Frage: Aber es hieß doch immer, dass die MOOC-Teilnehmer sich in Onlineforen selbst helfen sollen, dass sie Lerngruppen bilden sollen. Tun sie das nicht?

Thrun: Nach meiner Erfahrung hat sich das mit den Foren nicht so realisiert wie erhofft. Ein Großteil der Studenten hat Angst, Kommentare zu posten, weil die von zehntausenden anderen gelesen werden können. Die Foren sind sehr publik. Bei uns gibt es aber mittlerweile auch professionelle Plattformtutoren. Seitdem funktionieren die Foren viel besser.

Frage: Hilfsbereite Tutoren, persönliche Betreuung, motivierende Ansprache: Das klingt, als ob Sie sich vom Internet abwenden und wieder mehr an der klassischen Universität mit ihrem analogen Lehrideal orientieren?

Thrun: Ich würde das nicht so drastisch sagen. Zum einen benutzen wir nach wie vor das Internet und betreuen fast zwei Millionen Studenten. Und selbst die Mentorenprogramme auf unserer Webseite sind extrem optimiert. Wir können Betreuung in sehr viel größerem Maßstab als Universitäten gewährleisten, können viel mehr Menschen auf der ganzen Welt erreichen.

Frage: Aber von dem Ideal, dass diese Bildung kostenlos sein soll, haben Sie sich verabschiedet. Wer etwa das Mentorenprogramm nutzen will, muss bei Udacity zahlen.

Thrun: Unsere Materialien sind immer noch im Internet verfügbar. Und wer motiviert ist und nicht stecken bleibt, kann damit kostenlos lernen, das hat sich nicht geändert.

Frage: Trotzdem entsteht nun auch bei den MOOCs eine Zweiklassengesellschaft. Weil die, die sich Betreuung leisten können, bessere Chancen haben, zu bestehen.

Thrun: Wir lassen ja wie bisher alles kostenlos im Netz stehen. Was wir dazupacken, ist ein Premium-Service. Und der kostet Geld – allerdings nur einen Bruchteil dessen, was Eliteuniversitäten in den USA verlangen. Natürlich können wir die Studenten nicht kostenlos betreuen. Da würde unsere Firma schnell pleitegehen.

Frage: Udacity ist ein Start-up, genauso wie die Konkurrenzplattformen Coursera und edX. Sie haben Investorengelder erhalten und müssen irgendwann rentabel sein. Ist das ein Problem, dass die MOOC-Plattformen unter Druck stehen, ein Geschäftsmodell entwickeln zu müssen?

Thrun: Ich finde es richtig, wenn Organisationen, die Wert schaffen und Menschen helfen, sich zu verbessern, dafür auch Geld bekommen. Im Moment nehmen wir mehr Geld von Firmen ein, die uns unterstützen, als von Kunden. Und wir helfen anderen, effizienter zu werden. Um ein Beispiel zu geben: Die Universität Georgia Tech verlangt für ihr Masterprogramm bislang 45.000 Dollar. In Zusammenarbeit mit Udacity hat sie es geschafft, die Kosten auf 6.600 Dollar zu senken – für das gleiche Studium.

Frage: In Deutschland wird die Debatte um MOOCs unter anderen Vorzeichen geführt. Es geht eher um den Gedanken, dass Unis ihre Forschung der Öffentlichkeit frei zugänglich machen. Dass die Abbrecherquoten hoch sind, interessiert kaum jemanden.

Thrun: Es ist eine gute Idee, Forschung verfügbar zu machen. MOOCs können dabei eine ähnliche Rolle spielen wie ein Fachbuch. Aber wenn man von den Kursen mehr erwartet, wenn sie die Zukunft der Hochschulbildung werden sollen, dann ist die Lösung, die wir im Moment haben, einfach nicht gut genug. Denn dann kommt es darauf an, dass die Lernenden nicht nur Zugang, sondern auch Erfolg haben. Und jeder, der MOOCs nicht nur als Kuriosität auffasst, sondern als ernsthaften Bildungsweg, wird sich letztlich fragen müssen: Wie effektiv ist diese Ausbildung? Und die ehrliche Antwort lautet: nicht ganz so effektiv, wie man gehofft hat.

Erschienen im Tagesspiegel