Hochschulen in ganz Deutschland klagen über die Matheschwäche ihrer Studenten. Mit Zusatzkursen versuchen sie gegenzusteuern; der Andrang ist groß.

Professor Bernhard Ströbel hat alte Mathe-Klausuren herausgesucht, die er vor zehn Jahren seine Erstsemester hat schreiben lassen. "Wenn ich die heute als Aufgabe stellen würde, dann fiele das Ergebnis signifikant schlechter aus. Die Durchfallquote würde deutlich über 50 Prozent liegen, das wäre gar nicht zu verantworten", sagt er.

Ströbel lehrt am Fachbereich Mathematik und Naturwissenschaften an der Hochschule Darmstadt, der größten auf Ingenieur-, Informatik- und Technik-Studiengänge spezialisierten Fachhochschule Hessens. Er und viele seiner Kollegen haben die gleiche Erfahrung gemacht: Erstsemestern fehlt das Basiswissen in Mathematik. Dabei geht es nicht nur um Lücken aus der Oberstufe, sondern schon um Mittelstufenstoff.

Die Abbrecher- und Durchfall-Quote in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) ist hoch. Laut dem Hochschul-Informations-System (HIS) brechen 48 Prozent der Studierenden an Universitäten ihr Ingenieurstudium ab, in Maschinenbau und Elektrotechnik sogar 53 Prozent, meist nach zwei Semestern. Günter Törner, Mathematik-Professor an der Universität Duisburg-Essen, hat 2012 ausgerechnet, dass nur 20 Prozent der für Mathematik Immatrikulierten ihr Studium abschließen.

Von einem "Mathe-Notstand in den Ingenieurfächern" spricht auch die Professorin Astrid Baumann. Sie unterrichtet Mathematik für Bauingenieure an der FH Frankfurt und hat Zeiten erlebt, "wo Vorkurse nicht nötig waren". Die Defizite sieht sie in den Bundesländern Hessen, NRW und Niedersachsen am stärksten ausgeprägt. Sie beklagt den zu frühen und häufigen Einsatz des Taschenrechners, durch den die Fähigkeit zum Kopfrechnen schwinde. Als weitere Gründe hat sie schlechte Schulbücher aus den siebziger und achtziger Jahren ausgemacht und die seit Pisa populären kompetenzorientierten Prüfungsaufgaben. "Hier wird der Blick auf das mathematisch Wesentliche nicht mehr geschult", findet sie. Ihr Rat: Regelmäßiges Üben zur rechten Zeit sei in der Mathematik so wichtig wie in der Musik. "Das sind Kulturtechniken, die zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr im Zeitraffer erlernt werden können."

Hochschulen versuchen gegenzusteuern

Universitäten und Fachhochschulen bundesweit versuchen, mit Zusatzkursen gegenzusteuern. Zum Beispiel das MINT-Kolleg Baden-Württemberg, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und vom Land Baden-Württemberg mit rund neun Millionen Euro gefördert wird. Es wurde 2010 von der Uni Stuttgart und dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gegründet und bietet seit dem Wintersemester 2011/2012 Kurse, Prüfungshilfen und sogar ein Vorstudium von bis zu einem Jahr. "Wir müssen einem sehr großen Fachkräftemangel begegnen. Wir sind darauf angewiesen, möglichst viele Interessenten zum Studienerfolg zu führen", sagt Kolleg-Leiterin Claudia Goll.

40 Dozenten an den Standorten Stuttgart und Karlsruhe bemühen sich, eine Brücke zu schlagen zwischen Schule und Studium. Angebote gibt es für alle MINT-Fächer, "aber unser Schwerpunkt ist Mathematik", sagt Goll. Die Nachfrage ist enorm, allein zum Beginn des aktuellen Semesters zählten beide Standorte zusammen rund 4000 Teilnehmer nur für die vierwöchigen Vorkurse. "Wir haben ein sehr gutes Feedback von Studierenden", sagt Goll. Die Kursinhalte sind mit Uni und KIT abgestimmt – mit Erfolg: 75 Prozent der Kursabsolventen bestehen beispielsweise Wiederholungsklausuren.

Auch Heiko Knospe, Professor an der FH Köln, hat eine Möglichkeit gefunden, seine Mathe-Studenten besser durchs Studium zu bringen. Seit zwei Jahren bietet er eine Hausarbeiten-Hilfe an. Ein Riesenaufwand, der durch Tutoren bewältigt wird. "Aber es lohnt sich", sagt Knopse. Die Abbrecher-Quote an der FH im Bereich Mathe ist seither gesunken. "Wer aktiv an der Maßnahme teilnimmt, besteht in der Regel auch die Klausuren."

Gero Friesecke, Dekan der Fakultät Mathematik an der TU München, geht seit diesem Wintersemester einen neuen Weg. "Viel Wissen schnell eintrichtern funktioniert nicht", sagt er. Statt Schüler mit verkürztem Abitur im Schnelldurchgang mathematisch auf den Stand der früheren G-9-Jahrgänge zu bringen, hat er die ersten zwei Semester des Bachelorstudiengangs entrümpelt. "Wir müssen als Uni die Studierenden so nehmen, wie sie sind, sie dort abholen und setzen daher nur noch G-8-Inhalte voraus", sagt Friesecke. Jetzt soll der Stoff der früheren 13. Klasse in Analysis und linearer Algebra dort integriert werden, wo er inhaltlich ins Semester passt. "Und wir geben den Studierenden auch die Zeit, das in kleinen Lerngruppen einzuüben."