklich die Ausbildung, die es braucht. In jeder anspruchsvollen Position muss geschult werden.

    Kann man ein Talent auf so ziemlich jeder Position einsetzen? Mit einigen Einschränkungen, definitiv ja. Der Kopf ist wichtig, und die Ausbildung nach Bedarf machbar.

    Blieben da noch zu erwähnen die Rechtssicherheit, die Infrastruktur, die stabile politische Lage, das dann doch nicht ganz so schlechte Management, die geographische Lage (wir liegen für alle irgendwie voll im Weg), usw.

    Aber nein, laut Herrn Zöllner ist das alles unwesentlich! Alleine die Wissenschaft hat das Land dort hin gebracht, wo es ist.

    Und natürlich gilt für die Wissenschaft Angebot und Nachfrage nicht, und müssen sich die Wissenschaftler kommerziell nicht rechtfertigen. Und natürlich findet in den Unternehmen keine Forschung statt. Und die Spitzenforschung, der härteste Kern der selbst-bewundernden Clique, bringt am meisten.

    Was eigentlich?

    Prestige. Nicht mehr, nicht weniger. Ähnlich wie Goldmedallien bei Olympia.

    Wie realitätsfern!

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    • kfmb
    • 11. September 2013 8:03 Uhr

    und viele Studenten anderer Nationen kommen nach Deutschland für einen Studienabschluss und für die Forschung. Warum? Weil das Studium kostenlos ist bzw. die Kosten gering bleiben. Das gleiche gilt natürlich für alle deutschen Studenten. Jedem stehen in Deutschland alle Möglichkeiten zur Hochschulausbildung offen. Das ist gut und sollte erhalten bleiben.

    Die Ausbildung ist eng an die Forschungstätigkeit der Wissenschaftler gebunden und hierfür braucht es grundsätzlich eine bessere Stellenpolitik! Das Prestige mag vielleicht auch eine negative Konnotation haben, wie Sie behaupten. Vor allem aber gelingt es einem forschenden und aktiv wirkenden Wissenschaftler, seine Studenten noch besser in das Fach und somit in die Wissenschaft einzuführen.

    Warum? Zum einen weil er Zeit zum Forschung hat und Teil der Forschungsgemeinschaft sein kann und seine Vorlesungen und Seminare dementsprechend interessanter und erkenntnisreicher ausfalten kann. Zum anderen weil die Studenten geistreiche und wissenschaftlich profunde Seminare durchaus mehr zu schätzen wissen als baukastenartige Vorträge und Hinführungen.

    Das Prestige, das mit guter Forschung verbunden ist, hat also auch einen Effekt auf Bildung und Ausbildung. Eine solche Form der Verbindung von Forschen und Lehren kostet Geld, u.a.

    Gelder für Forschungen, die auf länger als nur 3 Jahre angelegt sind

    Stellen, die sich nicht leichthin halbieren oder vierteln lassen und die auch unbefristet sein können

    angemessene Vergütung der Lehre

  3. Bei meiner Institution kenne ich einige Lehrer die nichts machen als
    die Studenten zu erniedrigen, zu moeben und zu unterdrucken. Anstatt den Studenten zu helfen sind die Blockade fuer den Fortschritt. Es wird Zeit dass so Lehrer entweder ihre Arbeit richtig machen oder dass sie Platz machen fuer die jugen Leute. Man muss nicht vergessen dass es da draussen sehr viele Dozentinnen und Dozente gibt die sich so Stelle wuenschen und die sehr gut qualifiziert sind.

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    dann sind Sie bestimmt herzlich willkommen.

    • mahanke
    • 10. September 2013 17:32 Uhr

    Die Teils nur ein Jahr befristeten Arbeitsplätze in der Wissenschaft sind nicht gerade das, was man sich als Berufstätiger, möglicherweise mit Familienwunsch, so vorstellt. Daher bräuchte es mal halbwegs normale Arbeitsbedingungen. Zudem wird man für einen Vollzeitjob oft nur halb bezahlt. Daher ist jedem halbwegs vernüftigem Menschen vom Wissenschaftsbetrieb abzuraten.

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    und seit Jahrzehnten länderübergreifend eine stabile Situation. Dass sich die prekäre Lage der Wissenschaft so lange so stabil hält, liegt daran, dass von ihrem Output eigentlich nur ein Teil gebraucht wird.

    Nun würden einige gerne sagen, wegen diesem Teil müsse das Ganze geleistet werden. Leider nein, denn allzu viele arbeiten aus reiner Leidenschaft, und sind froh, für die Auswirkung ihres eigentlich Hobbys wenigstens noch unzureichend bezahlt zu werden. Schickt man einen weg, kommen zwei nach.

    So lässt sich kein Verhandlungsdruck aufbauen, und so lassen sich keine guten Gehälter durchsetzen.

    Den Zusammenhang versteht natürlich ein Wissenschaftler sofort.

    Er würde ihn allerdings niemals zugeben. Denn die Konsequenz hieße, einfach den Hut zu nehmen. Und das will er nicht. Denn er arbeitet ja aus Leidenschaft, aus Interesse, vielleicht auch aus Geltungsbedürfnis, aber nicht aus der banalen Notwendigkeit.

    Also stellt er sich hin, spricht von Exzellenz, von Elite, von herausragenden Leistungen, von der wagen Zukunft, Visionen, Phantasien. Und arbeitet unendlich viel, und unendlich gut.

    Und glaubt, gute Arbeit würde wertvolle Früchte liefern, und gut bezahlt.

