Katapulte, Schleudermaschinen, Panzer – schon das Universalgenie Leonardo da Vinci forschte an Waffen. Er untersuchte unter anderem die Flugbahnen von Geschossen. Manche seiner Studien waren von unmittelbarem Nutzen, manche eher Grundlagenforschung.  

Dass Wissenschaftler für militärische Zwecke forschen, daran hat sich seit da Vinci nichts geändert. Im Herbst fanden der NDR und die Süddeutsche Zeitung heraus, dass unter anderem das US-Verteidigungsministerium Forscher in Deutschland finanziell unterstützt hat. So hat beispielsweise die Ludwig-Maximilians-Universität München Drittmittel eingeworben, um Sprengstoffe zu verbessern.

Auch außeruniversitäre Einrichtungen haben Geld aus dem Pentagon erhalten, etwa das Fraunhofer Institut für Kurzzeitdynamik oder das Karlsruher Institut für Technologie. Aus dem Verteidigungsetat der USA allein flossen seit 2003 etwa 10,6 Millionen Euro an Drittmitteln. Das hat die Bundesregierung in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Partei Die Linke bestätigt. Neben dem Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten und dessen Unterorganisationen haben sich auch Australien, Großbritannien, Schweiz, Singapur und Südkorea an Forschungsprojekten in Deutschland beteiligt.

Was sagt die Bundesregierung dazu? Sie erklärt, es handele sich "zu einem erheblichen Anteil um erkenntnisorientierte Grundlagenforschung". Zudem sei wehrtechnische Forschung grundsätzlich nicht zu beanstanden, da diese "Impulse zur Innovation" liefern könne. Die "Freiheit von Forschung und Wissenschaft" sowie "das Bekenntnis zur Bundeswehr" seien im Grundgesetz verankert. Die Bundesregierung unterscheidet nach Zuständigkeiten zwischen öffentlichen Forschungseinrichtungen (Bundessache) und den Hochschulen (Ländersache). Über erstere gibt sie Auskunft, über die Unis nicht.

"Es ist ein erneuter Versuch, sich aus der politischen Verantwortung zu stehlen", sagt die Abgeordnete Nicole Gohlke von der Partei Die Linke, die neben anderen die Kleine Anfrage gestellt hat. Ihre Partei lehne Rüstungsforschung grundsätzlich ab. "Das US-Militär vergibt nicht Gelder, um eine Erfindung im zivilen Bereich zu erlangen, sie versprechen sich zunächst einmal einen militärischen Nutzen davon – und eine Verwertbarkeit", sagt Gohlke. "Es gilt: Wer zahlt, schafft an!" Die öffentlichen Mittel für die Forschung würden zurückgefahren, während die Wirtschaft immer mehr an Einfluss gewinne. 

Ähnlich sieht das Jürgen Altmann von der Technischen Universität Dortmund, er ist der stellvertretende Sprecher der Arbeitsgruppe Physik und Abrüstung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. "Forschung für Streitkräfte heißt Forschung für Krieg – und damit haben Forscher eine besondere Verantwortung", sagte der Physiker. Die Finanzierung müsse so transparent wie möglich sein. "An den Hochschulen sollten die Aufträge und Förderungen bis zur Ebene der einzelnen Projekte öffentlich bekannt sein."

Wie viel Transparenz ist möglich?

Das sieht Horst Hippler, der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, anders. "Es muss abgewogen werden, wie viel Transparenz möglich ist, ohne ein Projekt zu gefährden", sagte er im Handelsblatt. Im Wettbewerb könne es schon ein Nachteil sein, wenn bekannt würde, woran ein Wissenschaftler forsche.

Alfred Ludwig vom Institut für Werkstoffe an der Ruhr-Universität Bochum ist der Autor einer Studie, die 2010 von der US-Luftwaffe mit 108.500 Dollar finanziert wurde. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, er habe Rüstungstechnologie entwickelt. "Wir haben keine Militärforschung gemacht und haben das auch nicht vor." In seinem Projekt ginge es um reine Grundlagenforschung. "Angewandte Rüstungsforschung – das wäre etwas, was ich nicht machen würde", sagt der Ingenieur. Das Geld sei gut investiert und die Forschung von allgemeinem Interesse. Er sieht seine Forschungsfreiheit gewahrt: "Ich schreibe im Antrag, was wir machen und habe die Kontrolle."

Das alles sei transparent. "Die Ergebnisse meiner Forschung sind öffentlich und lassen sich über Suchmaschinen im Netz finden – in der Regel mit den Projektförderern", sagt Ludwig. Die Forschung durch eine Instanz zu überwachen, ließe sich aus Sicht des Forschers kaum verwirklichen. "Der administrative Aufwand wäre sehr hoch, das Grundgesetz garantiert den Forschern Forschungsfreiheit." Zudem müssten die Interessen der Förderer aus der freien Wirtschaft gewahrt werden.

Nicole Gohlke von den Linken widerspricht. Natürlich müsse man sich die einzelnen Forschungsprojekte im Detail anschauen, sagt die Politikerin. "Doch letztlich geht es darum, in wessen Interesse geforscht wird."

Stimmt das? Sind die Grenzen zwischen der Entwicklung von Rüstungstechnologie und Grundlagenforschung wirklich fließend? ZEIT ONLINE hat drei Wissenschaftler, die Geld von ausländischen Verteidigungsministerien bekommen, einen Steckbrief ausfüllen lassen.