Frage: Herr Thrun, Sie haben vor zwei Jahren mit einem einzigen Seminar zum Thema künstliche Intelligenz 160.000 Studenten weltweit übers Internet erreicht – das war die Geburtsstunde der MOOCs, der "Massive Open Online Courses". Seitdem haben etliche Unis kostenlose Kurse ins Netz gestellt. Große Hoffnungen gehen mit den MOOCs einher, viele sprechen von einer beginnenden Bildungsrevolution. Jetzt hat ausgerechnet Ihre Plattform Udacity angekündigt, das MOOC-Modell grundlegend zu überarbeiten. Woher der Sinneswandel?

Sebastian Thrun: Es hat sich herausgestellt, dass die erste Version, der MOOC 1.0, einfach noch nicht gut genug ist. Der MOOC 1.0 hat zwar eine Menge Erfolg gehabt beim Erreichen von Hunderttausenden von Studenten. Einer unserer Kurse bei Udacity hatte sogar fast 400.000 Studenten. Aber wir beobachten, dass es die meisten Lernenden nicht bis zum Ende schaffen. Das hat uns immer beunruhigt. Deswegen haben wir angefangen zu experimentieren, haben Variationen von MOOCs entwickelt. Und mit dem MOOC 2.0 konnten wir die Erfolgsquoten auf 60 bis 80 Prozent erhöhen. Das haben wir erreicht, indem wir auch alte Ideen aufgegriffen haben – die Einführung von Mentoren zum Beispiel, die den Lernenden ein persönliches Feedback geben.

Frage: Die Abbrecherquoten bei den MOOCs sind überall hoch, auch bei anderen Plattformen. Nur redet kaum jemand darüber. Warum stoßen Sie jetzt diese selbstkritische Diskussion an?

Thrun: Es ist wichtig, dass man das ganze Thema mit offenen Augen angeht. Und gemeinsam ehrlich die Daten darlegt, so wie sie sind, sonst können wir daraus nicht lernen und uns nicht verbessern.

Frage: Bei Ihrem ersten Kurs haben 23.000 Teilnehmer bestanden, das waren fast 15 Prozent. Wann fiel Ihnen auf, dass es im Schnitt meist deutlich unter zehn Prozent sind?

Thrun: Die Erkenntnis kam relativ schnell, nicht nur bei Udacity, sondern bei allen MOOC-Anbietern. Die Professoren, die auf anderen Plattformen unterrichten, publizieren ja auch ihre Daten. Die Erfolgsquoten liegen durchschnittlich bei drei bis zehn Prozent. Und es gibt eine Studie, die nachweist, dass höhere Anforderungen zu geringeren Abschlusszahlen führen. Bei schwierigen Kursen halten noch weniger bis zum Ende durch.

Frage: Warum schielen Sie überhaupt derart auf die Abschlussquoten? Man könnte doch auch argumentieren: Wenn Millionen kostenlos studieren können und davon einige zehntausend ein Zertifikat erhalten, sind das immer noch großartige Zahlen.

Thrun: Mag sein. Das hängt davon ab, welche Ambitionen man hat. Mein Wunsch ist es, nicht nur für hoch selbstmotivierte Individuen ein Angebot zu designen. Auch die breite Masse soll eine Chance haben. Das ist für mich ein zentraler Gedanke der MOOCs. Wenn jemand sagt, Abbrecherquoten sind mir egal, solange ich 100.000 Studenten habe und am Ende 5.000 bestehen – dann ist das nicht meine Sichtweise.

Frage: Warum brechen überhaupt so viele MOOC-Teilnehmer ab?

Thrun: Ein Problem ist die unterschiedliche Vorbildung der Studenten. Manche sind Experten, andere suchen sich einen Kurs aus, der einfach zu schwer ist. Außerdem kommt fast jeder mal an den Punkt, wo er stecken bleibt. Da hat es sich als extrem hilfreich erwiesen, dass wir eine 24-Stunden-Hotline eingerichtet haben. Manchmal brauchen die Studenten Hilfe bei fachlichen Problemen, manchmal bei technischen. Allein die Tatsache, dass wir jetzt eine Hotline haben, hat einen wahnsinnigen Effekt auf die Quoten gehabt. Dazu kommt ein zweiter Service: Wir haben jetzt Tutoren, die mit den Studenten tatsächlich reden, die sie erinnern und motivieren. Wenn man sich völlig allein fühlt und den sozialen Kontext nicht hat, ist es sehr viel schwerer, zu lernen.