    Genau da liegt der Irrtum. Dem ist nicht so. Gute Arbeit wird nicht notwendigerweise gut bezahlt, und gute Arbeit liefert nicht notwendigerweise wertvolle Früchte.

    Und deshalb, war, ist und wird bleiben, der Wissenschaftler in prekären Lebensverhältnissen.

    Er soll nur bitte aufhören eingebildet zu jammern.

    • Hatikva
    • 10. September 2013 18:35 Uhr

    versucht man, Doktoranden einzustellen, merkt man bereits, daß es deutlich weniger junge kluge Köpfe in Deutschland gibt als zu Zeiten, da man selbst promovierte. Deshalb ist es dringend geboten, die Demographie in Ordnung zu bringen. Auch hochqualifizierte Menschen sollen sich fortpflanzen dürfen.

    • mahanke
    • 10. September 2013 17:34 Uhr

    ...nicht zu vergessen, dass man sch neuerdings mit Controllern rumschlagen muss, die von Wissenschaft selbst keine Ahnung haben bzw. selbst nie gute Wissenschaftler waren.

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  4. dass die Excellenzinitiative eine gute Idee ist, oder war, da kann ich mir eigentlich den Rest sparen:

    "In den vergangenen zehn Jahren hat die deutsche Wissenschaft durch kluge Ideen wie etwa die Exzellenzinitiative international an Boden gewonnen."

    Tja, man sollte mal grundlegend sich Gedanken machen, was an Forschung gewollt ist und was man fördert:

    Sollen mehr Studiengänge gefördert werden: Wenn ja, welche?
    Bilinguale Sexualästhetik oder irgenwas mit Medien?
    Und die Qualität sollte in erster Linie gewährleistet werden.

    Ein Land wie Dt. hat sicher auch Bedarf an speziellen Fachleuten. gerade in den Natur- Ingenieurwissenschaften sollte es eigentlich ein Antrieb sein Leute zu fördern. Was passiert dazu?

    Andererseits möchte ich nicht, dass wir nur Spezialisten für irgendwas haben, sondern wäre froh, wenn die Ausbildung immer eine gewisse Breite hat und nicht nur Fachidioten herumlaufen.

    Aber ich stelle fest bei der Entwicklung, die wir momentan haben, dass man solche Leute gar nicht haben möchte. Es wird zwar viel gequasselt vom Standort Dt., aber tatsächlich sehe ich eher einen Drift Richtung Uni als Dienstleister. Das ist die eigentliche Misere. Kreativität kann man fördern, aber nicht gängeln und schon gar nicht auf Knopfdruck generieren. Das heißt, das Umfeld muss stimmen.

    Priorität hat für mich: Studium muss bezahlbar bleiben und in keine ominösen Abhängigkeiten der Wirtschaft stehen: Kooperation ja, aber keine Knute von oben.

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  5. "In den vergangenen zehn Jahren hat die deutsche Wissenschaft durch kluge Ideen wie etwa die Exzellenzinitiative international an Boden gewonnen."

    Hat mal jemand Wissenschaftler im Ausland befragt? Die in Deutschland typische Verwechslung von Input (wie viel Geld wird ausgegeben) und Output (welche Ergebnisse werden erziehlt) ist auch hier sichtbar.

    In den letzten 10(?) Jahren wurden durch die Exzellenzinitiative 4000 Doktorandenstellen aber nur etwa 200 Professuren geschaffen. Im Ausland dagegen wird vor allem in PostDocs, Fellows und Professuren investiert. Mit anderen Worten: Deutschland's Forschung finanziert in erster Linie Lehrlinge und keine Professionals. In Analogie zur Industrie wäre das als ob die Entwicklungsabteilungen deutscher Autobauer zu 90% aus Praktikanten bestehen. Sowas sieht man dem Output auch an...

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    wer die "Exzellenzinitiative" als kluge Idee bezeichnet, hat sich wohl die Ergebnisse jener nicht wirklich angeschaut. Überhaupt würde ich gerne lieber Wortmeldungen von Wissenschaftlern zum Thema hören - und nicht von Berufspolitikern.

    ich würde eher sagen es sind sogar 95% in den Entwicklungsabteilungen...ist aber ein anderes Thema

    ...Sie haben vollkommen recht. Inzwischen wird der 80-95% der Lehre und Forschung von Doktoranden, Hiwis und Studenten gemacht. Was wäre in D los, wenn ein Unternehmen nur noch Praktikanten und halb-bezahlte Lehrlinge im gleichen Anteil einstellen würde ohne diese zu übernehmen.
    Den Mittelbau, sprich Festangestellte, die den Lehr- und Wissenschaftsbetrieb am laufen halten sollten, wollen und können die Länder auf einem angemessenen Niveau nicht mehr finanzieren. Im Gegenteil, die Exzellenzinitiative, wurde von den Ländern ausgenutzt um sich noch mehr aus der Grundfinanzierung der Universitäten zu verabschieden. Dagegen halte ich die Exzellenzinitiative für den richtigen Schritt, denn die meisten Länder können weder die Lehre noch international konkurrenzfähige Forschung aus eigener Kraft bezahlen. Und diese, da schliesse ich mich J.Zöllner an, sind für D unverzichtbar.

  6. wer die "Exzellenzinitiative" als kluge Idee bezeichnet, hat sich wohl die Ergebnisse jener nicht wirklich angeschaut. Überhaupt würde ich gerne lieber Wortmeldungen von Wissenschaftlern zum Thema hören - und nicht von Berufspolitikern.

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