Der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide vor dem Schloss Münster (Archivbild von 2010) © Bernd Thissen/dpa

Mouhanad Khorchide kämpft. Gegen muslimische Verbände, die seine Auffassung des Islams für "Irrlehren" halten. Gegen seine Studenten, die deswegen einen Imageschaden für ihren Fachbereich fürchten. Und gegen einen Islamwissenschaftler, der ihn des Plagiierens beschuldigt.

Der Reihe nach. Khorchide ist Professor für bekenntnisgebundene Islamische Theologie an der Universität Münster. Er hat ein Buch namens Islam ist Barmherzigkeit geschrieben, in dem er die Modernisierung der Religion fordert. Muslimischen Verbänden sind Khorchides Ansichten zu modern. Im Dezember erklärte der bundesweite Koordinationsrat der Muslime ein "irreparables" Zerwürfnis. Der Rat hatte Khorchide im Jahr 2010 die religionsverfassungsrechtlich unverzichtbare Lehrerlaubnis erteilt. Nun will er Khorchide als Hochschullehrer absetzen. 

Die Studenten des Münsteraner Zentrums für islamische Theologie (ZIT) fürchten, deshalb schlechtere Berufschancen zu haben. In einer Stellungnahme schreiben sie: "Mit Sorge beobachten wir, wie sich die Kritik an Prof. Dr. Mouhanad Khorchides Wirken auf das gesamte ZIT und somit auch auf die Studierenden niederschlägt." Studenten und Lehrende des ZITs seien "mündig sowie theologisch vielfältig geprägt", das ZIT solle nicht an einer Person gemessen "oder gar von dieser abhängig gemacht werden".

Zusätzlich gibt es Plagiatsvorwürfe. Abdel-Hakim Ourghi, Studienleiter für Islamische Theologie in Freiburg, will "formale und inhaltliche Plagiierung" und "Ideenplagiate" aus Werken des syrischen Korandeuters Muhammad Shahrour in Khorchides Buch über Barmherzigkeit gefunden haben. Das berichtete Mitte dieser Woche die liberale Wiener Tageszeitung Standard. Kurze Zeit später verbreitete der Internetdienst islam.de die Anschuldigungen. Dieser steht dem Zentralrat der Muslime nahe, der Khorchide als Theologen ablehnt. Für den Rat kamen die Plagiatsvorwürfe womöglich gelegen.

Fragwürdige Vorwürfe

Stichhaltig sind die Vorwürfe nicht. Ourghis hat seine Vorwürfe in einem bislang unpublizierten Aufsatz zusammengefasst­, der ZEIT ONLINE vorliegt. Anders als anerkannte Plagiatsjäger dokumentiert Ourghi keinen einzigen Satz, der wortwörtlich von einem Fremdautor stammt. Ourghi schreibt, Khorchide wähle Ausdrucksweisen, "die sich von denen Shahrours unterscheiden, vielleicht um ihre Herkunft zu verschleiern". Ourghis Kritik ist also nicht mehr als ein Verdacht. Khorchide selbst sagt zu ZEIT ONLINE: "Ich habe mich nie mit den Thesen von Shahrour beschäftigt." Er suche jetzt Rat von einem Anwalt. Khorchides Verlag teilt mit: Das Buch über die Barmherzigkeit sei kein wissenschaftliches Fachbuch, sondern ein Sachbuch für das breitere, politisch interessierte Publikum. Deshalb gäbe es keinen dicken Fußnotenapparat.

Üblicherweise gehen Professoren den umgekehrten Weg: Sie begründen ihre Auffassungen zunächst in Fachbüchern und Aufsätzen und veröffentlichen erst dann populärwissenschaftliche Versionen. Khorchides Barmherzigkeit hat keine solche Absicherung im Hintergrund.

Mit der Grundsatzkritik an Khorchides Lehre will Oughri ausdrücklich nichts zu tun haben. Allerdings dürfte ihm klar gewesen sein, dass seine Vorwürfe nur deshalb Aufmerksamkeit erfahren würden – normalerweise wären sie in einem Fachblatt erschienen, nicht im Standard.

Dass die Plagiatsvorwürfe Khorchides Ansehen schaden werden, ist unwahrscheinlich. Gegen die muslimischen Verbände und seine Studenten wird er weiter kämpfen müssen.