Hoher Besuch hat sich am Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) der Universität Münster angekündigt. Bundespräsident Joachim Gauck will sich am heutigen Donnerstag über Forschung, Lehre und die Berufschancen der Studierenden informieren. Der Termin steht schon länger fest; als Gauck ihn vereinbarte, dürfte er noch nicht gewusst haben, dass sein Besuch von einem Glaubensstreit überschattet werden wird.

Traditionalisten und Reformern streiten über die Auslegung des islamischen Glaubens. Im Mittelpunkt dieses Streits steht der ZIT-Leiter Mouhanad Khorchide. Dieser ist seit 2010 Professor für islamische Religionspädagogik, nachdem sein Amtsvorgänger Sven Kalisch den Lehrstuhl räumen musste, weil er dem Islam abtrünnig geworden war. Khorchide ist in Saudi-Arabien aufgewachsen, hat in Beirut studiert und ging für die Promotion nach Wien. Dann schrieb er ein Buch über Barmherzigkeit und eines über die Auslegung der islamischen Rechtsordnung Scharia. Seitdem ist er unter den Gläubigen höchst umstritten.

Das Fach Islamische Theologie gibt es in Deutschland erst seit drei Jahren. Nun muss sich die junge Disziplin gleich an mehreren Fronten bewähren. Der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland arbeitet gegenwärtig an einem Gutachten über angebliche "Irrlehren" des Hochschullehrers Khorchide. Aus Protest haben fundamentalistische Muslime für den Nachmittag des Gauck-Besuchs eine Kundgebung in der Münsteraner Innenstadt angemeldet.

Darüber hinaus muss sich die Islamische Theologie in Konkurrenz zu den Islamwissenschaften behaupten. Manch Islamwissenschaftler spricht den theologischen Kollegen ab, "im Gesamtgefüge der universitären Fächer eine Rolle zu spielen" – aufgrund mangelnder Kritikfähigkeit. Khorchide etwa spreche "nicht wie ein Theologe, sondern wie ein Prophet". Nicht zuletzt bekennenden Studierenden falle es schwer, den nötigen wissenschaftlichen "Zweifel zur Methode zu machen", stellt der Bildungsforscher Tilman Allert fest.  

Die erforderliche Eingewöhnung in die hiesige Forschungskultur dürfe aber nicht zu einer Entfremdung von der islamischen Welt mit ihren Hochschulen etwa in Ägypten oder auch im Iran führen, sagt die Hamburger Theologieprofessorin Katajun Amirpur. Ohne solche "Anknüpfungspunkte stünden wir auf verlorenem Posten und würden international nur belächelt". Der Blick nach Osten, ohne dabei Europa den Rücken zu kehren, "das ist das wahre Kunststück hiesiger Islamischer Theologie", sagt Klaus Gebauer, langjähriger Fachplaner im nordrhein-westfälischen Schulministerium.

Der Islamischen Theologie fehlen die Dozenten

Ein weiteres Kunststück wird wohl nötig sein, um genug kompetentes Lehrpersonal zu gewinnen. Hierzulande gibt es kaum Dozenten für Islamische Theologie. Die meisten Hochschullehrer sind deshalb Quereinsteiger, von Haus aus meist Islamwissenschaftler oder vergleichende Religionswissenschaftler. Mit Theologie haben diese sich nicht beschäftigt: Islamwissenschaftler erforschen Sprachen, Geschichte und Kultur des Orients und auch die Religionswissenschaften stehen den Glaubensrichtungen neutral gegenüber.

Andere Hochschullehrer für Islamische Theologie sind promovierte Sozialwissenschaftler, wie etwa Khorchide und sein Osnabrücker Kollege Rauf Ceylan. Sie haben die Integration von muslimischen Zuwanderern in Deutschland und Österreich untersucht.

Die Islamische Theologie soll den Nachwuchs für die Moscheegemeinden in Deutschland ausbilden. Dafür unterstützt der Staat die Studiengänge mit Millionen. Die große Frage ist, ob sie die Erwartungen der Gläubigen werden erfüllen können. Der Streit um Khorchide zeigt, wie schwer dies werden dürfte. Die staatliche Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion bildet deutsche Abiturienten mit Migrationshintergrund inzwischen lieber an Universitäten in der Türkei für den Einsatz in Deutschland aus.