Gerade hat sich die PR-Leiterin der Deutschen Bahn, Antje Lüssenhop, wegen Titelmissbrauchs selbst angezeigt. Vor zehn Jahren hatte sie eine Promotionsurkunde der Universität Hamburg entgegengenommen. Die allerdings stammte nicht von der Hochschule, sondern von ihrem damaligen Promotionsberater. "Das Zeugnis kann nur eine Fälschung sein", sagt eine Uni-Sprecherin. Aufgeflogen ist die Affäre durch den Plagiatsjäger Stefan Weber. Ein Unbekannter habe ihn beauftragt, den "Titel zu verifizieren".

Lüssenhop will nichts von der Fälschung gewusst haben. Sie sieht sich von ihrem Promotionsberater hereingelegt. Den habe sie eingeschaltet, damit er ihr als nebenberufliche Doktorandin so viel Bürokratiekram wie möglich abnimmt. An den Namen kann sie sich nicht mehr erinnern. Er soll Tausende Euro Honorar kassiert haben. Ein Bankbeleg mit Empfängerkonto lässt sich allerdings nicht finden, teilt Lüssenhops Anwalt mit. Lüssenhop will dem Berater ihre Promotion übergeben haben, ohne selbst eine Kopie davon zu behalten. 

Als Doktorvater habe ihr Promotionsberater den Wirtschaftsprofessor Vincenz Timmermann gewonnen. Der kann sich an die Promovendin nicht erinnern. Lüssenhop sagt, es habe eine mündliche Prüfung mit dem angeblichen Doktorvater stattgefunden. Vorgeschrieben sind jedoch drei Prüfer. Wie so viel Nichtwissen der Doktorandin zu beurteilen ist, muss der Staatsanwalt klären. Schlimmstenfalls droht ihr eine Geldbuße im unteren dreistelligen Bereich, das legen vergleichbare Fälle nahe: Ein thüringischer Lokalpolitiker, der sich mit falschem Doktortitel aus Polen schmückte, kam im Jahr 2010 mit 300 Euro zugunsten des Nordhäuser Tierschutzvereins davon. 

In der Wirtschaft kann ein Titelverlust zum Karriereknick führen, er muss es aber nicht. Der Geschäftsführer der Telekom-Tochter T-Venture etwa räumte im Jahr 2005 seinen Posten, weil er mit einem in Deutschland ungültigen Doktortitel aus der Schweiz aufgefallen war. "Ich bin damit hereingelegt worden", sagte er zur Entschuldigung. Die gleiche "schmerzhafte Erfahrung" machte wenig später der internationale Werbeberater Udo Klein-Bölting. "Die Angelegenheit hat für ihn keine Konsequenzen", stellte ein Unternehmenssprecher gleich klar.

Anders war es im Fall des Unternehmensberaters Michael Träm. Der trat wegen unberechtigter Titelführung im Jahr 2005 als Europachef einer großen Beraterfirma zurück. Heute spricht er von einem "Rückschlag, keiner Niederlage. Ich habe meinen Kampf gewonnen". Zunächst promovierte er noch einmal richtig an der Uni Saarbrücken, dann wurde er Chef einer anderen Beraterfirma. Heute steht der 50-Jährige an der Spitze eines Düsseldorfer Investmenthauses.

Beim Berufsstart kann der Doktor hilfreich sein. Für die weitere Karriere kommt es aber darauf an, ob man sich im Job bewährt. Nebenberufliche Promotionen von Führungskräften sind daher kaum mehr als Schmuck. Top-Leuten aus der Wirtschaft bieten Universitäten ohnehin oft den Dr. ehrenhalber (Dr. h.c.) als Alternative zu einem Promotionsstudium. Ein Beispiel dafür ist der Geschäftsmann Carsten Maschmeyer. Im Jahr 2009 wurde er wegen "Verdiensten um die Förderung der Wissenschaften" Ehrendoktor der Uni Hildesheim. Zuvor hatte er der Hochschule eine halbe Million Euro gespendet. Außerdem tragen Hochschulen Prominenten gerne den Titel Honorarprofessor oder kurz "Prof." an.

Die Karriere der PR-Frau Lüssenhop wohl davon abhängen, welchen Imageschaden die Deutsche Bahn zu befürchten hat. Ihr direkter Vorgesetzter sagt: "Wir warten ab, was der Staatsanwalt sagt, und sehen dann weiter."  

Korrektur im fünften Absatz: Der Unternehmensberater heißt Michael Träm.