Sie bekamen einen Doktor in Medizin, doch Germanistik hätte wohl besser gepasst. Jüngst untersuchten internationale Sachverständige eine Stichprobe aus 39 Dissertationen der Uni Zürich. Fazit: Die meisten Doktoranden hatten lediglich historische Texte übersetzt, etwa aus dem Altdeutschen ins heutige Deutsch. Einer von ihnen sagt anonym: "Mein größter Aufwand war: Ich musste einen Übersetzer suchen."

Die Promovierten dürfen ihren Doktortitel behalten. Schuld an denverkorksten Dissertationenseien die Professoren, teilt die Universität mit: Sie hätten die Doktoranden "nicht ausreichend auf das Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit vorbereitet".

Herausgekommen ist die Affäre nicht durch fachinterne Kritik, sondern durch Journalisten. Einer der damaligen Doktorväter, Christoph Mörgeli, hat als Schweizer Bundespolitiker durch einige Skandale negativ auf sich aufmerksam gemacht. Vor einigen Monaten brachte das Schweizer Fernsehen eine Sondersendung über seine mangelhafte Doktorandenbetreuung.

Anders als etwa Geisteswissenschaftler brauchen Mediziner in der Regel nicht lange für ihre Doktorarbeit. Dauert eine Dissertation in anderen Fächern manchmal zwei oder drei Jahre, sind Mediziner oft schon nach ein paar Monaten fertig. Sie stellen keine zehn Prozent der Studierenden, aber mehr als ein Viertel der Promotionen. Im vergangenen Jahr waren es gut Siebentausend. Viele glauben, darunter leide die Qualität. Der Wissenschaftsrat, das höchste Gremium zur Politikberatung in Deutschland, spricht von "Status-Promotionen" für den Titel, nicht für den wissenschaftlichen Fortschritt. Und die Universität Würzburg überprüft Mediziner-Dissertationen aus der Vergangenheit erneut, weil sie den Verdacht hat, dass sie "wissenschaftliche Mindeststandards nicht erfüllen".

Der Doktorand muss nicht zwingend ein "selbstständiger" Kopf sein

Ein aktueller Fallan der Universität Freiburg nährt diese Kritik. Wegen Dopingvorwürfen gegen Sportmediziner wurden jahrzehntealte Forschungsarbeiten nachträglich überprüft. Dabei geriet der Sportmedizin-Professor Hans-Hermann Dickhuth unter Plagiatsverdacht; mit den Dopingvorwürfen hatte das nichts zu tun. Die Universität wirft ihm vor, er habe seine Habilitationsschrift zum Teil bei seinen Doktoranden abgeschrieben, und will ihm deshalb die Hochschullehrerqualifikation entziehen.

Sein Anwalt ist überzeugt, dass die Uni damit vor Gericht nicht durchkommen wird. Er verweist darauf, dass Betreuer ihren Doktoranden oft "Formulierungsvorschläge vorgeben" und ähnliche Formulierungen in mehreren Arbeiten naheliegen, "wenn gleiche Methoden oder Daten" in derselben Arbeitsgruppe verwendet werden. Geben Medizin-Professoren ihren Doktoranden also den Wortlaut vor? Laut Promotionsordnung rechnet die Universität Freiburg offenbar nicht immer mit einer hohen Eigenleistung der Promovierenden: Erst für ein Prädikat besser als "genügend" (rite) muss sich der Doktorand als "selbständiger" Kopf beweisen.

Angesichts der Kritik am "Dr. med." haben einige Hochschulen reagiert, darunter auch die Universität Zürich: Statt des traditionellen Doktors in Medizin kann man dort nun auch einen "Dr. sc. med." machen. Der richtet sich an Promovierende, die in der Wissenschaft bleiben wollen. Die Medizinische Hochschule Hannover hat einen internationalen PhD im Programm und die Medizinische Fakultät der Uni Ulm einen Dr. rer. nat., für den Bewerber einen naturwissenschaftlichen Abschluss oder das medizinische Staatsexamen mitbringen müssen.

In der Politik wird oft die Abschaffung der "Zweiklassen-Medizin" gefordert. Eine ähnliche Forderung könnte es bald für Promotionen geben.